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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Krisentagebuch
Eingestellt am 18. 04. 2009 12:38


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Radji
Hobbydichter
Registriert: Jun 2008

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September 2000. Unbeweglich liegt Caroline in ihrem Bett. Sie starrt an die Decke, die weiß gestrichen ist. Die Bettdecke hat sie bis zur Nasenspitze hoch gezogen und sie ist nicht in der Lage, sich zu bewegen. Stumm ertasten ihre Augen die Umgebung. Ihre Matratze liegt auf dem hellen Dielenboden und der Raum, in dem sie liegt, ist gerade mal 1,80m breit und 2m lang. Die Decke verlĂ€uft schrĂ€g und hat ĂŒber ihrem Kopf die höchste Stelle erreicht. Stehen kann man in diesem RĂ€umchen nicht, dafĂŒr ist die DachschrĂ€ge zu niedrig. Der kleine Raum, der Carolines Schlafzimmer darstellt, ist ehr eine Art Kammer, die aber trotzdem freundlich und hell wirkt. Diese kleine Kammer bietet ihr Schutz.

Das schöne Holzfenster, welches von innen weiß und von außen grĂŒn gestrichen ist, lĂ€sst viel Licht hinein. Caroline hat keine Ahnung, wie viel Uhr es ist, doch der Stand der Sonne verrĂ€t, dass der Nachmittag bereits begonnen hat. Seit fast zwei Tagen liegt sie nun bewegungslos und studiert ihre kleine Oase.
Was ist eigentlich passiert? Die Gedanken rasen durch ihren Kopf und lĂ€hmen ihre Glieder. Zu schrecklich ist das, was in den letzten Wochen und Monaten passiert ist und sie fĂŒhlt sich, als wĂ€re sie in einem Aquarium gefangen, wĂ€hrend sie durch das dicke Glas das Leben der anderen beobachtet und niemand nimmt auch nur eine Notiz von ihr.

3 Monate vorher....

Caroline sitzt auf dem Sofa und hat den Telefonhörer in der Hand, doch die Leitung ist lĂ€ngst unterbrochen und nur das Freizeichen dröhnt unaufhörlich aus der Muschel. Sie hat eine GĂ€nsehaut, die sich ĂŒber ihren ganzen Körper erstreckt und der Mund steht ihr offen. Es friert sie so, dass sie anfĂ€ngt zu zittern.

Draußen strahlt die Abendsonne am endlos blauen Himmel. Die schwĂŒle Hitze steht noch immer auf dem Balkon und im Wohnzimmer. Caroline fĂŒhlt sich, als wĂ€re sie gerade von einem LKW ĂŒberrollt worden, dabei hat sie noch vor einer Stunde fröhlich und unbeschwingt im See gebadet und den schönen Sommer genossen. FĂŒr eine kurze Zeit hatte sie ihre Sorgen vergessen und ausgelassen im kĂŒhlen Nass geplanscht. Die Vögel haben gezwitschert und der See, der in mitten eines großen Waldes liegt, hat alle ihre Probleme von ihr abgewaschen und auf einmal war das Leben ganz leicht und schön.

Doch dann ertönt ein Hubschrauber in der Ferne und Caroline hört, dass er immer nĂ€her und nĂ€her kommt. Da sieht sie den gelben ADAC Helikopter auch schon hinter den Baumwipfeln am Himmel auftauchen. Ein seltsames GefĂŒhl ĂŒberkommt sie, schnĂŒrt ihr kurz die Kehle zu, lĂ€sst ihr einen Schauder ĂŒber den RĂŒcken laufen, weil das laute GerĂ€usch die idyllische Stille zerschneidet, wie ein Fleischer eine Keule mit einem Axthieb vom Laib trennt. Wenige Augenblicke spĂ€ter meldet sich ihr Verstand wieder und fĂŒhrt sie zurĂŒck in die RealitĂ€t. Der Hubschrauber sinkt immer tiefer und scheint direkt am Ufer landen zu wollen. Der Augenblick ist voller Dramatik, sie spĂŒrt den scharfen Lufthauch der RotorenblĂ€tter schon auf ihrer nassen Haut, doch dann wendet er ab und zieht ĂŒber die BĂ€ume hinweg. Das irrsinnig laute GerĂ€usch will nicht enden und macht sie fast wahnsinnig. Panik keimt in ihr auf, der Hubschrauber sucht anscheinend einen Platz zum Landen. Nach schier endlosen Sekunden wird es auf einmal ruhiger, der Helikopter lĂ€sst sich ganz in der NĂ€he nieder. Stille. Die Stille dröhnt ihr jetzt in den Ohren und im nĂ€chsten Augenblick fangen die Vögel wieder an zu zwitschern, als wĂ€re nichts geschehen.

Caroline macht sich große VorwĂŒrfe. Sie weiß zwar nicht warum, doch ein inneres GefĂŒhl nagt plötzlich in ihrer Brust und lĂ€sst ein schlechtes Gewissen in ihr aufkeimen. Sie spĂŒrt, dass etwas passiert ist.

Warum nur hat sie sich am Nachmittag mit Guido, ihrem Freund gestritten? Sie hĂ€tte besser zu Hause bleiben und mit ihm reden sollen. Reden. Reden war das einzige, was Guido noch nie konnte und was ihr so unendlich fehlt. Warum versteht er sie eigentlich nie? FrĂŒher war das anders. Da haben sie immer viel zusammen unternommen. Na ja, das einzige, was sie jemals miteinander wirklich verbunden hat und worĂŒber sie miteinander reden konnten, waren MotorrĂ€der. So haben sie sich damals auch kennen gelernt. Das ist nicht wirklich viel, doch Caroline versucht alles, um diese Beziehung so schön wie möglich zu gestalten. Wie oft verstrickt sie Guido in ein GesprĂ€ch, wĂ€hrend er gelangweilt in den Fernseher starrt. Caroline kocht gerne und rĂ€umt alles auf. Von ihrer Mutter hat sie gelernt, dass der Mann glĂŒcklich ist, wenn er zu Hause eine perfekte Hausfrau hat. Jederzeit konnte Besuch eintreten, denn die Wohnung ist immer perfekt geputzt. Doch Besuch kommt sehr selten. Und Guido scheint ihre BemĂŒhungen nicht zu sehen, denn er wirkt schon lange nicht mehr glĂŒcklich.

Die Winter sind die schlimmsten, denn dann langweilen sich Caroline und Guido oft. Aber im Sommer erwacht ihre Beziehung wieder zum Leben, denn dann können sie wieder gemeinsam mit dem Motorrad durch die schöne Landschaft fahren. Das stimmte auch nicht wirklich, denn in der letzten Zeit fahren sie immer so sehr am Limit, dass sie von der Landschaft gar nichts mehr sehen. Es ist wie eine Sucht. Die Sucht nach Geschwindigkeit, die einen high macht, wie eine Droge. Und man kann sich dieser Sucht nicht entziehen.

Caroline fĂ€hrt auch eine schwere Maschine und hat sich bei den Jungs in der Clique Respekt verschafft, worauf sie stolz ist. Doch ihre Freundinnen wollen schon lĂ€nger nicht mehr mit ihr fahren, weil es ihnen kein Spaß macht, wie sehr Caroline diese Geschwindigkeit und diesen Nervenkitzel braucht. Doch das interessiert Caro nicht.

Bei diesem Streit am Nachmittag ging es mal wieder darum, dass jeder sein eigenes Leben lebt, und Caroline die Kompromisse einging, wĂ€hrend Guido stur sein Ding durchzog und sich wie ein Aal durch die scharfen Klippen des Lebens schlĂ€ngelt, wĂ€hrend Caro ĂŒber jeden Stein stolpert, der sich ihr in den Weg legt.

Und dabei hat sie doch gerade ein wenig GlĂŒck gehabt und eine neue Arbeit in einer Firma angefangen, die Medizintechnik vertreibt. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie einen Job, die ihr Spaß macht. Endlich eine Stelle, wo sie akzeptiert und gefordert wird, und wo die Kollegen nett zu sein scheinen. Guido ist das egal, solange sie Geld verdient. Er findet sowieso, dass Caroline sich viel zu sehr anstellt. Das Leben ist halt kein Wunschkonzert.

Selbst die schönen Augenblicke und Erlebnisse will er nicht mehr mit ihr teilen. Wenn Caro reden will, setzt Guido sich, wie immer auf sein Motorrad und verschwindet fĂŒr Stunden, oder sogar fĂŒr Tage. Das weiß sie vorher nie so genau. Wie lange soll das noch so weitergehen? Ein Liebespaar sind sie schon lange nicht mehr. Die Beziehung erinnert mehr an das Zusammenleben von Bruder und Schwester. Daran Ă€ndert auch die schöne, große und helle Wohnung nichts, die am Waldrand liegt und die urgemĂŒtlich mit ihrem 10m langen Balkon zum Verweilen einlĂ€dt.

Sie hĂ€tten hier vor knapp einem Jahr gar nicht erst einziehen sollen, doch Guido wollte es ja so und es wĂ€re auch dumm gewesen, so eine Wohnung nicht zu nehmen. Caroline hatte ja versucht ihn davon zu ĂŒberzeugen, dass sie sich erst einmal eine eigene Wohnung nehmen sollte. Ein junger Mensch muss erst alleine wohnen, wenn er bei den Eltern auszieht, damit er lernt, auf eigenen FĂŒĂŸen zu stehen.

Caro ist jetzt 25 Jahre alt und es wird langsam Zeit, dass sie erwachsen wird. Doch das ĂŒberhört Guido einfach, schließlich wohnt er mit seinen 31 Jahren immer noch mehr bei seinen Eltern, als mit Caroline in dieser Wohnung....

Auch an diesem Nachmittag, nach ihrem Streit ist er wieder auf sein geliebtes Motorrad gestiegen und einfach davon gebraust. Wann sie ihn wieder sehen wĂŒrde, wusste sie nicht und es ist ihr auch in diesem Moment egal. Vielmehr grĂŒbelt sie mal wieder darĂŒber nach, ob das wirklich alles ist, was das Leben zu bieten hat und ob sie einfach akzeptieren soll, dass man eben nicht immer glĂŒcklich sein kann. Schließlich gibt es in jeder Beziehung Probleme, das predigten auch stĂ€ndig ihre Eltern. Sie soll froh sein, dass sie ĂŒberhaupt einen Freund gefunden hat, denn schließlich sei sie noch nie einfach gewesen... Bei diesen Gedanken keimt Wut in ihr hoch. Um sich abzulenken, ruft sie bei Dirk, einem guten Bekannten an, der sie auch gleich zu einem kleinen Ausflug, zum nahe gelegenen See abholt. Beim Schwimmen wĂŒrde sie wieder einen kĂŒhlen Kopf bekommen und bei Dirk konnte sie sich ausheulen, denn er hat immer ein offenes Ohr und es tröstet sie sehr, wenn er sie zum Lachen bringt.


Diese Ablenkung ist ihr sehr willkommen und so fÀhrt sie also an diesem Abend zum See um sich eine kleine Auszeit zu nehmen, was ihr auch gelingt, bis dieser Hubschrauber auftaucht.

Der machte sie total verrĂŒckt und sie bittet Dirk, dass er sie nach Hause bringen soll. BegrĂŒnden kann sie ihre Eingebung nicht und eigentlich wollten sie nach dem Schwimmen noch eine Kleinigkeit essen gehen. Doch Caroline ist auf einmal so aufgewĂŒhlt, dass ihr der Hunger vergeht und sie einfach nur nach Hause möchte. Dirk ist zwar enttĂ€uscht und versucht noch auf dem Heimweg, sie zu beruhigen und umzustimmen, doch diesmal zieht er den KĂŒrzeren.

Auf der RĂŒckfahrt sprechen sie wenig. Caroline schaut aus dem Fenster und sieht einen wunderschönen, warmen Sommertag, der sich langsam verabschiedet. Der Himmel ist noch blau, wenige Wolken erzĂ€hlen, dass das Wetter am kommenden Tag wieder genauso schön werden wird. Die Hitze legt sich langsam und ein laues LĂŒftchen blĂ€st ihr angenehm ins Gesicht. Wie friedlich der Wald in seinem satten GrĂŒn da liegt. Mit der Natur hat sich Caroline schon immer sehr verbunden gefĂŒhlt.

Kaum hat sie die WohnungstĂŒre aufgeschlossen, klingelt auch schon das Telefon. Dirk hat sie höflich, aber bestimmt abgewimmelt. Normalerweise genießt sie seine Gegenwart, doch in diesen Minuten nervte er sie einfach nur. Es tut ihr weh, doch aus unerklĂ€rlichen GrĂŒnden muss sie jetzt alleine sein und deshalb, beruhigt sie ihr schlechtes Gewissen, ist es auch in Ordnung, dass sie Dirk nun so abgefertigt hat. Sicherlich hat er VerstĂ€ndnis fĂŒr sie, weil er immer VerstĂ€ndnis fĂŒr sie aufbringt.

Noch außer Atem hebt sie den Hörer ab und stöhnt ein gequĂ€ltes „Hallo“ in die Muschel. An der anderen Leitung ertönt eine leise Stimme, die ihr sehr vertraut erscheint, aber dennoch unendlich fremd wirkt, weil sie fast weinerlich, geschockt klingt. Guido sagt, dass etwas Schreckliches passiert ist und dann herrscht Stille. Das Adrenalin pulsiert ihr in den SchlĂ€fen. Sie wiederholt die Worte im Geiste. Fast hysterisch schreit sie in den Hörer: „Was ist denn passiert? Geht es Dir gut?“ Guido schluckt und haucht kaum hörbar in den Hörer: „Mir geht es gut, aber den Olli hat es erwischt.“ „Wie erwischt? Was ist passiert?“ Guido ringt um Fassung und teilt ihr noch kurz mit, dass der Hubschrauber Olli ins Klinikum geflogen hĂ€tte und dass sie bitte die Familie verstĂ€ndigen solle....

GelĂ€hmt sitzt Caroline auf dem Sofa und weiß nicht recht, ob sie trĂ€umt, oder was gerade passiert. Da klingelt es an der TĂŒre. Sie öffnet und ein Kumpel von Guido, Mecki, erscheint in der TĂŒre. Sie bittet ihn höflich herein. Mit großen Augen blickt er sie an. Auch Mecki ist blass um die Nase und scheint genauso geschockt zu sein, wie sie selbst. Sie versteht nicht, warum er gerade jetzt zu ihr nach Hause kommt und erklĂ€rt ungefragt, dass Guido mit dem Motorrad losgefahren sei und sie nicht wĂŒsste, wann er wieder nach Hause kommt. Mecki setzt sich auf das Sofa und erzĂ€hlt, dass er gerade auch mit dem Motorrad unterwegs gewesen war, bis er durch Zufall an der Unfallstelle vorbei gekommen sei.

Olli sei hinter Guido her gefahren, von der Strasse abgekommen und gegen ein Verkehrsschild geprallt. Guido hĂ€tte das UnglĂŒck erst gar nicht bemerkt und sich an der Kreuzung noch gewundert, wo Olli denn bleiben wĂŒrde. Erst Minuten spĂ€ter hĂ€tte er seine schwere, rote Maschine gewendet, sei die Strasse zurĂŒck gefahren und hĂ€tte gesehen, was passiert sei. Olli hĂ€tte schwere Verletzungen am Kopf und sei durch den Aufprall weit auf eine Kuhwiese geschleudert worden, ganz in der NĂ€he des Sees, im Wald....

Caroline steht unter Schock und heult hysterisch. Wie oft schon hat sie den Jungs versucht begreiflich zu machen, dass das Rasen ein Ende haben muss, bevor noch etwas Schreckliches passiert und jetzt das! Als hĂ€tte sie es geahnt. In der letzten Zeit haben die Jungs sie nur belĂ€chelt und als „Àngstliche“ Tussi abgestempelt, die ihnen den Spaß nur verderben wolle. Und nun soll sie die Familie von Olli anrufen und erzĂ€hlen, dass er schwer verunglĂŒckt ist?? Vor lauter Aufregung blĂ€ttert sie ihr TelefonbĂŒchlein durch und kann die Nummer nicht finden. Namen und Nummern verschwimmen vor ihren Augen. TrĂ€nen laufen an ihren Wangen herunter und sie versucht krampfhaft, die Fassung zu behalten. Schon wieder schĂŒttelt sie ein Heulkrampf, ihre Finger zittern heftig, so dass Mecki ihr das BĂŒchlein aus der Hand nimmt, die Nummer sucht und den Telefonhörer abnimmt. Als das Klingeln ertönt, reicht er ihr wieder den Hörer und Caro stottert in kurzen Worten, was passiert ist.

Kurz darauf bricht Mecki wieder auf und sie begleitet ihn noch bis zur HaustĂŒre. Grillgeruch steigt ihr in die Nase. Die Nachbarn lassen den Tag mit einem gemĂŒtlichen Grill ausklingen. Es ist immer noch warm und der Himmel fĂ€rbt sich langsam violett. Das Rot der Sonne leuchtet die großen BĂ€umwipfel an. Doch diese Sommeridylle trĂŒgt. Die DĂ€mmerung hat bereits eingesetzt und die Grillen zirpen im hohen Gras. Sie schaut auf die Einfahrt und diese Ruhe macht sie fast wahnsinnig. Das kann doch alles gar nicht wahr sein! Es war so ein schöner Sommertag, es darf einfach nicht wahr sein!!

Caroline weiß nicht, wie lange sie unbeweglich da steht, doch auf einmal hört sie in der Ferne den Motor von Guidos Maschine. Das italienische Fabrikat hat einen unverwechselbaren Klang. Ganz tief blubbert der Motor, so dass es in der Magengrube kitzelt, wenn man direkt neben dem Motorrad steht. Wenn man auf der Maschine sitzt, spĂŒrt man diese Vibration im ganzen Körper. Das GerĂ€usch wird immer lauter, und schließlich sieht sie auch den Scheinwerfer. Er fĂ€hrt bis vor das Garagentor, steigt ab, öffnet das Tor, setzt sich wieder auf sein Motorrad und fĂ€hrt seine knallrote 1000er vorsichtig hinein. Bis dahin hat er sie noch mit keinem Blick gewĂŒrdigt und ihr schnĂŒrt sich die Kehle zu.

Langsam zieht er seinen Helm ab und Caroline sieht ihm direkt in die Augen. Guido wendet den Blick ab. Erschöpft sieht er aus und unendlich verletzlich, wie ein kleines Kind, dass sein Spielzeug verloren hat. Er spricht kein Wort, geht an ihr vorbei und sie folgt ihm ebenfalls wortlos. Das kennt sie bereits. In der Wohnung zieht er seinen schweren, schwarzen Lederkombi aus und eine dĂŒnne, Ÿ lange, beige, Sommerhose an. Auch ein frisches T-Shirt nimmt er aus dem Schrank. Er fragt sie, ob sie die Familie erreicht hat und ob sie mitkommen möchte, er wĂŒrde jetzt ins Krankenhaus fahren. Sein erstes Wort zerschneidet die Stille und dröhnt ihr in den Ohren, obwohl er ganz leise gesprochen hat. Ihr ist zwar schwindelig, doch wie in Trance nickt sie, schnappt sich ihre Tasche und folgt ihm wieder aus der Wohnung, zum Auto.

Die Fahrt durch die laue Sommernacht dauert eine halbe Stunde und sie sprechen kein einziges Wort miteinander. Die Sterne leuchten hell am glasklaren Himmel und die Autobahn scheint wie leer gefegt. Um diese Uhrzeit liegen wohl die meisten Menschen bereits in ihren Betten und schlafen den Schlaf des Gerechten. Und sie? Sie sitzt in diesem Auto und fĂ€hrt in die Klinik, obwohl sie nicht genau weiß, was ĂŒberhaupt geschehen ist und was sie noch erwarten wird. Alles scheint so unwirklich. Sie fahren durch die laue Juni Nacht und es könnte so schön sein, wenn da nicht dieser schreckliche Unfall passiert wĂ€re.

Als sie in der Klinik ankommen, fĂŒhrt der Weg sie hinab in den Keller und so fahren sie mit dem Fahrstuhl auf die Ebene U2 – Untergeschoss 2. Wie unheimlich diese menschenleeren GĂ€nge doch wirken, die in grĂŒn gehalten sind, denkt sie sich. Der Linoleumboden quietscht, als sie kurz stolpert. Ihr fröstelt es, als sie begreift, dass sie sich im Keller dieser riesigen Klinik befindet. Und auf einmal geht die TĂŒre am Ende des Korridors auf und Ollis Bruder mit seiner Freundin und mit der Mutter kommen heraus.

Gespannt starrt Caroline in die Gesichter um aus ihnen zu lesen, doch es ihr nicht möglich die Gedanken zu erfassen.
Die Mutter ist ganz gefasst und hat einen ernsten Ausdruck im Gesicht. Sie sagt im schroffen Ton: „Wenn ihr ihn noch einmal sehen wollt, dann geht rein!“ Diese Worte sind wie ein Schlag ins Gesicht. Caroline schießen 1000 Gedanken durch den Kopf und ihre Knie werden butterweich. Augenblicklich erstarrt sie zur SalzsĂ€ule und ist unfĂ€hig etwas zu sagen, noch sich zu bewegen und so starrt sie Guido an, der langsam in der TĂŒre verschwindet.

Als sie sich umdreht, ist Ollis Familie auch verschwunden und so steht sie alleine in dem sterilen, grĂŒnen Korridor und betet, dass dieser Alptraum endlich enden soll. Was sollten die Worte der Mutter heißen? Ist Olli etwa – ist er gestorben?? Nein, das konnte nicht sein, das ist unmöglich! Dieser absolut gut aussehende, liebenswĂŒrdige und nette Kerl, der immer einen flotten und lustigen Spruch auf den Lippen hat, soll jetzt einfach nicht mehr da sein?? Sie kann das nicht begreifen und versucht krampfhaft diesen Gedanken aus dem Kopf zu drĂ€ngen. Es gelingt ihr nicht.

Ihre Beine fangen an zu zittern und die Knie geben nach. Es wird ihr schwarz vor Augen und so sackt sie in sich zusammen und findet sich wenige Minuten spĂ€ter sitzend, an der Wand wieder. Sie weiß nicht, wie lange sie da so sitzt. Es kommt ihr vor, als wĂ€ren es Stunden. Und schon im gleichen Augenblick macht sie sich VorwĂŒrfe, dass sie nicht auch mit hinein gegangen ist, um sich zu verabschieden. Ob sie noch anklopfen soll? HĂ€lt sie den Anblick ĂŒberhaupt aus? Sie hat einmal gehört, dass man Menschen im GedĂ€chtnis behalten soll, so, wie sie im Leben waren, denn der Anblick eines Sterbenden wĂŒrde man nie wieder vergessen. Außerdem hĂ€tten es 100 andere Menschen ehr verdient ihm Lebewohl zu sagen, als sie. Sie hadert mit sich und ĂŒberlegt hin und her. Keinesfalls möchte sie aufdringlich erscheinen und wĂ€hrend sie sich noch den Kopf zerbricht, geht die TĂŒre auf und Guido schleicht blass und wie ferngesteuert aus der Notaufnahme.

Er schaut sie kurz an, sagt aber kein Wort, wie immer. Lediglich ein kaum wahrnehmbares KopfschĂŒtteln verrĂ€t ihr, dass sie sich nicht getĂ€uscht hat und der Alptraum volle RealitĂ€t ist. Langsam schleicht sie hinter Guido her und fragt sich, woher er nur den Weg aus diesen nicht enden wollenden Korridoren weiß. Sie stolpert einfach hinter ihm her und ist froh, dass sie nicht denken muss.

Am Ausgang angekommen, treffen sie auf die Familie. Der Bruder sitzt leise schluchzend auf einer Parkbank, seine Freundin versucht ihm Halt zu geben, indem sie ihn ganz fest an sich drĂŒckt, als wenn sie ihm damit den Schmerz nehmen könnte. Auch ihr laufen TrĂ€nen ĂŒber das Gesicht. Ollis Mutter steht da, eine Zigarette in der Hand, völlig gefasst und keine TrĂ€ne ist in ihren Augen zu erkennen, dafĂŒr aber ein bitterer Gesichtsausdruck. Sie macht den Eindruck, als hĂ€tte sie in diesem Augenblick einen Krieg mit sich und der Welt begonnen. Mit Sicherheit steht sie unter Schock. Caroline tut die Mutter schrecklich leid, doch sie kommt sich blöd vor und weiß nicht, was sie sagen soll. Es muss unfassbar und absolut schrecklich sein, wenn man sein Kind verliert. Womit haben diese Leute dieses Leid verdient? Ist diese Welt gerecht? Und doch weiß sie, dass sie nie Antworten auf diese Fragen erhalten wird. Ach könnte sie doch einfach die Uhr zurĂŒckdrehen.

Der Horizont fĂ€rbt sich bereits wieder violett, als sie wieder stumm im Auto sitzen. Der Morgen hat begonnen und die Erinnerung an Unfassbares zurĂŒck gelassen. Doch das Licht vermag den Schrecken der Nacht nicht zu mildern. Auf der RĂŒckfahrt schweigen sie sich weiter an, denn Schweigen, das können sie besonders gut und so sind sie beide in ihre eigene Gedankenwelt versunken, als das Auto ĂŒber den Kies in die Einfahrt rollt.

Die Stimmung dieses noch reinen und unschuldigen Morgens trĂŒgt. Das Vogelzwitschern sagt ihr immer und immer wieder, dass es wahr ist, wahr und real, sie solle sich nur daran gewöhnen und doch versucht sie sich einzureden, dass das alles nur ein schlechter Traum gewesen ist, aus dem sie gleich wieder erwachen wird.
RealitÀt und Traum verschwimmen.

Beide steigen langsam aus dem Auto und sie folgt Guido zur HaustĂŒre, der den SchlĂŒssel ins Schloss steckt, so wie er es immer tut. Leise steigen sie die Marmortreppe empor in den ersten Stock und als sie die WohnungstĂŒre hinter sich geschlossen haben, sieht sie auf die Uhr und beschließt, das es sich nicht mehr lohnt, ins Bett zu gehen, denn schon in einer Stunde wĂŒrde der Wecker klingeln und sie mĂŒsste los fahren, zur Arbeit. Da sie sich sicher ist, dass sie eh keinen Schlaf finden wird, macht sie Kaffee. WĂ€hrend die Maschine laut vor sich hin blubbert, geht Guido wortlos ins Schlafzimmer und schließt die TĂŒre. Es ist Stunden her, dass sie das letzte Wort gesprochen haben und es kommt ihr vor, als wĂ€ren es Wochen. Guido ist ihr so fremd geworden und nun scheint eine undurchdringliche Wand zwischen ihnen zu stehen. So kann es doch nicht weiter gehen.

Als die Maschine fertig ist, schĂŒttet sie sich eine Tasse des starken Kaffees ein, rĂŒhrt 3 Löffel Zucker und etwas H-Milch ein und stellt sich an das riesige Wohnzimmerfenster. Die Sonne blendet fast, doch es macht ihr nichts aus, denn sie nimmt das gleißende Licht kaum wahr. Sie starrt einfach nur hinaus, ĂŒber den ellenlangen Balkon, in die grĂŒnen und riesigen BĂ€ume, des Waldes, der direkt hinter ihrer Strasse anfĂ€ngt. Immer wieder tauchen Bilder von Olli vor ihren Augen auf und sie hat auch noch seine ruhige Stimme im Ohr. Als sie das nĂ€chste Mal auf die Uhr schaut, erschreckt sie, denn sie hĂ€tte schon vor einer viertel Stunde losfahren mĂŒssen. Panisch schmeißt sie die Tasse auf die Arbeitsplatte in der KĂŒche, greift nach ihrem AutoschlĂŒssel und stĂŒrzt aus der TĂŒre. Dass ihre Handtasche noch in der KĂŒche liegt, bemerkt sie erst viel spĂ€ter. Hastig rennt sie die Stufen hinab und die HaustĂŒre schlĂ€gt laut ins Schloss, als sie schon bei ihrem alten, weißen Golf 1 ankommt.

Sie startet den Motor und das Radio fĂ€ngt unweigerlich an zu dudeln. Es ertönt ein Lied von der Gruppe „Echt“, was sich in ihren Kopf einbrennen wird: „...es ist vorbei, bye, bye Julimond, es ist vorbei, es ist vorbei, bye, bye...“

Dieses Lied hallt ihr noch lange in den Ohren und bald ist sie von der Stimme im Radio genervt, die ihr da gerade gut gelaunt verkĂŒnden will, dass es heute noch einmal ein schöner und warmer Sommertag werden wird, so wie der gestrige Tag. Der gestrige Tag?? Und schön??? Gott, diese Frau scheint ĂŒberhaupt keine Ahnung zu haben, von was sie da gerade redet. In ihren Augen hat die Welt aufgehört zu drehen und sie weiß wirklich nicht, wann sich dieser Zustand wieder Ă€ndern wird – wird er sich ĂŒberhaupt irgendwann einmal Ă€ndern? Sie fĂŒhlt sich, als hĂ€tte sie Blei in ihren Adern. Ihr Kopf schmerzt, wie nach einer durchzechten Nacht und ihre Augen scheinen durch alles hindurch zu blicken. Als sie auf den Parkplatz ihrer Firma fĂ€hrt, wundert sie sich, wie sie die 40 Minuten Fahrt bewĂ€ltigt hat, denn sie kann sich ĂŒberhaupt nicht daran erinnern. Ihre Augen brennen jetzt und als sie ihre Kollegin Marianne sieht, laufen ihr nur noch die TrĂ€nen ĂŒber das Gesicht. UnfĂ€hig, auch nur irgendeinen Ton heraus zu bringen, setzt sich Marianne zu ihr und fragt, was denn ĂŒberhaupt passiert sei. Sie berichtet kurz und knapp und dann schickt Marianne sie wieder nach Hause. Doch bevor sie sich wieder hinter das Steuer setzen kann, bekommt sie noch eine Tasse heißen Kaffe auf den Schreibtisch gestellt, den sie dankbar und langsam in kleinen Schlucken schlurft.

Als sie den Motor ihres Golfs startet, dröhnt schon wieder dieses Lied von der Gruppe Echt aus den viel zu kleinen Lautsprechern. Es ist wie verhext. Wie in Trance fĂ€hrt sie die lange Strecke zurĂŒck nach Hause. Der Tag hat nun endgĂŒltig begonnen, die Sonne brennt vom Himmel und die Hitze ist kaum ertrĂ€glich. Die Schweißperlen stehen ihr auf der Stirn und trotzdem fröstelt es sie. Aus den geöffneten Fenstern strömt noch mehr heiße Luft. Sie ĂŒberlegt, ob es nur an dem mangelnden Schlaf liegt, oder an den Geschehnissen, der letzten Nacht. Es scheint alles immer unwahrscheinlicher zu sein und wieder hofft sie, dass sie gleich erwachen wird und alles nur ein böser Traum war.

Es ist spĂ€ter Vormittag, als sie wieder den knirschenden Kiesel unter ihrem Auto auf ihrer Einfahrt hört. Diese RĂŒckfahrt muss Stunden gedauert haben, jedenfalls kommt es ihr so vor. Und dann begreift sie, dass Guidos Auto nicht mehr da ist. Als sie in die Wohnung kommt, bestĂ€tigt sich, dass er anscheinend auch nicht schlafen konnte. Doch wo um Himmels Willen ist er hin gefahren? Sicherlich ist er wieder bei seinen Eltern. Sie beschließt dort anzurufen und seine Mutter sagt ihr, dass er schlafen wĂŒrde und sie ihn nur ungern wecken möchte, er hĂ€tte ja schließlich Schlimmes durchgemacht. Wieder zeigt sie VerstĂ€ndnis und fragt sich nach dem Telefonat, wer sich denn eigentlich um sie kĂŒmmert? Und da kommt ihr das erste Mal der Gedanke, dass sie ihr eigenes Leben leben muss und dass es vielleicht besser wĂ€re, wenn sie sich eine eigene Wohnung sucht. Doch wie soll sie Guido das sagen? Reden konnten sie noch nie gut und wer weiß, wann er das nĂ€chste Mal nach Hause kommen wird? Außerdem ist der jetzige Zeitpunkt erdenklich schlecht.

Sie legt sich angezogen in ihr Bett und obwohl das Thermometer 32° C zeigt, ist ihr kalt und sie zieht sich die Bettdecke bis zur Nasenspitze. Kurze Zeit spĂ€ter fĂ€llt sie in einen tiefen und traumlosen Schlaf. Als die Schatten lang werden, wacht sie auf und fĂŒhlt instinktiv neben sich, doch das Bett ist leer, wie so oft. Sie versucht ihre Gedanken zu ordnen, was ihr unheimlich schwer fĂ€llt. Doch dann ringt sie sich dazu durch, aufzustehen, obwohl sie sich viel lieber vor der feindlichen Welt verstecken und im Bett bleiben wĂŒrde. Die Wohnung ist leer, Guido war zwischenzeitlich nicht zu Hause und so beschließt sie, ihre Eltern anzurufen um ihnen zu erzĂ€hlen, was geschehen ist. Doch anstatt VerstĂ€ndnis, bekommt sie noch VorwĂŒrfe zu hören. Wie oft hĂ€tte man ihr schon gesagt, wie gefĂ€hrlich es sei, mit dem Motorrad zu rasen etc. etc. Genau das will sie jetzt ĂŒberhaupt nicht hören, denn genau das ist ihr schon seit einiger Zeit bewusst geworden.

Jede einzelne Zelle ihres Körpers ist gefĂŒllt mit Wut und Trauer. Sie fĂŒhlt sich schuldig. HĂ€tte sie keinen Streit Guido gehabt, wĂ€re der nicht mit Olli Motorrad gefahren und somit war sie Schuld an dem, was passiert war. Sie kann sich im Spiegel nicht mehr ansehen. Warum musste das ausgerechnet jetzt passieren?? Warum ist das nicht einer anderen Clique passiert? Sie findet keine Antwort und ruft ihre beste Freundin Nina an, die sich schon Sorgen gemacht hat, weil sie schon so lange nichts mehr von ihr gehört hatte. Nina zögert auch nicht lange, setzt sich ins Auto und 15 Minuten spĂ€ter steht sie auch schon vor Carolines TĂŒre. Auf Nina konnte sich Caro immer schon verlassen. Nina hat ihr immer geholfen. Schon seit 13 Jahren sind sie beste Freundinnen und eigentlich viel mehr als das. Sie sehen sich wie Schwestern, weil die eine schon ahnt, wenn es der anderen nicht gut geht. Als sie die TĂŒre öffnet, bedarf es keiner langen Worte. Heulend wirft sich Caroline in Ninas Arme und lĂ€sst ihren TrĂ€nen freien Lauf. Sie findet den Trost, den sie schon so lange vermisst. Auch erzĂ€hlt sie Nina von der Idee, sich eine eigene Wohnung zu suchen, was Nina stark befĂŒrwortete, weil sie Guido noch nie gut leiden konnte und von Anfang an sagte, dass er nicht der richtige Mann fĂŒr sie sei.... wie Recht sie doch gehabt hat....

In dieser Nacht scheint der Vollmond und erhellt das Zimmer so stark, dass sie schier alles sehen kann. Sie betrachtete die WĂ€nde, die Kommode, die am Fuße des Bettes an der Wand steht, die Hosen und Shirts, die quer ĂŒber den Boden verstreut liegen und blickte auf den Kleiderschrank der neben ihrer Bettseite aufgestellt wurde. Und dann beobachtet sie die Schatten, die die Äste der großen Eiche auf die Tapete werfen. In dieser Nacht fĂ€ngt es an, dass die Dunkelheit ihre VerbĂŒndete wird. Sie schaut hinaus, in den dunklen Himmel und denkt, dass die Welt nachts friedlich und ruhig wirkt. Die AtmosphĂ€re hat etwas Versöhnliches. Erst in den frĂŒhen Morgenstunden fĂ€llt sie in einen leichten, unruhigen Schlaf. Der Unfall liegt jetzt gerade mal einen Tag zurĂŒck und sie hat das GefĂŒhl, dass die Welt sich aufgehört hat zu drehen und sie kann es nicht verstehen, dass alle anderen Menschen um sie herum einfach so weiter leben, als wĂ€re nichts passiert. Es ist so unfair!

Ihr Schlaf dauert nicht lange an, denn dann wacht sie vom Drehen des HaustĂŒrschlĂŒssels auf. Sie fĂ€hrt aus dem Schlaf hoch und ist auf einmal hell wach. Guido kommt herein, zieht sich die Hose aus und schlĂŒpft wortlos unter die Bettdecke. Kein Wort. Sie ist zwar hell wach, bleibt aber dennoch wie erfroren im Bett liegen. Die Gedanken in ihrem Kopf werden immer lauter und scheinen, als wollten sie ihr den SchĂ€del zertrĂŒmmern. Nur das kleinste GerĂ€usch lĂ€sst sie in Hysterie verfallen. Ihr Atem scheint so laut zu sein, dass sie sich die Ohren zu hĂ€lt und anstatt der wohltuenden Stille ertönt die Sirene eines Krankenwagens. Als sie ihre HĂ€nde von den Ohren nimmt, hört sie nur noch das leise Schnarchen von Guido, der anscheinend sofort eingeschlafen ist. Doch je intensiver sie lauscht, desto lauter dröhnt wieder die Sirene des Krankenwagens in ihrem Kopf. Erst spĂ€ter wird ihr bewusst, dass sie sich die Sirene nur eingebildet hat. Angst breitet sich schlagartig ĂŒber ihren ganzen Körper aus, kalter Schweiß bricht aus. Wird sie jetzt verrĂŒckt? Sie hat niemanden, dem sie ihre grauenvollen Gedanken anvertrauen kann.

Am Nachmittag wacht Guido auf, wĂ€scht sich, zieht sich saubere Sachen an und fragt, ob sie mitkommen möchte. Er wolle zu einem Freund fahren, der Tischler ist. Er möchte das Holzkreuz abholen, was der Tischler gemacht hat und welches er an der Unfallstelle aufstellen wĂŒrde. Das war das erste GesprĂ€ch seit langen Stunden. Sie willigt ein und schleicht hinter Guido her. Leise fĂ€llt die AutotĂŒre zu. Dieses Schweigen hĂ€lt sie kaum noch aus. Erst jetzt fĂ€llt ihr auf, dass das Wetter umgeschlagen ist. Es ist kĂŒhl geworden, das Thermometer zeigt mindestens 10° C weniger als an den Vortagen an und außerdem ist der Himmel grau. Ab und zu regnet es leicht und es kommt ihr so vor, als wenn der Himmel mit ihr trauern wĂŒrde. Der Regen fĂŒhlt sich an wie TrĂ€nen und die Wolken haben der Sonne verboten zu scheinen, weil es einfach nicht zu der Stimmung passt, die im Moment herrscht. Schlagartig ist der Sommer verschwunden und er kommt in diesem Jahr auch nicht wieder.

Sie fahren eine ganze Weile. Erst durch einige Orte, dann durch die schönen TĂ€ler, ĂŒber die HĂŒgel und immer durch den wunderschönen Wald, bis sie an die Stelle kommen, wo der Unfall geschah und ihr wird bewusst, dass sie ganz nah gewesen ist, als es passierte. Sie hat den gelben ADAC Hubschrauber gesehen, mit dem Olli spĂ€ter in die Klinik gebracht wurde und es fiel ihr wie Schuppen von den Augen, dass ihr damaliges GefĂŒhl sie nicht tĂ€uschte. Sie hat gespĂŒrt, dass etwas Schlimmes geschehen war und das macht ihr jetzt Angst. Sie hat auf einmal Angst vor sich selber, vor ihren GefĂŒhlen, Empfindungen und Gedanken. Was ist bloß mit ihr los? Dieser Ort scheint magisch zu sein und sie kann nichts machen, um ihre Gedanken abzuschalten. Ihre innere Stimme fĂ€ngt laut an zu schreien und hört auch nicht auf, als sie sich mit aller Kraft die Ohren zu hĂ€lt. Und da fĂ€ngt plötzlich diese Sirene wieder an zu heulen. Wieder wird sie von WeinkrĂ€mpfen geschĂŒttelt, so dass Guido sie zum Auto fĂŒhrt und nach Hause bringt. Das tut er nicht, um ihr zu helfen, sondern weil er seine Ruhe haben will. Als er sie abgesetzt hat, verschwindet er.

Sie kann Guidos NĂ€he nicht mehr aushalten und beschließt, dass sie sich rĂ€umlich trennen will. Vielleicht wĂŒrde ihre Beziehung ja wieder besser werden, wenn sie erst getrennt wohnen wĂŒrden. Vielleicht wĂŒrde er mehr VerstĂ€ndnis fĂŒr sie aufbringen, wenn er sieht, wie viel Arbeit der Haushalt wirklich macht und wenn das Abendessen nicht schon fertig auf dem Tisch steht... Jetzt brĂ€uchte nur noch der richtige Zeitpunkt kommen, dann wĂŒrde sie ihm mitteilen, was sie plant.

In der dritten Nacht gehen Beide spĂ€t zu Bett, nachdem sie stumm ferngesehen haben. Es scheint wieder etwas Routine eingekehrt zu sein, jedenfalls benehmen sie sich so, wie immer. Nie haben sie darĂŒber geredet, was in ihren Inneren vor sich geht und so bleiben die Gedanken auch dieses Mal fĂŒr den anderen verborgen.

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Haremsdame
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Hallo Radji,

Dein Text hat was! Allerdings ist da noch viel mehr rauszuholen!

Es gelingt Dir, die GefĂŒhle zum Ausdruck zu bringen. Die Gedanken sind nachvollziehbar.

Was mir nicht so gefĂ€llt, ist die sprachliche AusfĂŒhrung. Ab und zu verhedderst Du Dich mit den Zeiten. Auch ist vieles in meinen Augen zu umstĂ€ndlich beschrieben. Durch KĂŒrzungen unnötiger Einsprengsel könntest Du den Text sehr verbessern.

Andererseits hat es sicher einen Grund, dass Du ihn im Tagebuch eingestellt hast. Da geht es mehr um Verarbeitung von Erlebnissen, um KlÀrung von nicht durchdachten Gedanken.

Lass Dich nicht entmutigen, sondern schreib weiter!

Viele GrĂŒĂŸe von einer, der das Schreiben vorĂŒbergehend abhanden gekommen ist...
__________________
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

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