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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur
Eingestellt am 11. 06. 2012 10:06


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Christoph TĂĽrcke, Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur, C.H. Beck 2012, ISBN 978-3-406-63044-6

Immer wenn ich in der Vergangenheit hörte und las von Kindern, deren Verhalten unter der Diagnose ADS oder ADHS qualifiziert wurde und die mit dem Medikament Ritalin ruhig gestellt bzw. für eine für das Verfolgen eines Schulunterrichts nötige Weise fit gemacht wurden, beschlich mich das Gefühl, dass es sich hier nicht um eine Krankheit handelte, auch wenn das die betroffenen Eltern ebenfalls beruhigte. Immer hatte ich den Verdacht, dass es in der frühen Kindheit und der Familiengeschichte dieser Kinder Entwicklungen gegeben haben musste, die zu diesem immer weiter um sich greifenden Phänomen geführt haben.

Der Philosoph Christoph Türcke, der schon in seinem 2002 erschienenen Buch „Erregte Gesellschaft. Philosophie der Sensation“ diesem Phänomen als gesellschaftlicher Frage auf der Spur war, hat nun in einem kleinen Buch eine „Kritik der Aufmerksamkeitskultur“ vorgelegt, in dem er zunächst evolutionstheoretisch der Bedeutung von Ritualen für die menschlichen Kultur und die Lebens- und Kontingenzbewältigung des Individuums nachgeht, und dann entwicklungspsychologische Erkenntnisse über die ersten Lebensmonate eines Kindes , insbesondere über die sogenannte „Neunmonatsrevolution“, wenn das kindliche Gehirn zu seiner vollen Zahl von Gehirnzellen gelangt ist, beschreibt.

Wenn nun in diesen ersten Lebensmonaten die Aufmerksamkeit der Eltern für ihr Kind immer wieder gestört wird durch die mikroelektronische Reizkultur, wenn nebenher der Fernseher läuft, telefoniert wird, oder E-Mails gescheckt werden, dann kommt es zu einem für Entwicklung des Kindes verhängnisvollen introitus interruptus.
„Statt dass lebendige Personen ihre Aufmerksamkeit für etwas teilen, teilt sich dann nämlich die Aufmerksamkeit zwischen lebendigen Personen und Bildmaschinen. Das Kind erlebt den Bildschirm zwar noch nicht als den Aufmerksamkeitsfänger, der er für die Großen ist; es kann mit dem Geflimmer und den Geräuschen dazu nicht viel anfangen. Aber es erlebt, wie der Bildschirm die Aufmerksamkeit seiner Bezugsperson absorbiert, wie die elterliche Zuwendung unter den Aufmerksamkeitsansprüchen, die diese Kulisse permanent erhebt, flach und unwirklich wird. Die Mutter (oder ihr Vertreter) mag viel beim Kind sein, es ansprechen und auf alles Mögliche hinweisen, aber wenn daneben etwas flimmert und dudelt, was das gemeinsame Aufmerken auf Dinge und das Verweilen bei ihnen ständig durchkreuzt, weil der Blick der Mutter zwischen Kind und Bildschirm hin- und herwandert, ihre Worte von der Geräuschkulisse überlagert werden, dann werden die ersten zarten Fäden der qualitativ neuen Gemeinschaft, die das Kind spinnt, ständig wieder gekappt.“

Der Bildschirm tritt zwischen Mutter und Kind. Dazu kommen noch die unsäglichen Handys und I-Pods, an denen man erwachsene Menschen allenthalben herumspielen sieht, obwohl sie gerade im Gespräch mit jemandem sind.

Die Menschen, so sagt Türcke, leiden unter einer konzentrierter Zerstreuung, die er als Kulturstörung bezeichnet. Die Menschen sind ständig zwanghaft damit beschäftigt, sich zu zerstreuen, was nicht zur Entspannung führt, sondern zum Stress.

Für die kleinen Kinder nun hat diese fehlende Aufmerksamkeit eine geradezu diabolische Langzeitwirkung. Später werden sie dann nur mit einem Mittel ruhig – entweder Ritalin oder der Bildschirm. Wenn die Gehirne der kleinen Kinder durch eine ständige Reitflut genötigt werden, dauernd etwas Neues aufzubauen, schlägt ein solcher Aufbau irgendwann um in die Destruktivität.

Diese Menschen, irgendwann erwachsen geworden, haben nie die Fähigkeit entwickelt, bei einem Sachverhalt zu bleiben, sie können keine klaren Gedanken mehr fassen. Auch ihre Einbildungskraft, die Fähigkeit innere Bilder zu erzeugen (z. b. auch in Träumen) schwindet, und das beeinträchtigt die Fähigkeit der Menschen zu nachhaltiger Erfahrung.

In einem zweiten Teil des Buches beschreibt Türcke, wie er mit einem neuen kanonübergreifenden Schulfach mit dem Arbeitstitel „Ritualkunde“ diesen Entwicklungen, deren Peak er noch lange nicht erreicht sieht, etwas entgegensetzen will.

Was TĂĽrcke nicht beschreibt, weil er wohl keinen Einfluss darauf hat, will ich hier aber deutlich sagen:
Schon lange bevor die Kinder in die Schule kommen, müssen werdende Eltern und Eltern von kleinen Kindern meiner Meinung nach fasten. Damit meine ich: keinen laufenden Fernseher oder PC, während das Kind wach ist. Kein angeschaltetes Handy und kein Herumspielen mit Mails oder ähnlichem, während man im Kontakt mit seinem Kind ist. Und immer wieder: ungestörtes, entspanntes Vorlesen, Reden, Spielen. Wenn ich das Handy am Ohr habe, bin ich nicht im Kontakt mit meinem Kind.

Die permanente Erreichbarkeit, das permanente Online-Sein, dieser unsägliche Druck, den die elektronischen Medien ausüben – wir müssen uns um unserer Kinder willen davon befreien. Das ist wahrer und zeitgemäßer Widerstand gegen eine Entwicklung, die die über Jahrtausende gewachsenen Grundlagen unserer Kultur zu zerstören droht.





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