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Kritik sexueller Gewalt
Eingestellt am 24. 05. 2010 17:22


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Herbert Schmelz
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KAMPF UM ANERKENNUNG
oder
KRITIK SEXUELLER GEWALT


Erfahrungen sexueller Misshandlungen haben heute eine gute Chance, in das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu gelangen. So können sie unsre Aufmerksamkeit erregen und auf ein brisantes Konfliktpotential verweisen, das sonst verborgen bliebe. Räume der Kirchen, Familien, Schulen, die als muffig, veraltet, aber auch als schützend angesehen werden, erscheinen plötzlich als Horte exzessiver Gewalt, in denen sich Triebtäter lange unbehelligt tummeln dürfen. Die Institutionen, so wird bisweilen befürchtet, könnten dadurch in den allgemeinen Strom einer krisenhaften Entwicklung hineingerissen werden. Der verengte Blick auf den ‚Triebtäter’ überrascht uns nicht. Da machen wir uns das Motto zueigen: Alles ist möglich! Und das heißt letztlich, dass die Untersuchung sexueller Gewalt über die Beschäftigung mit der konkreten Tat hinaus auf prekäre Machtverhältnisse stößt, aus denen die inkriminierten Taten erwachsen. *

Die verspätete öffentliche Auseinandersetzung erscheint in der vordergründig skandalisierten Form beengt und fordert ein vertiefendes Nachdenken heraus. Als Gründe für die Verspätung sind die übliche Verschleierung der Macht ausübenden Wissenden und die zunächst ahnungslos Betroffenen zu nennen, die in einem Netz lähmender Angst gefangen sind. Beim Aufflackern aufklärender Bestrebungen kommt die einengende Verschleierung spontan reflexhaft in Gang. Genau an diesem Punkt scheint heute eine Gegenkraft sich zu entwickeln. Denn nun zeigt sich der aufschlussreiche Wille mancher Opfer, die vielleicht nicht nur um ihrer selbst willen reinen Tisch machen, sondern den Gerechtigkeitssinn für einen integren Kampf um rücksichtsvolle und nicht ‚brutalstmögliche Aufklärung’ stärken.

Es sind ja die körperliche Nähe und geistigen Anforderungen, die im Verhältnis zwischen der Jugend und den Erwachsenen regelmäßig in Interaktionen zusammenfließen müssen. Und in der Demokratie soll dabei auch erst die Chance erwirkt, ein einigermaßen stabiler Untergrund erzeugt werden, damit das Individuum in einen gleichberechtigten, kommunikativen Austauschprozess eintreten und zu einer unverwechselbaren Identität gelangen kann. Problematisch sind die Interaktionen dann, wenn in ihnen üble Wunden gerissen werden. Um nur die schwierigen, praktischen Problemlösungen anzudeuten : Wie wirken wohl die Lasten, die sich unterschiedliche Tätertypen aufgeladen haben, auf die Bereitschaft und Fähigkeit der Gesellschaft, eine hilfreiche, vielleicht sogar kluge Aufarbeitung zu leisten? Diese Frage ist so schwer zu beantworten, dass man sie erst einmal stehen lassen muss, um sie später sorgfältig zu bearbeiten Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Zu befürchten ist, dass unsre Gesellschaft nur eine rein strafrechtliche Aufarbeitung erlaubt, wo beispielsweise die Familie ihren Kindern gegenüber tagtäglich und unvermittelt als Terror-Regime begegnet. Alle 7 Kinder einer Familie sind traumatisiert, leben in der Psychiatrie und bei Pflegefamilien. Die Haft wegen der ständigen Vergewaltigungen seiner 14-jährigen Tochter bezeichnet der Vater als unbegründete ‚Freiheitsberaubung’. Er streitet lange alle Anschuldigungen ab und stellt seine Kinder als hemmungslose Lügner hin. Auf ihn kommen 12 Jahre Haft und Sicherungsverwahrung zu, auf die Mutter ein eigenes Strafverfahren. Laut Zeitungsberichten formuliert der Staatsanwalt die Aussagen der misshandelten Tochter so: „Obwohl sie weinte und vor Schmerzen schrie, habe er sie weiter missbraucht. Als ihre Periode ausblieb, fürchtete sie, von ihrem Vater schwanger zu sein“. Die gesellschaftlich tolerierten Kombinationen von Sex – Crime - Gewalt scheinen in Familien von Unter- und Mittelschichtmilieus als direkt aktivierbare Handlungsmodelle sich eingenistet zu haben. Bei der berüchtigten Sparsamkeit des Staates an den so genannten Unterprivilegierten, einem scheinbar pädagogisch interessierten Machtwahn folgend, muss leider damit gerechnet werden, dass psychische Verletzungen im Sinne der Erniedrigung nicht behandelt werden. In Wahrheit schlägt sich ein derartiger Einsparungsgewinn letztlich in unberechenbaren Ressentiments und Aggressionspotentialen nieder. Daher hat die Gesellschaft allen Grund sich zu fürchten vor der Akkumulation massenhaft unbehandelter Fälle sexueller Misshandlung.

Die Geschichte der 14 jährigen Gymnasiastin Elisa, die im Zustand hilflos anhimmelnder Unerfahrenheit von ihrem 30 Jahre älteren Sportlehrer geschwängert und von diesem auch noch für ‚schuldig’ erklärt wird, macht u. a. auf Gründe der verspäteten Diskussion aufmerksam. Sie verbergen sich in einer Art Schockstarre. Darin arbeitet Elisa im Verein mit ihrem sozialen Umfeld teils unbewusst ‚ihre’ Geschichte, verlorene Zeit, auf, die somit Gestalt annehmen kann. Nämlich in der Transformation der inneren Verletzungen, sozialen Kränkungen, Herabwürdigungen bis zum Stadium ihres motivierten Widerstandskampfs, in dem sie um nachträgliche Anerkennung ihrer Persönlichkeit ringt.

Denn seit ihrer Abtreibung, von der ihre Eltern nichts wussten und zu der sie von einer Lehrerin ‚begleitet’ wurde –nachdem der vom Sportlehrer ‚privat’ arrangierte ‚medizinische Eingriff’ am Widerstand des Arztes gescheitert war-, war das gesellschaftliche Umfeld und sie selbst nicht untätig geblieben. Elisa ist zunächst die verängstigte treibende Kraft, die Wahrheit drei Jahre vor ihren Eltern zu verbergen. Sie hält die scheinbar freundschaftliche ‚Beziehung’ zum ‚Förderer’ und Lehrer noch einige Zeit aufrecht, veranlasst den eingeweihten Schulleiter zur Manipulation der Personalakte seines Kollegen, damit dieser in eine andere Schule ‚versetzt’ werden konnte. Die Wahrheit in all den Jahren bis zum ‚erschwerten Abitur’ war die hinter der vorgehaltenen Hand. Vor dem Abitur notiert der konfliktscheue Schulleiter: „Elisa, früher heiter und aufgeschlossen, wirkt zunehmend verstockt, abweisend.“ Ihre Unterleibsschmerzen blieben ohne organischen Befund.

Die Versuche des Olympia verdächtigen Talents Elisa, nach dem Bruch mit ihrem Sportförderer das Recht zur Hilfe zu nehmen, fruchteten erst spät und bereicherten vielleicht ihren Erfahrungsschatz und ihre Handlungsmotivation auf dieser Ebene der sozialen Konfliktlösung. Wie die Frankfurter Rundschau heute versichert, ist die Geschichte Elisas und ihrer Degradation gut dokumentiert, sodass Straf- und Disziplinarverfahren gegen den Täter, vielleicht auch weitere Beteiligte, die Folge sein dürften. 15 Jahre zu spät!
Dass hier vom Täter und nicht etwa vom ‚ehemaligen Geliebten’ die Rede ist, hat nicht nur mit den Verfahren in der Rechtssphäre zu tun. Ich gehe davon aus, dass Elisa tatsächlich in ihrer Identitätsbildung aus unlauteren Motiven schwer gestört und in ihrer persönlichen Integrität verletzt, verwundet worden ist. Sie kann heute in Bezug auf ihre damalige, falsch eingeschätzte Hilfsbedürftigkeit nur im Konjunktiv sprechen: „Wenn ich heute daran denke, wünsche ich mir, jemand hätte sich über meine Angst hinweggesetzt, hätte meine Eltern informiert.“ Anscheinend hat die mittlerweile 30-jährige Frau so viele ihrer Kräfte im Kampf um Beachtung und Anerkennung verzehrt, dass sie mit einer Art strafrechtlichem Vergleich zufrieden ist. Eine wirklich aufklärende, neue Kräfte bildende Lösung des sozialen Konflikts ist auf diese Weise nicht zu erwarten.

Im umfänglich publizierten Fall der Odenwaldschule (OSO) scheint die ‚pädagogische Provinz’ einem Beben ausgesetzt zu sein, das von vielen Seiten bearbeitet wird. Ich möchte hier die Aufmerksamkeit auf einen sozialpsychologisch wichtigen Charakterzug lenken, der die offiziellen Machtverhältnisse, die Politik, notgedrungen erst einmal unterbelichtet, nur am Rande sichtbar werden lässt. Für meine Bewertung und Darstellung, worin auch die anderen Fälle, die mit der OSO direkt nichts zu tun haben, eingeschlossen sind, trage ich selber die Verantwortung. Die Kernidee jedoch gehört gerechterweise Anderen.**

Im Mittelpunkt der Anschuldigungen steht der langjährige Mitarbeiter und Rektor der Odenwaldschule (1969-1985), Gerold Becker. Ex-Schüler warfen und werfen ihm mehrere hundert sexuelle Übergriffe bis hin zum erzwungenen Oralverkehr vor. Es gehören zu dem tief gepflügten Acker des Reforminternats (UNESCO-Schule seit 1963) problematische, pädagogische Blütenträume. Der Inbegriff reformerischer Experimentierfreudigkeit, das Labor, ist für demokratische Kontrolle nicht unbedingt leicht zugänglich, sodass neben dem ehemaligen Leiter noch weitere Täter auftreten konnten. Ihnen werden ja nicht nur sexuelle Gewalttaten, sondern auch die Errichtung eines Verschleierungssystems angelastet. Nun bedingt diese subtile Natur sexueller Gewalt an der hessischen Privatschule, dass auch ‚Unbeteiligte’ beteiligt sind, wenn der Fahndungsdruck sich erhöht. Das soziale Beben erreicht also ein ziemlich breites Spektrum von Personen und Institutionen, die alle in irgendeiner Weise in diese Auseinandersetzung verwickelt sind. Eine umfassende Aufklärung hätte sich mit all diesen Fakten und Verhältnissen zu befassen.

Ich nehme jedoch in dieser Betrachtung grundsätzlich eine starke Einengung der breit gestreuten Probleme vor, die der Sphäre sozialer Entstehung persönlicher Identität zugrunde liegen. Und ich glaube Anlass zu haben, dass im Fall der Odenwaldschule die Kräfte deutlich sich artikuliert haben und engagiert zum ‚Kampf um Anerkennung’ entschlossen sind, die aufklärende Bearbeitung ihrer eigenen Erfahrungen und sogar fehlenden Erfahrungen mit sexueller Gewalt wollen. Die jüngere Gruppe von ‚Altschülern’ kann ich hier nicht zitieren, obwohl sie die Sache hartnäckig seit mehr als zehn Jahren ins Rollen gebracht haben. Daher kommen nur die Älteren zu Wort, die sich öffentlich artikulierten.

Gerold Becker (73) stellt sich in einem Brief an die Odenwaldschule den Anschuldigungen:
„Schüler, die ich durch Annäherungsversuche oder Handlungen sexuell bedrängt oder verletzt habe, sollen wissen: Das bedauere ich zutiefst und bitte sie dafür um Entschuldigung.“ Mit dieser Bitte bezieht er sich „ausdrücklich auch auf alle Wirkungen, die den Betroffenen erst später bewusst geworden sind“. Der Frankfurter Rundschau, die zweifellos durch ihre Veröffentlichungen der Diskussion wertvolles Material liefert, ist allerdings in diesem Zusammenhang der Vorwurf einer manipulierenden Berichterstattung nicht zu ersparen. Sie schreibt von „seiner schriftlichen Entschuldigung“ als einer Art Selbstentschuldigung wie wir sie von Machtsüchtigen mit ihren durchschaubaren Ausflüchten kennen. Genau das Gegenteil tut Becker in seinem Brief: „Personen und Institutionen, mit denen ich in den vergangenen 40 Jahren zusammengearbeitet habe und die durch mein Verhalten beschädigt worden sind, bitte ich ebenfalls um Entschuldigung“. Mit den betroffenen ehemaligen Schülern ist er zum Gespräch bereit, was neben der schweren Erkrankung, unter der Becker leidet, für die heutigen Erwachsenen vielleicht nicht unwichtig ist zu wissen. Der Pädagoge bedauert sein Verhalten und entschuldigt sich nicht, er liefert sich durch seine Bitte der Entschuldigungs-bereitschaft seiner ehemaligen Schüler und damit vielleicht einem Prozess therapeutischer Einsicht aus.

Die Schriftstellerin Amelie Fried (51) meldet sich in der FAZ zu Wort. Aus ihren Formulierungen ist nachvollziehbar ersichtlich, wie beispielsweise der Lehrer als ‚Familienvater’ sich in den Mädchen-Duschraum drängen konnte und „uns zu Strip-Poker-Runden in seiner Wohnung genötigt hat“. Der Begriff Scham und das „Gefühl, in meiner persönlichen Würde verletzt worden zu sein“, bilden heute den Nenner eines Bruchs, in den Verletzung und Missachtung sozialer Normen gleichsam wie eine Virusinfektion eingingen.

Der Schriftsteller Bodo Kirchhof (61) äußert sich im SPIEGEL. Er hat als 12 jähriger in einem evangelischen Internat –nicht in der OSO- unbegriffen Misshandlungen erfahren, wobei ihn der Pädagoge ‚oral befriedigt’ hat. „Doktorspiele, Ferkeleien, unausgegorener Sex“ sind die Worte, mit denen er andeutet, was ihm damals widerfahren ist. Der Religionslehrer hat „von Jesus geredet und an meine Seufzer unter seinen Händen gedacht, das hat er mir später gestanden“. Kirchhof macht auf das schwierige Problem aufmerksam, die Erfahrungen der Misshandlung und Missachtung sprachlich auf den Punkt und überhaupt zu Bewusstsein zu bringen: „Ich musste über etwas sprechen, zu dem es keine Sprache gab, ich musste mir eine erfinden“.

Der ideologisierende Begriff aus unserem Strafrecht heißt Missbrauch. Er gaukelt Klarheit und Genauigkeit vor, wo es substanziell um illegitime Gewalttaten geht. Er kritisiert zu Recht die Instrumentalisierung des Menschen, ist aber heimtückisch, wo er, wie im Fall Elisa und den ‚blinden’ Verteidigern von Rechtspositionen, eine Verkehrung der Schuldzuordnung im Täter/Opferverhältnis fördert. Es bedeutet mühsame Aufarbeitung durch Justizorgane, wenn sie denn stattfindet, um den Schleier von den realen Gewaltzusammenhängen wegzureißen. Ideologie schneidet den Faden produktiver Einsicht ab und führt in Sackgassen.

Der Kunstsammler Adrian Koerfer (55) erläutert in seinem Diskussionsbeitrag: „Ich war dann auch der 17 Jährige, der mit der Englischlehrerin geschlafen hat. … Es ist mir passiert, ich habe es aber auch mitgemacht. Irgendwann habe ich damit aufgehört, das war bei Becker. Bei Held hatte ich noch das Gefühl, dass das sozusagen zu meiner Sozialisation dazugehört. Sexualaufklärung kannte ich nicht. ...Held hat nicht nur selbst missbraucht, sondern einem befreundeten Unternehmer regelrecht zugeführt. …Ich habe aber niemandem gesagt, so geht es nicht, ich habe das nur für mich beschlossen. Wir alle wollen nicht, dass die Schule zerbricht. Wir wollen aufklären, das verbindet uns alle …Die Schule war für fast alle Odenwaldschüler eine sehr große Hilfe. Das sage ich trotz der schlimmen Erfahrungen. Es gab nichts Besseres für mich, trotz des Missbrauchs, unter dem ich bis heute leide, weil ich seitdem keine körperliche Nähe mehr zulassen kann“
Auf die Frage, warum er seine Tochter zur OSO „geschickt“ hat, antwortet Koerfer: „Als ich Andreas von Weizsäcker davon erzählte, der mein bester Freund war, bevor er gestorben ist, hat er mich gefragt, ob ich wahnsinnig geworden sei. Ich habe gesagt, nein, ich glaube nach wie vor an die Schule. Ich glaube an die Selbstreinigung und ihre Ideale. Ich habe meiner Tochter vom Missbrauch erzählt und ihr meine Freunde von damals vorgestellt. Sie wollte danach hin. Ich habe sie nicht verschickt“.

Die Journalistin Regina Bappert (50) geht auf die Frage ein, in welchem Umfang es Übergriffe auch auf Mädchen gegeben hat. Ergänzend zur Erfahrung von Adrian Koerfer muss die Tatsache festgehalten werden, dass Lehrer oft genug auf Mädchen und. jüngeren Frauen stehen. Auf dem Hintergrund solcher wechselseitig sich aufbauenden Sympathiefelder erklärt die von sexueller Gewalt während ihrer OSO-Zeit unbetroffene Befürworterin ‚klarer Regelungen’: „2002 hat mich ein OSO-Lehrer gefragt: Aber was ist, wenn es wirklich Liebe ist? Da habe ich gesagt: Dann soll der Lehrer sofort kündigen, sich einen anderen Job suchen und mit der ‚Geliebten’ anderswo leben, wenn sie denn volljährig ist – aber bitte nicht an der Schule! Mit dem Begriff ‚Liebe’ kann man viel bemänteln. Gerold Becker war vermutlich auch davon überzeugt, die Jungen zu lieben, die er missbraucht hat“.

Ich möchte auf die Gefahr hinweisen, den Begriff der Liebe durch berechtigte ideologiekritische Bemerkungen ins Niemandsland undurchschaubarer Grenzziehungen zu verdrängen oder ganz außer Kraft zu setzen. Wir benötigen ihn, um wirklich zu begreifen, was grundsätzlich in allen Fällen sexueller Gewaltanwendung oder Misshandlung sich abspielt. Der heute allgemein angemessene Begriff der Liebe als Kern aller Sittlichkeit fordert kategorisch die bedingungslose Anerkennung und Geltung ausnahmslos jeder Person, und zwar nicht nur kognitiv die Autonomie des Anderen achtend, sondern auch praktisch, emotional den Sozialisationsprozess des Individuums zu einer selbst bestimmten Persönlichkeit wohlwollend kritisch begleitend. Dem liebesfähigen gesellschaftlichen Individuum, von dem wir als einem mündigen Bürger sprechen, bleibt der Lernprozess als Aneignung von Bedürfnisstrukturen und charakteristischen Verhaltensweisen nicht erspart. In einer scheinbar endlosen Anstrengung lernt es subjektiv im günstigen Fall, den anderen Menschen zu akzeptieren, zu lieben, zu kritisieren. Hier ein allgemeines Störungsverbot zu postulieren, wäre sicher zu einfach. Von den Erwachsenen mit ihrem Erfahrungsvorsprung kann aber das ‚richtige Fingerspitzengefühl’ einer selbstlos fördernden Haltung verlangt werden.

Die tieferen Gründe für einen solch kategorischen Liebesbegriff liefern die negativen Kulturerfahrungen von Ausgrenzung, Entrechtung, Unterdrückung und Vernichtung. Der natürliche Trieb der Liebe zur Vereinigung, zum Einssein, bevor seine soziale Differenzierung das Werk der historischen Gestaltung der mündigen Persönlichkeit verrichten kann, ist vielfältig und schwerwiegend von sekundären Aggressionsbestrebungen bedroht. Deren problematische, strittige Entstehung zu entziffern, so wichtig sie auch ist, würde uns hier überfordern. Auch zugegeben ein Problem, das in größerem Zusammenhang aufzulösen ist.

Jedoch hat sich eingebürgert, vom ‚psychischen’ oder ‚sozialen Tod’ zu reden, wenn nach den Konsequenzen aus Entrechtung, gesellschaftlicher Ausschließung, Missachtung und Misshandlung, ja der Herabwürdigung einer Lebensform (z.B. die von Jugendlichen) gefragt wird. In der Regel ist mit missachtender Aggression eine Kränkung der Betroffenen verbunden. Wie auf der physischen Ebene das Erleiden organisch vermittelter Störungen (Krankheiten) die körperliche Integrität gefährdet, so durch Missachtung hervorgerufene Kränkung die psychische Integrität.

Alle sexuellen Manipulationen, die nicht auf freien Vereinbarungen wechselseitig sich als Gleiche anerkennende Personen beruhen, sind als missachtende Aggressionshandlungen zu bewerten. Die Scham und das Gefühl der Würdelosigkeit sind Symptome, negative Gefühlsreaktionen, von denen Opfer sexueller Gewalt regelmäßig berichten. Die Angst ist der lähmende Schleier, der sich wie ein giftiges Netz über die Gefühle legt – und einer Redensart zufolge ein schlechter Ratgeber. Der Inhalt aller Verletzungsfolgen wiegt schwer. Denn sie senken das eigene Selbstwertgefühl, und dies Empfinden mangelnden Selbstwertes drückt das Subjekt als Ganzes nieder. Durch die Ausübung sexueller Gewalt haben Interaktionspartner des Opfers moralische Normen verletzt, deren Einhaltung die Person anerkannten und gelten ließen. Ohne angemessene soziale Therapie schmerzt die Verwundung weiter. Es ist anzunehmen, dass ein besserer Schutz der Schwächeren als durch das Rechtssystem nur durch eine höhere moralische Entwicklung gewährleistet werden kann. Das Risiko sexueller Aggression ist grundsätzlich nur mit klugen Maßnahmen, kontrollierender Skepsis, die einen Grundbestand an Vertrauen und intellektueller Redlichkeit lebendig erhalten, zu minimieren.

Welch tiefe Spuren in Form von Enttäuschung und Verunsicherung sexuelle Gewalt selbst bei Nichtbetroffenen hinterlässt, formuliert der Verleger Joachim Unseld (57): „… Nach Kant müssen Pädagogik und Erziehung zur Selbstbestimmung und Mündigkeit des Schülers führen … Unter dem Deckmantel des besten reformpädagogischen Ansatzes der Bundesrepublik geschah dort (in der OSO d. Verf.) das genaue Gegenteil, eine Anti-Pädagogik, nicht Führung, sondern Verführung … Ich hatte bei Becker Kurse belegt wie „Das Religiöse in der modernen Kunst“, „Grundfragen der Ethik“ oder „Theorie der Schule“. Da wird mir im Nachhinein, seitdem ich von den Missbrauchsfällen weiß, körperlich übel, wenn ich mir eingestehen muss, dass ich damals daran geglaubt habe wie an eine Weissagung“.

Wenn von einem ‚sozialen Beben’ die Rede war, das auch noch den entfernten Bewohner der pädagogischen Provinz erreicht, so hat Hartmut von Hentig (84) den anderen, wenig fruchtbaren Weg der rechtlichen Argumentation eingeschlagen und prompt das Täter-Opferverhältnis verdreht. Dass er damit bei einem ressentimentgeladenen Publikum erhebliche Teile seines pädagogischen Wirkens der Unglaubwürdigkeit überantwortet und auch hoffnungsvolle Antriebe außer Kraft setzt, mag man für tragisch halten. Sein Freund Gerold Becker, den er wohl 'verteidigen' wollte, hat eine andere Haltung eingenommen, deren Wert dieser nicht mehr unter Beweis stellen kann. Er starb am 08. Juli 2010.

Wichtig erscheint mir, dass Hartmut von Hentig sehenden Auges den politischen Kräften der Gegenaufklärung zuarbeitet, die sich auch sofort gemeldet haben. Sie könnten staatliche Pensionsleistungen im Zuge der Verwirklichung populistischer Ansehensgewinne einsparen und allen Reformbestrebungen noch stärker auf ' s Haupt schlagen. Anlässe finden sich genug. Oskar Negt hat dieses Problem in Bezug auf Becker und v. Hentig mit dem Begriff der Trauer umrissen, der sich für den einfühlsamen Beobachter unwillkürlich aufdrängt.

* In diesem Report zitiere ich nur die Frankfurter Rundschau und aktualisiere auch Daten.
** So hat mich Axel Honneths sozialphilosophisches Werk (Kampf um Anerkennung Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, 1994) angeregt zur Reflexion des Themas der sexuellen Gewalt. A.H. knüpft an H.W.G. Hegel (1770 – 1831) an, in dessen ‚Jenenser Realphilosophie’ der Begriff des Kampfes um Anerkennung bis zu einem bestimmten Grade entwickelt wurde. Zudem spiegeln sich einzelne Aspekte einer alten Tradition von Bemächtigungsversuchen der menschlichen Sexualkraft in den Erfahrungen der Odenwaldschule (OSO) – die Traditionslinie, die hier an charakteristischen Punkten zur Sprache kommt, führt von Deutungen der griechischen Antike über Goethe bis zur Freudschen Psychoanalyse.



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Ernst H.Stiebeling,EHS

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