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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Krogmann
Eingestellt am 11. 08. 2015 20:25


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sajo
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Krogmann

Dass der Wunsch so stark war ├╝berraschte ihn selbst, doch er wollte auf die Dunkelheit warten. Er stellte seinen Rucksack neben sich ab und setzte sich ins Gras, ohne zu ├╝berlegen, ob er sich mit M├Âvenkot beschmutzte. Er schaute nach Norden, dem abflie├čenden Wasser hinterher, nach drau├čen, ins Offene. Au├čer zwei Frachtschiffen, die in gro├čer Distanz rechts von ihm die Flussm├╝ndung verlie├čen, aufs Meer hinaus und zu fernen H├Ąfen hin steuerten, war sein Gesichtsfeld frei. Die M├Âwen st├Ârten seinen Blick ganz und gar nicht, sie waren Vertraute und lebten mit Sand, Watt und Wasser, so wie auch die G├Ąnse und er mit dieser Landschaft gelebt hatte. Sie stiegen auf und lie├čen sich wieder fallen, trippelten ├╝ber die feuchtgl├Ąnzende Oberfl├Ąche, hackten mit ihren spitzen Schn├Ąbeln nach Wattw├╝rmern und kleinen Krebsen, die sie gleich an Ort und Stelle zerkleinerten und hinunterschlangen oder im Schnabel davontrugen, um ihre gellend nach Nahrung schreiende Brut kurzfristig zu bes├Ąnftigen. Wie ein einziges schrill ├╝bersteuertes Lied klangen die Schreie der Jungv├Âgel aus tausenden von Nestern, die hier auf der Insel, gesch├╝tzt, im Gras am Boden, gebaut wurden von V├Âgeln, die er in fr├╝heren Jahren beobachtet und katalogisiert hatte. Krogmann holte seine Thermoskanne aus dem Rucksack und goss sich einen Tee ein. Irgendwo ganz weit drau├čen war Helgoland zu ahnen.
Am Morgen hatte er beim gro├čen Parkplatz hinter dem Deich einen Parkschein f├╝r eine Woche gekauft, hinter die Windschutzscheibe gelegt und seinen Wagen in einer der hinteren Reihen abgestellt. Dann hatte er sich auf der Promenade in eines der Cafes gesetzt, die er fr├╝her gemieden hatte, inmitten von zeitunglesenden Ehepaaren, die sich nichts mehr zu sagen hatten, Kindern, die nach einem neuen Drachen, einem Eis oder einer Schaufel f├╝r den Strand qu├Ąngelten, und Fu├čg├Ąngern, die mit K├╝hltaschen und Badezubeh├Âr beladen einem neuen Tag im Strandkorb entgegen schlurften. Dabei konnte man hier dreiviertel des Tages noch nicht einmal baden, und selbst in den wenigen Stunden der Flut fand man Wasser, das wenigstens bis zu den H├╝ften reichte, erst sehr weit drau├čen. Aber heute hatte er sich das Fr├╝hst├╝ck ÔÇ×WaterkantÔÇť geg├Ânnt, mit frischen Krabben, Spiegelei und Zwiebeln auf Schwarzbrot ÔÇô so wie er es sich fr├╝her manchmal drau├čen, auf dem einflammigen Kocher, selber zubereitet hatte. Zuhause, in der Wohnung, w├Ąre ihm das unpassend erschienen.
Krogmann hatte beim Tee gewartet, bis die Karawane der Pferdefuhrwerke mit den Tagestouristen abgefahren war. Die schweren G├Ąule mit ihren breiten Hufen wussten, was sie zu tun hatten, sie taten es jeden Tag in jeder Saison. Mit ablaufendem Wasser zogen sie den hochr├Ądrigen Wagen mitsamt erwartungsvollen, gespannten G├Ąsten ├╝ber die Wattstra├če hinaus zur Insel, und nach einer Erholungspause f├╝r Mensch und Tier ging es, mit nun von der Sonne, der Meeresluft und dem eint├Ânigen Geruckel des Wagens erm├╝deten Besuchern, wieder zur├╝ck in den heimischen Stall gleich hinter dem Deich. Auch die Schar der enthusiastischen Wattwanderer hatte Krogmann vorausgehen lassen, bis sie sich zwischen den als Wegmarkierung aufgerichteten Rutenb├╝ndeln nur noch als kleine Punkte abzeichneten. Dann erst war er aufgebrochen. Schon wenige hundert Meter vom Strand entfernt war er auf der weiten, graubraun schimmernden Fl├Ąche allein, hatte Priele gemieden und festen Grund gesucht, auf dem es sich leicht gehen lie├č.
Er hatte die kleine Insel erreicht, als sich die ersten Pferdewagen schon wieder auf den R├╝ckweg machten und letzte Tagesg├Ąste aus einem der Restaurants oder vom Spaziergang dem Sammelpunkt der Kutschen zustrebten. Krogmann hatte die wenigen H├Ąuser der Insel in weitem Bogen umgangen. ├ťber gr├╝ne Weiden war er zwischen K├╝hen und Schafen hindurch zum Badeh├Ąuschen gelangt, das vor vielen Jahren zu├Ąu├čerst am Meer, im Vorland, auf einer kleinen Erh├Âhung gebaut worden war. Wei├č, im B├Ąderstil mit vielen kleinen, von Sprossen eingerahmten Fenstern, stand es merkw├╝rdig quadratisch und einsam in der Fl├Ąche des Graslandes. Und wie jedesmal hatte ihn der Anblick dieses einfachen H├Ąuschens ger├╝hrt und erinnert an Gef├╝hle, f├╝r die er keine Worte hatte. Er war eingetreten, hatte seine Sachen auf den Tisch gelegt und sich auf die Bank am Fenster gesetzt. Auf der anderen Bank hatte manchmal Ingrid gesessen. Sie hatten Teegetrunken und zusammen hinausgeschaut.
Sp├Ąter hatte er vom Badeplatz aus das Einlaufen der Flut beobachtet, stundenlang auf das Sickern, Gluckern, Rauschen und Gurgeln gelauscht und an sie gedacht, wie schon so oft beim Hereinstr├Âmen des Meeres. Auch diesmal hatte er ohne alle Hoffnung, dass ihm das Meer Ingrid zur├╝ckgeben k├Ânnte, gewartet. Und das Meer hatte ihm auch heute nicht erkl├Ąren k├Ânnen, warum sie ihre Krankheit nicht mit ihm zusammen hatte aushalten wollen, sich von einem Fahrgastschiff nach Helgoland ins Meer gest├╝rzt hatte. In sein Meer, bei seiner Insel.
Als es dunkelte ging er ins H├Ąuschen zur├╝ck, sp├╝lte seine Thermoskanne aus, nahm seinen alten Parka aus dem Rucksack und setzte sich auf die Bank am Fenster. Schlie├člich holte er das Buch mit den Eintragungen der Besucher hervor und schrieb hinein: ÔÇ×Ich gehe jetzt Ingrid suchen. KrogmannÔÇť Dann zog er seinen Parka an, verlie├č das H├Ąuschen und klappte die T├╝r hinter sich zu. Auch jetzt noch, in der Dunkelheit, war das Schreien der M├Âwen ohrenbet├Ąubend. Auf seinem Weg zum Strand hinunter wollte er in keines ihrer Nester treten, vorsichtig suchten seine F├╝├če einen Pfad. Als er bis zu den Knien im Wasser stand w├Ąhlte er an einer Buhne einige gro├če Steine aus und steckte sie in die Taschen seines Parkas. Dann ging er weiter, vor sich weit drau├čen nur noch Lichter eines Schiffes.

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