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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kühlschrank, geöffnet
Eingestellt am 10. 05. 2009 14:33


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SoWhat
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2009

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Kühlschrank, geöffnet

Die Blockflöte, die mit dem abgewetzten Mundstück, diese alte Blockflöte von irgendwann – sie liegt in meinem Kühlschrank. Ich habe die Trenngitter entfernt, damit sie allen Raum der Welt hat, damit sie sich ausbreiten kann, wenn sie möchte. Jetzt habe ich keinen Platz mehr für Essen. Das ist aber gar nicht schlimm. Ich habe mir Instantnudeln vom Asia-Laden um die Ecke geholt. Tonnenweise Instantnudeln. Ich brauche meinen Kühlschrank nicht. Und Möhren habe ich geholt, weil sie so genmanipuliert aussahen, so knallorange und riesengroß, und der Blockflöte eine gute Gesellschaft sind.
Die Blockflöte liegt in meinem Kühlschrank, liegt neben weich gewordenen, weißlich überzogenen Möhren.
Menschen laufen durch meine Wohnung, manchmal Einer, manchmal Viele. An die Namen dieser Menschen kann ich mich kaum noch erinnern, weil sie alle gleich klingen, eine Aneinanderreihung von Lauten, gebildet durch eine Verengung des Luftstroms irgendwo im Gaumen, durch das Zusammenpressen von aufgesprungenen Lippen und Zungenschläge an Schneidezähnen. Es gibt keine Namen. Es gibt den Mensch mit den Haaren, den Mensch mit dem Kleid, den Mensch mit dem Gestrüpp im Gesicht.
Das mit deiner Oma tut uns ja Leid, sagen sie, aber du musst das jetzt vergessen. Die Beerdigung ist schon eine ganze Woche her, und du gräbst dich immer noch hier ein.
Ich registriere es höflich, während ich am Küchentisch sitze, den Kaffee in der Linken, die Kippe in der Rechten. Ein Blick aus dem Fenster bietet Autos und Häuser und die stumme Erkenntnis, dass mich die Menschen stören. Ein bisschen verunsichert huschen sie durch die Wohnung, wissen nicht ganz wohin mit ihren wuseligen Händen, also taddeln sie alles an, was sich ihren hektischen Blicken in den Weg stellt, entweihen jede Ecke, jeden Bilderrahmen. Der Staub war nicht grundlos da, hatte sich seine Daseinsberechtigung hart erarbeitet. Sie pusten ihn weg. Soviel dazu.
Der Mensch mit den Haaren nimmt jetzt das Heft in die Hand, erbarmt sich und unterbricht die peinliche Stille.
Wie geht’s dir denn überhaupt, fragt er.
Ich hebe die Schultern.
Da war mal ein Mensch, denke ich, und jetzt ist er nicht mehr.
Du musst jetzt nach vorne schauen, sagt er, sie war ja auch schon alt.
Ich lächele freundlich und nicke und nippe an meinem Kaffee.

Ich bin gar nicht hier, ich bin ganz weit weg. Oben irgendwo an der Decke flattere ich um das Halogenlicht herum, denke an Oma und daran, dass der Tod eben irgendwann kommt, ganz klar. An viele Stunden in Omas winziger Wohnung denke ich, abgeschottet von der Welt durch vergilbte Häkelvorhänge, immer umgeben von dem Geruch nach Lavendel und Forelle. Die Gespräche die wir hatten, niemals mit Worten geführt, weil Oma irgendwann keine Lust mehr hatte zu reden, sondern mit Tönen, die sie trotz zitternder Finger so klar und schnell erzeugte, dass die grauen Flecken auf ihren Händen für wenige schöne Minuten unsichtbar wurden – an diese Gespräche denke ich. Hier oben, wo mich die Menschen nicht stören, fliege ich um das Halogenlicht herum, verbrenne meine Gedanken an der Hitze, lasse die Asche hinabregnen auf die kleine, lächelnde Puppe unter mir am Küchentisch, die aussieht wie ich.

Menschen laufen durch meine Wohnung. Immer noch.
Sie öffnen meinen Kühlschrank, vielleicht aus Langeweile oder weil sie Durst haben und ich eine schlechte Gastgeberin bin. Die weißen Möhren finden sie eklig, die Blockflöte komisch.
Sie geben mir Ratschläge wie:
Wirf die doch lieber mal weg.
Du, das ist echt nicht gut für das Holz. Mit der Feuchtigkeit und so.
Und so will meinen: Schimmel. Aber das sagen sie nicht, sie wollen nett sein. Und ich lasse sie gewähren, lasse sie meinen Kühlschrank öffnen, die Kälte hinausströmen, die sich über mein Gesicht legt, mein Lächeln einfriert. Eine zerbrechliche, kleine Eisskulptur, die bei der leisesten Bewegung in winzige Partikelchen zerspringen wird, spätestens dann, wenn der Mensch mit dem Kleid kopfschüttelnd die Kühlschranktür zuschlägt. Dann kann ich nur dastehen, und das Lächeln betrachten, das in vielen tausend Eiskristallen auf den Küchenfliesen verteilt liegt, kann ihnen nur noch beim Schmelzen zusehen.
Dem Mensch mit dem Gestrüpp im Gesicht reicht es jetzt, das findet er nicht gut, wie ich mit den Sachen umgehe.
Mit den Sachen will meinen: Mit dem Kühlschrank, den Möhren, der Blockflöte, mit mir.
Mit Küchenpapiergewickelten Händen traut er sich die Möhren zu entsorgen, die matschige Konsistenz überrascht ihn, lässt das Gestrüpp erzittern.
Die Blockflöte legt er genau vor mich auf den Küchentisch. Die Grifflöcher sind dunkel verfärbt, ein Rahmen aus aufgequollenen Fasern.
Du solltest dir nicht so viele Gedanken machen, sagt der Mensch mit dem Kleid, das Leben muss weiter gehen.
Nur für wen, frage ich mich, und für wen nicht?
Ich glaube, es wäre den Menschen lieber, ich würde weinend zusammenbrechen. Dass ich einfach nur dasitze, nichts tue, dass mögen sie nicht. Das finden sie komisch und kalt und unverständlich. Der Schock, denken sie. Aber ich bin nicht schockiert, mir geht es gut. Ich trinke meinen Kaffee und erinnere mich. Vielleicht auch nur deshalb, weil es sonst niemand tut.

Ich bin gar nicht hier, ich bin ganz weit weg. Unten irgendwo am Boden krieche ich um die Tischbeine herum, kalte Kacheln an meinem Bauch. Das kleine Püppchen über mir, das aussieht wie ich, schweigt und schweigt und schweigt. Nicht der Rede wert.

Menschen laufen durch meine Wohnung. Nicht mehr. Sind endlich weg.
Sie haben nicht gefragt, warum die Blockflöte im Kühlschrank lag. Aber was hätte ich ihnen auch sagen können? Stauraum, hätte ich gesagt. Das hätten die Menschen aber gar nicht verstanden, natürlich nicht. Sie hätten an Raum gedacht, in dem man etwas staut.
Sie hätten nicht gewusst, dass Stauraum auch Raum ist, in dem sich etwas staut. Töne zum Beispiel. Unwahrscheinlich schöne Töne, die auf einem alten, holzigen Mundstück erzeugt wurden, von mir vielleicht, oder von jemand anderem, jemanden der einen Namen hatte, lange bevor die Laute all ihre Bedeutung verloren und meinen eigenen Mund zum Stauraum machten.
Ich trinke den letzten Schluck Kaffee aus. Er ist kalt geworden. Dann stehe ich auf, lege die Flöte zurück in den Kühlschrank.
Der Tod hat Oma mitgenommen, ihr Lächeln, ihre klugen Augen, nur die Töne hat er vergessen. Vielleicht dachte er auch, dass sie nur Ballast sind, dass sie eh mit der Zeit in alle Richtungen verwehen, bis sie niemand mehr hören kann. Er wusste ja nicht, dass man diese Töne bewahren kann, dass sie frisch bleiben, für immer vielleicht, wenn man sie nur kühl genug lagert.

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Clara
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2002

Werke: 3
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warum hat hier noch niemand kommentiert?

Die Geschichte ist soweit sauber geschrieben.
Sie lässt die Erbgeier die Wohnung durchsuchen,
während die Person noch ihre Trauer ihren Erinnerungen nachhängt.

die Flöte ist gut weggelegt dort im Kühlschrank - nur wird man die Töne doch immer wieder hören.

Hier an dieser Stelle

quote:
Hier oben, wo mich die Menschen nicht stören, fliege ich um das Halogenlicht herum, verbrenne meine Gedanken an der Hitze, lasse die Asche hinabregnen auf die kleine, lächelnde Puppe
dachte ich wohl - nur die ebenfalls tote Puppe hat der Flötenspielerin zugehört - und eben da - eine Motte die um den Lichtkegel kreist.

Der Trauernde aber, durchlebt die Zeit gedanklich, die er mit Oma verbracht hat - möglicherweise hat sie sie häufig bei sich gehabt - als Krabbelkind -

evtl. war er ebenso allein wie sie in ihren alten Tagen, so er in seiner Trauer. Denn die anderen nur noch schemenhaft wahrzunehmen - bart kleid haare - macht doch die Bestürzung ziemlich deutlich.

Wie Person sich verhält oder die Anderen - will ich mal nix zu sagen.
Schön durchlebt den Abgang der Oma - und dann wohl auch irgendwann selbst wieder im Leben stehen.
Eigentlich auch komisch, dass sie alle da waren, wo der Staub schon so dick lag? Schreckliche Vorstellung - ganz grausam.

Die Musik verbindet

Der Kühlschrank auch - Hunger und Durst haben alle -
ich befürchte fast, sie hat die Flöte selbst hineingelegt.
Niemand da gewesen, der das Spielen von ihr übernommen hätte. Niemand - so gar kein einziger Mensch
Möglicherweise auch : nie hat jemand zugehört, ihr zugehört.


__________________
Clara

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