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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Kultur
Eingestellt am 05. 07. 2005 13:57


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roro
Hobbydichter
Registriert: Jul 2005

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Der Mensch ist Jäger und Sammler und so erjagt und versammelt er alles, was er in seine gierigen Finger kriegen kann. Eine alte Schreibmaschine ist Abfall, drei alte Schreibmaschinen sind eine Sammlung und somit Kultur. Ja selbst aus Tieren wird, aufgespießt auf kleine Nadeln und geordnet in Glaskästen nur noch Kultur. Ich sage ‚nur noch’, denn der flatternde Schmetterling ist mir Tausend mal lieber als die toten Farbflecken auf Samt.
Kultur ist ja nicht bloĂź Kunst, sondern alles, was der Mensch aus freien StĂĽcken und ohne direkten Zweck entwickelt. Selbst unsere Gesetzessammlungen sind, betrachtet aus der Zukunft, nichts anderes als Ausdruck unserer heutigen Kultur. (In was fĂĽr einer von Kultur ĂĽberfluteten Zeit wir doch leben dĂĽrfen, wo selbst die KrĂĽmmung von Salatgurken zum innigen Ausdruck unseres Selbst wird).
Und Kultur ist ja so überaus wichtig! Jawohl! Das kann man nicht Privatpersonen überlassen. Da muß der Staat sich darum kümmern, Geld dafür locker machen, sie schützen, erhalten und vorführen. Unsere Sammelwut ist so ausgeprägt, daß die meisten Museen kaum zehn Prozent ihrer ach so wertvollen Kulturgüter ausstellen können. Es fehlt der Platz. Und so baut jede Stadt und jedes Dorf fleißig an seinen Museen weiter.
Was für einen Zweck hat dieses Sammeln eigentlich? Heute gibt der Staat fünfundneunzig Prozent für die Konservierung aus und mit nur fünf Prozent unterstützt er zeitgenössische Kunst. Vielleicht macht dieses Verhältnis Sinn, denn der Staat gilt ja allgemein als nicht besonders effizient, wenn es um das Ausgeben von Geld geht.
Pervertiert sehen wir unsere angeborene Sammelwut besonders in der Erhaltung von Architektur: Da werden die häßlichsten grauen Betonklötze aus den Siebziger Jahren zu Kulturgütern, die man nicht ändern, d.h. verschönern oder praktischer gestalten darf. Da pervertiert ein ganzes Dorf wie Allschwil im Baselland und so muß jedes Haus, daß einmal Riegel gehabt gehaben zu haben geschienen hat, bei der nächsten Renovation in ein bäuerliches Schmuckstück des Achtzehnten Jahrhunderts verwandelt werden. Was könnte man doch mit all diesen Millionen und Milliarden, die in alte Architektur gesteckt wird, für sinnvolle Dinge tun.
Dabei stört es mich ja nicht, wenn einzelne, hervorragende architektonische Meisterleistungen erhalten werden. Ich bin dafür, daß man die Akropolis stehen läßt und etwas Geld ins Kolosseum steckt.
Doch vor ein paar Jahren wurde in Basel-Stadt doch tatsächlich ein Gebäude unter Denkmalschutz gestellt, daß ‚keinem Architekturstil zugeordnet werden kann, weil es ein wirres Gemisch verschiedenster Stile sei. Doch gerade diese Wirrheit sei ein wertvolles Beispiel für die kurze Zeitspanne zwischen 1920 und 1926’ oder so ähnlich lautete der Schwachsinn der damals im Gutachten der Denkmalschützer stand.
Verstehen Sie mich bitte richtig. Ich bin nicht gegen Kultur, kann ich ja gar nicht sein. Denn Kultur entsteht laufend, freiwillig, ohne Steuerung. Sie widersetzt sich jeder Kontrolle und geht auch wieder unter, was aber nicht schlimm ist, denn Kultur ist schnelllebig, gehört in eine bestimmte Zeit, eckt meistens an und bringt so unsere Gedanken in Fahrt.
Doch der Mozart im Konzertsaal, das alte Bauernhaus aus dem fünfzehnten Jahrhundert oder die gotische Gemäldesammlung gehören nicht in unsere Zeit, sind nicht Ausdruck unserer Kultur, sondern einer längst vergangenen.
Doch vielleicht sind wir gar kein Kulturvolk, sondern bloĂź ein Folklorevolk?

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jon
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Ohoh, da ist aber jemand zornig! Das verleiht dem Ganzen natürlich Biss, ob es für die angestrebte Sache gut so ist, müsste man abwägen. Es bedient eine Reihe „primitiver“, egoistischer Reflexe ohne diese Ebene irgendwo zu verlassen (und ist damit mit den modernen Wort „populistisch“ gut gekennzeichnet) – somit dürfte es wohl viele „Genau!!“-Rufer ansprechen und könnte damit sowas wie „Druck der Massen“ erzeugen. Andererseits verlässt es diese Ebene eben auch nicht, was es als echte „Arbeitsgrundlage“ für eine Veränderung vollständig unbrauchbar macht. (Allein die vage Frage „Na wie alt muss denn etwas sein, damit es in den Augen des Autors Anspruch auf Schutz hat?“ torpediert den Text vom „Verhaltensvorschlag“ in die Kategoerie „Streit-Anlass“.) So viel zur Wahl des Stils. (Auf die Argumente des Textes gehe ich hier nicht ein – das ist Sache der Themendiskussion, vielleicht des Argumentationshandwerks, nicht aber des Schreibhandwerks.)

Details:

Wer schreit (und das tust du in diesem Text) neigt dazu, die Sprache zu überdrehen – im Ergebnis sind farbig gemeinte Formulierungen einfachmal nur noch falsch, was (üblicherweise) den Verfasser (und den Text) eher diskreditiert statt ihn zu unterstützen.



Der Mensch ist Jäger und Sammler und so erjagt und versammelt sammelt er alles, was er in seine gierigen Finger kriegen kann. Eine alte Schreibmaschine ist Abfall, drei alte Schreibmaschinen sind eine Sammlung und somit Kultur. Ja selbst aus Tieren wird, aufgespießt auf kleine Nadeln und geordnet in GlaskästenKOMMA nur noch Kultur. Ich sage ‚nur noch’, denn der flatternde Schmetterling ist mir Tausend mal tausend Mal lieber als die toten Farbflecken auf Samt.
Kultur ist ja nicht bloß Kunst, sondern alles, was der Mensch aus freien Stücken und ohne direkten Zweck entwickelt. Selbst unsere Gesetzessammlungen sind, betrachtet aus der Zukunft, nichts anderes als Ausdruck unserer heutigen Kultur. (In was für einer von Kultur überfluteten Zeit wir doch leben dürfen, wo selbst die Krümmung von Salatgurken zum innigen Ausdruck unseres Selbst wird Das ist argumentativ überzogen – es entbehrt jeder (hier sichtbaren) Grundlage. ).
Und Kultur ist ja so überaus wichtig! Jawohl! Das kann man nicht Privatpersonen überlassen. Da muß der Staat sich darum kümmern, Geld dafür locker machen, sie schützen, erhalten und vorführen. Unsere Sammelwut ist so ausgeprägt, daß die meisten Museen kaum zehn Prozent ihrer ach so wertvollen Kulturgüter ausstellen können. Es fehlt der Platz. Und so baut jede Stadt und jedes Dorf fleißig an seinen Museen weiter.
Was für einen Zweck hat dieses Sammeln eigentlich? Ich muss hier doch einmal in die Sache einsteigen: Genau diese Frage ist entscheidend – sie einfach als rhetorisch vom Tisch zu wischen „disqualifiziert“ den Text.
Heute gibt der Staat fünfundneunzig Prozent für die Konservierung aus und mit nur fünf Prozent unterstützt er zeitgenössische Kunst. Vielleicht macht dieses Verhältnis Sinn, denn der Staat gilt ja allgemein als nicht besonders effizient, wenn es um das Ausgeben von Geld geht.
Pervertiert sehen wir unsere angeborene Sammelwut besonders in der Erhaltung von Architektur: Da werden die häßlichsten grauen Betonklötze aus den Siebziger Jahren zu Kulturgütern, die man nicht ändern, d.h. verschönern oder praktischer gestalten darf Wer sagt das? Hier fehlt dem Kommentar die sichtbare Grundlage. . Da pervertiert ein ganzes Dorf wie Allschwil im Baselland und so muß jedes Haus, daß das einmal Riegel gehabt gehaben zu haben geschienen hat Riegel gehabt zu haben schien Das ist das, was ich mit „überdrehte Sprache“ meine. , bei der nächsten Renovation Renovierung in ein bäuerliches Schmuckstück des Achtzehnten achtzehnten Jahrhunderts verwandelt werden Anmerkung: Ich habe keine Ahnung, wovon du da redest. Das ist in der Summe des Textes vielleicht nicht von Belang, aber es ist immer besser, im Leser so ein Gefühl („…eh… was bitte?“) nicht zu erzeugen. . Was könnte man doch mit all diesen Millionen und Milliarden, die in alte Architektur gesteckt wird, für sinnvolle Dinge tun.
Dabei stört es mich ja nicht, wenn einzelne, hervorragende architektonische Meisterleistungen erhalten werden. Ich bin dafür, daß man die Akropolis stehen läßt und etwas Geld ins Kolosseum steckt.
Doch vor ein paar Jahren wurde in Basel-Stadt doch tatsächlich ein Gebäude unter Denkmalschutz gestellt, daß das ‚keinem Architekturstil zugeordnet werden kann, weil es ein wirres Gemisch verschiedenster Stile sei. Doch gerade diese Wirrheit sei ein wertvolles Beispiel für die kurze Zeitspanne zwischen 1920 und 1926’ oder so ähnlich lautete der Schwachsinn der damals im Gutachten der Denkmalschützer stand.
Verstehen Sie mich bitte richtig. Ich bin nicht gegen Kultur, kann ich ja gar nicht sein. Denn Kultur entsteht laufend, freiwillig, ohne Steuerung. Sie widersetzt sich jeder Kontrolle und geht auch wieder unter, was aber nicht schlimm ist, denn Kultur ist schnelllebig, gehört in eine bestimmte Zeit, eckt meistens an Das ist inhaltlich falsch: (Moderne) Kunst eckt oft oder (gar meistens) an – Kultur ist aber auch das, woran sie aneckt. und bringt so unsere Gedanken in Fahrt.
Doch der Mozart im Konzertsaal, das alte Bauernhaus aus dem fünfzehnten Jahrhundert oder die gotische Gemäldesammlung gehören nicht in unsere Zeit, sind nicht Ausdruck unserer Kultur, sondern einer längst vergangenen. Das ist inhaltlich falsch: Zur aktuellen Kultur gehört immer auch der Umgang mit der Vergangenheit und ihrer Kultur.
Doch vielleicht sind wir gar kein Kulturvolk, sondern bloĂź ein Folklorevolk?
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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