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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Kunst ist elitär
Eingestellt am 18. 05. 2005 12:32


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MDSpinoza
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Kunst ist elitär

Auch wenn einige jetzt das Verlangen nach Hanfseilen, Teer und Federn verspüren werden, Kunst lebt von der Erhebung des Gegenstandes über das Alltägliche, von der Abstraktion und der Idealisierung.
Jeder Mensch empfindet individuell, das verhindert schon alleine eine Allgemeinverständlichkeit von Kunst. Versuche totalitärer Systeme in West und Ost, auch wenn sie behaupteten, einander diametral entgegengesetzt zu stehen, sehen sich erschreckend ähnlich in ihrer platten Banalität. (National-)sozialistischer „Realismus“ bringt nirgendwo Tiefe oder Emotionalität herüber. Trotz aller technischen Perfektion, die viele dieser Werke auszeichnet, es fehlt das gewisse „Etwas“.
Interessanter- und peinlicherweise sind die besten Kunstwerke des Sozialismus das Produkt ausgeprägter Individualisten und starker Persönlichkeiten wie Brecht, Majakowski, Eisenstein oder Eisler. Auch die sozialistische Belehrungs- und Erbauungsliteratur preist interessanterweise immer das Individuum, indem es besondere „Helden“ herausstellt, die sich irgendwie aus dem Kollektiv erheben. Daß sie nach vollbrachter Tat brav auf jedes Verdienst und jeden Gewinn verzichten, macht es nur noch peinlicher.
Ein künstlerisch Schaffender denkt, bevor das Werk auch nur ansatzweise das Licht der Welt erblickt, bereits in komplexen intellektuellen und emotionalen Zusammenhängen. Er verbindet Dinge, die er noch nicht verbunden sah, er stellt alte Sichtweisen in Frage und schafft neue Perspektiven. Kunst ist immer etwas provokativ, immer etwas fragend, manchmal auch frech.
Kunst, die sich in den Dienst einer „Sache“ stellt, verliert an Intensität und wird meist schnell zu platter Propaganda, im besten Fall zu Werbung.
Kunst ist immer originär, wenn sie einem kreativen Prozeß entspringt. Künstler erliegen oft der Versuchung, sich selbst zu kopieren. Daß sie dabei ihre Technik verfeinern ist oft der einzige Gewinn, der ihnen bei der nächsten kreativen Situation helfen mag, aber meist ist das Selbstkopieren nur ein Symptom einer kreativen Leere oder einer persönlichen Krise. Dabei möchte ich kreative Variationen desselben Themas ausdrücklich vom Vorwurf der Selbstkopie ausnehmen. Das Spielen mit Begriffen, Ausdrucksformen und deren Variationen kann zu überraschenden und interessanten Resultaten führen, ist also ein kreativer Prozeß.
Das Mittel, in dem sich der Schaffende ausdrückt, spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Manch Gemälde ist lediglich Kopie oder Kopie von Kopien, während eine scheinbar zufällig entstandene Photographie durch ihre Sichtweise einen künstlerischen Wert hat.
Nicht jeder kann nachempfinden, was einen Künstler zu seinem Werk inspiriert; manche können ein Werk auf eine Art und Weise rezipieren, die der Künstler überhaupt nicht im Auge hatte, all dies ist möglich, wenn das Kunstschaffen aus einer intellektuellen und emotionalen Fragestellung entspringt und nicht einem Auftrag.
Der Begriff Auftrag sollte hier differenziert gesehen werden. Ein Mäzen, der einem Künstler einen Auftrag gibt um sein Schaffen zu unterstützen, ihm dabei jedoch jede Freiheit der Gestaltung läßt, wird dabei keinen Schaden anrichten. Solchen Aufträgen haben wir einige der besten Kunstwerke der Weltgeschichte zu verdanken. Der „Auftrag“, der oben gemeint ist, ist der politische/gesellschaftliche Auftrag, eine bestimmte Thematik zu propagieren oder zu denunzieren. Solche äußeren Eingriffe in künstlerisches Schaffen sind typisch für totalitäre Systeme, in denen die Machthaber Angst haben vor dem kreativen Potential ihrer Untertanen und deshalb versuchen, das Denken und Empfinden derselben von vorneherein in ihnen genehme Bahnen zu lenken.
Das Infragestellen alter Sichtweisen ist natürlich eine Bedrohung für Verfechter des Status Quo, weshalb man Künstler oft in den Reihen der Dissidenten und Revolutionäre findet, auch wenn sie dort gar nicht hinwollten...

__________________
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Michael Schmidt
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Hallo MDSpinoza,

generell gefällt mir dein Plädoyer für die Kunst, wenn auch der Künstler an sich "idealisiert" dargestellt ist, so ist zumindest meine Meinung.
Aber der Bezug zu den beiden Systemen in Ost und West wird mir nicht klar und erweckt den Eindruck, willkürlich zu sein. Wo ist denn der Zusammenhang und damit die Intention des Textes? Oder habe ich die Stelle überlesen?

Fragende Grüße,

Michael
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Der ErnstFall Michael Schmidt

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MDSpinoza
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Der Zusammenhang erschließt sich aus der Freiheit, in der sich Kunst nur entfalten kann. Im Dienste irgendeines Systems verkommt sie zur ideologischen Krücke.
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Bluomo
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Hallo MDSpinoza,

ich habe mir lange überlegt ob und wie ich auf deinen Beitrag antworten soll. Und ich habe mich dann für diesen Weg entschieden.

Zuerst etwas über Kunst im allgemeinen:
Für mich ist Kunst der Übergang der Wirklichkeit und der Phantasie eines Künstlers aus dem Verstand und Bauch in ein anderes Medium- ob nun Literatur, Malerei, ... .
Dabei ist die Lebenseinstellung einer Person sehr wichtig. Weil sie die Wirklichkeitswahrnehmung und -Wertung der Person beeinflußt.
Besonders deutlich wird dies bei ausgeprägten Künstleregomanen wie z.B. Gottfried Benn. Aus seinen Texten ist sein Zugang zur Wirklichkeit und seine Vorstellungswelt zu erkennen, die stark durch verschiedene Autoren wie Nietzsche und Sprengler geprägt ist. Ich wage sogar zu behaupten, dass Benn nie ein Demokrat war, noch ein wirkliches Interesse an der Demokratie hatte. Somit ist aus seiner Vorstellungswelt eine ästhetische Nähe zum Führerprinzip vorhanden, genau wie das z.B. bei S. George und anderen vorhanden war. Trotzdem hat Benn Lyrik geschaffen, die in ihrer Sprachgewalt etwas besonderes sind.

Es gibt auch Autoren, deren Weltbild kommunistisch oder sozialistisch geprägt ist- und deren Werke etwas besonderes sind. Schwierig wird es meiner Meinung nach nur, wenn die Kunst als Mittel gebraucht wird, um die eigene Ideologie zu transportieren, also die Ideologie vor den eigenen Aussagen der Künstler kommt. Wobei unsere Meinung wohl hier nicht so weit auseinanderliegen.

Es gibt immer zwei Arten der Kunst: die bewahrende und die verändernde Kunst, und der Übergang ist fließend.

Die bewahrende Kunst widmet sich den bestehenden Verhältnissen, wobei diese in zensurlastigen Systemen oft in historischen Darstellungen umgesetzt werden.
Letztendlich kritisiert sie nur einige Auswüchse im bestehenden System und bleibt ansonsten in dem bestehenden System verhaftet.
Eine unkritische Kunst gibt es meiner Meinung nach nicht, weil Kunst gerade aus der Reibung zwischen Ideal und Wirklichkeit entsteht.

Die verändernde Kunst widmet sich den bestehenden Verhältnissen und stellt diesen entweder ein anderes System gegenüber oder betrachtet die Wirklichkeit als Unrechtssytem. Dabei werden nicht nur einzelne Teile, sondern Prinzipien der herrschenden Systems hinterfrage und in Frage gestellt.
Oft genug hat sich die Wirklichkeit so verändert, dass verändernde Kunst entweder zur bewahrenden Kunst werden, oder nicht mehr als kritische Kunst wahrgenommen werden.

Ist Kunst immer elitär:
Das kommt darauf an, wie man elitär definiert:

wenn man es so definiert, dass Künstler einer Elite angehören, weil sie Kunst machen- so werde ich energisch wiedersprechen. Weil Kunst immer eine Anbindung an die Wirklichkeit braucht.
Deutlich wird dies, wenn in der sogenannten "Hohen Literatur" nahezu krampfhaft bestimmte Lösungen abgelehnt werden. Liebesgeschichten müssen tragisch enden, die Perspektive und Stilmittel dürfen in Texten immer wieder hinterfragt werden, "hohe Literatur" darf nicht unterhalten,...
Diese "hohe Literatur" nach den Maßstäben bestimmter Feuellitons ist völlig abgehoben und für die normalen Menschen unverständlich. Elite Schreiber schreiben für Elite Leser. Meiner Meinung nach handelt es sich um künstlich aufgeblasene Schreiberei, Kunst muss aber auch die normalen Leser erreichen. Erreicht sie es nicht, suhlt sich eine Elite mit einer Elite in einem sprachlich codierten Bereich, dann ist es selbstgefällige "Onanierprosa".

Ist Talent die Basis für die Elite der Kunst? Nein, weil es das Talent Schriftstellerei nicht gibt. Jeder Autor hat seine Stärken und Schwächen. Neben dem Sprachgefühl, der Kreativität gibt es Empathie, Durchhaltewillen, Rhythmusgefühl, erzählerisches Talent,...
Das Handwerk Schreiben können die meisten Menschen lernen, die meisten Leute können auch in den Bereichen wie Sprachgefühl angelernt werden. Aber das Talent begrenzt die Entwicklung nur an der Spitze. Aber Kunst ist nicht nur die Spitze.

Ist ein Künstler Elite: wenn man heute den Einfluß der Schriftsteller/ Intellektuellen in Politik, Gesellschaft, Schule, usw. sieht, dann ist der Einfluß eher gering. Auch das Interesse an Autoren in der Breite ist eigentlich nur noch bei einem kleinen Teil der Bevölkerung vorhanden. Auch hier keine Elite.

Ist Kunst Elite? Gerade die von dir angeführte Umwandlung des Alltäglichen in Literatur erscheint auf den ersten Blick als Magie. Kennt man sich ein wenig aus, entschwindet ein Großteil der Magie, weil die Umwandlung zu 90-99% aus Handwerk besteht.
Reicht der Rest aus um Elite zu sein? Meiner Meinung nach eher nicht. Was soll darin Elite sein? Das man zu den besten 100 Autoren in Dtschland gehört? Eine Leistung, aber Elite?? Naja.

Gruss

Bluomo




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