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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kurz mal geträumt
Eingestellt am 13. 04. 2017 11:33


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Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

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Jutta genoss am späten Sonntagmorgen den Ausblick vom Frühstückstisch im Wintergarten ihres Hotels. Sie konnte sich heute am letzen Urlaubstag Zeit lassen. Eine Woche lang hatte sie versucht, mit zahlreichen Wellness-Anwendungen neuen Schwung in ihren müden Körper zu bringen und bei langen Strandwanderungen Abstand vom Alltag zu gewinnen. Für das neue Projekt würde sie in den kommenden Wochen viel Energie brauchen. Aber sie war fest entschlossen, dass dies ihr letzter großer Auftrag sein sollte. Die Reisen, von denen sie seit langem träumte, würde sie notfalls auch ohne ihren Mann machen, wenn er sich wieder querstellte.

Die Ostsee zeigte sich heute von ihrer schönsten Seite. Ein leichter Wind kräuselte das Meer. Im Neuschnee der letzten Nacht wirkte der Strand noch weitläufiger und einladender als zu anderen Zeiten, er glitzerte in der grellen Januarsonne.

Der junge Mann – wobei ihr „jung" in ihrem Alter relativ erschien – musste schon länger am Tisch schräg gegenüber gesessen haben. Jedenfalls hatte sie ihn nicht kommen sehen. Er lächelte höflich, als sie zum ersten Mal zu ihm hinüberschaute. Wie alt mochte er sein? Anfang vierzig? Er fiel auf in diesem Hotel, in dem das Durchschnittsalter der Gäste im Winter eher um die sechzig lag. Sehr attraktiv, fand Jutta. Sie widmete sich ihrem zweiten Frühstücksbrötchen und blickte dabei wiederholt verstohlen zum Nachbartisch. Der Mann fand anscheinend Gefallen an ihr, er starrte nach wie vor versonnen zu ihr herüber. Sie wusste nicht recht, ob sie sein Lächeln erwidern oder lieber abweisend aus dem Fenster schauen sollte. Nach einigen Minuten wurde ihr die Situation ein wenig unangenehm. Obwohl - wann hatte ein männliches Wesen sie zuletzt so interessiert angesehen? Nach dreißig Jahren Ehe kam das nicht mehr häufig vor.

In all diesen Jahren hatte sie niemals auch nur an einen Seitensprung gedacht. Doch seit einiger Zeit beschlich sie zunehmend das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Könnte sie wirklich nein sagen, wenn sich mal eine Gelegenheit ergäbe?

Reiß dich zusammen, beendete sie schließlich ihre Gedankenspiele. Sie gab sich einen Ruck, grüßte zurückhaltend freundlich zum Nachbartisch hinüber und verließ den Frühstücksraum mit schnellen Schritten.
Im Zimmer schaute sie kurz in den Spiegel. Sah sie wirklich schon aus wie Ende fünfzig? Sie gefiel sich selbst wesentlich besser als vor einer Woche. Die Auszeit hatte ihr gutgetan.

Jutta zog sich warm an und spazierte über die Promenade zum Strand. Ein letztes Mal völlig abschalten, einfach an gar nichts denken. Es gelang ihr heute nicht. Hätte sie ein Gespräch mit dem netten Tischnachbarn beginnen sollen? So ein attraktiver Kerl, und diese stahlblauen Augen! Vielleicht war er doch ein wenig älter als er aussah?

An der Seebrücke wartete gerade das kleine weiße Bäderschiff auf die Abfahrt, nur wenige Fahrgäste stiegen bei der Kälte zu. Sie lehnte sich an das Brückengeländer und beobachtete die Möwen, die kreischend über dem Schiff kreisten. Aus dem Kurhaus in der Nähe der Brücke klangen Musikfetzen. Gab es dort nicht sonntags einen Tanztee? Ihr Mann war leider ein absoluter Tanzmuffel. Wie es wohl wäre, mal völlig unbeschwert mit einem Fremden zu tanzen?

„Herrliches Wetter heute, was?“
Sie schreckte auf. Da stand er nun direkt neben ihr, der gutaussehende Mann vom Nachbartisch. Etwas nervös räusperte sie sich, bevor sie ein heiseres „Ja, kann man sagen!“ hervorbrachte und ihn ein wenig hilflos anschaute. Er war größer als sie gedacht hatte, seine schlanke Figur kam trotz der dicken Daunenjacke gut zur Geltung. Ein blaues Stirnband hielt seine widerspenstigen dunklen Haare zurück und unterstrich noch die Farbe seiner Augen.

Mit einer fahrigen Bewegung lockerte sie ihren Schal, sie fühlte eine unangenehme Hitze in sich aufsteigen.
„Ich glaube, ich muss mich wohl bei Ihnen entschuldigen, dass ich Sie vorhin so angestarrt habe“, sagte er, „ich hab einfach zu spät gemerkt, dass es Ihnen unangenehm war.“
Sie war erleichtert, dass er offensichtlich keine Antwort erwartete und gleich weitersprach.
„Ich möchte Ihnen das erklären: Sie sehen meiner Mutter unglaublich ähnlich. Vor einem Jahr waren wir zur selben Zeit zusammen hier, leider ihr letzter Urlaub. Und als ich Sie vorhin im Hotel sitzen sah, haben Sie mich so stark an meine Mutter erinnert, dass ich den Blick nicht von Ihnen wenden konnte. Ich würde es ehrlich bedauern, wenn Sie sich belästigt gefühlt haben sollten!“

Sie hatte keinen Zweifel, dass seine Worte ernstgemeint waren, es lag kein falscher Ton in seiner warmen Stimme.
„Nein, nein, keineswegs!“ antwortete sie kaum hörbar. „Es tut mir leid, dass Ihre Mutter nicht mehr dabei sein kann.“

Eine dicke graue Wolke schob sich langsam vor die Sonne. Jutta sah einen Moment verwirrt zum Himmel und schwieg. Erneut nestelte sie an ihrem Schal, zog ihn wieder fester. Ihr war plötzlich kalt.
„Schönen Tag noch!“, verabschiedete sie sich hastig. Ihr Lieblingscafé lag gleich um die Ecke. Sie brauchte jetzt unbedingt einen heißen Kakao mit Schuss. Ab morgen würde sowieso keine Zeit mehr sein zum Träumen.




Version vom 13. 04. 2017 11:33

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Vagant
???
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Hallo Ciconia,

ja, du scheinst dein Thema gefunden zu haben. Jedenfalls geht es auch hier wieder, nach deiner kurzen Geschichte über die gebrauchten Weihnachtsbäume, um die altbekannten Sachen, wie die Sehnsucht, das Sich-in-Frage-stellen und halt all die ungenutzten Gelegenheiten; ein Berg, der im fortgeschrittenem Alter nicht kleiner zu werden scheint.
Das Setting – der Wintertag an der See, das Wellnesshotel – ist hier sehr schön gelungen, und diese leise Melancholie, die da im Hintergrund rauscht, muss man einfach mögen.
Stilistisch sind Deine Prosatexte nun nicht unbedingt das, was man unverkennbar nennen könnte, aber immer – aber das weißt du ja selbst ganz genau – wie aus dem Schulbuch, und eigentlich gibt es da nichts zu bemängeln.
Mir scheint, dass dir hier und da vielleicht manchmal der Mut zu einer Stilistischen Figur, oder besser gesagt, der Mut zum Griff nach der rethorischen Pfeffermühle fehlt.

Aber nun eins, zwei Gedanken zum Text:

Jutta trägt diese Geschichte. Warum fängst du mit dem Wetter und der See an?
Zweifelsfrei ein sehr schöne Szene, aber ich würde sie Jutta geben, und sie, im Wintergarten sitzend, diese Beobachtung machen lassen. Der Effekt wäre: Du hast weiterhin diese schöne Beschreibung und gleichzeitig würde sie, als Reflexion Juttas, viel über ihren allgemeinen Gemütszustand aussagen.

Adjektive:

Verstohlenes Blinzeln: Eine Tautologie. Ist ein Blinzeln nicht immer irgendwie komplizenhaft, irgendwie verstohlen?

Sympathischer Mann: Da fehlt mir der Bezug. Wer sagt das? Wahrscheinlich der Erzähler, aber woher weiß er das, woher nimmt er das?
Und nächste Frage: Ist ‚sympathisch‘ überhaupt eine Kategorie des Seins, oder doch nicht eher des Scheins? Was meint: Kann man, oder etwas, aus sich heraus ‚sympathisch‘ sein, oder ist dieses ‚sympathisch-sein‘ nicht immer nur in der Wahrnehmung der Reflektorfigur vorhanden?
Ich denke, dieses sympathisch-sein kann immer nur als Ausdruck der Wirkung einer Figur verwendet werden, also als Figurenrede, aber nicht als Erzählerstimme.
Aber das ist nur so ein Gedanke – noch nicht ganz ausgereift.

Ich hab‘s gern gelesen, Vagant.


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Ciconia
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Hallo Vagant,

ein Kommentar, der mich ein wenig aufrüttelt. Schreibe ich wirklich so häufig

quote:
die altbekannten Sachen, wie die Sehnsucht, das Sich-in-Frage-stellen und halt all die ungenutzten Gelegenheiten; ein Berg, der im fortgeschrittenem Alter nicht kleiner zu werden scheint.
Über die fehlende „Pfeffermühle“ werde ich nachdenken. Vielleicht werde ich in nächster Zeit wieder häufiger Prosa schreiben, das hatte ich ja – aus nachvollziehbaren Gründen – in den letzten zwei Jahren ziemlich vernachlässigt und mich mehr in der Lyrik versucht.

Die Gedanken, die Du Dir über diesen Text gemacht hast, sind sehr präzise und nachvollziehbar:
Mit dem „verstohlenen Blinzeln“ hast Du wahrscheinlich Recht, das ist doppelt gemoppelt. Werde ich bei einer Überarbeitung herausnehmen.
quote:
Jutta trägt diese Geschichte. Warum fängst du mit dem Wetter und der See an?
Das hat wahrscheinlich einen ganz simplen Grund: Ich hatte diese Geschichte schon mal in der Ich-Form geschrieben, und da erscheint die Szenerie natürlich sofort aus Juttas Sicht. Das Gleiche gilt für das Adjektiv „sympathisch“ – natürlich ist das auch Juttas Sicht.

Jetzt könnte ich das Ganze wieder in die Ich-Form zurückversetzen oder den Anfang umschreiben. Ich glaube, ich werde mich für Letzteres entscheiden. Aber nicht gleich.

Auf jeden Fall erst mal danke für Deinen Kommentar und die Wertung. Hat mich sehr gefreut.

Gruß Ciconia

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Vagant
???
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Hallo Ciconia,

ich antworte mal öffentlich (auch wenn nun vielleicht gar nichts 'konstruktives' dabei ist); zum einen, weil ich ja hier den öffentlichen Reigen eröffnet habe, zum anderen, weil ich meine, dass die jeweiligen Autoren diese Aufmerksamkeit, die das Nachobenrücken des Textes verursacht, verdient haben.

Zur Themenfindung: mir war, dass ich gelegentlich etwas im 'Gereimten' gelesen habe. Ob's nun der Jo aus Neuruppin war, oder die eine oder andere Figur, das lag halt thematisch oft dicht beieinander. Aber ich kann mich da auch täuschen, hab' ja sicher nur ein Bruchteil dessen gelesen, was du hier veröffentlicht hast.

Was die Ideen betrifft, so habe ich das hier nicht als 'Fehler' bekrittelt sondern als Stellen markiert, die mir beim Lesen aufgefallen sind. Andere Leser mögen das anders lesen. Allerdings bekommt man hier in den Prosaforen eigentlich so gut wie nie eine Rückmeldung; keine Gegenmeinung, keine weiterführenden Gedanken, usw. Na ja, es ist hier meist sehr ruhig. Aber nun, da die 'nachvollziehbaren Gründe' im Babyjahr sind, wird es ja vielleicht wieder etwas lebhafter. Schau'n wir mal.

Das präzise sollte man mal ganz schnell relativieren. Ich bin mir da mit meinen Gedanken oft auch nicht sicher und das ist dann meist nicht mehr, als ein vages Herantasten, ich meine aber, dass es gerade die Adjektive sind, mit denen ein Text steht oder fällt. Und damit meine ich nicht den alten, sonnengegerbten, windflüchtigen Zaun, der soll von mir aus so sein, sondern die Adjektive, die die Erzählstimme nachhaltig beeinflussen.

So, nun war allerdings wirklich nichts mehr zum Text dabei. Sei's drum.

Vagant.


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Ciconia
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Hallo Vagant,

ich bin dir wirklich sehr dankbar für Deinen Hinweis und werde mal sehen, was in bei zukünftigenTexten anders machen kann.

Gruß und schöne Feiertage
Ciconia

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