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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kurz vor Herzsprung
Eingestellt am 01. 02. 2006 12:06


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Devika
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2005

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Kurz vor Herzsprung

Ingrid zog erstaunt eine Augenbraue hoch. Lief da vor ihr wirklich eine Frau am Straßenrand? Eine Frau in einem cremefarbenen Kostüm? Ingrid bremste ihren Wagen ab und fuhr langsam an die Frau heran. Sie kurbelte die Scheibe auf der Beifahrerseite herunter.
„Alles klar bei Ihnen?“
Die Frau sah Ingrid an ohne sich zum Fenster herunterzubücken und ohne stehen zu bleiben.
„Warum sollte es das nicht sein?“
Ingrids Mundwinkel zogen sich leicht spöttisch hoch. „Sie sind barfuß.“
„Ich trage meine Schuhe in der Hand, deshalb bin ich barfuß.“
„Sie tragen Ihre Schuhe in der Hand, weil Sie mit Absatzschuhen nicht auf der Landstraße laufen können, deshalb sind sie barfuß.“
Die Frau im cremefarbenen Kostüm schwieg.
„Ich könnte Sie bis zum nächsten Ort mitnehmen. Dort können Sie sich ein Taxi nehmen.“
„Ich kann laufen, das sehen Sie doch.“
„Bis Herzsprung sind es noch gut sechs Kilometer. Bevor Sie ankommen, wird es dunkel sein.“
„Vielleicht haben Sie recht.“
Ingrid lächelte, stoppte ihr Auto und öffnete die Beifahrertür. Die Frau im Kostüm stieg wortlos ein, zog die Tür zu und schnallte sich an. Ingrid fuhr los.
„Ich bin übrigens Ingrid“, sagte sie.
„Mein Name ist Tamara Markert-Kuttner“, erwiderte die Fremde.

Eine Weile fuhren sie schweigend über die kurvige Allee vorbei an Weizenfeldern.
Ingrid warf einen kurzen Blick auf ihre seltsame Beifahrerin. Tamara Markert-Kuttner trug ihre blonden Haare sorgsam hochgesteckt. Ingrid nahm einen leichten Duft aus Haarspray und Parfum war.
„Darf ich fragen, wo Sie eigentlich hin wollten?“, begann sie.
„Irgendwo hin. Weg.“
Ingrid warf wieder einen Blick auf ihre Beifahrerin. „Ansonsten sind Sie ok? Ihnen ist nichts weiter zugestoßen?“
Tamara Markert-Kuttner sah durch die Frontscheibe. „Kann eine Frau ok sein, die ihr Leben gerade auf den Kopf gestellt hat?“
Die beiden Frauen schwiegen. Sie schwiegen noch immer, als sie das Ortseingangsschild von Herzsprung passierten.
„Wo fahren Sie eigentlich hin?“, fragte Tamara Markert-Kuttner plötzlich.
„Zu einem Hotel außerhalb von Herzsprung. Ich dachte, ich setze Sie am Bahnhof Herzsprung ab, dort haben sie die Wahl zwischen der Bahn und einem Taxi.“
„Ich habe kein Geld.“
„Dann gebe ich Ihnen Geld.“
„Ich weiß gar nicht, wo ich hinfahren soll.“
Ingrid wagte es nicht zu fragen, warum die Fremde ohne Geld und Ziel in einem cremefarbenen Kostüm, barfuß auf einer einsamen Brandenburgischen Landstraße entlang gelaufen und schlussendlich zu ihr in den Wagen gestiegen war.
„Ich kann Sie auch zum Hotel mitnehmen, da können Sie eine Nacht über Ihre Situation schlafen und morgen entscheiden Sie sich, was sie tun möchten. Ich kann Ihnen Geld geben, das ist kein Problem.“
„Gut. Ich werde Ihnen sobald möglich das Geld zurückzahlen.“
„Schon gut.“

Ingrid steuerte den Wagen aus dem Ort heraus und wenige Minuten später hielt sie vor einem alten, aber liebevoll restauriertem Haus. Über dem Eingang hing ein Schild auf dem `Hotel Herzsprung´ zu lesen war.
„Kommen Sie, wir organisieren Ihnen ein Zimmer.“ Ingrid stieg aus und schlug bewusst laut die Wagentür zu. Ein junges Mädchen kam heraus gerannt. Sie fiel Ingrid um den Hals.
„Tante Ingrid! Schön, dass du gekommen bist.“ Ingrid drückte das Mädchen. „Maya! Meine Lieblingsnichte, schön dich wieder zu sehen.“ Das Mädchen zwickte Ingrid in den Bauch. „Du hast doch nur eine Nichte.“ Ingrid lachte. „Und trotzdem bist du meine Lieblingsnichte.“
Eine ältere Frau trat auch aus dem Hotel und ging langsam auf Ingrid und das Mädchen zu.
„Schön, dass du gekommen bist.“, sagte sie kühl. Mit einem Blick auf Tamara Markert-Kuttner fügte sie hinzu: „Du hast doch nicht eine deiner Bekanntschaften mitgebracht?“
„In der Einladung stand nichts davon, dass ich allein zu kommen habe.“, erwiderte Ingrid eisig. „Wir brauchen zwei Zimmer, wirst du das hinkriegen?“
„Tut mir Leid, das ganze Hotel ist für die Hochzeit ausgebucht.“
Maya hatte Ingrids Hand ergriffen. „Sei nachsichtig mit meiner Mutter, sie hat viel Stress wegen der Hochzeit. Aber ich fürchte, sie hat recht, wir haben wirklich kein Zimmer mehr frei.“
„Dass deine Mutter denkt, lesbisch zu sein ist eine Schande, ist eher eine Grundhaltung als ein Stressproblem“, erwiderte Ingrid ihrer Nichte, laut genug, damit auch ihre Schwester es hören konnte.
„Es wird dir sicher nichts ausmachen mit deiner Dame das Zimmer zu teilen. Du hast immerhin ein Doppelzimmer“, warf die ein.
Ingrid musterte ihre Schwester. „Ich freue mich übrigens auch, dich wieder zu sehen, Christine.“ Ein ironisches Lächeln umspielte ihre Lippen.

Ingrid schloss die Tür zu dem Zimmer auf, das sie bekommen hatte.
„Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, sich das Zimmer mit mir zu teilen. Sie wollen sicher zuerst das Bad benutzen.“
Tamara Markert-Kuttner ging ins Bad ohne etwas zu sagen. Als sie wieder heraus kam, hatte sie nicht nur ihre Schuhe an, die sie zuvor noch in der Hand getragen hatte, sie hatte auch ihre Haare geöffnet, die nun in sanften Wellen ihre Schultern umspielten.
Ingrid musste lächeln. „Sie sehen wirklich gut aus. Aber das wissen sie sicherlich.“
Zum ersten Mal lächelte Tamara. „Wenn Sie es sagen, klingt es sehr schmeichelhaft.“
Tamara ging ans Fenster. „Sie denken sicherlich, ich bin verrückt.“
„Kommt drauf an.“
„Auf das, was ich Ihnen erzählen werde?“
„Vielleicht.“
„Ich habe mich von meinem Mann getrennt, auf dem Rasthof Herzsprung. Ich dachte, es wäre unehrlich wieder zu ihm ins Auto zu steigen. Also bin ich einfach losgelaufen. Er machte sich nicht die Mühe mich wieder aufzulesen. Ich lief die Autobahnabfahrt hinauf und dann immer am Straßenrand entlang. Ich zog die Schuhe aus. Wissen Sie, das sind keine Schuhe zum Laufen. Aber dann gingen meine Nylon-Strümpfe kaputt. Es war mir egal, ich lief. Irgendwann habe ich die Strümpfe einfach ausgezogen und ins Feld geworfen. Eine halbe Stunde später habe ich das bereut. Nylons sollen sehr reißfest sein. Was ist, wenn sie sich im Herbst in einem Mähdrescher verfangen? Später bemerkte ich, dass meine Papiere, mein Geld und meine Kreditkarten in meinem Koffer sind und der liegt noch bei Rainer im Auto.“ Tamara drehte sich um und sah Ingrid an, die auf dem Bett saß.
Ingrid hatte keine gewöhnliche Geschichte erwartet, aber erstaunt war sie nun doch. „Vielleicht ist es schon ein bisschen verrückt, sich auf einer Autobahn-Raststätte zu trennen und nicht wieder einzusteigen.“
„Es ist verrückt. Nun habe ich nicht nur keinen Mann mehr, sondern wahrscheinlich auch keine Arbeit. Ich bin Schauspielerin im Hafentheater in Rostock. Rainer ist dort Intendant.“
„Eine Frau wie Sie braucht keinen Mann.“ Ingrid biss sich auf die Unterlippe.
Tamara lächelte sie an. „Vielleicht, aber eine Schauspielerin wie ich braucht einen Intendanten.“
„Viele andere Theater haben auch Intendanten.“ Ingrid versuchte vergeblich, ein schelmisches Grinsen zu unterdrücken.
„Ach was wissen Sie schon“, erwiderte Tamara.
„Sie haben recht, vom Theater weiß ich nichts. Ich kenne mich nur mit Eis und Schnee aus.“
„Eis und Schnee?“
„Ja ich gehöre zu einer Forschungsgruppe, die den Aufbau von Lawinen untersucht. Wussten Sie, dass die kleinsten Teilchen in einer Lawine unten sind? Nicht oben, wie man es vermuten würde. Die großen Brocken gleiten auf den kleinen Teilchen, deshalb sind Lawinen so schnell und haben eine so hohe Zerstörungskraft.“
„Das haben Sie herausgefunden? Wirklich beeindruckend.“ In Tamaras Stimme schwang aufrichtige Anerkennung mit.
„Sehen Sie, Lawinen haben viel gemeinsam mit Beziehungen“, fügte Tamara nach einer Weile des Schweigens hinzu.
Ingrid sah sie verwirrt an.
„Große Unstimmigkeiten zerstören eine Beziehung, aber kleine sind die Auslöser. Entweder Sie bauen jetzt einen Schutzwall oder Sie müssen später sprengen. Das ist es doch, was Sie machen, nicht war? Eine Lawine sprengen, damit sie kontrolliert abgeht. Aber gefährlich ist es dennoch, habe ich im Fernsehen gesehen. Ich habe gesprengt. Lassen Sie es nicht so weit kommen mit ihrer Schwester.“

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GabiSils
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Registriert: Mar 2002

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Hallo Devika,

hey! Das ist wirklich mal eine unerwartete Wendung, die deine Geschichte da nimmt. Leicht erzählt, klug beobachtet und mit einem nachdenkenswerten Schluß. Prima!

Gruß,
Gabi

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Devika
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2005

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Danke Gabi, für dein Kom.

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