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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kurz vor zwölf
Eingestellt am 11. 07. 2014 20:30


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Amarinya
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2001

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Kinder haben wir nicht. Nein, keine Kinder. Kinder sind immer ein Risiko. Was wird aus denen, wenn’s mal auseinandergeht? Die würden doch dann drunter leiden. Und vielleicht noch Unterhalt zahlen? Nein, nein, so dicke hab ich’s nun auch nicht.

Zehn Jahre lang sind wir nun schon zusammen. Oder sind es elf? Ist ja nicht so wichtig. Zu Anfang, ja zu Anfang haben wir den Jahrestag des Kennenlernens immer noch ein bisschen gefeiert, sind mal essen gegangen oder so. Und ein paar Blumen gab es auch.
Aber mit den Jahren ist das weniger geworden. Und irgendwann ist es dann eben ganz eingeschlafen.
Ist aber nicht weiter schlimm. Ich bin ohnehin meistens länger im Büro und Christina hat auch wenig Zeit. Ist immer auf Achse, immer ein Kundentermin nach dem anderen, immer lange auf der Autobahn. Abends müde, keine Lust mehr. Keine Lust zu gar nichts, sag ich immer. Man wird eben ruhiger mit den Jahren. Ist halt so, ist normal.

Ach wo, wir wohnen doch nicht zusammen! Klar, irgendwann haben wir mal darüber nachgedacht. Wäre ja auch schön gewesen irgendwie. So jeden Tag zusammen einschlafen, das hätte schon was. Nach Hause kommen, jemand ist zum Reden da. Wäre schon nicht schlecht gewesen. Wäre vielleicht sogar ein ganz neues Leben gewesen. Wäre vielleicht sogar besser als das alte Leben gewesen. Aber irgendwie ... irgendwie wollten wir das beide nicht. Nicht wirklich. Die Gewohnheiten aufgeben? Ach, das ist nicht so einfach, wenn man nicht mehr ganz so jung ist. Das wär’ doch eine Umstellung gewesen.

Muss ja auch nicht sein. Wir wissen doch auch so, was wir aneinander haben. Wir treffen uns halt, wenn uns danach ist. Und wenn wir Zeit haben, natürlich. Zeit ist das Problem. Zeit ist immer das Problem. Meistens geht die Arbeit vor. Die Arbeit, immer die Arbeit. Kennt ja fast jeder, heutzutage.

Nein, nein, wir sind nicht verheiratet. Davon war eigentlich nie die Rede, all die Jahre nicht. Steuerlich wäre es ja auch nicht interessant gewesen. Beide voll berufstätig und so, da bringt das nichts. Bringt gar nichts. Wozu heiraten, wenn man sich auch ohne Formulare gern hat. Ist doch nicht nötig, oder?

Na, nun müsste sie aber bald kommen. Sie war ja im Urlaub, mit ihrer Freundin. Macht sie eigentlich jedes Jahr. Muss mal raus, sagt sie, muss mal was anderes sehen. Mal Sonne tanken, mal richtig ausspannen. Soll sie. Meinetwegen. Früher, da hat mich das schon gestört. Da hätte ich’s mir andersrum nicht vorstellen können. Ich meine, ohne sie in Urlaub zu fahren. Das wäre mir blöd vorgekommen. Hätte ich nicht gemacht. Aber man gewöhnt sich dran, man gewöhnt sich an alles. Mit den Jahren schleift sich alles ein, irgendwie.

Gut, einen Kaffee bestell ich mir noch, dann wird sie wohl da sein.
Ist heute ziemlich belebt hier auf dem Platz direkt am Dom, hoffentlich findet sie mich gleich.

»Hallo Schatz, da bist Du ja endlich! Na, wie war’s? Braun bist Du geworden, erholt siehst du aus, richtig gut erholt.«
Umarmung, Küsschen, wir machen keine großen Gesten, ist nicht mehr nötig, ist ja nicht das erste Mal, dass sie aus dem Urlaub zurückkommt.

»Stell dir vor«, sagt sie, ein bisschen atemlos sagt sie das, sie ist wohl noch ein bisschen aufgeregt über’s Wiedersehen, immer noch, nach all den Jahren, »stell dir vor, wen ich in Griechenland getroffen habe! Den Robert! Deinen alten Kumpel Robert! Ganz zufällig hab ich den getroffen!«

Robert? Ich muss kurz nachdenken. Ach ja, Robert. Na, ein Kumpel war er nicht gerade. Eher ein flüchtiger Bekannter, ein ehemaliger Arbeitskollege. War lange her. Eigentlich nicht so mein Fall. Immer eine Spur zu schnell. Zu schnell in allem, zu schnell zu begeistern. Robert fand immer alles toll. Robert, der spontane Robert.

»Was treibt denn der in Griechenland«, frage ich.
Sie lächelt seltsam. Ach, sie wirkt ein wenig angespannt, war wohl doch nicht so toll gewesen, die Erholung.
»Der hat da auch Urlaub gemacht. Aber mit ’nem Wohnmobil. Und», ihre Stimme hebt sich leicht, »ganz alleine.«
»Ich kann mich an den Kerl kaum noch erinnern. Der müsste doch jetzt auch so ungefähr Mitte vierzig sein. War doch in unserem Alter.«, sage ich. »Und sonst, was macht der Robert sonst so? Hat der was aus sich gemacht? Ist er inzwischen verheiratet. Familie, Kinder? Wohlstandsbürger? Oder immer noch so ein Hallodri wie früher?«
Robert ist mir plötzlich irgendwie unsympathisch. Auf einmal kann ich den Kerl nicht leiden.

»Nein«, sagt sie, «Robert ist kein Wohlstandsbürger. Ganz und gar nicht. Und verheiratet ist er auch nicht. Noch nicht. Aber in vier Wochen ... «, sie stockt »In vier Wochen wird er heiraten.«
Ihren nächsten Satz verstand ich nicht.
Nicht richtig. Es war kurz vor zwölf gewesen und nun begann, gewaltig dröhnend, die große Glocke des Doms zu läuten und übertönte jedes Wort.
Bing - bong, bing - bong, bing - bong.
Mein Kopf schien mir zu zerspringen, mein Herz begann zu rasen, meine Hände zitterten und ich war nicht fähig, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.

»Mich«, höre ich sie in all dem Dröhnen wie aus weiter Ferne noch einmal sagen, «mich wird er heiraten.«

Eben noch war es kurz vor zwölf gewesen, ganz kurz vor zwölf.

__________________
Amarinya

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Architheutis
Guest
Registriert: Not Yet

Servus Amarynia,

quote:
Zu Anfang, ja zu Anfang haben wir den Jahrestag des Kennenlernens immer noch ein bisschen gefeiert, sind mal essen gegangen oder so. Und ein paar Blumen gab es auch.
Aber mit den Jahren ist das weniger geworden. Und irgendwann ist es dann eben ganz eingeschlafen.

"...zu Anfang...ein bisschen gefeiert...mal essen gegangen oder so...ein paar Blumen gab es auch."

Aber mit den Jahren ist es weniger geworden? Die haben doch seit Beginn den Nullpunkt ihrer Romatik erreicht. ;-)

Das wirkt dadurch lapidar, soßig, belanglos. Du musst hier eine Entwicklung schildern.

quote:
Ach wo, wir wohnen doch nicht zusammen! Klar, irgendwann haben wir mal darüber nachgedacht. Wäre ja auch schön gewesen irgendwie.


...sie wohnen also nicht zusammen

...dann heiraten Sie nicht

...dann fahren sie nicht mehr gemeinsam in den Urlaub, obwohl sie das früher gemacht haben

...sie ist toll erholt, braun gebrannt

...dann ist sie ein "bisschen aufgeregt über’s Wiedersehen, immer noch, nach all den Jahren"

...sie traf Robert, des Prots alten Kumpel, die Erholung war doch nix, obwohl braun gebrannt

...Robert war eher nicht so sehr der Fall des Prots, eher ein flüchtiger Arbeitskollege

...Jahre nicht gesehen

...dann (!) ist Robert unsympathisch

...dann dröhnt es, und Sie wird Robert heiraten! Feurio!


Meine Güte, welch eine Kioskliteratur, bar jeder Plausibilität, bar jeglichen Sprachwitzes, bar jeder Originalität.

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Nosie
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Deine Geschichte hat was, auch dein Schreibstil mit den kurzen Sätzen gefällt mir gut. Dein Protagonist verkörpert eine Sorte Mann, die mir schon öfter begegnet ist. Nach aussen hin immer cool, nur ja keine Sentimentalitäten, Gefühle zeigen wurde ihm von Kind an abgewöhnt und schließlich aus der Wahrnehmung gestrichen. Erst als sein vegetatives Nervensystem angesichts vollendeter Tatsachen Alarm schlägt, wacht er auf.
Die Szene mit der Glocke gefällt mir auch gut, nur dass die beiden Urlauber gleich heiraten wollen, finde ich kitschig und nährt das schon längst überkommene Klischée, dass Frauen nichts anderes wollen als geheiratet werden.

Ein bißchen kürzer könnte die Geschichte sein, sie würde dadurch an Tempo gewinnen, z.B. hier:

quote:
Nach Hause kommen, jemand ist zum Reden da. Wäre schon nicht schlecht, gewesen. Wäre vielleicht sogar ein ganz neues Leben gewesen. Wäre vielleicht sogar besser als das alte Leben gewesen. Aber irgendwie ...

Den letzten Satz würde ich ganz weg lassen, er zerstört die Stimmung teilweise wieder, auch den Hinweis im vorhergehenden Absatz, dass es kurz vor dem Geläute fast zwölf war. Die Szene braucht den Wink mit dem Zaunpfahl, dass es "fünf vor zwölf" war nicht, um zu wirken.

Liebe Grüße
Nosie
__________________
Ein anständiger Mensch tut keinen Schritt, ohne Feinde zu kriegen. (Hermann Hesse)

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Amarinya
Wird mal Schriftsteller
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Hallo Architheutis und Nosie,

danke, dass Ihr Euch mit meiner Geschichte beschäftigt habt!

Fast bin ich versucht zu sagen: Architheutis hat die Geschichte nicht verstanden, aber Nosie hat sie verstanden. ;-)
Aber das wäre natürlich zu kurz gesprungen, denn wenn Architheutis anscheinend nicht ganz klar geworden ist, wie ich das dargestellte Geschehen wirklich meine, dann liegt es nicht an ihm als Leser, sondern an mir als Autor, oder?

Nur ein Beispiel:
Architheutis, Du kritisierst u. a. das Folgende, das Dir unlogisch erscheint:

quote:
...dann ist sie ein "bisschen aufgeregt über’s Wiedersehen, immer noch, nach all den Jahren"

Klar, ist das unlogisch bei der ganzen Vorgeschichte.
Aber mit Absicht.
Denn dass die Frau atemlos ist, verleitet den Ich-Erzähler zu der Annahme, dass sie "wohl noch ein bisschen aufgeregt über’s Wiedersehen" ist. Diese Annahme versuche ich mit dem Wort "wohl" auszudrücken.
In Wirklichkeit aber ist die Frau deswegen atemlos, weil sie schon weiß, was sie dem Erzähler gleich eröffnen wird (nämlich dass sie sich in Robert verliebt hat). Der Erzähler aber, abgestumpft, wie er ist, ahnt nichts und schiebt die Atemlosigkeit auf die Wiedersehensfreude.

Na ja, so habe ich's gemeint.
Aber wenn man's erklären muss, ist es wohl nicht gut geschrieben. Müsste ich vielleicht noch mal überarbeiten.

@Nosie:
Ja, was Du über den Protagonisten schreibst, ist ungefähr das, was ich ausdrücken wollte. Ich freue mich, dass es bei Dir offenbar doch rübergekommen ist.

Was das heiraten betrifft: Da hast du Recht.

Mit dem "gewesen" in Deinem Zitat: das möchte ich gerne lassen, weil es zum ausdruck bringen soll, dass diese Überlegungen abgeschlossen sind. Sie sind Vergangenheit. Aber vielleicht nehme ich einen der zitierten Sätze raus, denn etwas kürzer könnte es sein, das stimmt.

Und den letzten Satz ganz rauszulassen, überlege ich mir ebenfalls noch mal.

Danke für Deine konstruktive Kritik!
__________________
Amarinya

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