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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kurz vorher
Eingestellt am 21. 01. 2007 19:48


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Auf SchwĂ€tzer kann ich verzichten. Nicht nur in der Politik. Sie kĂŒndigen an und kĂŒndigen an und verzichten auf Taten. Konnte ich denn, da ich die Strecke zum ersten Mal fuhr, ahnen, dass der Regionalexpress vor Koblenz nicht mehr hielt?
Fast lĂŒstern lĂ€chelnd begrĂŒĂŸte er mich, als ich zu ihm ins Abteil stieg, legte seine Zeitschrift- offenbar gehobene Pornographie - beiseite und zog die Beine so weit an, dass ich mich unmittelbar aufgefordert fĂŒhlte, ihm gegenĂŒber am Fenster Platz zu nehmen. HĂ€tte lieber an der AbteiltĂŒr gesessen. Er war hager und sah Ă€lter aus. Um die sechzig, vielleicht auch gut fĂŒnfzig. Es kostete MĂŒhe, ihm in die grau gerĂ€nderten, leicht vorstehenden Augen zu blicken. Sein RĂ€uspern drohte GeschwĂ€tzigkeit und indiskrete Fragen an. Die HĂ€nde lagen halb geöffnet auf grau behosten schmalen Oberschenkeln, als wage er nur unter Skrupeln, um eine Spende zu bitten.
„Sie machen einen ehrlichen Eindruck, mein Herr. Krasse Egoisten sind solche, die sich nicht dafĂŒr halten. Halten Sie mich..., sagen Sie mir spontan ihren ersten Eindruck, halten Sie mich fĂŒr einen Egoisten?"
„Aber ich kann doch jetzt noch nicht beurteilen...!“
AllmĂ€hlich ballt er seine HĂ€nde zu FĂ€usten. Spricht plötzlich abgehackt, leise, leidend. "Wissen Sie, selbst wenn ich jetzt im Sterben lĂ€ge und nur noch Minuten zu leben hĂ€tte, wĂŒrde ich Sie niemals bitten, bei mir zu bleiben!“
Er zieht sein zerknittertes weißes Oberhemd aus der Hose, streicht es andĂ€chtig ĂŒber dem Bauch glatt. Den Mund halb geöffnet lehnt er sich aufseufzend zurĂŒck, starrt mir auf die Knie, die ich mit zusammengepressten Schenkeln zwischen



seinen breitbeinig dargebotenen Knien seinem Blick ĂŒberlasse. „Sie sind doch ein bescheidener Mensch. Oder ?“
„Ja, schon....“
„Sehn Sie, meistens begegnen sich Ă€hnlich gestrickte Leute. Kontakte mit Andersartigen scheut der Mensch. Obwohl er ziemlich neugierig ist!“
Mein GegenĂŒber kneift die Augenlider zusammen. „Eigentlich wollte ich nach Koblenz. Diesmal werde ich vorher aussteigen!“
„Sie wohnen in Koblenz?“
„Vor gut zehn Wochen noch, bevor ich in die Klinik musste! Habe noch eine kleine Wohnung in der Mainzer Straße.“ Er schiebt die schmuddelige Hemdsmanschette hoch und sieht auf die Armbanduhr. „In fĂŒnf Minuten wĂ€ren wir da!“
Ruckartig steht er auf, reicht mir die Hand. „Wiedersehen werden wir uns wohl kaum!“
„HĂ€lt der Zug noch vor Koblenz?“ will ich fragen. Er schiebt schon die AbteiltĂŒr zu. Verschwindet in den Gang des Waggons.

Dem Polizeiaufruf zu folgen, die Leiche eines unbekannten etwa 50-JÀhrigen zu identifizieren, wÀre nicht in seinem Sinn. Kinder fanden sie im Graben an der Eisenbahnstrecke Köln-Koblenz. Den Mann habe bisher niemand als vermisst gemeldet.

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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