Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92245
Momentan online:
310 Gäste und 15 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Gereimtes
Kurze Begegnung
Eingestellt am 11. 08. 2003 01:02


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Andrea1694
Hobbydichter
Registriert: Oct 2002

Werke: 81
Kommentare: 273
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Andrea1694 eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Kurze Begegnung

Einer ganz besonderen Frau gewidmet!

1. Tag
Wir lernten uns kennen, als ich den Vater meines Freundes, im Krankenhaus besuchte.

Deine Zimmert├╝re stand weit offen. Du hattest aufrecht im Bett gesessen und Dich in einem gleichm├Ą├čigen Rhytmus hin und her bewegt, fast so, als w├╝rde Dich eine innere Unruhe treiben.

Wie ich sp├Ąter erfuhr, sollten Dich die heraufgezogenen Gitterst├Ąbe davor bewahren, aus dem Bett zu fallen. Doch f├╝r mich wirkten sie wie ein Gef├Ąngnis.

Dein schmales Becken war von einer Windel umschlossen, wohl wiederum zu Deinem Wohle, weil Du das Wasser nicht mehr halten konntest. F├╝r mich strahlte es Deine Hilflosigkeit aus.

Als sich unsere Augen begegneten, wirkten die Deinen kraftlos und vollkommen leer und eine Schwester meinte zu mir, dass Du einfach nicht mehr Du selber seist. Ich sah Traurigkeit und Einsamkeit in ihnen.

In regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden sprachst Du immer wieder einen weiblichen Namen aus. F├╝r mich wirkte dies wie ein Hilferuf Deinerseits.

Ich betrat Dein Zimmer und stellte mich Dir vor. Zaghaft strecktest Du mir Deine kn├Âchrige Hand entgegen und schenktest mir ein unvergessliches l├Ącheln.

Wir unterhielten uns, eine knappe viertel Stunde, miteinander und ich versprach Dir, bei meinem Abschied, Dich von nun an jeden Tag zu besuchen. Ich wusste nicht, dass es nur 4 Tage werden w├╝rden.

2. Tag
Als ich in Dein Zimmer trat, strahlte mir Dein l├Ąchelndes Gesicht entgegen. Die Schwester meinte, dass Du sehr selten Besuch bek├Ąmst und erlaubte mir, auf Grund meiner Bitte, mit Dir ein wenig auf dem Flur spazieren zu gehen.

Ich schob Dich im Rollstuhl vor mir her. Die Sterilit├Ąt, der wei├č get├╝nchten W├Ąnde, wurde durch zauberhafte, farbenfrohe Bilder unterbrochen. Wir schauten uns jedes einzelne, dieser Bilder an, philosophierten ├╝ber unser Empfinden, beim Anblick der k├╝nstlerischen Dar-
stellungen und diskutierten angeregt ├╝ber einzelne Farben.

F├╝r mich warst Du einfach eine wunderbare Frau, die auf Grund Ihrer 93 Jahre, schon einiges an Lebenserfahrungen gesammelt hatte.

Beim verabschieden sagtest Du mir, ganz aufgeregt, dass ich Dich am n├Ąchsten Tag im Hause Deiner Tochter besuchen k├Ânne, da Du aus dem Krankenhaus entlassen werden solltest. Ich sah in Deine strahlenden Augen und freute mich von ganzem Herzen f├╝r Dich.

3. Tag
Eine Schwester erz├Ąhlte mir, dass Du vor einigen Stunden in ein Altersheim gekommen w├Ąrest, weil sich Deine Tochter nicht mehr um Dich, als Pflegefall, k├╝mmern wollte. Diese Mitteilung traf mich wie ein Schlag in mein Gesicht, ich verstand es nicht.

Ich erkundigte mich im Altersheim nach Deiner Zimmernummer und stand, mit etwas zittrigen Knien, vor einer verschlossenen T├╝r. Zaghaft klopfte ich an und trat ein.

Du sa├čst mit ausdruckslosen Augen in einem Rollstuhl am Fenster. Langsam kam ich n├Ąher und beugte mich zu Dir herunter. Du schautest mich traurig an und meintest ganz leise zu mir, dass Dich Deine Tochter am Abend nach Hause holen w├╝rde.

Wir gingen im Park spazieren und verweilten einen Augenblick an einem kleinen See, doch es war mir nicht m├Âglich, Dir ein l├Ącheln abzugewinnen. Auch meine Gedichte, die Dich zuvor erfreuten, halfen nicht, Dir Deine Traurigkeit zu nehmen.

Sp├Ąter verabschiedete ich mich von Dir und versprach, am morgigen Tag wieder zu kommen. Beim verlassen des Altersheimes, rannen mir Tr├Ąnen an den Wangen entlang und brannten sich tief in meine Haut hinein.

4. Tag
Bevor ich zu Dir kam, wollte ich wieder den Vater meines Freundes besuchen.

Die Zimmert├╝re, des Zimmers, in dem Du schon einmal lagst, stand wieder weit offen. Ich blickte hinein und sah auf eine zusammengekauerte, alte Frau. Es warst Du.

Vor Deinem Bett sa├č eine Deiner T├Âchter, wie ich erfuhr, als sie sich mir vorstellte.

Langsam kam ich n├Ąher an Dein Bett und sprach Dich mit Deinem Namen an. Du b├Ąumtest Dich regelrecht, mit letzter Kraft, auf und fl├╝stertest meinen Namen, fast so, als h├Ąttest Du auf mich gewartet.

Ich schlo├č Dich in meine Arme und sagte >> es wird alles wieder gut << und k├╝sste Dich zum Abschied auf Deine Stirn. Danach rann ich aus dem Zimmer, weil ich das Herannahen Deiner letzten Stunden sp├╝rte und meine Tr├Ąnen nicht mehr aufhalten konnte.

Du verstarbst am gleichen Tag.

M├Âge Gott Dir den ewigen Frieden schenken!

Andrea
11/08/03

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


silverbird
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2003

Werke: 35
Kommentare: 251
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um silverbird eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

das sind unglaublich eindr├╝ckliche Zeilen. Im ersten Teil gef├Ąllt mir vor allem jeweils, wie du die ├äusserungen der Pflegerin mit deinen eigenen Wahrnehmungen und Deutungen vergleichst. Ich finde es wundersch├Ân, wie du einen Weg zu dieser Frau gefunden hast und ihr die letzten Tage ihres Lebens mit Sonne erf├╝llt hast.
Liebe Gr├╝sse
silverbird
__________________
es gibt immer Lichter in der Nacht, auch wenn die Augen sie erfinden m├╝ssen.
John Steinbeck

Bearbeiten/Löschen    


Andrea1694
Hobbydichter
Registriert: Oct 2002

Werke: 81
Kommentare: 273
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Andrea1694 eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Kurze Begegnung

Liebe Silverbird,

bin wirklich auch froh dar├╝ber, diese Frau noch vor ihrem Tode kennenlernen zu d├╝rfen. Unsere Gespr├Ąche miteinander haben mir sehr viel bedeutet.

Viele schreiben alte Menschen einfach ab, stellen sie teilweise sogar als Idioten hin, weil ihre K├Ârper als auch ihre Seelen, bedingt durch die vielen Jahre ihres Lebens, einfach immer mehr zerfallen.

Doch, haben nicht auch unsere M├╝tter und V├Ąter sich um uns gek├╝mmert? Sollten wir uns nicht daher auch im Alter um sie k├╝mmern???

Mich bewegen sehr viele Dinge, die f├╝r mich einfach unverst├Ąndlich sind und eine tiefe Traurigkeit in mir ausl├Âsen.

F├╝r diese Zeilen, ├╝ber diese bemerkenswerte alte Dame, brauchte ich knapp ein Jahr, weil ich meine Trauer nicht recht ├╝berwinden konnte.

W├╝nsche Dir eine gute Nacht und noch viele sch├Âne Stunden mit Deinen Enkelkindern.

Herzliche Gr├╝├če,
Andrea

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Gereimtes Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!