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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kurze Rückkehr
Eingestellt am 01. 12. 2004 23:53


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chrissieanne
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Registriert: Mar 2003

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Wie ist sie bloß hierher gekommen?
Alles ist so fremd und überall sind Menschen, die sie nicht kennt. Manche haben weiße Sachen an. Weiß ist eine Farbe. Und es gibt auch grün und rot. Sie kommen und reden so laut. Sie versteht sie nicht. So viele Wörter. Manche kommen ihr bekannt vor. Doch sie bekommt sie nicht zu fassen, weil man sie nicht nachdenken lässt. Der Mann mit den weißen Sachen fasst sie immer an. Er zerrt an ihr. Sie hat solche Angst. Was will er? Es tut auch weh. Und ständig redet er. Dann ist sie nackt. Ja, nackt ist sie - das ist nicht gut. Und er wischt mit etwas an ihr,und es ist nass und kalt. Sie will das nicht.
„Ich will das nicht!"
Doch er versteht sie nicht. Er redet und zerrt weiter.
„Ich will nach Hause!"
Genau. Das ist es. Sie muss nach Hause!
„Aber sie sind doch zu Hause. Hier ist ihr Zuhause!"
„Nein, nein. Das muss ein Irrtum sein. Irgendwer muss sich vertan haben. Ich war noch niemals hier. Wie bin ich an diesen Ort gekommen? Jemand soll mich wieder nach Hause bringen!"
Sie muss weinen. Dann ist er plötzlich weg. Und sie sitzt und hat Sachen an.
Sie muss ganz fest nachdenken. Wo bin ich? Ich will heim! Sie muss ja einfach nur gehen. Ja, ich gehe jetzt heim. Erstmal schlafen. Sie ist müde. Sie erschrickt. Da fasst sie wieder jemand an. Eine Frau. Ja, das ist eine Frau. Sie redet. Warum müssen alle immer reden? Sie kann sie doch nicht verstehen. Die Frau redet anders. Nicht so laut sondern ... weich, ja so heißt das Wort. Sie fasst sie auch anders an. Manchmal ganz um sie herum. Es ist schön und warm. Doch sie hat Angst. Immer. Wer ist das? Ich kenne niemanden. Sie versteht manche Wörter dieser Frau, weil sie so leise und langsam spricht. Tochter hört sie.
„Ich bin deine Tochter, Mutter! Sabine! Erkennst Du mich denn nicht?"
Tochter. Mutter. Diese Worte kennt sie. Sabine. Das ist ein Name. Sie ist ihre Tochter und sie ist die Mutter. Das ist wohl etwas Besonderes. Aber sie hat diese Frau noch nie gesehen. Doch ihr wird so komisch wenn sie sie ansieht. Es ist so ein ähnliches Gefühl wie bei dem Anblick dieser alten Frau, die sie immer anstarrt, wenn sie in dieses Ding an der Wand schaut.
Die Frau fasst sie an. Hebt sie hoch und dann sitzt sie wieder und wird bewegt Hinaus aus dem Zimmer.
„Bringen sie mich jetzt nach Hause?"
„Ja, Mutter, wir fahren jetzt nach Hause."
Mutter - ist das ihr Name?
Ein langer Flur. Viele Türen. Ein Mann in weißen Sachen läuft neben ihr her. Sie wird bewegt. Immer nach vorne. Was bewegt sie? Sie muss aufstehen und laufen. Etwas drückt sie nieder. Sie schaut sich um. Eine Frau hinter ihr.
„Mutter, bitte, bleib doch sitzen. Wir beide gehen jetzt heim."
Heim. Das ist gut. Diese Frau bringt sie jetzt dahin, wo sie herkommt und hingehört. Nach Hause. Die Frau bewegt sie, ohne dass sie selber was tut. Vielleicht ist sie ein Engel. Ein Engel? Was ist das? Doch es ist gut. Ja es ist gut.
Der Mann, der neben ihr herläuft, macht eine Türe auf, und etwas beißt in ihr Gesicht. Sie lacht und schaut nach oben. Da ist es unendlich und schwarz mit kleinen leuchtenden Tupfern. Überall ist es dunkel aber frei. Und weiß auf dem Boden. Weiß, wie die Sachen von dem Mann, der immer noch nebenher läuft. Weiter wird sie bewegt auf ein.... rotes Ding zu. Sie kennt das.... ein Auto. Es fällt ihr ein. Ein Auto und sie freut sich und wehrt sich nicht gegen die Griffe von dem weißen Mann und einer Frau, die sie in das Auto setzen.
Dann ist die Frau vorne und der Mann draußen und es bewegt sich wieder, doch der Mann bleibt zurück und
wedelt mit der ... Hand.
Sie sitzt in einem kleinen Raum, und wenn sie den Kopf zu irgendeiner Seite bewegt, huscht immer etwas vorbei. Lichter, Schatten. Wo bin ich? Was passiert mit mir? Vorne sitzt eine Frau und sagt etwas.
„Mutter, beruhige dich doch. Wir fahren nach Hause. Wir sind gleich da. Hab keine Angst!"
Angst. Ja, die hat sie. Das kennt sie. Nach Hause. Das ist gut.
Dann huscht nichts mehr, und die Frau ist fort. Hilfe! Ich muss hier raus. Etwas neben ihr wird geöffnet, und sie wird angefaßt und heraus gezerrt. Eine Frau und ein Mann. Sie reden.
„Hallo Mutter. Schön, dass du da bist. Wir freuen uns alle so."
Das sagt der Mann und ist ganz um sie herum.
Sie sitzt wieder und wird bewegt und es beißt erneut so schön. Da ist ein Haus und die Türe ist weit offen. Sie wird durch die Türe bewegt, der Mann läuft nebenher. Es ist warm und duftet ganz vertraut. Ein kleiner Flur und ganz schnell durch eine offene Tür. Da sind drei Kinder und ein grüner Baum, der leuchtet. Und darunter steht eine....Krippe. Die Kinder spielen ....Instrumente. Akkordeon, Gitarre und Blockflöte. Und sie spielen eine Melodie.... ja, die kennt sie. „Stille Nacht, Heilige Nacht" Das schönste Lied in diesen Tagen. Sie singt die geliebte Melodie und ein Vorhang wird von himmlischer Hand zur Seite geschoben......
„Das ist ja eine Überraschung! Da habt ihr Eurer Oma aber eine ganz grosse Freude gemacht! Sabine, Werner.. ich wußte ja gar nicht, dass die Kleinen so schön spielen können! Und so ein schöner Baum! Nur schade, dass der Lieblingesengel von Opa damals kaputtging. Aber er würde ihm trotzdem gefallen. So, jetzt gebt ihr mir aber alle einen dicken Kuss!" Sie umfängt ihre Enkelkinder, die ihr jauchzend um den Hals fallen, herzt und küßt sie.
Dann hält sie ihren Schwiegersohn im Arm, dann ihre geliebte und einzige Tochter.
„Ja, aber Kind, warum weinst Du denn? Keine Tränen am Heiligen Abend. Es ist der Tag der Freude und der Liebe. Unser Herr Jesus ist geboren!"

Sie sitzt in einem schönen Raum. Mit netten Menschen. Ein Mann und eine Frau und drei Kinder. Es riecht gut, und es ist warm. Sie fühlt sich wohl. Doch wie ist sie hierhin gekommen? Wer sind diese netten Leute? Es ist ein fremder Ort, aber sie hat keine Angst. Manchmal hört sie vertraute Melodien, die sie mitsummen kann. Und sie ist sich sicher, dass sie diese Menschen fragen kann, wo ihr Zuhause ist.




__________________
Das Buch soll die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Franz Kafka)

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flammarion
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das ist

zum heulen schön! donnerwetter, so treffend und einfühlsam hat noch keiner über alzheimer kranke geschrieben.
ganz lieb grüßt
__________________
Old Icke

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norge
Hobbydichter
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Kann ich nur bestätigen. Erst recht geheimnisvoll, dann erkennt man, worum es geht und kann sich wirklich vorstellen: Ja, so könnte es sein. So könnten diese armen Menschen fühlen. Hier eine kleine Erinnerung. Im nächsten Moment schon wieder verflogen.
Klasse. Einmal weiß sie, dann wieder nicht.
So könnte es wirklich sein.
Besonders schön finde ich aber bei deiner Geschichte, dass sie trotz der Aussichtslosigkeit, sowohl für die Frau als auch für die Familie, mit etwas wie einem Happy End endet. Klar, sie ist unheilbar krank und klar, es stehen noch schwere Zeiten bevor- aber all das bleibt dem Leser offen. Die Geschichte endet in einem Moment, wo es der Hauptfigur gut geht.
Das ist sehr entspannend nach soviel Stress und zeigt, wie wichtig Familie ist. Ob man nun weiß, dass... oder sich einfach nur gut fühlt!

Viele Grüße

Inga

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chrissieanne
Häufig gelesener Autor
Registriert: Mar 2003

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besser spät als nie

bedanke ich mich für eure lobenden worte, liebe flammarion und norge. ich freu mich sehr, dass mein versuch in die haut einer alzheimer kranken zu schlüpfen, für euch gelungen zu sein scheint. letztes jahr hab ich sie geschrieben nach einer aufforderung, eine etwas andere weihnachtsgeschichte zu schreiben. und da ich diese krankheit so entsetzlich finde, mir einfach nicht vorstellen konnte, so ein schicksal erleiden zu müssen, und wie man sich fühlt in dieser einsamen welt - hab ichs gewagt es zu versuchen. nie hätte ich gedacht, dass sie ankommt beim leser. das es funktioniert hat. war und bin richtig glücklich darüber. auch wenn nie irgendwer es jemals wird begreifen können wie es ist, nichts mehr zu begreifen, völlig verloren zu sein. nur noch ein ahnen von ganz alter erinnerung zu haben und sonst nur noch angst und fremdheit. so stell ichs mir vor.
lg
chrissieann
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Das Buch soll die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Franz Kafka)

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flammarion
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hm,

ich bin in meinem seniorenclub mit dieser krankheit in berührung gekommen. es ist genau so, wie du es beschrieben hast. zb hat meine bekannte auf dem wege zur toilette ihr portemonnaie verloren. es waren nur zehn schritte. wir haben es nicht gefunden. sie hat es sich nur eingebildet.
lg
__________________
Old Icke

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