Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5552
Themen:   95265
Momentan online:
563 Gäste und 15 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kurzgeschichte Rückwärtszeit
Eingestellt am 21. 03. 2018 17:14


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Reeno RPR
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2018

Werke: 6
Kommentare: 4
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Reeno RPR eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Rückwärtszeit

Mit zittrigen Fingern steckt sie den Schlüssel in das Türschloß, er passt noch, das war nicht immer so. Das Zittern kommt nicht von der Kälte oder einem Leiden, nein, sie ist aufgeregt, entsetzt, neugierig, was sich in der Zeit, in der sie einkaufen war, in ihren kleinen Reihenhaus verändert hat. Sie lebt allein, ist 62 Jahre alt, sieht aber seit vier Wochen aus wie eine 80jährige Greisin. Schlaflosigkeit und Angst haben ihr in diesen langen vier Wochen zugesetzt. Sie besitzt nur dieses Häuschen und ihre kleine Rente. Verkaufen kann sie ihre Immobilie in diesem Zustand nicht, das Haus verlassen geht auch nicht, dazu reicht das Geld nicht und sie wird von Tag zu Tag schwächer, antriebsloser.
Vor vier Wochen begann es. Es war spektakulär, aber nur für sie. Wahrscheinlich ahnt kein Mensch wie spektakulär dieses winzige Wetterleuchten, das nicht einmal ansatzweise ein Gewitter war, ihr Leben verändern würde. Sie lag noch wach im Bett, grübelnd. Sie dachte über den Tag nach, den sie mit Freunden musizierend verbracht hatte, sie dachte an ihr Spiel, daran, wie sie ein Glissando, also stufenlose Tonhöhenveränderung auf ihrer Klarinette in den hohen Tönen sauberer spielen könnte, dabei bemerkte sie mit geschlossenen Augen, dass Lichter zuckten, ein Wetterleuchten direkt über der Reihenhaussiedlung brachte diesen Effekt. Ruhig fiel sie in den Schlaf, doch schon Minuten später ächzten die Dachbalken vernehmlich, dazu gab es ein Geräusch als würden die Dachpfannen aufeinander reiben. Dann war es still. Eine Windboe, so ihre Vermutung, schließlich schlief sie wieder ein.
Am nächsten Morgen erwachte die Frau, sofort als sie die Augen aufschlug, packte sie Entsetzen. Sie blickte sich um, kniff sich kraftvoll in den Unterarm, um zu vermeiden in einem bösen Traum zu sein, doch nichts änderte sich. Sie saß hier in ihrem Bett, in dem Bett, dass sie vor vier Jahren auf den Sperrmüll gegeben hatte, in dem Zimmer, das sie vor vier Jahren hatte komplett renovieren lassen, so wie das gesamte Haus. Sie hatte damals das Geld, das ihr die Versicherung nach dem Unfall ihres Mannes auszahlte in diese Renovierung investiert, um alle Erinnerungen an die lange Zeit mit ihm zu löschen. Sie stieg aus dem Bett, kalt knarrte der Holzfußboden unter ihrem Gewicht, gestern lag hier noch ein moderner Teppich. Sie ging zur Schlafzimmertür und ahnte was sie zu sehen bekommen würde. Richtig, das Haus war in dem Zustand wie vor der Erneuerung, jeder Raum, jedes Detail war original so, wie die Frau es befürchtet hatte. Ängstlich tappte sie ins Bad und erschrak, als sie seinen Zahnputzbecher und das Rasierzeug vorfand, aus dem Keller knarrte es laut und langgezogen. Ihr war als würden Millionen kleiner gelber, grüner und brauner Staubpartikel durch die Luft schweben. Den ganzen Tag verbrachte sie im Haus, ängstlich, alles erkundend, jede Schublade öffnend, im Keller war wieder die alte rumpelnde Heizung am Brummen, wahrscheinlich war es das Geräusch am Morgen gewesen, es hatte lange gedauert, bis sie sich in den Keller wagte. Stufe für Stufe schlich sie herunter, da standen wieder seine alten Schuhe im Regal. Alles hatte sie vor vier Jahren auf dem Müll entsorgt.
Am frühen Nachmittag erschrak sie erneut, die alte Zahnbürste ihres Mannes, die sie heute Morgen vorgefunden hatte, war durch ein noch älteres Objekt getauscht worden. Auch die Tischdecke im Wohnzimmer war nicht mehr jene mit den gestickten Ornamenten, nein, nun lag eine noch ältere Decke aus den 80gern auf dem betagten Tisch, den sie noch mit ihrem Mann in den Ford Taunus geladen und zu einem Arbeitskollegen gefahren hatte. Mit weit aufgerissenen Augen, fasziniert und entsetzt, ließ sie sich auf das Sofa fallen, das Sofa, auf dem einst die Kinder herum hopsten, wenn ER nicht zu Hause war. Sie döste. Ein schleifendes Geräusch riss sie aus dem Halbschlaf, im Dunklen tastete sie nach dem Lichtschalter und spürte mit Unbehagen, dass es nicht der große Taster war, sondern ein alter Bakalitekippschalter, klick, fades Licht erhellte die Szene, die wie aus einem Horrorfilm auf sie wirkte. So vergingen Tage, bis sie schließlich zum ersten mal das Haus verließ. Sie sprach mit niemandem über den Vorfall und niemand sprach sie an, nicht auf ihre erschreckende Veränderung durch die Schlaflosigkeit, noch darauf, dass sie sich andauernd umsah.
Mit zittrigen Fingern öffnete sie die Haustür, die alte Haustür aus Holz, mit dem alten Bartschloss. Sie bückte sich um die abgestellte Einkaufstasche aufzuheben, als sie aus dem Dachbereich lautes Bersten vernahm. Dann sah sie es, die komplette Häuserreihe war abgedeckt, das Endhaus am anderen Ende der Reihe war gar nur im Rohbau, wie gut, dass die Steinkamps seit sechs Wochen auf den Kanaren waren. Nebenan, bei Jansons rührte sich nichts, gespannt guckte sie die Reihe hinunter, doch es tat sich nichts, bei Lürmanns stand der alte Opel Kadett wie in den 70gern auf der Auffahrt und der eigentlich alte Apelbaum war klein und jung. Blechmülltonnen standen am Straßenrand. Doch es war kein Mensch zu sehen. Sie beschloss sich einen Stuhl zu nehmen und sich vor die Tür zu setzen, um auf ihre Nachbarn zu warten. So sitzt sie nun da und wartet, doch kein Nachbar lässt sich blicken, ab und zu kommt ein Unbekannter vorbei.

„Ich bringe sie in ihr Zimmer, Frau Lehmann, sie sitzen schon zu lange hier auf der Terrasse, im Schatten, sie erkälten sich noch.“ Dann geht sie müde, am Arm der Pflegerin, in ihr Bett und überlegt, wie sie ihr Glissando verbessern könnte, als die Pflegerin sie noch einmal anspricht: „Ach, sie müssen jetzt ihre Antidementiva nehmen, Frau Lehmann.“
__________________
RPR

Version vom 21. 03. 2018 17:14
Version vom 22. 03. 2018 19:17
Version vom 22. 03. 2018 21:15
Version vom 22. 03. 2018 21:18

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


DocSchneider
Foren-Redakteur
Häufig gelesener Autor

Registriert: Jan 2011

Werke: 137
Kommentare: 2459
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um DocSchneider eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Reeno RPR, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den häufig gestellten Fragen ans Herz legen. Hier klicken

Eine intensiv erzählte Geschichte, die tief in die Seele eines Menschen eintaucht, der sich ein einer anderen Zeit wähnt.

Den letzten Absatz, der der entscheidende ist, bitte hinsichtlich der Großschreibung verbessern. Der Satz "Dann geht sie in ihr Bett und überlegt, wie sie ihr Glissando verbessern könnte" ist mir nicht ganz klar.


Viele Grüße von DocSchneider

Redakteur in diesem Forum

Bearbeiten/Löschen    


Reeno RPR
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2018

Werke: 6
Kommentare: 4
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Reeno RPR eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Tipps

Hallo DocSchneider, danke für die Tipps, ich werde sie beherzigen.

__________________
RPR

Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung