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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kurzgeschichte "Der Quälgeist"
Eingestellt am 27. 01. 2014 19:14


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Die Maja
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2014

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Der Quälgeist

Das konnte doch nicht wahr sein! Gitte betrachtete das Malheur auf dem Fußboden im Kinderzimmer. Das Modellhaus aus Papier, an dem sie den gesamten gestrigen Abend gesessen hatte, war geknickt und schief. Mit immer stärker werdenden Wutgefühlen sah sie auf den kleinen Verursacher, der, seiner Schuld so gar nicht bewusst, mit seinen Patschehändchen auf das eingerissene Haus deutete. \"Manni Haus spielen\", plapperte der 3-jährige Manfred völlig unbedarft. Gitte holte aus und schlug ihm mit der Hand ins Gesicht. Manni sah sie eine Sekunde verschreckt an, und begann dann zu weinen, in einer Lautstärke, die selbstverständlich sofort Mutti aus der Küche ins Kinderzimmer eilen ließ. \"Was ist hier los?\" rief sie. Gitte verschränkte die Arme und Manni heulte nur. \"Hat Gitte dich gehauen?\" fragte Mutti. Manni nickte, während er herzzereßend schluchzte und dicke Tränen über das Gesichtchen liefen. Mutti zögerte nicht lange und revanchierte sich bei Gitte mit einer Ohrfeige, die gesessen hatte. Dann nahm sie den weinenden Manni auf den Arm, der seine Ärmchen um ihren Hals schlang und sich weiter ausweinte. \"Das ist so ungerecht\", beschwerte sich Gitte. \"Er hat mein Modellhaus für die Schule kaputtgemacht. Warum muss er ALLES in die Hand nehmen?\" \"Selbst schuld, ich hab dir schon tausendmal gesagt, dass du deine Sachen nicht so aufräumen sollst, dass er rankommen kann. Er ist noch zu klein um zu begreifen, dass er dein Eigentum in Ruhe lassen soll. Pech gehabt. Und jetzt will ich nichts mehr davon hören.\". Mit Manni auf dem Arm stapfte sie aus dem Zimmer. \"Ist gut, mein Kleiner\", hörte Gitte sie noch sagen.
Tränen der Wut stiegen Gitte in die Augen. Immer drehte sich bei Mutti nur alles um Manni, immer war er er der Arme und sie die Böse. Wenn Vati da war, war Gitte fröhlich und unbeschwert, denn Vati nahm sich auch gerne für sie Zeit. Doch leider war er Vertreter und nur am Sonntag zu Hause, und in den Ferien. Auf die freute sich Gitte immer sehr. Anfangs hatte sich Gitte auch sehr über ihr Brüderchen gefreut, denn sie hatte zwölf Jahre lang auf ein Geschwisterchen gewartet. Sie herzte Manni, konnte ihn pausenlos abküssen und herumtragen. Doch irgendwann wurde aus dem Baby ein unbeholfener kleiner Junge, der alles in seine Fingerchen nahm, den man kaum aus den Augen lassen konnte, und schon oft hätte sie ihn gerne am liebsten dorthin geschickt, wo der Pfeffer wächst. Mit fünfzehn waren kleine Geschwister nicht das liebste Steckenpferd.Sie sah sich das Häuschen an. Man würde es nicht mehr gerade bekommen. Morgen war Abgabetermin. Sie hatte sich so gefreut auf die Reaktion der Lehrerin, und jetzt das. Gittes Wut und Trauer waren so stark, dass sie gerade nichts anderes konnte, als sich aufs Bett zu werfen und zu weinen.
Tränen liefen ihr über die Wangen, aber sie machte keine Anstalten, sie wegzuwischen. Sie wusste nicht, wie lange sie schon auf dem Bett lag und schluchzte, als sie spürte, wie warme, kleine Händchen über ihr Gesicht strichen. \"Ditte nicht weinen\", sagte Manni liebevoll und streichelte ihr die Tränen aus dem Gesicht. Gitte weinte immer noch. Manni kletterte auf ihren Rücken und gab ihr unbeholfen einen Kuss auf den Scheitel. Das machte Mutti oft bei ihm, wenn er weinte, und das beruhigte so gut. Gitte musste unwillkürlich schmunzeln. Sie schniefte. \"Ditte nicht mehr weinen. Manni doch bei Ditte\", krähte Manni. \"Manni Ditte liebhat\", fügte er hinzu. Gitte drehte sich um und nahm den Blondschopf in ihre Arme. \"Ach, Manni, mein Kleiner\", flüsterte sie in sein Haar. Manni strahlte und schlang seine Ärmchen ganz fest um ihren Hals. \"Ich hab dich auch lieb\", flüsterte Gitte und küsste ihn auf die Wange. \"So lieb\". \"Manni Ditte auch SO lieb\", sagte Manni und machte seine kleinen Arme ganz groß . Gitte seufzte und betrachtete ihr kaputtes Haus. \"Jetzt muss ich bis morgen etwas neues basteln oder malen. Das ist ganz schön viel Arbeit. Vielleicht versuchen wir es doch, das Häuschen zu reparieren.\"Manni helfen\", sagte Manni ganz entschlossen. \"Aber dafür bist du doch noch viel zu klein\", erwiderte Gitte liebevoll. \"Manni das kann\", erwiderte Manni. \"Warum eigentlich nicht?\" lachte Gitte. \"Versuchen können wir es ja mal\".
Sie nahm das schiefe Häuschen und betrachtete es. Das perfekte Wohn-Musterhaus war es nun nicht mehr, es passte eher zu einer Wichtelfamilie aus dem Wald. Ein Wichtelhaus musste aber bunt sein! Sie holte die Stifte und dann malten die beiden los. Lächelnd betrachtete sie Manfred, der einen Heidenspaß hatte, das Häuschen so bunt wie möglich zu bemalen. Windschief, bunt, aber irgendwie einladend, so sah das Häuschen aus, als sie fertig waren. \"Na los, kleiner Mann schlag ein, das haben wir doch ganz gut hinbekommen\", sagte Gitte und hielt dem Kleinen ihre Hand hin. Der strahlte und patschte mit seinem Händchen in ihre Hand. Dennoch war Gitte am nächsten Tag nicht wohl. \"Sei Architekt\", war das Thema in Kunst. Die anderen hatten garantiert perfekte Häuser gebaut, wie es eben auch ein Architekt tat. Und sie kam mit einem Wichtelhäuschen daher. Die anderen würden lachen und die Lehrerin gäbe ihr garantiert eine Fünf oder Sechs, denn welcher Architekt entwirft bitte Wichtelhäuser?
In der Schule angekommen, ließ Gitte ihr Werk noch verhüllt. Sie zeigte es erst, als die Lehrerin die Bauwerke begutachtete. Gitte kam als letzte. Hatte die Lehrerin die anderen nur mit einem Nicken registriert, so huschte ein Strahlen über ihr Gesicht, als sie das Häuschen von Gitte betrachtete. \"Gitte, du bist einmalig\", sagte sie. \"Das ist genau das, was einen Künstler ausmacht. Anders als die anderen sein. Fast jeder hier hat ein Musterhaus gebastelt. Das ist ja auch völlig in Ordnung. Aber ein Haus ist einfach erfrischend-anders, märchenhaft und voller Zauber. Kannst du stolz darauf sein\".Als Gitte wieder zu Hause angekommen war, lief Mutti ihr entgegen. Gitte fiel ihr in die Arme. \"Na, was ist denn mit dir?\" lachte Mutti. \"Ach, ich bin so fröhlich, und Manni ist der tollste kleine Bruder der Welt!\" rief Gitte. Sie erzählte die Geschichte. Mutti schmunzelte. \"Tja, kleine Brüder können Quälgeister sein, aber man ist doch immer wieder froh darüber, dass es sie gibt\".Manni hatte gehört, dass Gitte gekommen war und lief ihr freudestrahlend entgegen. Gitte schloss ihn in ihre Arme. \"Danke, kleiner Mann, das Haus ist wunderschön geworden und die Lehrerin findet das auch\", sagte sie und küsste Manni aufs Haar. Der kleine Manni begriff das zwar noch nicht ganz, aber er freute sich, dass seine große Schwester nun wieder zu Hause war. \"Gitte mit Manni draußen spielen?\" fragte er. \"Aber klar\", erwiderte Gitte. Und sie meinte es von ganzem Herzen.

Gitte sah draußen die Sonne untergehen. Sie freute sich jeden Abend über diesen Anblick. Seit sie das Bett nicht mehr verlassen konnte, hatte sie ihre Liebe zu den kleinen Schönheiten der Natur entdeckt. Sie hörte, wie Manni nebenan in der Küche hantierte. Einen Augenblick später kam er mit einer Tasse Tee ins Zimmer herein. Er stellte die Tasse auf dem Nachtschränkchen ab. \"Der muss noch abkühlen. Wie gehts dir?\" fragte er sanft. Gitte lächelte. \"Ein bisschen schlapp, aber es ist Ordnung. Du siehst aber müde aus, du solltest mal wieder richtig durchschlafen und dich nicht Tag und Nacht nur um deine kranke Schwester kümmern\", erwiderte Gitte und strich Manni, der sich neben sie aufs Bett gesetzt hatte, eine graue Haarsträhne aus dem Gesicht. Er war der Glücksfall ihres Lebens, und sie seiner. Als beide auf ihre Weise ihre Ehepartner verloren hatten, gaben sie sich gegenseitig Halt und einer war einfach nur für den anderen da, so, wie es schon immer gewesen war. Vor zwei Jahren war Gittes Norbert gestorben, und Mannis Frau Inge hatte sich von ihm getrennt, um mit ihrem neuen Partner ein Leben in den Staaten zu beginnen. Aber sie waren beide nicht alleine. In diesem Augenblick dankte Gitte dem lieben Herrgott, dass er ihr damals diesen Bruder geschenkt hatte. Mit einem Lächeln im Gesicht dachte sie an die vielen Situationen, in denen sie als junges Mädchen alles darum gegeben hätte, diesen Bruder aus dem Haus zu verbannen. Doch auch schon damals war ihr so oft klar geworden, wie lieb sie diesen kleinen Blondschopf hatte. \"Erinnerst du dich an die Geschichte mit dem Häuschen?\" fragte sie Manni. Der schüttelte den Kopf. \"Welches Häuschen denn?\" fragte er. \"Ist - lass mich überleben - schon 60 Jahre her\", erwiderte Gitte und erzählte die Geschichte. Manni lächelte und küsste Gitte auf die Wange. \"Ich muss eine fuchtbare Plage gewesen sein\", sagte er. Gitte schüttelte den Kopf. \"Natürlich dachte ich es damals häufig, aber ein Leben ohne dich - das wäre doch keins...\". Manni schloss sie in seine Arme. \"Was soll ich denn sagen\", erwiderte er liebevoll. \"Ach Gittchen, bis du mal gehen kannst, ist es noch lange hin\".Gitte schüttelte den Kopf. \"Bald müssen wir Abschied nehmen. Ich weiß es. Wie gerne würde ich noch so lange wie möglich mit dir zusammen sein, aber die Krankheit lässt mir keine Wahl. Heute geht es mir besser, morgen kann es mir schlechter gehen. Ich weiß, wie schwer das für dich ist, auch mir fällt es nicht leicht, dich zurückzulassen\".Manni nahm ihre Hand in seine und drückte seine Lippen darauf. Gitte spürte, wie die Hand nass von Tränen wurde.
Es waren vier Tage vergangen, da spürte sie, dass die Zeit gekommen war. Sie erzählte von früher, eine Geschichte nach der anderen sprudelte aus ihr heraus. Manni hörte hingerissen zu und Gitte sah, wie seine Augen feuchter und feuchter wurden. Sie wischte sanft darüber. \"Kannst du das Fenster öffnen?\" fragte sie. \"Es ist doch zu kalt, das tut dir nicht gut\", erwiderte Manni. \"Bitte, Manni, ich möchte die Vögel so gerne singen hören\". Manni öffnete das Fenster und Gitte atmete tief durch, genoss den Gesang der Amseln, Drosseln und Finken, und Manni setzte sich wieder neben sie. \"Ich hab dich lieb, Kleiner, bis zum Himmel und noch weiter\", flüsterte Gitte. \"Ich hab ich lieb bis ins gesamte Universum\", erwiderte Manni. Er legte seinen Arm um ihre Schultern und küsste sie auf den Kopf. Gitte lächelte. \"Bis bald, du kleiner, großer Quälgeist\" sagte sie leise. Sie spürte, wie ihr eine Träne von Manni auf die Nase tropfte. In diesem Moment durchströmte sie ein Gefühl der Freiheit. Sie wusste, dass er sie nun loslassen und ziehen lassen würde. Sie schloss die Augen und trat die Reise in das Land an, in das er ihr einmal folgen würde.



So, bin gespannt. Die Geschichte mit der Hausaufgabe und dem Wichtelhaus gefällt mir nicht ganz, aber mir fällt nix anderes ein, bin nicht unbedingt kreativ :-)

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