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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kurzgeschichte
Eingestellt am 04. 09. 2001 21:26


Autor
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eli-fant
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2001

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Sackbahnhof

M├╝nchen Hauptbahnhof.
Ich steige aus dem Zug und sehe mich suchend in der rastlosen, koffer- und taschenschleppenden Menschenmenge auf dem Bahnsteig um.
Da bleibt mein Blick an einer vollschlanken, br├╝netten Frau Mitte drei├čig und einem etwa gleichaltrigen, etwas bulligen ,bebrillten Mann h├Ąngen. Sie stehen wartend am Beginn des Bahnsteigs und mustern aufmerksam die Vorbeieilenden.
"Aha," denke ich, "das sind sie. Das m├╝ssen sie sein."
Beunruhigt f├╝hle ich die Anspannung, die sich meiner bem├Ąchtigt.
In einiger Entfernung von dem Paar bleibe ich stehen und beobachte es.
Halb am├╝siert und halb beklommen nehme ich wahr, dass die Gesichter der beiden gespannte Erwartung ausdr├╝cken.
Der Grund f├╝r dieses Minenspiel ist f├╝r mich nicht schwer zu erraten:

Vor kurzem hatte n├Ąmlich der Bruder der br├╝netten Frau - ein schon auf die vierzig zugehender, eingefleischter Junggeselle - v├Âllig unerwartet verk├╝ndet, er habe eine Frau kennengelernt, die er zu heiraten beabsichtige.
Dabei hatte die Schwester ihm noch zu seinem letzten Geburtstag - in weiser Voraussicht, wie sie damals glaubte - ein lustig-buntes Single-Gedeck aus Steingut geschenkt.
Kein Wunder, da├č eine solch unerwartete Wendung der Dinge bei ihr und ihrem Ehemann wie eine Bombe einschlug und allerhand Spekulationen ausl├Âste.
Was f├╝r eine Person mochte das blo├č sein, die der Gute da an Land gezogen hatte?

Nun bot sich unverhofft die Chance, diese Neugier bei einem arrangierten Treffen auf dem Bahnhof zu befriedigen:
Der Bruder und dessen Freundin w├╝rden mit unterschiedlichen Z├╝gen kurz hintereinander auf demselben Bahnsteig ankommen. Vor deren Weiterreise w├Ąre es m├Âglich, einige Stunden gemeinsam in der Stadt zu verbringen, um sich kennenzulernen.
Es versteht sich von selbst, da├č das Ehepaar diese Gelegenheit beim Schopf ergriff und sich p├╝nktlich auf dem Bahnhof einfand.
An den bezeichneten Gleisen bezog es Stellung und steht nun, erf├╝llt von nerv├Âser Ungeduld und von einem Bein auf das andere tretend, wartend da.

Wirklich, ich kann es ja so gut verstehen, da├č die zwei sichtlich aufgeladen sind vor Spannung und Neugier.
Nur - da├č diese geballten Kr├Ąfte auf meine Person zielen, behagt mir ganz und gar nicht...
Dann geht auf einmal alles sehr schnell:
Ein weiterer Zug f├Ąhrt an unserem Bahnsteig ein und h├Ąlt mit kreischenden und quietschenden Bremsen.
Inmitten einer der Menschentrauben, die aus den Zugt├╝ren quellen, entdecke ich R. .
Ich winke.
Eine Umarmung, ein fl├╝chtiger Kuss, und schon l├Ąuft er heftig gestikulierend auf seine Schwester und deren Mann zu, die er im Gew├╝hl entdeckt hat.
Mir bleibt nichts anderes ├╝brig, als ihm zu folgen.

Die Begr├╝├čung f├Ąllt seltsam verkrampft aus.
Wir stellen uns einander vor, sch├╝tteln uns die H├Ąnde.
Ein kurzes "Hallo!", knappes, kaum wahrnehmbares L├Ącheln, Blicke, die einander ausweichen...
Schon im Vorfeld hatte ich l├Ąuten h├Âren, dass die beiden M├Ąnner nicht gut aufeinander zu sprechen sind und der Mi├čklang zwischen ihnen ist auch deutlich zu sp├╝ren.
Ob die Ursache f├╝r die eigenartige Stimmung allein hier zu suchen ist? Oder sind meine zuk├╝nftigen Verwandten einfach Menschen, bei denen Offenheit und spontane Herzlichkeit nicht an der Tagesordnung sind?

Gleich nach der kurzen Begr├╝├čung droht sich peinliche Stille auszubreiten.
Der hektische L├Ąrm des Bahnhofs ist in den Hintergrund getreten. Einige unbeholfene, oberfl├Ąchliche Bemerkungen ├╝ber das Wetter und die Anreise werden augetauscht. Sie sind ein vergeblicher Versuch, die unbehagliche Atmosph├Ąre zu verscheuchen.
Langsam schn├╝rt sich mein Hals zu. Ich habe beim Atmen das Gef├╝hl, nicht mehr gen├╝gend Luft zu bekommen.
Wie um meine Beklemmung noch zu vergr├Â├čern, sind die Blicke meiner zuk├╝nftigen Schw├Ągerin und ihres Mannes fast st├Ąndig unverwandt auf mich gerichtet.
Aus ihren Augen sind weder Wohlwollen noch Abneigung zu lesen - allein unverhohlene Neugier. Einen irren Moment lang bef├╝rchte ich, die beiden auf mich gerichteten Augenpaare werden gleich aus ihren H├Âhlen treten, auf mich zust├╝rzen und mich verschlingen.
Ich bin versucht, der eindringlichen Musterung ein Ende zu machen, indem ich den beiden eine unmi├čverst├Ąndliche Grimasse schneide. Doch ich beherrsche mich.
Stattdessen krame ich in meinem Kopf nach unverf├Ąnglichen Gespr├Ąchsthemen, im Bem├╝hen, aufgeschlossen und freundlich zu erscheinen.
Nicht etwa pl├Âtzlich aufkeimende Sympathiegef├╝hle bewegen mich dazu, sondern das Wissen, dass ich im Zuge meiner Heirat nicht nur einen Ehemann bekommen werde, sondern da├č die gesamte Palette seiner Familienmitglieder und Verwandten quasi unbestellt mitgeliefert werden wird.
Schon im Interesse meiner eignen Lebensqualit├Ąt w├╝nsche ich mir nat├╝rlich ein m├Âglichst reibungsfreies Verh├Ąltnis zu all diesen Menschen.
Meine neuen Verwandten kann ich mir im Gegensatz zu Freunden eben nicht aussuchen und die Beziehung zu ihnen hat auch keine Zeit zum Wachsen und Reifen. Wir werden pl├Âtzlich miteinander konfrontiert und m├╝ssen miteinander zurechtkommen - ├Ąhnlich wie Tiere, die zusammen in einen K├Ąfig gesperrt werden.

Obwohl heute ein eher k├╝hler Tag ist, wird mir auf einmal hei├č. Meine Kleidung scheint zu eng zu werden.
Ich habe das Empfinden, da├č die Bande dieser mir so fremden Familie sich wie die Arme einer unsichtbaren Krake um mich zu schlie├čen beginnen.
Denn allem, was zur Welt dieser Menschen geh├Ârt, werde auch ich mich in Zukunft nicht mehr v├Âllig entziehen k├Ânnen. Ich werde mit ihren Wertvorstellungen und den von ihnen gelebten Familientraditionen konfrontiert werden und mich mit ihnen auseinandersetzen m├╝ssen, auch wenn mir diese noch so fremd sein und noch so wenig zu meiner eigenen Lebensgeschichte passen m├Âgen.
Und auch aus ihren innerfamili├Ąren Zwistigkeiten werde ich mich kaum heraushalten k├Ânnen. Ich werde entweder Partei ergreifen oder in einer waghalsigen Gratwanderung zwischen den Fronten balancieren m├╝ssen.

Pl├Âtzlich ergreift mich Panik.
Nein! Ich bin nicht willens, mich den F├Ąngen dieser Familienkrake auszuliefern!
Ich habe Angst, mich selbst, mein Ich in der Enge ungeschriebener Familiengesetze und dem Zwang des Miteinander-Auskommen-M├╝ssens zu verlieren.
Ich brauche doch Raum zum Atmen, zur Entfaltung, zum Leben!

Ein paar Sekunden lang bin ich versucht, zu fliehen.
Ich m├Âchte mich hastig verabschieden, meine Tasche fester an mich pressen und davonrennen.
Im Gew├╝hl des Bahnhofs untertauchen, um aus den Augen dieser Menschen zu entfliehen.
Freiheit...
Dann siegt die Vernunft.
Ich atme tief durch.
L├Ąchelnd wende ich mich meiner zuk├╝nftigen Schw├Ągerin und ihrem Mann zu und erkundige mich, wieviel Zeit sie f├╝r den Weg von zu Hause bis zum Bahnhof ben├Âtigt haben und wie lange sie schon in der N├Ąhe von M├╝nchen wohnen.
Ich werde mit einer h├Âflichen Antwort bedacht.
Die Arme der Krake schlie├čen sich fester um mich.


__________________
eli-fant

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Ingwer
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 27
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:-)

Gef├Ąllt mir, das mit der Familienkrake; besonders der letzte Satz. Am Anfang f├╝hlte ich mich beim Lesen ein wenig von den vielen aneinandergereihten Adjektiven und Attributen erschlagen- aber ansonsten mag ich Deinen Text.

Liebe Gr├╝├če
Ingwer

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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zu

erst einmal herzlich willkommen auf der lupe. dein text gef├Ąllt mir gut, k├Ânnte aber etwas gestrafft werden. ich w├╝nsche deiner protagonistin alles gute, vor allem die kraft, sich nicht vereinnahmen zu lassen. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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