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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kurzgeschichte
Eingestellt am 24. 07. 2003 19:04


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ergusu
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

Werke: 14
Kommentare: 3
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Nie wieder

Unser Arbeitstag begann um 7.30 Uhr, doch selbst dann, wenn ich pĂŒnktlich kam, flegelte Theo Körner schon am Schreibtisch und grinste mir entgegen. Theo, das 45-jĂ€hrige Riesenbaby, lebte noch immer bei seiner Mutter und mied das weibliche
Geschlecht wie der Abstinenzler den Alkohol. Neulich sprach ich Theo darauf an : „Theo, was machen Deine Frauen?“
„Meine Frauen? Ich brauche keine einzige.“
„Hast Du nie das BedĂŒrfnis, mit einem reizenden MĂ€dchen zu schmusen, sie zu kĂŒssen, sie vielleicht...“. Theos NasenflĂŒgel bebten und wenn sie bebten, fiel er mir immer ins Wort.
„Du denkst immer nur an das eine, pfui“, sagte er empört.
„Im Gegenteil, ich denke sogar an mehr, nĂ€mlich an Deine Linie.“
„Meine Linie? Sie ist etwas gewölbt. Na und?“ Theo strich sich zufrieden ĂŒber seinen gewaltigen Leib.
„Ich meine mehr die Körnersche Linie. Schade wenn sie ausstirbt.“
„Eins merke Dir: „Ich heirate nie.“

Wenn sich Theo von solchen anstrengenden GesprĂ€chen erholt hatte, war er wieder fröhlich und neckte mich gern. Als Verwaltungsangestellte einer großen Hotelkette bildeten wir beide ein erfolgreiches Team. Theo war fĂŒr AusrĂŒstungen aller Art, ich fĂŒr bauliche ZustĂ€nde verantwortlich. Eines Tages bat mich Theo um eine GefĂ€lligkeit: „ Siegfried, uns wird eine Messeneuheit angeboten, ein SoßenabschmeckgerĂ€t. Kannst Du bitte einmal die Aufstellmöglichkeiten prĂŒfen?“ Dabei schaute er mich so traurig an wie Nachbars Dackel. Ich musste ihm helfen..
„Gib mir die technischen Unterlagen“, sagte ich. Er gab sie mir und machte die notwendigen Standortangaben. Fast eine halbe Stunde grĂŒbelte ich. Als ich gerade ĂŒberlegte, ob ich einen Statiker hinzuziehen sollte, wurde ich endgĂŒltig stutzig.
„Theo, hab’ ich mich verhört? Es gibt ein SoßenabschmeckgerĂ€t?“ Ich sah kurz hoch, und da wusste ich Bescheid. Der ganze Theo bebte vor VergnĂŒgen, sein Schwimmring schaukelte und die gelbbraunen Augen fackelten wie ein Osterfeuer . Na warte, Theo, dachte ich grimmig und bewarf ihn mit BĂŒroklammern.

FĂŒr mein Revanche eignete sich nur ein zufriedener Theo, denn dann dachte er nicht an eine Hinterlist. Diesen Moment gab es nur einmal am Tag, nĂ€mlich dann, wenn er Mutters FrĂŒhstĂŒckspaket ausbreitete und den Belag seiner Brote ĂŒberprĂŒfte. Anschließend hob er stets die Augen zur Leuchtstofflampe und rief demonstrativ: „Ich danke ,Dir da oben’ fĂŒr diesen Leckerbissen.“
Gleich am nÀchsten Tag reagierte ich auf diese Danksagung.
„Theo, der liebe Gott hat Dich tatsĂ€chlich lieb und eine Telefonnummer hinterlassen. Eine Frau Löwe will Dich sprechen. Sie möchte unsere ungenutzten Herde kaufen.“ Theo nickte verdutzt und dachte sicher sofort an das Lob unseres Direktors. Abgebaute LagerbestĂ€nde erfreuten den immer. Theo wĂ€hlte die Nummer und sagte nach wenigen Augenblicken:
„Kann ich bitte Frau Löwe sprechen?“ Soweit es mir möglich war, horchte ich mit. Erst blieb es am anderen Ende der Leitung ruhig, doch dann hörte ich deutlich die Antwort:
„UnverschĂ€mtheit.“ Theo glaubte an eine falsche Verbindung und wĂ€hlte erneut.
„Entschuldigen Sie, kann ich bitte Frau Löwe sprechen?“
„Was denken Sie sich denn?“ antwortete der GesprĂ€chspartner.
„Ich denke, Frau Löwe wird sich freuen, wenn sie erfĂ€hrt, wie preiswert unsere Herde sind und wie schmackhaft auf diesen Speisen zubereitet werden können.“ Theo brachte seinen Spruch gekonnt zu Ende, doch dann hörten wir die Antwort:
„Unsere Frau Löwe frisst nur rohes Fleisch.“ Dann knackte es in der Leitung- das GesprĂ€ch war beendet. Lange starrte mich Theo irritiert an. Das Osterfeuer seiner Augen war erloschen. Da prustete ich plötzlich los. Endlich verstand er, dass er mit einem Angestellten des Zoos gesprochen hatte.

Etwa zehn Tage waren vergangen, aber sie waren fĂŒr Theo viel zu kurz, um Frau Löwe zu vergessen. Es war Montag und Theo hatte noch nicht gefrĂŒhstĂŒckt, als sein Telefon klingelte. Er hörte erst gelangweilt zu, doch dann wurde er immer aufgeregter, bis schließlich seine NasenflĂŒgel bebten. Da wurde ich aufmerksam.
„Nein , ich komme nicht“, sprach er ergrimmt und schleuderte den Hörer auf die Gabel.
„Was war denn?“ fragte ich absolut unwissend.
„Dass Du die ChefsekretĂ€rin bittest, SpĂ€ĂŸe mit mir zu machen, enttĂ€uscht mich sehr“, sagte Theo zu mir und schaute verbiestert aus dem Fenster. Wieder klingelte es und Theo nahm knurrend den Hörer ab. Er wurde immer roter und schrie plötzlich in den Hörer: „Frau Löwe ist mir höchst gleichgĂŒltig und sie wird mir immer gleichgĂŒltig bleiben.“ Bums, legte Theo wieder auf. Ich wurde hellwach . Außer uns beiden kannte keiner den Spaß mit Frau Löwe. Was wurde hier gespielt?
Zum dritten Male klingelte es und an den gelispelten Worten erkannte ich die Stimme unseres Direktors. Ich stellte das Telefon auf laut, doch Theo merkte es nicht.
„Frau Löwe von der Konzernleitung?“ fragte Theo baff.
„Ja, Sie will die AusrĂŒstungslisten einsehen. Herr Körner, wollen Sie oder wollen Sie nicht?“ fragte der Direktor drohend. Theo stand schon seit einigen Sekunden stramm und machte dann vor mir einen Diener.
„Sofort Herr Direktor.“ Schon eilte er aus dem Zimmer, kam nach wenigen Sekunden zurĂŒck, ergriff die Akte mit den Listen und stĂŒrmte endgĂŒltig davon. Am Nachmittag sah ich ihn kurz. Ich erwartete, dass er mich - der ich diesmal vollkommen unschuldig war - mit einem Gegenstand beschmiss. Aber er angelte sich nur eine zweite Akte und verschwand. So einen nervösen und verschwitzten Theo hatte ich noch nie gesehen. .Gehaltserhöhung oder Rausschmiss, dachte ich noch. Da am anderen Tag meine Ferienreise begann, konnte ich mich nicht mehr von Theo verabschieden.

Als ich aus meinem Urlaub zurĂŒckkehrte, war Theos Arbeitsplatz leer. Man hatte ihn versetzt. Bald saß mir ein junger Mann gegenĂŒber. Der neue Kollege war so etwas wie eine graue Maus: Keine Schrullen, keine SpĂ€ĂŸe, er war schlank und verheiratet, seine NasenflĂŒgel bebten nicht. Ach , Theo, der alte Streithammel, er fehlte mir.

Vielleicht waren sechs Wochen vergangen. Es war Feierabend und ich wartete auf meinen Bus inmitten der Innenstadt. Da redete mich plötzlich eine etwa 35-jÀhrige bildschöne Frau an:
„WĂŒrden Sie mit mir ein Bier trinken gehen?“ Ich war vollkommen perplex, denn dieser Art hatte mich noch nie ein weibliches Wesen angesprochen.
„Wieso wollen Sie ausgerechnet mit mir...,“stammelte ich hilflos.
„Glauben Sie mir, Sie sind der Richtige“, sagte Sie schelmisch, hakte sich bei mir ein und schob mich in das Restaurant gegenĂŒber der Haltestelle. Ich war noch immer nicht Herr der Situation und meine Beine zitterten ein wenig. Als ich ihren Ehering sah, beruhigte ich mich doch ein wenig. Sie sah nicht wie eine leichte Dame aus. Aber was hatte sie mit mir vor? Was wollte sie? Ich war vollkommen verunsichert.
„Mit wem habe ich das VergnĂŒgen“? fragte ich endlich.
„Namentlich kennen Sie mich schon lange.“
„Wie soll ich das verstehen?“
„Gestatten Sie zuerst, dass ich Sie zum Essen einlade“, sagte sie bestimmend. Ich nickte apathisch. Sie empfahl mir ein teures MenĂŒ , ich nickte wieder und sie bestellte. Zu meinem Erstaunen deckte der Ober fĂŒr drei Personen. Dann begann sie zu sprechen: „Wenn Sie nicht gewesen wĂ€ren, hĂ€tte ich vielleicht meinen Mann nie kennen gelernt.“
„Was habe ich mit Ihrem Mann zu tun?“
„Sie haben ihn dazu gebracht, dass er mich nicht sehen wollte. Danke.“
„Ich verstehe nicht. Sie danken mir fĂŒr was?“
„FĂŒr die Neugier, die Sie bei mir geweckt haben. Es war mir noch nie passiert, dass mich jemand ablehnte.“ Sie lĂ€chelte etwas melancholisch und weidete sich an meinem Erstaunen.
„Wer sind Sie?
„Sie wollten doch einmal, dass Ihr Kollege einer Frau Löwe Herde verkauft“, sagte Sie schließlich.
„Ja, ja, aber es war ein Spaß und der Name frei erfunden.“
„Ich bin Frau Löwe.“
„Sie sind Frau Löwe?“ Das haute mich doch fast von den Brettern.
„Ja, aber ich bin nicht die Dame aus dem Zoo“ - sie machte eine kleine Pause und schaute mich wieder spitzbĂŒbisch an - „sondern von der Konzernleitung.“ Sie genoss diesen Augenblick meiner absoluten Ratlosigkeit. Dann sprach sie weiter:
„Und dies ist mein Mann, Herr Löwe, ehemals Körner.“ Da trat hinter einem Pfeiler mein alter Freund Theo hervor und hielt sich vor Lachen den Schwimmring, der allerdings auffallend kleiner geworden war. Ich drĂŒckte fröhlich den alten Theo an meinem Busen, und wir freuten uns wie Robinson und Freitag beim Wiedersehen. Doch dann kam die RealitĂ€t und das war ein Kohlrabiauflauf fĂŒr Theo. Ob er ‚dem da oben’ trotzdem noch dankt? fragte ich mich. Als Theo mir ein Schweinsmedaillon vom Teller stibitzte und sofort verschlang, sagte er nur entschuldigend:
„Ich heirate nie... wieder.“

__________________
ergusu

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flammarion
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Registriert: Jan 2001

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zu

erst einmal herzlich willkommen auf der lupe.
ein toller einstieg ist dir da gelungen. ich habe deine geschichte mit großem vergnĂŒgen gelesen. mach mal so weiter!
ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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Ramona Linke
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo ergusu,

auch ich begrĂŒĂŸe Dich herzlich
bei der Lupe, hat es nun doch
geklappt mit dem einloggen .

Ja, die Geschichte von Theo,
sie ist sehr amĂŒsant und hat
den Knackpunkt, den gewissen,
der manchem Schreiber manchmal
beim besten Willen nicht einfallen
will. Aber, man kann alles lernen ...
und somit herzliche GrĂŒĂŸe von
der RL

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