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Kurzgeschichte
Eingestellt am 22. 04. 2001 11:52


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Breimann
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Im Fluss der Zeit

Im Fluss der Zeit
„Dafür habe ich keine Zeit!“, bellte er ungehalten. Sein Gesicht lief rot an; er war schon immer leicht erregbar gewesen.
Corinna blickte von ihrem Frühstücksteller hoch und zuckte dann mit den Achseln. Sein heftiger Ton störte sie schon lange nicht mehr; sie hatte sich angewöhnt nur die Inhalte zu werten, die Form überhörte sie einfach.
„Du hast auch 24 Stunden zur Verfügung – wie ich und andere; dir fehlt nicht eine Minute.“
„Meine 24 Stunden sind andere als deine!“, sagte Gunther leise, fast ein wenig drohend, aber unüberhörbar überheblich.
„Ach ja?“
„Ja, tatsächlich! Ich muss auf jede Minute achten, muss am Tag bis zu zehn Termine einhalten. Und du? – Du machst Frühstück für uns, kochst Mittagessen für dich und die Kinder; Abends gehen wir meistens auswärts essen. Hab ich was vergessen? Ich glaube nicht! Rede du mir nicht über Zeit!“
„Na wunderbar! Da waren wir schon oft. Dass ich den Haushalt schmeiße, mich um die Schularbeiten der Kinder kümmere, einkaufe und putze, das ist natürlich nichts. Das hast du noch nie verstanden!“
Er grunzte nur und trank seinen Kaffee hastig, lange schlürfend. Den Streit über dieses Thema hatten sie schon zu oft geführt; es gab keine neuen Argumente mehr. Sie verstand ihn doch nicht.
„Was soll´s!“, dachte er und griff sich sein Handy. Während er die Kurzwahltaste für sein Büro drückte, goss er sich die letzte Tasse Kaffee ein.
„Ja, hier Schröder. - Morgen. - Gibt´s was Neues? - Aha! - Gut! Ich bin gleich um neun bei Simons & Schulte. - Ja! - Vergesse ich nicht; um 10 also bei Runkels! - Gut! Und, Frau Bürger, vergessen sie den Vertrag nicht. - Ja, bis dann.“
Er legte das Handy neben sich und trank mit abwesendem Blick; er war längst eingetaucht in die Gesprächsproblematik mit den Herren bei Simons & Schulte.
„Frank hat heute Geburtstag! Hast du das vergessen?“
Sein Blick kehrte zurück in die Gegenwart, streifte Kaffeetasse und Handy, dann ihr Gesicht.
„Ich sagte dir doch: Ich hab keine Zeit!“
„Er erwartet dich – heute!“
„Ach? Und deshalb müssen wir ihn heute besuchen?“
„Wir? Er ist dein Bruder! Und an seinem Geburtstag musst du ihn besuchen!“
„Mein liebes Kind!“ So fingen gewöhnlich seine Belehrungen an. „Weißt du überhaupt, was Zeit ist? Ahnst du, was eine gut geplante Zeiteinteilung bedeutet? Weißt du, seit wann die Termine dieses Tages geplant, abgestimmt, zeitlich koordiniert und letztlich festgelegt wurden? Weißt du, was es heißt, wenn auch nur ein Termin platzt? – Natürlich weißt du das nicht – wen frage ich da!“
„Dann hättest du deiner Frau Bürger, dieser Zeitverplanungsdame, den Geburtstagstermin deines Bruders aufschreiben müssen; das ist auch ein Termin! Ein lange feststehender übrigens.“
„Wenn ich meinen Bruder besuchen würde, müsste ich für Hin- und Rückfahrt, Blumenkauf und eine halbe Stunde Aufenthalt, mindestens zwei Termine des heutigen Tages absagen. Das geht nicht!“
„Eine halbe Stunde? Aha! Es wird gehen müssen! Ich fahre in keinem Fall hin!“
Die Töne hatten sich verschärft, waren dicht an der Grenze eines etwas abgehobenen Ehestreites angekommen. Es war ihr egal; sie würde diesmal nicht nachgeben.
Sein Blick wechselte von der Kaffeetasse zu ihrem Gesicht, beide Male forschend, fragend, glitt dann zögernd zum Handy, diesmal sehr, sehr unentschlossen, blieb an dem noch leuchtenden Display hängen.
„Du magst ihn nicht? Was hat er dir getan? Er ist ja immerhin dein Schwager!“
„Gunther! Er muss mir nichts getan haben, um dich heute sehen zu wollen. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge!“
„Also hat er dir doch was getan!“
„Hör auf!“, sagte sie flach. Sie wusste längst, dass sie gewonnen hatte. Die Spielregeln waren klar; sein Verhalten war ein Rückzugsgefecht mit letzten kleinen Ausfällen.
„Also, - gut! Ich will´ s versuchen!“
Er griff sich das Handy, während sie angestrengt in die Kaffeetasse schaute. Er war wütend, das erkannte sie an jeder seiner etwas kantigen, ruckartigen Bewegungen.
„Ja, ich bin´s noch einmal. – Nein! - Hören sie – was haben wir heute zwischen drei und halb fünf? – Ah! Grabbel um drei und Vorstand um vier? Das ist übel! - Passen sie mal auf! Ich muss weg! – Ja, zwischen drei und halb fünf. Den Grabbel-Termin legen sie um. – Nein, das ist nicht so wichtig. - Natürlich! Von mir aus auch nächste Woche. – Gut! Und im Vorstand vertritt mich Heimer. – Den soll er verlegen, klar? - Ja natürlich! Wofür hab ich einen Stellvertreter. Alles klar? Bis dann!“
„Es geht also doch? Du fährst hin?“ Sie versteckte jedes Triumphgefühl; ihre Frage klang so sachlich und sanft, dass er keinen Ansatz für einen Ausbruch finden konnte.
„Ja! Ich muss jetzt los! Es wird Zeit für mich.“
Er schob den Stuhl zurück und nickte ihr leicht zu; andere Formen des Abschieds waren längst dem „Ich muss los“ Statement zum Opfer gefallen.

Frank hatte das Fenster genau vor dem Gesicht, es war höchstens drei Meter entfernt. Es war etwa einsfünfzig mal einsfünfzig, also nicht sehr groß. Es hatte keine Gardinen und das Glas war blank geputzt. Von seinem Bett aus bestanden zwei Drittel des Ausblicks aus Himmel. Der war im Moment winterhell; dünne Hochnebel standen scheinbar starr, ließen keine Bewegung erkennen, obschon sie sicher da war. Das erkannte er am letzten Drittel seines Ausgucks; da schoben sich filigrane, schwarze Zweige, Äste und Ästchen ins Bild, ließen in den Lücken Platz für das Graue am Himmel. Sie zitterten ab und zu, schüttelten sich, als ob sie die Januarkälte, der böige Wind, erschauern ließen.
Sein Bett hatte eine leichte Neigung nach unten, so dass sein Kopf erhöht war. Er lag starr, völlig bewegungslos; nicht einmal die Augenlider zuckten.
Ein Vogel warf sich ins Bild, schwarz, wie Wintervögel sind, strich quer durch und verschwand.
Es war totenstill in dem kleinen Zimmer, das außer dem Bett, einem kleinen quadratischen, mit Resopalplatte bedecktem Tisch, einem Besucherstuhl und einem hellgrünen Kunststoffschrank nichts enthielt. Ach ja, dicht neben seinem Kopf stand ein Plastik-Nachtschrank. Oben auf lagen zwei Tuben Salben und eine Mullbinde.
Frank war frisch rasiert und gekämmt. Sein jugendlich wirkendes Gesicht war noch rot gefärbt von der Behandlung durch Schwester Julia. Sie hatte ihn überredet, sich wegen eines möglichen Besuchs frisch machen zu lassen. Ihm war´s egal, aber sie – sie wollte ihn nicht so präsentieren.
„Das fällt zurück auf´s Haus, Herr Schröder; wir können das nicht durchgehen lassen!“, hatte sie gesagt.
Er mochte ihren Duft, den er schon roch, wenn sie durch die Tür kam. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte er auf diesen Duft gewartet. Er war noch jung, gerade mal sechsunddreißig und da können einem solche Düfte schon ganz schön ansprechen. Es war so weit gegangen, aber das war schon drei Jahre her, dass er in Gedanken bis sechzig gezählt hatte.
„Eine Minute, multipliziert mit sechzig. Ja, dann noch einmal mit zwei, dann kommt sie wieder rein – oder ich klingele nach ihr.“
Das hatte er nie getan. Und das Zählen der Zeiteinheiten hatte er nach einer Woche aufgegeben; er entwickelte ein Gefühl für die Zeit. Eine Uhr hatte er nicht - und wollte auch keine. Auf die Fensterbank hatte ihm Gunther damals eine große, elektrische Uhr gestellt.
„Da kannst du die Zeiger sehen, weißt immer, wie spät es ist! Anders geht’s ja nicht.“
Er hatte sie nie wissen wollen, die Zeit, sie war ihm unwichtig geworden. Den gleichmäßigen Ruck des Sekundenzeigers, das Warten auf die nächste Zeiteinheit, das Staunen über das langsame Versickern der Zeit, all das hatte ihn aufgeregt. Am nächsten Tag hatte Schwester Julia die Uhr weggenommen; sie stand jetzt im Schwesternzimmer.
Ein heftiger Windstoß ließ die Äste fast vollständig aus dem Blickfeld verschwinden, als wären sie abgeschlagen worden; dann kamen sie zögernd ins Bild zurück, schwankten noch leicht nach. Er liebte diesen Ausblick, der seine ganze Welt war, alles hatte sich reduziert auf das Fenster mit gut zwei Quadratmetern Ausmaßen.
Er konnte den rechten Arm bewegen, mühsam zwar, aber es ging. Der gesamte Körper war steif, starr wie ein Holzbrett. Ach ja, die Augenlider konnte er senken, langsam, bedächtig, wie in Zeitlupe und den Mund bewegte er. Seine Sprache war schleppend; zögerlich kamen die Worte heraus, wirkten gequetscht und verformt. Seit vier Jahren dieser Zustand. Seit vier Jahren hatte er das Wissen, dass es so bis zu seinem Lebensende bleiben würde.
Sie hatten es ihm schonend beigebracht, ihm, dem strebsamen, umtriebigen, erfolgreichen Informatiker, der voller Freude auf jeden Tag, auf jede neue Aufgabe gewartet hatte.
„Ich muss keinen Urlaub haben, Quatsch! Wo ist das Problem? Na, lasst uns loslegen!“ Das waren seine Sprüche gewesen.
Er hatte immer Freundinnen gehabt, häufig hatte er sie gewechselt; einmal war eine Lebensgefährtin etwas enger an ihn heran gekommen. Aber nur kurz war er schwach geworden; sie engte ihn ein.
„Ich kann meine und deine Zeit zusammen nicht so koordinieren, dass du zufrieden bist und ich meinen Job so machen kann, wie ich es möchte. Ich will mir nicht in meine Zeitplanung rein reden lassen! Verstehst du das?“
Sie hatte es nicht verstanden, und dann war sie gegangen. Danach war der Schlag gekommen.
„Einer der schlimmsten Hirnschläge, die ich bisher erlebt habe“, hatte der Arzt ihm leise anvertraut. Erst seit einem Jahr konnte er wieder einigermaßen sprechen; es war der härteste Kampf seines Lebens gewesen.
Das war die Zeit, in der ein Freund nach dem anderen weggeblieben war; seine Freundinnen waren nur zur ersten Schreckens- und Beileidsbekundung erschienen. Er war jetzt allein – nur Schwester Julia und ihr Duft, die Reinmachefrauen und ein Mal oder zwei Mal im Jahr sein Bruder, ganz selten Corinna – das war´s.
Er erkannte ihn am Schritt, draußen auf dem Linoleumboden klang jedes „Klack, Klack“ wie ein Erkennungssignal.
„Hallo Frank! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Wie geht’s dir?“
„Hallo, Gunther!“ Zögernd quälten sich die Buchstaben heraus, als wollten sie eigentlich lieber ungesagt bleiben, waren mühsam als Worte erkennbar. Gunther ekelte sich vor dieser unbeholfenen Sprache.
„Die Blumen habe ich deiner hübschen Krankenschwester in die Hand gedrückt; sie stellt sie in eine Vase. Geschenk hab ich keins, du brauchst wohl nichts.“
„Da hast du recht; ich brauche wirklich nichts mehr.“
Gunther zog den Besucherstuhl neben das Bett, so weit zum Fußende hin, dass er seinem Bruder ins Gesicht sehen konnte und setzte sich; den Mantel hatte er aufgeknöpft, die Zipfel hingen auf dem Boden.
Er sah sich um, blickte Frank in das starre Gesicht. Er folgte den festgebrannt zum Fenster blickenden Augen und prüfte nur eine Sekunde lang das Bild des grauen Himmels.
„Ödet dich der Ausblick nicht an? Ich würde verrückt!“
„Nein! Konntest du dich frei machen für mich?“
„Klar! Ist doch selbstverständlich; an deinem Geburtstag werde ich wohl Zeit für dich haben, Bruderherz.“
Es klang nicht einmal falsch und trotzdem fühlte Frank die Lüge.
„Hast nie Zeit? Was?“
„Du dafür um so mehr. Mein Gott! Einmal so in den Tag hinein leben können; was würde ich dafür geben!“
„Ja!“
„Im Ernst! Du glaubst nicht, wie mich das aufreibt! Jeden Tag erlebe ich diese Hetzerei. Keine Zeit sage ich meinen Kindern, keine Zeit sage ich Corinna, keine Zeit sage ich meinen Freunden.“
„Hast du noch Freunde? Nein? Du bist selber Schuld. Du musst aufhören – bevor es zu spät ist.“
„Hör du auf! Du hast doch keine Ahnung! Weißt du, was heute draußen los ist? Sie warten nur darauf, dass du schwächelst, dass du angeschlagen wirkst. Wupps! Und du bist weg vom Fenster.“
„Ich bin dran am Fenster. Meine Zeit läuft da ab, da, in diesem Quadrat.“
„Jeden Tag, jede Stunde, das selbe Bild. Du musst überschnappen!“
„ Ist nicht immer das selbe Bild! Schau dir den Himmel an. Siehst du, wie er sich bewegt? Aber das ist nicht mein Zeitmaß; mein Zeitmaß ist dieser Baum, den ich noch nie gesehen habe; nur seine Äste hält er mir vors Gesicht.“
Das war die längste Rede, seit Frank im Krankenhaus lag; er wirkte atemlos, seine Lippen bewegten sich ziellos, als wollten sie weitere Buchstaben formen.
„Und? Wo ist dein Zeitmaß?“
„Sieh hin! Sie sind schwarz, heben und senken sich fast widerstandslos im Wind. Gestern lag Raureif auf den Ästen, sie wirkten wie Silber. Es ist Winter! Aber du wirst sehen, sie werden praller, fester, legen sich einen Grünschimmer auf. Sie werden so lange Kräfte sammeln, bis sie die Blättertriebe rausdrücken können.“
Er machte eine Pause; es sah aus, als hätte er die restlichen Worte verloren.
„Es wird Frühling sein. Dann werden sie wachsen, ihre endgültige Form annehmen, sich bei jedem Windstoß schütteln, grün, mit sattem Grün, meinen Blick verstellen; es wird Sommer sein. Dann aber kannst du beginnendes Sterben beobachten. Zuerst gelblich grün, dann gelb mit rötlichen Einschüssen, dann, am Ende erst, braun. Wenn sie abfallen, ist es Herbst. Und dann kommt das, was du draußen, jetzt im Augenblick, sehen kannst. Im Winter seh ich nicht den Tod; ich erlebe die Vorfreude auf das Frühjahr.“
„Mein Gott! Bist du noch ganz gescheit? Das ist deine Zeit? Das gibt dir den Takt, macht dein Zeitgefühl aus? Du spinnst, Frank – entschuldige – aber du spinnst wirklich! So lange bist du noch nicht raus aus dem Trott. Erinnere dich doch! Quartalsbericht, Halbjahresabschluss, Jahresabschluss, Jahreshauptversammlung – das sind die großen Meilensteine, die Zeittakte, die das Leben bestimmen. Und dazwischen? Die Arbeitstermine, die Brainstormingtermine, die Reisen! Das Glück, wenn du Erfolg hast! Himmel, Frank! Was sollte einer mit deinem Jahreszeitentakt anfangen? Treffen wir uns, wenn die Blätter rot werden?“
Er lachte schallend und suchte Verständnis in den Augen, in den Mundwinkeln seines Bruders; er musste es doch noch wissen. - Verdammt noch Mal!
Aber da war nichts, nur starrer Blick und eingefrorenen Züge. Fast tat er ihm leid, fast. Aber dann schüttelte er den Kopf und beugte sich vor.
„Du musst an dir arbeiten! Frank! Du willst doch wieder loslegen können! Sagen wir mal, in zwei Jahren? Du musst das schaffen! Vergiss diesen Jahreszeitscheiß. Lös dich von diesem Mist!“
„Nein! Ich weiß es jetzt besser! Schade nur, dass ich erst diesen Schlag bekommen musste. Jetzt weiß ich es besser. Wir stecken alle im gleichen Zeitfluss, du genau so wie Corinna und ich – und wie alle anderen auch. Es ist für uns alle der gleiche Fluss; nur jeder empfindet ihn anders, lebt mit ihm auf andere Weise. Du siehst die Ufer des Flusses nicht mehr, du suchst nach der Zeit und findest sie nicht. Du bist hoffnungslos blind gegenüber der Zeit. Du sprichst ständig von Zeit, dass du sie nicht hast, oder sie verplant hast; du sprichst von etwas, was du nicht verstehst.
Es gibt nur eine Zeit! Nicht mehrere, nicht verschiedene, keine kürzere und keine längere. Ich – ich habe die Zeit wiedergefunden. Ich lebe mit ihr und trinke aus diesem Fluss, ohne Hast und ohne Qual. Corinna! Corinna hat nicht deine Hast, nicht deine Hetze; sie könnte was anfangen mit der Zeit. Aber sie hat das Gefühl für die Kostbarkeit der Zeit verloren. Sie muss geweckt werden, Frank. Sie muss etwas anfangen mit ihrer Zeit! Sie hat nur ein Leben – so wie du und ich.“
Gunther lehnte sich angewidert zurück; er war fassungslos und ratlos. Dieser Idiot hatte alles verloren, sogar die Zeit. Was war da noch zu besprechen. Er blickte auf seine Armbanduhr. Es wurde Zeit für ihn.
„Hast du das Corinna gesagt? Will sie dich deshalb nicht mehr besuchen? Ich könnte sie verstehen! Sie kommt prima mit ihrer Zeit zurecht; ich weiß nicht, was du hast.“
„Ja, ich hab mit ihr darüber gesprochen. Sie versteht mich schon. Aber sie sagt, es gäbe nicht nur den Zeitfluss, der sie einengt, ihr Leben taktet. Da sei noch mehr, du wüstest es schon.“
Er saß einen Augenblick wie erstarrt da, dann stand er auf, zog den Mantel heftig zurecht und knöpfte ihn zu.
„Ich muss jetzt gehen. Mein Büro verlangt nach mir. Auf das Frühjahr kann ich nicht warten. Leb wohl!“
Er wollte zur Tür, als die sich direkt vor ihm öffnete.
„Julia!“, dachte Frank und sog langsam den sich ausbreitenden Duft ein.
„Sie gehen schon?“, sagte sie zu Gunther und stellte die Vase mit dem breiten, dicken Blumestrauß auf die Fensterbank.
„Tun sie die da weg, Julia! Sie verstellen mir den Blick. Setzen sie die Blumenvase auf den Tisch. Mein Bruder wird es verstehen.“

Eduard Breimann



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Ich schreibe - also bin ich.

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