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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kurzkrimi
Eingestellt am 09. 08. 2019 10:49


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Javanna
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2019

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Das Versteck

„Hallo. Aufwachen. Hören Sie mich? Frau KrĂŒger. Wir haben sie gefunden.“ Gefunden? Mich? War ich denn verloren gegangen?
„Frau KrĂŒger. Hören Sie mich?“ Die Stimme dröhnt in meinem Kopf. Der Schmerz schießt vom Hinterkopf in die SchĂ€deldecke und von dort in den Nacken. Sie sollen ruhig sein. Mich schlafen lassen.

„Frau KrĂŒger.“ Jemand schĂŒttelt mich. Mit aller Kraft versuche ich, die Lider zu heben. Vergeblich, sie sind wie zugeklebt.
„Sie hat geblinzelt.“ Jetzt ist es eine andere Stimme, hell und schrill. Als ich endlich die Augen öffnen kann, sehe ich einen Schatten, der sich ĂŒber mich beugt. Schlafen, bitte lasst mich schlafen.

„Frau KrĂŒger, schauen Sie mich an“, wieder eine andere Stimme, sanft aber bestimmend.
Ich versuche es. Hebe die Lider. StĂŒck fĂŒr StĂŒck. Ich kann das Gesicht ĂŒber mir erkennen. Verdammt, plötzlich ist es wie weggezoomt. Jetzt wieder nĂ€her. Wieder weg. In meinem Kopf dreht sich alles.

„So und jetzt schauen Sie mich noch einmal an.“ Wieder diese samtweiche Stimme. „Da sind Sie ja, hallo Frau KrĂŒger“, ich sehe einen jungen Mann, der sich gerade eine blaue HaarstrĂ€hne aus dem Gesicht streicht. „Wir haben sie gefunden. Machen Sie sich keine Sorgen. Es geht ihr gut“, der junge Mann lĂ€chelt mich an.

Ich setze mich abrupt auf. Sofort wird mir ĂŒbel und ich lasse mich wieder zurĂŒckfallen. Vorsichtig schaue ich mich um.“ Leitender Notarzt“ steht auf der rotweißgelben Jacke. Dahinter steht ein Rettungswagen, daneben ein Einsatzwagen der Polizei mit Blaulicht. Das Flackern und das blitzende Licht tun mir weh. Mein Kopf schmerzt. Wo bin ich? Wer sind die vielen Menschen, die hinter dem flatternden rot-weißen Band stehen?
„Wir bringen Sie ins Krankenhaus“, sagt der junge Mann und reißt mit einem ratschenden GerĂ€usch die Manschette von meinem rechten Arm. Zwei andere MĂ€nner schieben mich in den Rettungswagen. Die Menschenmenge hinter dem Absperrband gerĂ€t in Bewegung und drĂ€ngt nach vorne. Der Arzt mit der blauen HaarstrĂ€hne sticht eine Nadel in meine HandoberflĂ€che. Ich sehe einen Schlauch, aus dem eine FlĂŒssigkeit tropft. Tropf. Tropf. Tropf. Bin ich krank? Hatte ich einen Unfall?

„Was ist passiert?“ Meine Stimme klingt rau und brĂŒchig.
„Schlafen Sie, es ist alles gut“, die sanfte Stimme hĂŒllt mich ein. Alles wird leicht. Ich schwebe. Ja, schlafen. Bin so mĂŒde. Als ich aufwache, schaue ich in einen blauen Himmel. Die Sonne strahlt durch ein großes Fenster direkt in mein Gesicht. Ich liege in einem Bett unter einem weißen Bettlaken.

„Guten Morgen, Frau KrĂŒger. Wie geht es Ihnen?“ Eine weiß gekleidete junge Frau lĂ€chelt mich an.
„Danke, gut. Wo bin ich?“ Ich versuche, mich aufzusetzen, falle aber sofort wieder zurĂŒck. Die Frau zieht mich mit gekonntem Griff in eine sitzende Position.
„Sie sind im Krankenhaus. Jetzt frĂŒhstĂŒcken Sie erst einmal.“ Die junge Frau stellt ein Tablett auf den Nachtschrank. Leise zieht sie die TĂŒr zu. Hunger habe ich keinen. Aber der Kaffee ist heiß und gut.

„Guten Morgen“, schwungvoll wird die TĂŒr aufgerissen. Ein dynamisch aussehender Mann in Weiß tritt ein. „Sie haben alles gut ĂŒberstanden, Frau KrĂŒger. Der Arzt schaut zuerst in die Krankenakte und dann mich ĂŒber seine Brille an. „FĂŒhlen Sie sich in der Lage, mit der Polizei zu sprechen?“

Mit der Polizei? Habe ich etwas verbrochen? „NatĂŒrlich spreche ich mit der Polizei“, stammele ich. „NatĂŒrlich.“ In meinem Kopf herrscht Chaos.

Ein Klopfen an der TĂŒr lĂ€sst mich aus meinen Gedanken aufschrecken. Zwei MĂ€nner treten ein. „Frau KrĂŒger, ich bin Hauptkommissar Kurt Seitz und das ist mein Kollege Ralf Meyer.“ Der Kommissar rĂŒckt einen Stuhl an mein Bett und einen zweiten daneben. Dann nehmen beide MĂ€nner Platz. „Woran können Sie sich denn erinnern“, fragt er und zieht Notizbuch und Kugelschreiber aus der Innentasche seines Jacketts. Ja, an was kann ich mich denn noch erinnern? An den jungen Arzt mit der blauen HaarstrĂ€hne und der sanften Stimme, an das flackernde Licht und den Rettungswagen.

„Ja, ja, Frau KrĂŒger, das wissen wir schon. Aber was war davor?“ Der Mann, den Seitz als Ralf Meyer vorgestellt hat, hat beide HĂ€nde auf seine Knie gelegt und trommelt mit den Fingerspitzen darauf. Das macht mich nervös. Ich ĂŒberlege. Mein Kopf tut wieder weh. Ich halte ihn mit beiden HĂ€nden fest, damit er nicht auseinander platzt.

„Ich weiß nicht. Das einzige was mir einfĂ€llt ist, dass sie gesagt haben, ich solle mir keine Sorgen machen, sie hĂ€tten sie gefunden“, sage ich und reibe mit den Fingerspitzen ĂŒber die SchlĂ€fen.

„Ihrer Tochter geht es gut. Gottseidank hat die Feuerwehr sie gefunden. Sie hatte sich unter dem Bett versteckt. Er bringt mich um, hat sie immer wieder geschrien.“ Der Hauptkommissar schaut mich fragend an. „Hat man Ihnen das nicht gesagt? Lea ist hier im Krankenhaus.“

„Meine Tochter“, frage ich erstaunt. Ich habe keine Tochter. Oder? Quatsch. „Nein“, sage ich laut, „Ich bin Maja KrĂŒger, 42 Jahre alt, freie Journalistin, ledig, lebe und arbeite in Hamburg und wohne alleine in einer Altbauwohnung in Altona."

„Kann es sein, dass sie eine Amnesie hat“, fragt Seitz den Arzt, der das Geschehen verfolgt hat.
„Möglich“, antwortet dieser, „Die Verletzung am Kopf, der Schock, das Trauma. Das Erlebte wird verdrĂ€ngt. Ein Selbstschutz des Körpers.“

Lea. Eine Erinnerung klingt an, dann ist sie verschwunden. So, wie wenn man einen Traum erinnert und ihn fassen will. Je mehr man nach ihm greift, desto mehr verblasst er und nur ein vages GefĂŒhl bleibt zurĂŒck. „Hat sie gesagt, ich sei ihre Mutter“, frage ich den Kommissar.
„Nein“, er schaut mich prĂŒfend an. „Sie ist noch nicht ansprechbar. Aber, das fragen sie besser den Arzt. Der Ausweis in der Handtasche, da stand der Name, Lea KrĂŒger.“
„Lea KrĂŒger. Und da haben sie angenommen, dass ich ihre Mutter bin, weil sie Lea KrĂŒger heißt. KrĂŒger, ich bitte sie, ein Allerweltsname.“ Ich wollte gar nicht so heftig werden, was ist nur mit mir los?

„So“, der Arzt ist an mein Bett getreten, „Das sollte erst mal genug sein.“ Er wendet sich an die Polizisten. „Kommen Sie morgen wieder.“

Erschöpft drehe ich mich auf die linke Seite, meine Einschlafseite. Es tut gut, alleine zu sein. Aber an Schlaf ist nicht zu denken. Ich bin verwirrt und gleichzeitig ist tief auf dem Boden meines Bewusstseins etwas, was mit Lea KrĂŒger zu tun hat und was ich nicht zu fassen bekomme. MĂŒhsam schwinge ich die Beine aus dem Bett. Ich muss sie sehen. Es gelingt mir, Jeans und Pullover ĂŒber das Krankenhaushemd zu ziehen. Dann schlĂŒpfe ich in meine Schuhe und schleiche mich aus dem Zimmer.
Unbemerkt gelange ich zum Aufzug und ins Erdgeschoß. Die Dame an der Information nennt mir Station und Zimmernummer.Ich nehme die Treppe und steige langsam, Stufe fĂŒr Stufe nach oben. Mein Atem geht keuchend. Ich bin alles andere als fit.

In dem Zimmer steht nur ein Bett. Ich trete heran und schaue in ein Gesicht, das dem meinen Ă€hnelt, als ich zwölf oder dreizehn war. Ich setze mich auf die Bettkante und nehme die eiskalte Hand des MĂ€dchens. Mir wird schwindlig. WĂ€hrend ich in das zugleich fremde und vertraute Gesicht schaue, kehrt die Erinnerung zurĂŒck. Ganz langsam, wie beim Tauchen, wenn man vom Grund nach oben gleitet, kĂ€mpft sie sich mĂŒhsam an die OberflĂ€che meines Bewusstseins.

Es war Freitagabend. Ich hatte am Schreibtisch gesessen, um einen Artikel noch einmal zu ĂŒberarbeiten, da hatte es geklingelt. Ich erwartete keinen Besuch und öffnete irritiert die TĂŒr. Sie schlĂŒpfte hinein und flehte mich an, sie anzuhören. Wie ein kleiner gerupfter Vogel sah sie aus, der aus dem Nest gefallen war „Ich bin Lea, deine Nichte“, sagte sie.
Meine Ă€ltere Schwester hat also eine Tochter? Das letzte Mal sah ich Marlene, als sie mit einer Gruppe Punker in einem besetzten Haus lebte, vor etwa 15 Jahren. Wie oft hatte ich versucht, sie aus der Szene herauszuholen, aber sie war immer wieder dahin zurĂŒckgekehrt. Es gab heftige Auseinandersetzungen, vor allem wenn Marlene betrunken war oder unter Drogen stand. Und das war sie fast jedes Mal, wenn wir uns sahen. Irgendwann hatte sie den Kontakt abgebrochen. Dabei war es geblieben.

Als Lea den Mantel auszog, konnte ich sehen, wie zart sie war. So, wie Marlene frĂŒher. Sie war immer die HĂŒbsche, Weibliche und Wilde gewesen. Lea erzĂ€hlte von der engen Wohnung in Hannover, davon, dass ihre Mutter krank sei, aber clean und von dem Mann, der gewalttĂ€tig wurde, wenn er getrunken hatte und Marlene schlug. „Wenn du was sagst, bist du tot“, hatte er Lea gedroht. Vor zwei Tagen dann hatte sie die Mutter schwer verletzt aufgefunden. „Du musst zu Maja KrĂŒger gehen, sie ist meine Schwester. Da bist du sicher“, rief Marlene ihr noch zu, bevor der Krankenwagen los fuhr. Lea fand meine Adresse heraus uns jetzt war sie hier.

Ich hatte ihr das GÀstezimmer hergerichtet. Wie ein kleines MÀdchen sah sie aus in meinem Schlafshirt. Am liebsten hÀtte ich sie in den Arm genommen und ihr vorgelesen.

Als ich wieder am Schreibtisch saß, gab es einen lauten Knall, Glas splitterte und ĂŒberall waren Flammen und Rauch. Und dann war da der junge Arzt mit der blauen StrĂ€hne.

„Hier sind Sie also, Frau KrĂŒger. Na, können Sie sich jetzt wieder erinnern“, fragt Seitz, der mit seinem Kollegen das Zimmer betritt und ich erzĂ€hle ihnen die ganze Geschichte.
„Sie haben GlĂŒck, einen so aufmerksamen Nachbarn zu haben. Er hat nicht nur die RettungskrĂ€fte alarmiert, sondern auch das Feuer gelöscht. Den TĂ€ter haben wir ĂŒbrigens auch schon gefasst. Er hatte den Brandbeschleuniger noch bei sich. Er ist ĂŒber die Balkone geklettert. Dann hat er einen Stein in ihr KĂŒchenfenster geworfen und einen in Benzin getrĂ€nkten Lappen und eine brennende Fackel hinterher. Gottseidank hatte sich das Feuer noch nicht ausgebreitet. Ihre Wohnung steht also noch, eine neue KĂŒche werden sie aber brauchen.“

„Das ist gut“, sage ich, „es war der Ex-Freund meiner Schwester. Lea ist meine Nichte. Gut, dass man sie noch rechtzeitig gefunden hat. Sie bleibt natĂŒrlich bei mir.“ Eine Ă€ngstliche WĂ€rme breitet sich in mir aus. Wir werden es schon hinkriegen, wir drei.











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Hallo Javanna, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

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Hallo Javanna,

ich fand die Geschichte auch ganz gut.
Aber:
Die AbsĂ€tze und ZeilenumbrĂŒche sind nicht immer an den richtigen Stellen.
Der Schluss ist fĂŒr mich nicht ganz schlĂŒssig. Maja hatte eine Rauchvergiftung, stimmtÂŽs? Wie kam es denn genau dazu?
Sie saß an ihrem Schreibtisch, aber der Stein wurde zusammen mit der Fackel und dem Brandbeschleuniger durch das KĂŒchenfenster geworfen. Überall Flammen, ja, aber Maja war doch in einem anderen Zimmer. Da hĂ€tte sie doch zusammen mit der Nichte Maßnahmen ergreifen oder flĂŒchten können, sie hat doch den Einschlag gehört.

GrĂŒĂŸe, Th.

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Javanna
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Registriert: Aug 2019

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Thomas Q

Hallo Thomas, danke fĂŒrs Lesen - schön,daß dir meine Geschichte ganz gut gefallen hat.
Zum Schluß: Ich hatte beim Schreiben eine reale Situation vor Augen, einen Brand in einer Ferienwohnung, der sich rasend schnell incl. Rauchentwicklung ausgebreitet hat.
GrĂŒĂŸe von Javanna

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Javanna
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2019

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Tintenkleckser

Vielen Dank fĂŒr deinen ermutigenden Kommentar.
Javanna

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SMöller
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Registriert: Sep 2019

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Guten Morgen Javanna,

deine Geschichte finde ich an sich spannend. Ich finde aber auch, das die ZeitsprĂŒnge teils unpassend sind und bin der Meinung du hĂ€ttest den Spannungsbogen noch etwas ausreizen können. Ich bin mir sicher das du das schaffst. Aufjedenfall eine Geschichte mit potential.

Liebe GrĂŒĂŸe

Steffi
__________________
Hope! Dreams! Reality!

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