Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92248
Momentan online:
315 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
L' heure des Misérables
Eingestellt am 22. 12. 2003 07:40


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Rodolfo
Häufig gelesener Autor
Registriert: Dec 2003

Werke: 26
Kommentare: 108
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rodolfo eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

L’ heure des misérables

Der blutig rote Streifen schlängelnden, rinnenden Lichts auf dem Wasser weitet sich aus, verbreitert sich, schiebt seine gierige Zunge langsam erst, dann immer schneller auf die Insel Palmaria zu. Der Himmel scheint sich ins Meer zu senken. Schwarzes Nichts schleicht über den Horizont, rollt die feine Trennlinie zwischen Meer und Himmel auf. Wolken wie Schiffe werden gleichsam von der Dunkelheit aufgesogen. Nur noch die Umrisse des Festlandes zeichnen sich in scharfen Konturen vor der alles verschlingenden Abenddämmerung ab.
Auf den zum offenen Meer hin gelegenen Felsen kontrastieren die alten, sturmzerzausten Pinien wie ein Scherenschnitt vor dem Grauviolett des Abendhimmels. Kein Windhauch bewegt die bleierne, abgestandene und vor glühender Hitze flimmernde Luft, die sich wie ein Mantel über die Insel gelegt hat und in jeden Spalt, in jedes Haus eindringt.
Es ist die Stunde des Todes. Die Stunde, in der nicht mehr alle kranken und alten Kreaturen auszuharren vermögen. Ausharren auf Linderung, auf die nächtliche Kühle, die ohnehin bis in die frühen Morgenstunden auf sich warten lassen wird.
Es ist aber auch die Stunde des Lebens. Die Stunde, in der Junge und Kräftige sich bereit machen, die Nacht und die Welt zu erobern. Die Stunde, die Verliebte sich in die Arme sinken lässt; in der die Last und die Eintönigkeit eines Arbeitstages abgelegt wird und Leidenschaften erwachen.
Mütter setzen strahlenden Gesichts ihren heimgekehrten Lieben das Abendessen vor. Wärme breitet sich aus in Stuben und Küchen. Eine Wärme ganz anderer Art als jene der glühenden Sonnenkugel, die seit Wochen die Felsen der ligurischen Küste verbrennt.
Es ist eine Stunde des Zwiespalts. Zeit des Glücks und des Frohsinns für die Gesunden, die Jungen, die ohnehin Glücklichen. Aber Stunde des Zweifelns, des Verzweifelns gar, für alle Schwachen, die Kranken, die Süchtigen, die Miserablen, die ohnehin Unglücklichen....

"L'heure des miserables..., l'ora dei miserabili..."

Der Mann, der dies leise vor sich hinmurmelt, kann seine eigenen Worte nicht hören. Wie ein Broncestandbild steht er oben auf den Felsen, zu deren Füssen die kleine grotta azurra, diese Andeutung einer blauen Grotte, sich dem Meer öffnet. Auch dieser Umstand dringt nicht bis in sein Bewusstsein, ebenso wenig wie die Feuerzunge des Abendrots, die sich immer schneller auf ihn zu bewegt, die ersten Felsen der Insel bereits umschmeichelnd und ein einsames Segelboot funkelnd umzüngelnd.
Der Standbildhafte hat nur Augen für einen Vogel, der mit flatterndem Herzen und hängenden Schwingen in der Muschel seiner beiden Hände liegt, den kleinen Kopf zurückgeworfen und den Schnabel anklagend in Richtung der untergehenden, rotleuchtenden Feuerkugel geöffnet.
Die Hände des Einsamen umschliessen den Vogel – eine Möwe - gleichsam schützend und liebkosend. Reglos steht er da und sein offenbarer Friede scheint sich auch auf den sterbenden Vogel zu übertragen, dessen wild flatterndes, krankes Herz allmählich ruhiger pocht. Langsam, zögernd senkt sich der spitze Schnabel, die Augenlider des gefiederten Lebewesens schliessen sich, öffnen sich weit, schliessen sich ganz langsam wieder.
Die Möwe scheint nicht mehr zu atmen. Wie ein Teil des einsamen Mannes auf dem Felsen, eine Verlängerung seiner langgliedrigen, sehnigen Hände, liegt sie ruhig an seiner Brust. Plötzlich geht ein leises Zucken durch die Sehnen und Muskeln des kleinen Vogelkörpers. Noch einmal öffnet die Möwe ihre glänzenden, anthrazitfarbenen Augen klagend zur verglühenden Sonne, richtet ihren leidenden Körper auf und zieht erst den linken, dann den rechten Flügel eng an ihre leise zitternde Brust, ganz wie zum Schutz vor einer unnatürlichen Kälte. Den zweiten Flügel hat sie erst halb angelegt, als sie in sich zusammensinkt und den feinen, müden Kopf sachte nach vorne fallen lässt...

Lange stehen sie so da auf der höchsten Erhebung der Insel, friedlich, ruhig, starr: ein Mann und ein sterbender Vogel. Auch der dunkle, grossgewachsene Mann scheint ohne Leben. Auf seinem muskulösen, leicht gekrümmten Rücken und in seinem hageren Gesicht ist keine Regung abzulesen. Seine kräftigen, aber empfindsamen Finger spüren keinen Herzschlag mehr. Nur die Wärme des leblosen Vogelkörpers überträgt sich ihnen noch. Er spürt nicht den leisen Wind, der ganz sachte vom Meer her aufkommt. Er sieht die Sonne nicht im dunklen Schlund der Nacht versinken, von der niemand zu sagen vermag, ob sie aus der Tiefe des Meeres aufsteigt oder vom Himmel herabsinkt. Keinen Blick hat er für die Lichter, die, vereinzelt erst, dann zu mehreren und schliesslich zu hunderten an Strassen, Häusern und Schiffen aufblinken, trotzig gegen das gnadenlose Dunkel der Nacht ankämpfend.
Erst lange, nachdem ihn die Dunkelheit eingehüllt und mit dem Fels, dem Meer und den Pinien zu einer einheitlichen Silhouette verschmolzen hat, kommt Bewegung in seinen steifen Körper, hebt er wie aus tiefem Traum erwachend seinen schmalen, aristokratischen Kopf. Ohne dass es ihm gewahr worden ist, hat er gleichzeitig mit der sterbenden Möwe seine Augen geschlossen, seinen Kopf auf die Brust gesenkt. Auch sein Herzschlag hat sich im selben Moment verlangsamt, bis er kaum mehr zu spüren war. Er hat den Vogel begleitet, so weit es dieser zuliess. Bis zum Ort, zur Pforte, wo das sichtbare Leben nicht mehr existiert. Dort musste er zurückbleiben, er weiss es; der Geist der toten Möwe hat es ihm gesagt.

Ein feines Lächeln veredelt seine bisher starren Züge. Er weiss um das Geheimnis des Todes, das zugleich das Geheimnis des Lebens ist. Alles weiss er darüber und weiss doch gar nichts. Sachte legt er die kleine Vogelleiche, aus der mittlerweile alle Wärme gewichen ist, in eine flache Mulde im rauhen Fels. Ohne innezuhalten, dreht er sich um und verweht wie ein Nebelgespenst zwischen Felsen und Pinien landeinwärts.





Mein Anliegen: (gehört nicht zum Text)

Dies ist die Einführung zu einer längeren Geschichte, die von meinen Probelesern nie schlüssig beurteilt wurde. Ich bin manchmal ein hoffnungsloser Romantiker, unfähig, selbst zu beurteilen, wann ein Text schmalzig wird. Also, was meint ihr? Schon im Kitsch oder noch knapp daneben?
__________________
Nur die Berge stehen ewig, nur der Fluss fliesst immer weiter...

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!