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Leselupe.de > Kurzgeschichten
LISA IM KLEID
Eingestellt am 09. 03. 2001 19:58


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Birgit Kachel
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

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Lisa t√§nzelt √ľber die Wiese. Sie tr√§gt ein Sommerkleid. Wir sind in den F√ľnfzigern. Schon gibt es ein Haus, einen Garten, einen Swimming-Pool, eine Teppichstange und einen Beeren-Dschungel. Auch eine Waschk√ľche gibt es und lange Staubsaugerfahrten hinter der Glasfront. Im weitr√§umigen Keller k√∂nnen die Kinder mindestens zweimal die Woche unbeobachtet beklemmend aufregenden Doktorspielen nachgeben. W√§scheklammern, die zwicken, gibt es in H√ľlle und F√ľlle. Das war Lisas Einfall gewesen und darf nur bei Martina, der gleichaltrigen Freundin von gegen√ľber, geschehen.

Lisas Mutter ist oft fr√∂hlich, aber auch ungeduldig. Im Gegensatz zu Martinas Mutter ist sie berufst√§tig, als Sachbearbeiterin beim Jugendamt. Jetzt ist Oma da, die mit ihrem Mundwerk andere Frauen gern von ihren h√§uslichen Pflichten abh√§lt. Ihre Enkelin ist, von gelegentlichen Wutausbr√ľchen abgesehen, ein ruhige und williges Kind. Kurz: ein braves M√§dchen. In einer sauberen Familie. Obwohl der Vater nur ein Arbeiter ist, hat sich die Familie doch langsam und stetig ihrer akademisch begr√ľnten Umgebung angepa√üt. Oft gibt es Kaffee und Kuchen, Nesquick und Schokolade, organisierte Kindergeburtstage mit Sonntagskleidern, Luftschlangen, "Blinde Kuh", "Topfschlagen" und nicht ganz versehentlichen "Kitzelschauern". Auch ein Fernsehger√§t ist vorhanden, das mit Werbung, "Rin-tin-tin" und "Lassie" Lisa bis in's zw√∂lfte Lebensjahr begleitet. So IST DIE FAMILIE EINE FAMILIE. Und funktioniert bis in den kleinsten Winkel. Gro√üen Wert wird zum Beispiel auf anst√§ndigen Umgang gelegt. Das betrifft nicht nur Lisas willkommene oder vollkommen abgelehnte Freundschaften, sondern auch das Vermeiden jeglichen "Jargons". Das Auftreten einer F√§kalsprache zum Beispiel w√ľrde in diesem Hause unvorstellbare Explosionen, angefeuert von der Mutter, hervorrufen. Jargon kann es von ihr aus bei den Halbstarken im Kino geben. Bei denen, die ohne F√ľhrung sind, in Baracken hausen und Rabeneltern haben, die anstatt zu arbeiten, dem Alkohol verfallen sind. Oder bei den Zigeunern. Aber die hat es eh nur vor mehr als hundert Jahren gegeben, als alles noch Wildnis war und die M√§dchen keine Kleider auf dem Leib trugen. Weil das so Sitte ist bei den schwarzlockigen M√§dchenfressern. Hat Oma gesagt. Und die mu√ü es schlie√ülich auch wissen.

Lisa steht auf der Treppe und l√§√üt sich fotografieren. Sie l√§chelt und schaut adrett aus in dem Kleid, das wei√ü ist und gro√üe, gelbe Tupfen hat. Aber in Wirklichkeit ist das gelogen. Das sind n√§mlich die Kleckse der Margeriten, die sich in der Sonne aufbl√§hen, verrutschen, sich gegenseitig ansto√üen, zu √ľbertrumpfen suchen, weil jede als erste in's Bild m√∂chte. - Halt, du dr√§ngst dich nicht vor! . Und schon ist die Hand dar√ľber, dr√ľckt die eitle Ungeduldige zur√ľck in die Falte, und das Kind achtet von nun an sorgf√§ltiger auf die anderen und denkt: Hoffentlich hat es keiner gemerkt... - Das Kleid hat Mama gen√§ht. Was eine richtige Frau ist, die schneidert selbst." Das haben sie in der Zeitung gelesen, von einer, die es wissen mu√ü. "Was die Kinder heute alles aufschnappen." sagt die fremde Frau, die eigentlich Lisas Oma ist. Danach l√§chelt sie mit gespielter Verlegenheit in die Kaffeerunde, die aus sitzengelassenen Frauen besteht, deren M√§nner irgendwo und undurchsichtig f√ľr den Wohlstand sorgen; f√ľr das Gl√ľck ihres R√ľckgrates", wie eine Nachbarin mal spa√üeshalber bemerkt haben will.

Aber davon versteht Lisa nichts. In ihrem Margeritenkleid, das unaufh√∂rlich rutscht, sich aufbl√§ht √ľber dem frisch gem√§hten Gras wie ein Baldachin der H√∂lle, wo Zigeuner hausen, Halbstarke verhungern, Kaffeerunden fl√ľstern, Rabeneltern saufen und - der Gardasee pl√§tschert, davor Lisa "ihre Tage" bekommen wird. Das erste Mal: Ein roter Schwamm zwischen zwei welken Bl√ľten, die nicht mehr aneinandersto√üen k√∂nnen, nie mehr, auf diesem selbstgeschneiderten Baldachin des stillen, totgetret'nen Lebens unter ihren F√ľ√üen.


(11.09.1987)

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flammarion
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Registriert: Jan 2001

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alle achtung!

bin erschlagen von dieser starken geschichte. ist es erinnerung, ein traum oder ausgedacht? jedenfalls sehr gut erz√§hlt, rundherum eine gute geschichte. ganz lieb gr√ľ√üt
__________________
Old Icke

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Birgit Kachel
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

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Einen wunderschönen guten Morgen, liebe Marion

- und danke f√ľr deine Antwort. Die Geschichte entstand zum gr√∂√üten Teil aus meinen Erinnerungen und Empfindungen (vorher/nachher) und aus einem kleinen Teil fiktiver "Assoziationen".

Es freut mich, daß sie dich angesprochen hat.

Mit liebem Gruß

Birgit

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Chrissie
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2000

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Toll!

Vor allem den surrealistischen 'Einschlag' am Ende finde ich höchst gelungen.
Die Welt, die nicht so ist, wie sie scheint...

Liebe Gr√ľ√üe
*Chrissie*
__________________
Pseudonym? Nein Danke!
Christine Mell von Mellenheim

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Birgit Kachel
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

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Ja, liebe Chrissie, die Welt ist wirklich nicht, wie sie scheint, ist immer surreal, denn was ist schon real - unser Hoffen und Streben etwa? Dann w√§r's ja auch schon wieder langweilig, eines unter vielen, niemals unser Eigenes. Das Kindsein vielleicht k√∂nnte etwas Reales in sich tragen, dann, wenn es noch unbeschadet bleibt - doch wie lange bleibt ein Kindsein unbeschadet, unbefrachtet von dem Hoffen und Streben Anderer, einfach frei im Sein? Nun andererseits hat das Surreale ja auch sein Gutes, wir k√∂nnen uns darin t√§uschend entfalten, Grenzen √ľberschreiten, Rollen spielen, mal Kom√∂die, mal Trag√∂die, wie es uns beliebt. Wir k√∂nnen aber auch darin selbstzerst√∂rerisch untergehen und das w√§re dann ein Drama im klassischen Sinne.

Ich w√ľnsch dir weiterhin viel Kraft, noch mehr viel Liebe in deinem Tun und auch in deiner Zielrichtung.

Liebe Gr√ľ√üe

Birgit

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