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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Lady Delorian - The Racer
Eingestellt am 18. 02. 2004 21:56


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bluesnote
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2002

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Verhaßtes Rot!
Tom hielt an der Ampel vor der Kreuzung.
Er saß in seiner nachtblauen Viper und blickte nach links.
- Das gibt’s doch nicht! Mit dunkel röhrenden Sound stellte sich ein Straßenflieger neben ihn auf die Überholspur.
Es war tatsÀchlich ein Dodge Challenger, ein Highway-Burner vor dem Herrn.
550 PS, vorne tief und hinten hoch mit den typisch breiten Walzen versehen.
Das Seitenfenster des Dodge fuhr elektrisch betĂ€tigt ein StĂŒck hinab, kleine Tropfen Nieselregens perlten am Gummi ab, zwischen dem die Scheibe nach unten versank.
Dunkel war es in dem anderen Fahrzeug, er sah nur eine bleiche, knöcherne Hand. Langsam strebte sie den am Innenspiegel befestigten, obligatorischen zwei WĂŒrfeln aus Schaumstoff und Textil entgegen.
- OK, Baby! Tom schob die selbst gebrannte Scheibe mit Rock ’n’ Roll von Motörhead zurĂŒck in den heimischen Schacht und startete per Knopfdruck. Er blickte nach vorn, die grellbunten Lichter des AmĂŒsierviertels glĂ€nzten auf dem nassen Asphalt.
Er schaute wieder nach links zum Gegner. Sacht tippten die weißen Finger der Hand
zweimal gegen die flauschigen WĂŒrfel.
Motörheads Leader schrie die Zeile „Kiss Your Ass“, da sprang die Ampel um auf GrĂŒn.
Das Rennen war gestartet.

Sein Gegner zeigte gute Reflexe, sein Dodge flog nach vorn, war enorm spurtstark. Aber Tom hielt mit und wollte zeigen, was er mit seiner Viper drauf hatte.
BrĂŒllender LĂ€rm und Abgase bliesen ihm ins Gesicht. Nichts anderes wollte er; daß und das Rennen ließen ihn seinen öden Alltag vergessen.
Der Dodge bog links ab und Tom folgte ihm. Im RĂŒckspiegel verschwanden die schlaffen Titten und faltigen Ärsche, die hier im Milieu jede Nacht ĂŒber die Bordsteinkanten gehalten wurden. Motörhead war bei „Eat The Rich“ angelangt.

Es war nicht seine ĂŒbliche Rennstrecke. Sein Gegner besaß einen leichten Vorsprung, Tom beschleunigte auf der Geraden.
Die Vorderreifen seiner Roaring Viper gelangten bis an das Heck des Challengers. Sie fuhren aus der Stadt hinaus. Bremslichter leuchteten auf, eine Kurve vor ihnen. Egal, er wĂŒrde so spĂ€t wie möglich bremsen. FĂŒr ihn galt es nicht nur, dieses Rennen zu gewinnen; je schneller, um so weiter entfernt vom ewig gleichen Trott!

Die Landstrasse wurde schmaler und es regnete jetzt stÀrker. Links und rechts der Fahrbahn gab es nur noch Wald. Sie rasten durch die mondlose Nacht, noch eine Kurve.
Er setzte sich vor seinem Kontrahenten, gab noch mehr Gas und schaffte es Meter um Meter soviel Raum zu gewinnen...

... in dem ihm mit einem Blick durch die Scheibe klar wurde, daß er sich an die Songs von Chuck Berry und Dion gewöhnen mußte.
Tom sah fliegende Petticoats auf Rollern. Lachende MĂ€dchen mit wippenden PferdeschwĂ€nzen. Rock ’n’ Roll auf RĂ€dern, Jungs, frisiert wie James Dean lehnten an verrußten HĂ€userwĂ€nden.
Er schaute in den Innenspiegel und hatte es vorher gewußt. Sein Haupt krönte eine lackschwarze Elvis-Tolle.
Überhaupt war das nicht mehr sein Wagen. Tom saß in dem Dodge. Er lehnte sich zurĂŒck in dem Ledersitz und stemmte die Arme gegen das Lenkrad.
Hatte er gewonnen. War das sein Preis?
Vorne auf der Haube stand etwas in Weiß geschrieben, indem er sich wieder nach vorn beugte, konnte er lesen: THE RACER!
Ja. Das war sein Ding! Eine langbeinige Schöne auf High Heels und bekleidet mit einem knappen, schwarzen Lederrock kam auf ihn zu und beugte sich an der TĂŒr hinunter.
„Da bist du ja endlich. Mein Rock ’n’ Roll Nigger! Du hast in meiner Sammlung gefehlt.”

Er gab Gas. Neben ihm heulte ebenfalls ein Motor auf. Die Frau in Schwarz mit der langen, langen blonden MĂ€hne baute sich mit einer schwarz-weiß karierten Flagge zwischen den beiden Fahrzeugen auf.
Die Lady mit den nackten Beinen hob die Flagge, die Menge lÀngs der Strecke johlte.
Er wollte laute Musik.
Doch Nein! Die Magie, der Mechanismus, daß, was ihn vorhin hierher brachte. War es möglich, das nur ein Knopfdruck ihn womöglich auch wieder zurĂŒck katapultierte? In seine Zeit!
Wer war er schon dort in seiner Zeit. Einer unter vielen.
In seiner Zeit war er ein durchnumerierter Malocher. Was gab es dort schon fĂŒr ihn. Schuften, nach Haus kommen, alte Schinken im TV. Vorm PC sitzen, Ablechzen im Downloadbereich und dann ab zu der Alten ins Bett. Ohne Hoffnung auf Besserung.
In dieser Welt aber war er... The Racer!
Tom suchte das Radio und brach den Startknopf ab.
Nach dem letzten Rennen ist vor dem nĂ€chsten Rennen. Sie waren vorhin vorwĂ€rts gefahren. Aber in der Zeit rasten sie zurĂŒck. Tom wußte jetzt, es war immer ein Fehler gewesen: die Flucht nach vorn vor dem Alltagstrott. Die ErfĂŒllung seiner TrĂ€ume lag in der Vergangenheit.
Seine Hand griff nach den zwei WĂŒrfeln am Innenspiegel, zĂ€rtlich tippte er mit dem Zeigefinger daran. Die Flagge fiel.

Im Westen, Februar 2004




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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

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Lieber bluesnote,

du weißt, dass ich deine Sprache und die dichte AtmosphĂ€re deiner Texte schĂ€tze. Auch in dieser Szene findet sich vieles, was mir gefĂ€llt. Allein Wörter wie „nachtblaue Viper“, „Dodge Challenger“, „Straßenflieger“ machen das Lesen zu einer Entdeckungsfahrt.

In einem anderen Thread wurde ja schon angesprochen, inwieweit die Szenen authentisch sind, man denkt an Chicago oder an die Bronx. Ich habe damit an sich kein Problem. Ein Wort wie „AmĂŒsierviertel“ fĂ€llt dann aber aus der Diktion heraus, das klingt wie ein Name, den das Deutsche Ordnungsamt vergibt. Es sind nur einige wenige Begriffe, die zu ĂŒberprĂŒfen wĂ€ren. Eventuell auch das Wort „Alltagstrott“.

WorĂŒber ich nachdenke, sind folgende SĂ€tze:
In seiner Zeit war er ein durchnumerierter Malocher. Was gab es dort schon fĂŒr ihn. Schuften, nach Haus kommen, alte Schinken im TV. Vorm PC sitzen, Ablechzen im Downloadbereich und dann ab zu der Alten ins Bett. Ohne Hoffnung auf Besserung.

Der „durchnummerierte Malocher“ ist ausgezeichnet. Auch die Wortwahl ist stimmig. Die dann folgenden SĂ€tze könnten etwas erklĂ€rend wirken. Als wolltest du nun eine BegrĂŒndung fĂŒr das lebensgefĂ€hrliche Rasereispiel gegeben. Ich glaube nicht, dass das nötig ist. Jedenfalls ist das in einer so kurzen Szene kaum machbar. Es sollte sich schon eher wie von selbst aus dem Kontext ergeben, vor allem, wenn es ein Ausschnitt aus einer lĂ€ngeren Story wĂ€re. Also statt einfach zu sagen „vorm PC sitzen“ ect. mĂŒsste man das ggf. darstellen. Glaubhaft machen. Wenn es sich hier aber bei deinem Text um eine allein stehende, abgeschlossene Szene handelt, wĂŒrde ich solche erklĂ€renden Aussagen eher kĂŒrzen oder weglassen.

Nicht ganz leicht zu lesen ist der Text fĂŒr mich gegen Ende, wenn es in die Fantasie ĂŒbergeht. Was im Einzelnen wie vor sich geht, ist nicht ganz leicht zuzuordnen.

Ein kleiner Hinweis: „War es möglich, dass (bzw. daß) nur ein Knopfdruck..."

Ich empfinde deinen Text als Ă€sthetisch. Kann es sein, dass du das Milieu quasi als „Stilmittel“ einsetzt? Spannend zu lesen, originelle Wortwahl, starke Bilder – davon lebt die Szene.

Liebe GrĂŒĂŸe

Monfou

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bluesnote
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Registriert: May 2002

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Hallo Monfou

Ich glaube, ich habe das Milieu insofern als Stilmittel eingesetzt, um einfach ein paar derbe Wörter einzubringen, die den Frust ĂŒber Toms "Alltagstrott" verdeutlichen sollten.
Dieses Wort, wie ich ĂŒbrigens jetzt zugeben muss, passt wirklich nicht in den Text.
Show, don't tell erschien mir fĂŒr die GedankengĂ€nge Tom's zu aufwendig, wĂ€re aber, wie ich zugeben muss, auch machbar gewesen. Vieleicht, bevor Tom ĂŒberhaupt an der roten Ampel steht. Er hat halt einfach nicht das GlĂŒckslos gezogen, das ihm die lebenslange Sofortrente sichert.

Lieber Monfou - Nicht ganz leicht zu lesen... .
Das sagt mir, das ich den Teil, ab dem Tom in Lady Delorians Reich, der Twilight Zone weilt, fĂŒr den Leser einfach nicht kantenscharf aufgezeigt habe.
Dann noch die Sache mit dem leidigen dass! Ich muss endlich ein vernĂŒnftiges Rechtschreibbuch finden!
Zum Abschluss möchte ich mich bedanken, fĂŒr die MĂŒhe, die du dir mit meinem Text gemacht hast.

Viele GrĂŒsse.

Udo

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