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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Lady Kajana
Eingestellt am 07. 09. 2013 12:16


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Bertl Schreiner
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2013

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Lady Kajana

In diesem Augenblick, im Bruchteil einer Sekunde, wurde sie von der Angst ├╝berw├Ąltigt. Vielleicht hatte diese sie schon geraume Zeit belauert, wie ein sie lautlos umschleichender Tiger, jede ihrer Regungen beobachtend, um im entscheidenden Moment zum vernichtenden Schlag anzusetzen. Im gleichen Moment, als die Polizeisirenen gellten und der Platz vor dem Eingang zu einem der Vorstadt- Bahnh├Âfe Bangkoks sich mit Angstschreien f├╝llte, in die sich die dumpfen Schl├Ąge der Gummikn├╝ppel und die scharfen Detonationen von Tr├Ąnengasgranaten mischten, befreiten sich die tief im Unbewussten gefangenen Erinnerungen aus ihren Verliesen und zerfetzten die Fassade ihres zur Schau getragenen ├äu├čeren. Von der bestechend attraktiven, westlich modern gekleideten jungen Frau blieb nur ein panisch schreiendes, einem archaischen Fluchtreflex ausgeliefertes, von unsichtbaren Raubtieren gehetztes Lebewesen, das keiner Verstandeskontrolle mehr zug├Ąnglich war. So schnell ihre langen, bronzefarbenen Beine sie tragen konnten, rannte sie den schmutzigen Bahnsteig entlang, barfu├č, denn die blauvioletten Schuhe mit ihren hohen Abs├Ątzen hatte sie l├Ąngst verloren. Nur die schmale, ebenfalls blauviolett lackierte Handtasche baumelte wild an der Seite, schlug auf den R├╝cken, wenn sie sich durch die Wartenden quetschte.

Albert wartete wie die zahlreichen anderen Reisenden eigentlich nur auf die Bahn, die ihn zum Feierabend in seine Wohnung weit drau├čen au├čerhalb des Zentrums bringen sollte. Auf die in panischer Angst durch die Menge hetzende Frau wurde er aufmerksam, als sie nur wenige Schritte von ihm entfernt ├╝ber einen Koffer st├╝rzte, kurz strauchelte und sich sofort aufraffte. Einige Passanten, die instinktiv ihre Hilfe anbieten wollten, wehrte sie mit den Armen um sich schlagend ab und setzte ihre planlose Flucht fort, wobei sie ganz nahe an ihm vorbeist├╝rmte und er f├╝r wenige Sekunden ihre schreckverzerrte Miene mit den weit aufgerissenen schwarzen Augen sah. War es m├Âglich, dass er dieses Gesicht schon einmal gesehen hatte, unter den Hunderttausenden, die sich t├Ąglich durch die Stra├čen Bangkoks dr├Ąngten? Dieser Augenblick gen├╝gte, um eine unerkl├Ąrbare Verbindung aufzubauen zwischen diesem gehetzten Wesen und ihm, dem eher bed├Ąchtigen Deutschen, der seit Jahren in einer Einrichtung f├╝r Stra├čenkinder arbeitete. Wieso war diese grazile junge Frau in eine solche Panik geraten? Zwar h├Ârte man auch auf dem Bahnsteig den L├Ąrm der Polizeirazzia auf dem Bahnhofsvorplatz, aber niemand schenkte dem eher allt├Ąglichen Einsatz gr├Â├čere Beachtung. Ohne es zu wollen, verfolgte er die schmale, mit gro├čen Spr├╝ngen weiterhetzende Gestalt.

W├Ąhrend ihm diese Gedanken durch den Kopf schossen, hatte die Fliehende schon fast das Ende des Bahnsteigs erreicht, wo zwei v├Âllig unbeteiligte Bahnbedienstete warteten. Das unvermittelte Auftauchen der Uniformierten schien sie in h├Âchste Panik zu st├╝rzen; mit einem verwegenen Satz sprang sie vom Bahnsteig auf das Gleis hinunter und rannte auf den groben, scharfkantigen Schottersteinen weiter, jede Umsicht au├čer Acht lassend. Das Warnsignal des auf dem Parallelgleis ausfahrenden Zuges hallte ├╝ber das Gel├Ąnde. Doch anstatt sich in Sicherheit zu bringen, versuchte sie eben diese Schienen zu ├╝berqueren. Albert blickte ihr wie versteinert nach, sah nat├╝rlich die allm├Ąhlich Fahrt aufnehmende Bahn, konnte aber wegen der betr├Ąchtlichen Entfernung weder warnen noch eingreifen. Hatte sie es geschafft das Gleis zu ├╝berqueren oder war sie von der Lok erfasst worden? Anscheinend hatte niemand von dem Vorfall Notiz genommen, auch die Bahnangestellten nicht, die ja viel n├Ąher am Geschehen waren. Oder schauten sie absichtlich in eine andere Richtung, w├Ąhrend sie gem├Ąchlich auf das Bahnhofsgeb├Ąude zusteuerten?

Ohne zu ├╝berlegen, setzte Albert sich in Trab; er konnte doch die vielleicht in Not Geratene nicht einfach ignorieren. Doch zun├Ąchst versperrte ihm der ausfahrende Zug die Sicht; Wagen f├╝r Wagen rollte viel zu langsam vorbei, w├Ąhrend er dem Ende des Bahnsteigs zustrebte. Als der sich entfernende Zug schlie├člich den Blick freigab, nahm er eine halb liegende Gestalt wahr, die sich verzweifelt bem├╝hte, auf die Beine zu kommen. Sich mehrfach umblickend ├╝berquerte er das erste Gleis und rief der anscheinend Verletzten zu, dass er ihr helfen wolle. Doch die gut gemeinte Geste schien das Gegenteil zu bewirken: wie ein getroffenes Tier b├Ąumte sich die zarte Gestalt mit einem Schrei auf und floh humpelnd ├╝ber die restlichen Gleise auf eine Reihe verwahrloster Baracken zu, die sich am Ende des Bahngel├Ąndes an einem Abstellgleis hinzogen.

Ihre unerwartete Reaktion verbl├╝ffte Albert so sehr, dass er innehielt und zu zweifeln begann, ob seine Hilfe ├╝berhaupt erw├╝nscht sei. In dieser Minute k├╝ndigte sich mit durchdringenden Hupen schon der n├Ąchste Zug an und ratterte direkt vor ihm vorbei. Irgend etwas hielt ihn davon ab, sich zur├╝ckzuziehen; und als er wieder freie Sicht hatte, beobachtete er, wie die Verletzte schon fast die erste Baracke erreicht hatte, dann aber pl├Âtzlich zusammenbrach. Nachdenken und Abw├Ągen waren hier fehl am Platz; mit schnellen Spr├╝ngen ├╝berquerte er die restlichen Schienen und folgte dem Abstellgleis. Anscheinend knirschte der Schotter unter seinen F├╝├čen so laut, dass die junge Frau ruckartig den Kopf hob und ihn mit angsterf├╝llten Augen fixierte. Unter leisem St├Âhnen richtete sie sich wieder auf und schleppte sich durch flaches Gestr├╝pp auf die halb offen stehende Lattent├╝r, strauchelte nochmals und kroch wie ein verwundetes Tier auf allen Vieren in den heruntergekommenen Bretterverschlag.

Albert hatte inzwischen eingesehen, dass sie sich in einem Schockzustand befand; daher wagte er nicht ihr in die Baracke zu folgen, sondern schaute vorsichtig durch die Ritzen der T├╝r. Sie kauerte in der Ecke, hielt die H├Ąnde vor das Gesicht und st├Âhnte leise. Ihre helle Bluse war auf der rechten Seite ├╝ber der H├╝fte von Blut durchtr├Ąnkt, soviel erkannte er in dem Halbdunkel. Man konnte die Bedauernswerte doch nicht ihrem Schicksal ├╝berlassen! Doch wie sollte er sich ihr n├Ąhern, ohne einen neuen Panikanfall zu verursachen? Er versuchte so leise und einf├╝hlsam wie m├Âglich ihr von der T├╝r aus zu vermitteln, dass er ihr nur helfen wolle. Doch sie begann sofort mit den Armen um sich zu schlagen und Wortfetzen zu stammeln, die er nicht verstand, ihn aber im Tonfall an flehentliches Bitten erinnerten. Also verhielt er sich ruhig und beobachtete sie durch den Spalt zwischen den Holzbrettern.

Ihre Bewegungen wurden allm├Ąhlich langsamer und die unverst├Ąndlichen Laute ebbten zu einem leisen St├Âhnen ab. Albert war allein mit seiner Ratlosigkeit und dem schw├Ącher werdenden Seufzen; nur vom Bahnsteig wehten ged├Ąmpfte Stimmen her├╝ber. Eigentlich musste er jetzt Hilfe holen oder zumindest nach ihr sehen, aber ihr ├╝beraus panisches Verhalten hielt ihn noch zur├╝ck. W├Ąhrend er fieberhaft verschiedene M├Âglichkeiten ├╝berlegte, beobachtete er, wie der schlanke Oberk├Ârper in sich zusammenfiel und dann seitlich an der Bretterwand entlang nach unten rutschte. Leise betrat er die Baracke und n├Ąherte sich vorsichtig der ohnm├Ąchtig auf der linken Seite liegenden Gestalt, die kaum h├Ârbar atmete.

Nun durfte er nicht weiter z├Âgern Hilfe zu holen. Vor der H├╝tte alarmierte er ├╝ber Handy die Notambulanz und beschrieb so genau wie m├Âglich seinen Standort. Dann kniete er sich neben sie und f├╝hlte deutlich den Puls an der Halsschlagader. Also schien keine Lebensgefahr zu bestehen. Aber die Verletzung im Bereich ihrer H├╝fte sah ├╝bel aus; die Bluse und der Bund ihres Rockes waren dick mit Blut verklebt, das immer noch durch den Stoff sickerte. Ob er versuchen sollte, die Blutung zu stillen? Aber womit? Noch selten hatte er sich so hilflos gef├╝hlt; und es konnte wegen des ├╝blichen Chaos auf den Stra├čen noch lange dauern, bis die angeforderte Hilfe kam. Behutsam und nicht ohne Gewissensbisse ├Âffnete er den Rei├čverschluss ihres Rockes und kn├Âpfte die Bluse auf, um die Wunde zu versorgen, obwohl ihm v├Âllig unklar war, wie er dies ohne Hilfsmittel bewerkstelligen sollte. W├Ąhrend er den d├╝nnen Stoff vorsichtig von der verklebten Haut l├Âste, fiel sein Blick auf den schwarzen BH und ihre kleine, wohlgeformte Brust.

Als begehe er einen Frevel, konzentrierte er sich sofort auf die gro├čfl├Ąchige Fleischwunde, aus der immer noch Blut sickerte. Anscheinend hatte die Lok sie gerade noch an der Seite erwischt, als sie das Gleis fast ├╝berquert hatte. Da er ja kein Verbandszeug hatte und der ├ťberzeugung war, die Blutung m├╝sse irgendwie gestillt werden, zog er sein wei├čes Baumwollhemd aus, faltete es so gut es ging zusammen und versuchte die Wunde abzudecken. Doch diese reichte bis in den Bereich ihres Rockes, so dass er diesen vorsichtig nach unten schob. Dabei kam ein hauchd├╝nner schwarzer Tanga zum Vorschein. Ohne sich dagegen wehren zu k├Ânnen, registrierte er die kr├Ąftige und eher untypische W├Âlbung ihrer Scham, w├Ąhrend er die immer noch blutende Wunde abdeckte und die Bluse und den Bund ihres Rockes dar├╝ber legte, um den Notverband etwas zu fixieren.

Da die Ohnm├Ąchtige immer noch ruhig atmete, ging er vor die H├╝tte und lief ├╝ber die Gleisanlagen Richtung Bahnsteig, um den hoffentlich bald eintreffenden Rettern den Weg zu zeigen. Er hatte schon den Bahnhof erreicht und die kleine Halle durchschritten, als er die Sirene des Rettungswagens vernahm. Er machte sich sofort bemerkbar und f├╝hrte die beiden Sanit├Ąter zu der Baracke. Wie eine Ewigkeit kam es ihm vor, bis die Helfer die junge Frau versorgt, auf ihre Bahre gepackt und den beschwerlichen Weg durch die Gleisanlagen zur├╝ckgelegt hatten. Ohne zu ├╝berlegen, bat er darum, mit in das Krankenhaus fahren zu d├╝rfen, was die beiden auch gestatteten, sicher in der Meinung, es handele sich um den Begleiter oder Ehemann der jungen Frau.

Man hatte ihn angewiesen, im Flur vor der Notaufnahme zu warten. So betrachtete er nun die tristen, im kalten Licht der Neonlampen graugr├╝n erscheinenden W├Ąnde, nahm kaum Notiz von einzelnen hastig eilenden Schwestern und fixierte immer wieder die breite Schiebet├╝r, hinter der die Trage mit der Verletzten verschwunden war. Die Schw├╝le des Tages lastete noch in den G├Ąngen; er sa├č allein auf einem der an der Wand aufgereihten St├╝hle, in seinen hellgrauen d├╝nnen Hosen und dem wei├čen T-Shirt, das er unter dem als Verband geopferten Hemd getragen hatte.

W├Ąhrend des endlos erscheinenden Wartens kreisten seine Gedanken um das gerade Erlebte. Er sah die schmale Gestalt ├╝ber den Schotter der Gleise wanken, die gro├če offene Wunde, die der Zug in ihre zartbraune makellose Haut gerissen hatte, den in der schmutzigen Bretterh├╝tte leise st├Âhnenden K├Ârper. Vor allem ihr Gesicht ging ihm nicht aus dem Sinn, dessen vitale Br├Ąune von einem fahlen Grau ├╝berhaucht war, die langen schwarzbraunen Haare, die wirr und feucht von der Stirn ├╝ber die Wangen fielen, den gro├čen silbernen Ohrring halb bedeckten und sich auf dem hellen Stoff der Bluse verteilten. Kamen ihm diese ausdrucksvollen leicht mandelf├Ârmigen Augen mit den schwarzbraunen Pupillen nicht irgendwie bekannt vor, obwohl die Angst sie unnat├╝rlich geweitet hatte? Doch woher sollte er diese au├čergew├Âhnlich sch├Âne Frau kennen?

Es war recht unwahrscheinlich, dass sie ihm bei seiner Arbeit in der Zufluchtsst├Ątte f├╝r gestrandete Kinder und Jugendliche begegnet war. Oder hatte er sie, die den wenig attraktiven Durchschnittseurop├Ąer sicher ├╝bersehen h├Ątte, bewundernd auf der Stra├če wahrgenommen? Je intensiver er w├Ąhrend des endlosen Wartens in seinem Ged├Ąchtnis nach einer Antwort suchte, umso unklarer wurden die Konturen dieses Gesichts vor seinem inneren Auge. Im gleichen Ma├če wuchs in ihm aber die Ahnung, dass er in einer nicht greifbaren Verbindung zu diesem Menschen stand, dass das sich in der Sekunde ihrer ersten Begegnung auf dem Bahnsteig einstellende Gef├╝hl der N├Ąhe richtig gewesen war, dass ein noch undurchschaubares Schicksal ihre Wege zusammengef├╝hrt hatte. Doch je mehr er sich den Gedanken ausmalte, dass er, der reservierte Einzelg├Ąnger, mit diesem Menschen ein St├╝ck Weges gehen k├Ânne, desto gr├Â├čer wurden seine Zweifel; und die Angst vor Entt├Ąuschung oder Zur├╝ckweisung wuchs.

In diesem Augenblick ├Âffnete sich die T├╝r der Notaufnahme und eine Schwester bedeutete ihm in gebrochenem Englisch, er solle sofort zum Arzt kommen. Wie ein Stich durchfuhr ihn der Schreck, eine schlimme Botschaft k├Ânne auf ihn warten; und seine Knie zitterten, nicht nur weil er seit Stunden nichts gegessen hatte. Der Stationsarzt erwartete ihn in einem bescheiden eingerichteten, sauberen Untersuchungszimmer, ein eigentlich gem├╝tlicher, etwas beleibter ├Ąlterer Herr in sauberem wei├čem Kittel. Doch sein rundliches ger├Âtetes Gesicht, auf dessen gebr├Ąunter Stirn gro├če Schwei├čperlen standen, verhie├č nichts Gutes. Zus├Ątzlich fuchtelten die kurzen Arme aufgeregt in der Luft herum, w├Ąhrend sich ein Schwall unverst├Ąndlicher Worte ├╝ber Albert ergoss.

Dieser bat in der sich durch Atemholen ergebenden kleinen Pause, ob man sich englisch verst├Ąndigen k├Ânne. Der Arzt stutzte kurz, entschuldigte sich, er h├Ątte bemerken k├Ânnen, dass er einen Europ├Ąer vor sich hatte, fuhr aber dann zwar in passablem Englisch, aber nicht weniger aufgeregt fort: Was habe er sich dabei gedacht, seinen "Boyfriend" hier einliefern zu lassen, einen "Ladyboy" von der Stra├če, sicher ohne Geld und Krankenversicherung! Wie ein Blitz schlugen die Worte des Mediziners ein. Diese fast ├╝berirdisch zarte Sch├Ânheit sollte keine Frau sein? Anscheinend lie├č sich auf Alberts Gesicht seine Ahnungslosigkeit ablesen, denn der Arzt stockte in seinem Redeschwall und hie├č ihn zun├Ąchst einmal Platz zu nehmen.

Nun erhielt Albert die Gelegenheit, von dem beobachteten Unfall auf dem Bahngel├Ąnde zu berichten. In seiner Hilflosigkeit zeigte er seine mitgef├╝hrten Papiere, die ihn als Mitarbeiter der Child Protection Organisation auswiesen. Diese caritative Organisation unter dem Dachverband des sich weltweit f├╝r die Rechte der Kinder einsetzenden Human Help Network arbeitet in vielen Gro├čst├Ądten, besonders in den Slums asiatischer Ballungszentren. Zus├Ątzlich versicherte er, selbstverst├Ąndlich werde er oder seine Organisation f├╝r die Behandlungskosten aufkommen.

Die Erleichterung dar├╝ber war dem Arzt deutlich anzumerken, zumal er die Arbeit von Human Help kannte und unterst├╝tzte. Sein aufgeregter Gesichtsausdruck hellte sich rasch auf und er berichtete mit freundlicher Stimme ├╝ber den Zustand der Eingelieferten, dass sie wahrscheinlich keine inneren Verletzungen davongetragen, aber durch die gro├čen Wunden viel Blut verloren habe. Sogar etwas Anteilnahme h├Ârte Albert heraus. Dann aber legte sich die feuchte Stirn des Arztes in bedenkliche Falten, als m├╝sse er einen komplizierten Sachverhalt ansprechen, f├╝r den es schwer war, die richtigen Worte zu finden.

Also begann er umst├Ąndlich zu erkl├Ąren, man habe ja den ganzen K├Ârper untersuchen und versorgen m├╝ssen. Wegen der anhaltenden Bewusstlosigkeit sei es auch ├╝blich, einen Katheter anzulegen. Daher stehe zweifelsfrei fest, dass die zarte, attraktive Frau ein Mann sei. Um die Sprachlosigkeit seines Gegen├╝bers zu ├╝berspielen, berichtete er weit ausholend, es sei in Thailand und in anderen asiatischen L├Ąndern gar nicht so selten, dass sich heranwachsende M├Ąnner eher als Frauen f├╝hlten. Bei wenigen seien die m├Ąnnlichen Organe verk├╝mmert und es w├╝chsen ihnen sogar Br├╝ste. Die Mehrzahl helfe allerdings mit Hormonen nach, um dem K├Ârper weibliche Rundungen zu geben. Mit leichtem Kopfsch├╝tteln, das sein Unverst├Ąndnis ausdr├╝ckte, erz├Ąhlte er, dass nicht wenige ihr gesamtes Geld f├╝r Implantate sparten. Ihnen allen kam entgegen, dass m├Ąnnliche Asiaten nicht selten einen eher feingliedrigen K├Ârperbau besa├čen und Gesicht und Haare mit kosmetischem Aufwand leicht weiblich gestalten konnten.

Nun war es also ausgesprochen! Das alles erkl├Ąrte Albert aber nicht, wieso er vom ersten Augenblick eine seltsame Zuneigung zu der jungen Frau sp├╝rte. H├Ątte er im Gegenteil nicht bemerken m├╝ssen, dass an ihr etwas anders war? Oder gab es tief in ihm versteckt sogar eine Veranlagung, die er noch nicht bemerkt oder verdr├Ąngt hatte? Der Arzt riss ihn aber unsanft aus diesen Gedanken, indem er mit Amtsmiene erkl├Ąrte, mit diesen "Ladyboys" gebe es immer wieder Probleme in der Klinik: Lege man sie in die Frauenabteilung, konnte man mit st├╝rmischen Protesten rechnen, wenn das Geheimnis offenbar wurde. Und in der M├Ąnnerabteilung seien diese Personen wegen ihres weiblichen Aussehens nicht vor ├ťbergriffen sicher.





Albert bemerkte an der bek├╝mmerten Miene, dass sich hier ein echtes Problem auftat. Daher fragte er mit Nachdruck, ob es denn keine M├Âglichkeit gebe, die Verletzte, f├╝r die er sich aus unerkl├Ąrlichen Gr├╝nden jetzt noch mehr verantwortlich f├╝hlte, allein unterzubringen; er werde die Mittel daf├╝r auf jeden Fall bereitstellen. Nach l├Ąngerem Nachdenken, wobei er den Kopf langsam hin und her wiegte, er├Âffnete der Arzt, er denke an einen kleinen Abstellraum in der N├Ąhe der Behandlungszimmer, in dem eigentlich nur ├Ąltere Ger├Ąte aufbewahrt wurden; allerdings besitze dieser kein Fenster und sei wirklich sehr eng. Albert war ├╝berzeugt, dass dies den Bed├╝rfnissen seiner Schutzbefohlenen entsprach und willigte ein, nicht ohne seine Adresse und einen kleinen Geldbetrag sozusagen als Anzahlung zu hinterlassen. Der Arzt bedeutete, er werde alles veranlassen; die Patientin erwache aber fr├╝hestens am n├Ąchsten Abend aus dem Tiefschlaf. Also bedankte sich Albert nachdr├╝cklich und verabschiedete sich.

An diesem Abend fand er allerdings lange keine Ruhe. Kaum schloss er die Augen, sah er die ├╝ber die Gleise hetzende schm├Ąchtige Gestalt vor sich, ihren auf dem schmutzigen Boden liegenden, mit Blut verschmierten K├Ârper, vor allem aber das von Angst gezeichnete Gesicht, das dennoch eine unerkl├Ąrliche Faszination ausstrahlte. War es die makellose Ebenm├Ą├čigkeit ihres Profils oder zogen ihre gro├čen, kaum asiatisch geschnittenen Augen ihn in ihren Bann? Waren es die langen, seidigen, schwarzbraunen Haare oder die in mattem hellem Bronze get├Ânte Haut ihres Decollet├ęs und der kleinen, festen, vom seidigen Stoff des schwarzen BHs kaum verh├╝llten Brust? Oder ahnte sein Unbewusstes etwas von der Unbestimmtheit ihres Geschlechts, von diesem Schwebezustands zwischen zwei Welten? Das Wissen um ihr Geheimnis verunsicherte sein Inneres noch mehr: Hing das unterschwellige Gef├╝hl von Faszination und Vertrautheit mit ihrem ├Ąu├čeren Erscheinungsbild zusammen oder verbarg sich irgendwo in ihm eine ├Ąhnliche Unbestimmtheit, ein Widerstreit verschiedener sexueller Ausrichtungen? In der vagen Hoffnung, dass er sie morgen besuchen und sich dabei manches kl├Ąren k├Ânne, schlief er endlich ersch├Âpft ein.

Mit gro├čer Unsicherheit und diffusen Erwartungen fragte er am n├Ąchsten Abend in der Klinik nach ihr und wurde tats├Ąchlich in die kleine Kammer geleitet, wo sie in einem sauberen Krankenbett schlief. Da der schlanke K├Ârper bis zum Hals mit einem wei├čen Laken bedeckt war, waren die zahlreichen Verb├Ąnde nicht sichtbar; nur der schmale linke Arm, der an eine Infusion angeschlossen war und auf dem Laken ruhte, wies einige Absch├╝rfungen auf. Aus ihrem unverletzten Gesicht war die Angst fast g├Ąnzlich verschwunden. Lange sa├č er schweigend an ihrem Bett und betrachtete ihre Gesichtsz├╝ge, die schwarzen, sorgf├Ąltig gezupften Brauen ├╝ber den gro├čen geschlossenen Augenlidern, die schmale, etwas geschwungene und recht kurze Nase, die blassen Lippen um den leicht ge├Âffneten Mund und vor allem die Lachfalten und winzigen Gr├╝bchen, die nahe bei den Nasenfl├╝geln beginnend sich um die Mundwinkel zogen und mit dem leicht spitzen Kinn verschmolzen.

In diesem Augenblick begann sich ihr Gesicht zu verfinstern, sie atmete tief und schwer und ihr Kopf drehte sich mehrfach hin und her, als wolle er etwas absch├╝tteln. Durch den ausgestreckt daliegenden K├Ârper lief ein Zittern und ihr Becken b├Ąumte sich auf. W├Ąhrend sie sich von einer Seite auf die andere warf, strampelte sie mit den Beinen, als wolle sie vor etwas Ungeheuerem fliehen. Dabei rutschte das Laken auf die Seite, so dass ihre bronzefarbenen Schenkel sichtbar wurden. Albert starrte auf den sich in einem b├Âsen Traum sch├╝ttelnden K├Ârper, unf├Ąhig sich zu r├╝hren oder wenigstens seinen Blick abzuwenden, wie man es ihm anerzogen hatte. Wie in Trance registrierte er, dass das Leinen unmerklich auf den Boden geglitten war.

Die zierliche schmale Person mit dem unf├Ârmig gro├čen Verband an der Seite schien sich allm├Ąhlich zu beruhigen,atmete einige Male tief aus und sank auf das Bett. Ihre kleinen ebenm├Ą├čigen Br├╝ste mit den zierlichen fast schwarzen Warzen hoben und senkten sich im Rhythmus ihres Atems. Alberts Blick glitt ├╝ber die schmale, von Pflastern und Binden verunstaltete Taille bis zu ihrem Becken. Er f├╝hlte, wie sein Blut mehr und mehr in Wallung geriet, w├Ąhrend er auf den feinen schwarzen Flaum starrte, der einen schmalen jungenhaften Penis umspielte. Mit gro├čer Anstrengung l├Âste er sich von dem seltsam faszinierenden, aber auch beunruhigenden Anblick, hob das zu Boden gefallene Laken auf und legte es behutsam ├╝ber die nun wieder friedlich daliegende junge Frau.

Nat├╝rlich kannte er das recht weit verbreitete Ph├Ąnomen der "Ladyboys"; man traf sie an vielen Stellen der Gro├čstadt an, vor allem in den bekannten Vergn├╝gungsstra├čen Bangkoks, wo sie auf westliche Touristen anscheinend einen besonderen Reiz aus├╝bten. Er selbst musste zwar immer wieder diese Orte aufsuchen, wenn sie zu verwahrlosten Kindern gerufen wurden; er litt darunter, dass die Arbeit der Hilfsorganisationen nur ein Tropfen auf den hei├čen Stein darstellte. Er kannte das ganze Elend und die vagen Hoffnungen dieser Halbwelt, hatte an zahllosen Schicksalen Anteil genommen. Er selbst wahrte jedoch immer den notwendigen Abstand, nicht nur aus Berufsethos, sondern weil es seinem Naturell, seiner angeborenen Zur├╝ckhaltung widersprochen h├Ątte, sich auf diese Scheinwelt einzulassen. Dennoch tr├Ąumte er zuweilen von einer irgendwie gearteten Zweisamkeit, die er hier sicher nicht finden konnte, trotz oder gerade wegen der Aufdringlichkeit der sich dem gro├č gewachsenen Europ├Ąer Anbietenden. "Ob sie vielleicht auch?" schoss ihm durch den Kopf.

Doch bevor er diesen Gedanken nachgehen konnte, atmete sie tief durch, reckte sich leicht und ├Âffnete ihre gro├čen Augen. Albert wagte nicht sich zu bewegen oder etwas zu sagen. Ganz langsam tastete sich der Blick ihrer schwarzbraunen Pupillen durch den Raum und blieb an seinem Gesicht haften. Ein unglaubliches Staunen breitete sich auf ihrem Gesicht aus und ging in ein L├Ącheln ├╝ber, das voll von Geborgenheit und Sicherheit war. Ihre Lippen hauchten in ma├čloser Verwunderung das Wort "b├Â-ti". Dann schlossen sich ihre Augen wieder, doch das L├Ącheln blieb auf ihrem Gesicht.

Diese Laute w├╝hlten Albert in seinem Innersten auf. "Bertie" nannten ihn seine ihm anvertrauten Kinder und Jugendlichen gern, wobei sie das "r" weglie├čen und das "e" wie im Englischen Richtung "├Â" einf├Ąrbten. Sollten sie sich etwa aus dem Heim kennen, in dem er seit fast zehn Jahren Dienst tat, nachdem er eigentlich nach seiner Ausbildung zum Erzieher nur mal kurz in eine Entwicklungshilfe- Einrichtung schauen wollte, um Erfahrung zu sammeln und etwas von der Welt zu sehen, dann aber angesichts unvorstellbaren Elends in dieser Ecke Bangkoks geblieben und inzwischen in die Heimleitung integriert war.

Bilder seiner ersten Jahre stiegen in ihm auf, lange verdeckt und nun durch ein einziges Wort an die Oberfl├Ąche gesp├╝lt. In diesem Augenblick durchfuhr es ihn wie ein Blitz: "Kaj"! Wie in einem Film reihten sich pl├Âtzlich Szenen aneinander, w├Ąhrend er die schmale Gestalt in ihrem wei├čen Bett anschaute. Bei einem seiner ersten "Eins├Ątze" in einem Slum waren sie vom Priester einer christlichen Kirche aufgeregt angesprochen worden. Es habe eine brutale Polizeirazzia gegen marodierende Jugendliche gegeben. Einige seien verletzt der Verhaftung entkommen und von beherzten Gl├Ąubigen in ihre H├╝tten aufgenommen worden. Zum ersten Mal sah Albert sich dem unvorstellbaren Elend der Stra├čenkinder gegen├╝ber, die durch M├╝llsammeln und Betteln den t├Ąglichen Kampf gegen den Hunger aufnahmen, oft aber in die Prostitution oder Kleinkriminalit├Ąt abrutschten.

Als man ihn in eine H├╝tte f├╝hrte. lag dort in einer Ecke ein zusammengekauerter, blut├╝berstr├Âmter Junge, eigentlich ein Kind. Seine Augen waren geschlossen; er atmete schwer und st├Âhnte dazwischen leise. Albert f├╝hlte sofort den kr├Ąftig schlagenden Puls des Ohnm├Ąchtigen. Anscheinend hatte er durch die nur notd├╝rftig verbundene tiefe Wunde an seinem Kopf viel Blut verloren. Albert dr├Ąngte aus Unerfahrenheit auf sofortige Einweisung in eine Klinik, doch sein Begleiter und die Bewohner der H├╝tte sch├╝ttelten die K├Âpfe: Wer w├╝rde einen verwahrlosten Stra├čenjungen aufnehmen, einen von weit ├╝ber zehntausend Ausgesto├čenen in dieser riesigen Stadt? Auf Alberts inst├Ąndiges Bitten erkl├Ąrte sich sein Begleiter bereit, den Verletzten ins Kinderheim mitzunehmen, wenigstens vor├╝bergehend, bis die Wunden verheilt waren. Es bedeutete f├╝r ihn keine ├╝berm├Ą├čige Kraftanstrengung, die schm├Ąchtige, ausgezehrte Gestalt auf den Armen bis ins Heim zu tragen.

Vom ersten Tag an f├╝hlte sich Albert diesem Jungen in einer besonderen Weise verbunden, vordergr├╝ndig vielleicht, weil er ihn selbst in einer Notlage aufgefunden hatte. Doch es baute sich dar├╝ber hinaus allm├Ąhlich eine N├Ąhe zu dem recht schnell Genesenden auf, die vielleicht mit dessen Verhalten zusammenhing. Denn Kaj war ├╝beraus gelehrig, machte schnelle Fortschritte beim Lesen und malte viel und ausdrucksstark. Anscheinend hatte er nie eine Schule besucht und nahm fast gierig alles auf, was ihm im bescheidenen Unterricht im Heim geboten wurde. Niemand dachte mehr daran, ihn wieder auf die Stra├če zu entlassen, obwohl seine Vergangenheit fast g├Ąnzlich im Dunkeln blieb.

Er d├╝rfte etwa vierzehn Jahre alt gewesen sein, als sie ihn fanden. Wo er herstammte, gab er nie preis, vielleicht wusste er es auch nicht. Auch ├╝ber sein Leben auf der Stra├če redete er nicht, obwohl Albert mehr als einmal behutsam die Sprache darauf brachte. Albert erinnerte sich gut, dass der Arzt, der w├Âchentlich im Heim vorbeischaute, bei der Erstversorgung und gr├╝ndlichen Untersuchung auch von Verletzungen sprach, die auf Missbrauch hindeuteten. Schlie├člich akzeptierte jeder den Jungen ohne Vergangenheit, zumal er nicht wie andere in seinem Alter Probleme bereitete. Nur in den N├Ąchten weckte er manchmal die anderen Schlafenden mit lautem St├Âhnen; dann konnte er auch um sich schlagen und laut schreien und war schwer zu beruhigen.

Neben dem bescheidenen Unterricht legte man in dem Heim auf die handwerkliche Ausbildung gro├čen Wert. Albert h├Ątte Kaj gern in seiner Gruppe gesehen, in der vor allem Holzverarbeitung vermittelt wurde, damit die Jugendlichen nach zwei bis drei Jahren sich selbst ern├Ąhren konnten; denn das Heim platzte aus allen N├Ąhten und allzu viele Kinder mussten abgewiesen werden. Kaj jedoch bestand darauf, mit den M├Ądchen schneidern und n├Ąhen zu lernen; und er setzte sich durch, auch wenn er oft geh├Ąnselt wurde. ├ťberhaupt passte er mit seinem grazilen K├Ârperbau und dem m├Ądchenhaften Gesicht, das im Lauf der Zeit immer h├Ąufiger strahlte, viel besser in die M├Ądchengruppe. Seine bildnerische Veranlagung half ihm, Stoffe zu bedrucken und modische Kleidung zu gestalten; bald hatte sich sein Gesp├╝r f├╝r Mode herumgesprochen, auch wenn er gro├čes Gel├Ąchter erntete, wenn er seine Kreationen zuweilen selbst vorf├╝hrte.

Wenn Albert Zeuge einer solchen Szene wurde, ber├╝hrte ihn der Anblick der schlanken, grazilen Gestalt auf eine Weise, die er nie erfahren hatte und die ihn mit Unsicherheit und Angst erf├╝llte. War irgend etwas mit ihm nicht in Ordnung, dass ihn dieser junge Mensch auf merkw├╝rdige Weise in seinen Bann zog, dass sein strahlendes Lachen ihn bis in das Herz traf? Albert beschloss damals, dem Schutzbefohlenen so gut es ging aus dem Weg zu gehen. Gl├╝cklicher Weise schienen diesem die Gef├╝hle des ├älteren verborgen zu bleiben. Bald wurde Kaj auf Grund seiner besonderen F├Ąhigkeiten an eine Schneiderei vermittelt, so dass er f├╝r seinen Lebensunterhalt sorgen konnte; dann verlor man sich aus den Augen.

Als Albert sich am n├Ąchsten Abend auf den Weg in die Klinik machte, war sein Kopf ├╝bervoll mit Fragen: Hatte sie ihn am Vortag wirklich erkannt oder seinen Namen im Tiefschlaf aus dem Unbewussten heraus genannt? Wie w├╝rde sie auf ihn reagieren, wenn sie hoffentlich inzwischen aufgewacht war? Sollte er von sich aus ansprechen, dass er sie als den Jungen Kaj aus dem Heim erkannt hatte und damit um ihr Geheimnis wusste? Wie sollte er sie ├╝berhaupt ansprechen? Konnte er einfach Kaj zu ihr sagen, die sich ja anscheinend als Frau definierte? Ihn trieb jedoch noch eine weitere Sorge um: Lebte sie vielleicht als "Ladyboy" in der Szene, wie der Arzt nach der Einlieferung unterstellt hatte? Und wenn, hatte er das Recht, sie daf├╝r zu verurteilen? Doch der Gedanke, dass dieser Mensch, zu dem er sich mit solcher Macht hingezogen f├╝hlte, sich vielleicht westlichen Touristen andiente, war ihm unertr├Ąglich; mehrfach hielt er an und erwog umzukehren. Doch er sp├╝rte, dass er nicht das Recht hatte zu urteilen.

Als er schlie├člich die kleine Kammer betrat, blickte er in ein Gesicht, das frohe Erwartung, aber gleichzeitig auch Angst widerspiegelte. Er gr├╝├čte mit einem freundlichen Hallo, nahm auf dem Stuhl nahe am Bett Platz und lie├č sich nicht anmerken, welcher Sturm in seinem Kopf tobte, zumal es keine Worte f├╝r seine Gedanken gab. Da auch sie ihrer Angst und auch einer gewissen Scham keinen Ausdruck geben konnte, schwiegen sie lange und betrachteten die belanglosen Dinge in der Kammer. Irgendwann begann Albert: "Kaj...", aber sofort unterbrach sie ihn: "Kajana..." und strahlte ihn mit ihren einzigartigen gro├čen Augen an. Nun war der Bann gebrochen und sie erz├Ąhlte in passablem Englisch, dass sie sich vor einigen Jahren die weibliche Namensform zugelegt habe, damals, als sie sich nach langen ├ťberlegungen entschloss, ihrem inneren Bed├╝rfnis zu folgen und als Frau durchs Leben zu gehen. Sie habe ihren "B├Â-ti" gestern Abend gleich erkannt und inzwischen viel nachgedacht. Obwohl sie sich wenig mit Religion befasse, sei sie sicher, dass ihre Begegnung vorbestimmt war. Sie sei unendlich dankbar, dass er sie zum zweiten Mal gerettet habe. Dabei l├Ąchelte sie ihn wieder so unnachahmlich an, dass er richtig verlegen wurde und etwas von selbstverst├Ąndlich murmelte und dass doch jeder genauso gehandelt habe, wohl wissend, dass sich niemand auf dem Bahnsteig um sie gek├╝mmert hatte.

Es war ihr besonders wichtig ihm zu erkl├Ąren, dass ihre Panik durch die Schreie und Sch├╝sse w├Ąhrend der Razzia ausgel├Âst worden waren, dass sie immer noch nicht frei war von den dunklen Erinnerungen ihrer Kindheit und Jugendzeit, ├╝ber die sie nicht sprechen konnte, obwohl sie mit ihrem Leben untrennbar verbunden waren. Albert merkte, dass das lange Reden sie sehr erleichtert, aber auch ziemlich angestrengt hatte. Nun lag sie still auf ihrem wei├čen Bett und schloss die Augen. Daher verabschiedete er sich, nicht ohne zu versprechen, sie morgen wieder zu besuchen.

Nach diesem Treffen kreisten Alberts Gedanken wieder und wieder um die gleichen Fragen: Wie konnte ihn dieses tief aus dem Inneren strahlende L├Ącheln so in seinen Bann ziehen? War er gerade dabei, sich zu verlieren an eine Fantasiewelt, die der Realit├Ąt wahrscheinlich nicht standhalten konnte? Durfte er sich ├╝berhaupt eine Zukunft mit diesem so besonderen, aber auch so anderen Menschen ausmalen? Er nahm sich vor, sich am n├Ąchsten Nachmittag noch mehr zur├╝ckzunehmen, sich auf Kajanas Genesung zu konzentrieren. Daher fragte er gleich nach seiner Ankunft nach ihren Verletzungen und ob sie Schmerzen habe. Sie wiegelte nat├╝rlich ab, obwohl er sah, dass sie sich nur mit M├╝he ihm zuwenden konnte. Nur die gen├Ąhte Wunde an der rechten H├╝fte und die schweren Prellungen w├╝rden ihr Beschwerden machen; aber es sei schon viel besser, was sie mit ihrem unnachahmlichen L├Ącheln unterstrich. Sowieso schien sie dar├╝ber kein Wort mehr verlieren zu wollen und fragte Albert nach dem Heim.

Er berichtete, dass es mit Spenden m├Âglich gewesen war, die Unterk├╝nfte zu erweitern und daher die Anzahl der Pl├Ątze fast zu verdoppeln. Auch die berufliche Ausbildung der Jugendlichen sei intensiviert und durch eine Fahrzeug- und Elektroabteilung erweitert worden. Mit gro├čem Interesse verfolgte Kajana diese Informationen und betonte, wie viel ihr die Ausbildung zur Schneiderin gegeben habe. Ohne dass Albert es beabsichtigte, kam das Gespr├Ąch so auf ihre berufliche T├Ątigkeit. Sie berichtete, dass sie immer noch in der Schneiderei arbeitete, die man ihr damals vermittelt hatte. Inzwischen habe sie sich hochgearbeitet; man sch├Ątze ihre Talente und habe schon einige ihrer Entw├╝rfe in die Produktion gegeben. Ihre luftigen Kleider aus selbst bedruckten Stoffen f├Ąnden in dem angegliederten Ladengesch├Ąft bei den Touristinnen viel Anklang.

Innerlich atmete Albert auf, nicht nur wegen ihres beruflichen Erfolges, sondern weil der latente und in Bangkok naheliegende Verdacht nun ausger├Ąumt war, sie w├╝rde vielleicht ihr Geld in der Halbwelt verdienen. Auf die Frage, ob ihre Firma von ihrem Unfall wisse, versicherte sie, ihre zwei Mitbewohnerinnen in der kleinen Wohnung w├╝ssten Bescheid und w├╝rden sie auch morgen besuchen und hoffentlich mit etwas W├Ąsche versorgen; ihre gesamte Kleidung war ja unbrauchbar geworden.

Dies brachte Albert am n├Ąchsten Nachmittag auf den Gedanken, er k├Ânne ihr vielleicht eine Freude machen und ihr etwas Besonderes kaufen. Auf dem Weg zum Bahnhof kam er an den Auslagen eines Modegesch├Ąfts vorbei. Dabei fiel ihm sofort ein wei├čes Kleid mit feinen hellblauen Streifen auf, das von oben bis unten gekn├Âpft war und in der Taille durch einen hellblauen Stoffg├╝rtel betont wurde. Zwar kannte er sich mit der Gr├Â├če nicht aus, doch die Verk├Ąuferin versicherte, es w├╝rde der zierlichen Person, die er beschrieb, genau passen. Also kaufte er es und lie├č es als Geschenk verpacken, nicht ohne Herzklopfen und eine gewisse Unsicherheit, ob es ihr gefallen w├╝rde. War es ├╝berhaupt schicklich, ihr ein Kleid zu schenken? Schlie├člich waren sie sich doch ziemlich fremd, obwohl er das Gef├╝hl hatte, er sei in einer schwer zu beschreibenden Weise schon lange mit ihr verbunden.

Nat├╝rlich fragte sie neugierig, als er die Kammer betrat, was denn in dem Paket sei. Sein Z├Âgern, es sei ein Geschenk f├╝r sie, aber er wisse nicht, ob sich das geh├Âre, lie├č sie nicht gelten, sondern bestand darauf, es sofort auszupacken. Sie hatte sich im Bett aufgesetzt und ihr Gesicht strahlte eine solche unschuldige Neugier aus, dass Albert schon genug belohnt war. Trotzdem war er ganz sch├Ân aufgeregt, bis sie endlich das Papier aufgefaltet hatte und das Kleid in den H├Ąnden hielt. Das Erstaunen wich schnell reiner Begeisterung; sie lie├č den feinen Stoff durch die H├Ąnde gleiten, legte das Kleid dann sorgf├Ąltig vor sich auf das Laken und hielt sich den oberen Teil an ihren K├Ârper, als wolle sie Ma├č nehmen. Spontan dachte er, so k├Ânne wirklich nur eine Frau mit Kleidung umgehen.

Auf ihre Frage, ob es ihr stehe, betonte er, es sei wirklich auf sie zugeschnitten; und das war noch untertrieben. Sie hielt den Kragen an ihren Hals und fuhr mit der anderen Hand durch ihre schwarzbraunen langen Haare, dass diese sich auf dem wei├čen Stoff verteilten; dabei strahlte ihr ganzes Gesicht vor Gl├╝ck. Sie lie├č sich leicht in das Kissen zur├╝ckfallen und winkte Albert mit einer Handbewegung zu sich hin. Dieser deutete die Geste so, als solle er das Kleid an sich nehmen und beugte sich vor, um es vorsichtig am Kragen anzuheben. Doch in diesem Augenblick, als sein Gesicht nahe ├╝ber dem ihren schwebte, zog sie mit beiden H├Ąnden seinen Kopf an sich und dr├╝ckte einen langen Kuss auf seine Wange.

Albert schien so ├╝berrumpelt, dass er weder sich wehren noch die Z├Ąrtlichkeit genie├čen konnte. Ungeschickt zog er sich zur├╝ck und sie legte ihre Hand auf den noch zum Kuss geformten Mund, als wolle sie das spontane Zeichen ihrer Dankbarkeit ungeschehen machen. Diese Geste und ihre erstaunt aufgerissenen Augen sahen jedoch so r├╝hrend drollig aus, dass er herzhaft zu lachen anfing. Sie stimmte mit ein und dabei streckte sie ihm ihre Hand hin, die er vorsichtig ergriff und lange nicht loslie├č.

Als Albert dann beil├Ąufig bedauerte, dass sie sich mit dem Kleid nicht im Spiegel sehen k├Ânne, im Aufenthaltsraum am Ende des Ganges aber ein solcher h├Ąnge, gab es f├╝r sie kein Halten mehr. Sie setzte sich auf die Bettkante, suchte mit den F├╝├čen den Boden und stellte sich leicht schwankend auf. Er wagte nicht ihr zu helfen, da sie ja nur das offene Krankenhaushemd anhatte. Er m├╝sse sich aber schon umdrehen, bat sie lachend, hatte sich aber des leichten Kleidungsst├╝cks blitzschnell entledigt, so dass es sich nicht vermeiden lie├č, dass er ihre R├╝ckseite sah. Im Bruchteil einer Sekunde pr├Ągte sich dieses Bild in sein Ged├Ąchtnis ein: die schmalen Schultern, ├╝ber die ihre langen, gl├Ąnzenden Haare fielen, die grazilen Arme, die das Kleid rafften, um es ├╝ber den Kopf zu ziehen, die ├╝beraus schmale Taille, die leicht gerundeten H├╝ften,die festen runden Pobacken und die schlanken Beine. Im tr├╝ben Licht der Kammer wirkte ihre Haut in ihrer Ebenm├Ą├čigkeit wie brauner Samt; nur die gro├čen wei├čen Verb├Ąnde stachen besonders hervor.

Nat├╝rlich hatte sich Albert sofort umgedreht, aber wie eine Fotografie blieb das Gesehene vor seinem inneren Auge. Er lie├č sich nichts anmerken; sie hatte entweder keine Notiz davon genommen oder lie├č sich einfach in der Lockerheit und Vertrautheit des Augenblicks treiben. Nun durfte er sich umdrehen und das wei├če Kleid mit den feinen hellblauen Streifen bewundern, das ausgezeichnet passte. Sie legte noch den G├╝rtel um die Taille und strebte dann in gespannter Erwartung der T├╝r zu. Albert begleitete sie zum Aufenthaltsraum und genoss ihre spontane Freude und Leichtigkeit. Sie war ganz Frau, wie sie vor dem Spiegel posierte, einen Knopf ├Âffnete, damit die zart get├Ânte Haut ihres Decollet├ęs zur Geltung kam, sich dann leicht drehte, dass der glockige Saum um ihre Schenkel spielte.

Albert kam sich vor wie in einem Traum, der nie enden d├╝rfte, so dass er nicht darauf achtete, dass ihr l├Ąchelndes Gesicht pl├Âtzlich bleich wurde. Erst als sie mit einem leisen St├Âhnen nach einem Halt suchte, bemerkte er, wie sie schwankte; blitzschnell hielt er sie fest und nahm, als ihr die Beine wegrutschten, die federleichte Gestalt einfach auf seine Arme und trug sie in die Kammer zur├╝ck. Jeder Schritt kam ihm wie eine kleine Ewigkeit vor, w├Ąhrend sie beide Arme fest um seine Schultern legte und er ihren warmen K├Ârper durch den d├╝nnen Stoff sp├╝rte. Er f├╝hlte ihre kleinen festen Br├╝ste auf seiner Haut und ihre H├╝fte dr├╝ckte leicht auf seinen Unterleib. Mit der Rechten umfasste er ihre Taille und auf seinem linken Unterarm ruhten ihre nackten Schenkel. Halb unbewusst registrierte er, dass das Kleid weit hochgerutscht war und den Blick auf den im Rhythmus der Schritte leicht ├╝ber dunkelbraune faltige Haut rollenden schmalen Penis freigab.

Schwei├čgebadet und ziemlich verst├Ârt fand er den Weg in das Zimmer und legte sie behutsam auf das Bett. Nun lag sie in ihrem neuen Kleid ausgestreckt auf dem wei├čen Laken und ihr Oberk├Ârper hob und senkte sich mit ihrem schnellen Atem. W├Ąhrend Albert ├╝berlegte, ob er Hilfe holen solle, ├Âffnete sie ihre gro├čen schwarzbraunen Augen und l├Ąchelte ihn ermattet, aber gl├╝cklich an. Nach einiger Zeit sagte sie nachdenklich, nun habe ihr "B├Â-ti" sie schon zum dritten Mal gerettet. Eigentlich w├╝rde sie sich gern f├╝r immer seinen starken Armen anvertrauen, aber da brach ihre Stimme ab; das durfte sie ihm nicht gestehen. Sie ├╝berspielte die Ungeheuerlichkeit ihres gerade begonnenen Gedankens, indem sie sich nochmals f├╝r das Geschenk bedankte. Der Gespr├Ąchsfaden war allerdings gerissen; beide ahnten, dass sie im Begriff waren, zu viel von ihren geheimsten W├╝nschen preiszugeben. So bem├╝hten sich beide wenigstens, die Leichtigkeit der zur├╝ckliegenden Stunde bis zum Abschied zu retten.

Wie sehr dieses tief aus dem Innern kommende, von Konventionen und Vorurteilen unbeeinflusste gemeinsame Erleben in den beiden jungen Menschen Spuren hinterlassen hatte, begann ihnen erst zu d├Ąmmern, als jeder von ihnen in der Nacht seinen eigenen Gedanken ausgeliefert war. Wenn Kajana ihre Augen schloss, f├╝hlte sie sich immer noch in starken Armen geborgen; sie musste sich einfach diesem unbekannten Gl├╝cksgef├╝hl hingeben, sie, die in ihrem bisherigen Leben N├Ąhe meist als Ausdruck von Gewalt erfahren hatte; mehr noch: tief verborgen in einem tiefen Verlies gab es Spuren intimer N├Ąhe, einem Albtraum gleich, den man m├Âglichst schnell und mit aller Kraft verdr├Ąngt. Sie ahnte, was da hinter dicken Mauern verborgen war, etwas, das nie in die Ebene der realen Erinnerung aufsteigen durfte, weil es alles zerst├Ârt h├Ątte, das ihr seit ihrem neuen Leben im Heim geschenkt worden war. Dennoch sp├╝rte sie, dass sie nie von diesen D├Ąmonen frei kommen k├Ânne, die ein Teil ihrer selbst waren und in Tr├Ąumen oder in Panikattacken wie k├╝rzlich unvermittelt ausbrechen konnten. Sollte sie dies alles einem anderen Menschen offenbaren oder auf Dauer zumuten?

Bisher hatte sie alle N├Ąhe gemieden, am Arbeitsplatz oder in der kleinen Wohnung, die sie sich mit zwei N├Ąherinnen teilte. Doch seit heute war alles anders; ohne es wahrzunehmen, hatte die Leichtigkeit des Augenblicks, vielleicht auch die durch die Krankheit bedingte Schw├Ąche ihre Kontrolle ├╝berlistet. Entweder lie├č sie sich auf das Wagnis mit Albert ein oder sie musste sich wie bisher zur├╝ckziehen. Je mehr sie gr├╝belte, desto tiefer wurde ihr die Aussichtslosigkeit ihres zerrissenen Seins bewusst: Die Natur hatte ihr ein faszinierendes ├äu├čeres, einen zarten m├Ądchenhaften K├Ârper geschenkt, dessen ├Ąu├čere Attribute sich schon in der Jugendzeit eindeutig weiblich entwickelt hatten; andererseits meldete sich allzu h├Ąufig das aufgezwungene Zeichen ihrer abgelehnten M├Ąnnlichkeit, das unausrei├čbar in ihrem Leib festgewurzelt war. Wie sollte sie je einem Mann Gegen├╝ber sein, sich ihm als Frau ├Âffnen, niemals f├Ąhig, Kinder zu geb├Ąren?

Albert dagegen war an diesem Abend frei von solch qu├Ąlenden Gedanken; ein nie gekanntes Gl├╝cksgef├╝hl breitete sich in seiner Seele aus, er empfand eine reine Zuneigung zu Kajana, keinen Augenblick an ihre k├Ârperliche Unbestimmtheit denkend. Im Gegenteil, gerade ihre Besonderheit, dieser Schwebezustand zwischen zwei Welten faszinierte ihn auf seltsame Weise. Dabei hatte er sich nie zu M├Ąnnern hingezogen gef├╝hlt, andererseits erf├╝llte ihn die N├Ąhe vor allem starker, exponiert weiblicher Frauen eher mit Beklemmung. War er vielleicht unbewusst auch ein Wanderer zwischen festgelegten Welten, auf der Suche nach seiner eigenen Identit├Ąt? Jedenfalls hatten die Erlebnisse der letzten Tage in ihm ein Gef├╝hl der Einzigartigkeit, der Unumkehrbarkeit wachsen lassen, ja er war sich ziemlich sicher, dass er in irgendeiner Weise angekommen war. Dies beinhaltete auch, dass er die verborgenen, dunklen Anteile von Kajana annehmen wollte, die sich bei ihrer Panikattacke angedeutet hatten, ohne dass er nat├╝rlich die Tragweite seiner Bereitschaft ├╝berblicken konnte.

So stie├čen am n├Ąchsten Abend zwei Haltungen aufeinander, die sich unterschiedlicher nicht h├Ątten entwickeln k├Ânnen: Kajana war nach der kurzen Hochstimmung in tiefe Zweifel gest├╝rzt, wurde von der Unvollkommenheit, ja Wertlosigkeit ihrer Existenz fast erdr├╝ckt und sah keine M├Âglichkeit einer gemeinsamen Zukunft. Albert dagegen empfand das gleiche Gl├╝cksgef├╝hl wie am Vortag, ja seine Hoffnung hatte sich im Lauf des Tages noch gesteigert. Doch als er freudestrahlend die T├╝r zu der Kammer ├Âffnete, lag Kajana mit traurigem Gesicht und verweinten Augen auf dem Bett und war noch nicht einmal zu einem Anflug von L├Ącheln f├Ąhig.

Verst├Ârt setzte er sich zu ihr und fragte, was geschehen sei, nicht ahnend, woher dieser Stimmungswandel kam. Er besa├č nicht die Erfahrung, dass es am besten sei, einfach zu schweigen und auf eine Regung von ihrer Seite zu warten. Anstatt zu erkennen, dass ihr tief verletztes Inneres die Oberhand gewonnen hatte, bezog er ihre ablehnenden Gesten auf sich und glaubte, er habe wieder einmal versagt, wenn es darum ging, eine menschliche Beziehung aufzubauen. Also fragte er weiter, was er falsch gemacht habe, und erreichte nat├╝rlich in dem Bem├╝hen, etwas erzwingen zu wollen, das Gegenteil: Gerade als er ihre Hand fassen wollte, drehte sie sich von ihm weg und fing hemmungslos an zu schluchzen.

Wenigstens wusste er aus seiner Arbeit mit traumatisierten Kindern, dass es meist sch├Ądlich war, jetzt durch eine Ber├╝hrung N├Ąhe aufbauen zu wollen. Sicher h├Ątte sie dies ebenfalls als Bedrohung empfunden, vielleicht sogar um sich geschlagen. Daher blieb er still sitzen und nahm ihren Schmerz und ihre Verzweiflung in sich auf. Irgendwann versiegte der Strom ihrer Tr├Ąnen und der durch das Schluchzen zerrissene Atem floss allm├Ąhlich ruhiger. Pl├Âtzlich wandte sie ihren Kopf mit einem Ruck ihm zu. Die ger├Âteten Augen strahlten nicht, sondern blitzten entschlossen; den Mund presste sie mit gro├čer Energie zusammen, dass die Oberlippe schmal wurde und die Lachfalten bedrohlich erstarrten. Albert hielt fast den Atem an, weil er sie so noch nicht gesehen hatte, und erwartete ein Strafgericht. Doch sie begann mit recht tiefer, gepresster Stimme zu reden: Sie sei sich klar geworden, dass es mit ihnen keine Zukunft gebe, dass sie ihm nie eine richtige Frau sein k├Ânne; er habe ein Recht darauf, eine Familie zu gr├╝nden und Kinder zu haben. All dies sei bei ihr nicht m├Âglich, wie er doch wisse. Sie werde eben allein ihr Leben verbringen m├╝ssen, schloss sie recht laut mit einem trotzigen Unterton und wandte ihren Blick wieder der Wand zu.

Nun war es also heraus! Einerseits fiel von Albert eine Last ab, weil er die Schuld bei sich gesucht hatte. Andererseits f├╝hlte er sich noch nie so hilflos wie in diesem Augenblick. Wie sollte er ihr klarmachen, dass er sie gerade in ihrem Anderssein, in ihrer Einzigartigkeit liebte; kl├Ąnge dies nicht wie ein billiger, schaler Trost? Konnte er ihr versprechen, sein Leben auf sie hin einzurichten, ohne den Ballast zu kennen, den sie in ihrem Inneren verschlossen hatte? Gab es ├╝berhaupt Worte, die er ihren Gedanken entgegensetzen konnte? Vielleicht war sie einer behutsamen Geste zug├Ąnglich? Er legte seine Rechte neben ihre schmale linke Hand, die kraftlos auf dem wei├čen Laken ruhte. Vielleicht sp├╝rte sie die W├Ąrme und Kraft, die von ihm ausging; jedenfalls zuckte sie nicht zur├╝ck; und er bedeckte ihren Handr├╝cken mit seiner gro├čen Handfl├Ąche, als wolle er sie sch├╝tzen. Sie lie├č es zu und schien allm├Ąhlich etwas ruhiger zu werden. Allerdings sprachen sie nur noch wenige allgemeine Worte, bis er sich schlie├člich verabschiedete.

Hin und her gerissen zwischen Hoffen und bangen Bef├╝rchtungen machte sich Albert am n├Ąchsten Nachmittag auf den Weg ins Hospital; er hatte seine Arbeit fr├╝her beendet, weil ihr Bekenntnis ├╝ber die Ausweglosigkeit einer gemeinsamen Zukunft und gleichzeitig ihre Verzweiflung dar├╝ber ihm keine Ruhe gelassen hatten. Immer wieder hatte er sich S├Ątze zurechtgelegt, mit denen er sie ├╝berzeugen wollte; jedesmal hatte er sie als untauglich verworfen. Schlie├člich war er zur Erkenntnis gelangt, dass nur sie selbst einen Ausweg finden konnte, wenn es diesen ├╝berhaupt gab. Er hatte sich vorgenommen, sich ganz zur├╝ckzunehmen, einfach nur da zu sein. Doch sein Herz klopfte ziemlich heftig, als er an der T├╝r zu ihrer Kammer klopfte und niemand antwortete. Er dr├╝ckte die Klinke, doch die T├╝r war verschlossen!

Nachdem Albert den heftigen Schreck und die aufkeimende Angst um sie einigerma├čen unter Kontrolle hatte, fragte er auf der Station nach Kajanas Verbleib. Sie habe schon am sp├Ąten Vormittag gegen den Rat des Arztes das Krankenhaus verlassen. Gep├Ąck habe sie ja nicht gehabt, aber ein wei├čes Kleid mit feinen hellblauen Streifen getragen. Albert stand zu seinem Wort und erledigte die finanziellen Formalit├Ąten f├╝r sie. Dann ging er langsam den Flur entlang, am Aufenthaltsraum mit dem gro├čen Spiegel vorbei; und es war ihm, als habe er den Boden unter den F├╝├čen verloren. In dem kleinen Park vor der Klinik suchte er sich eine Bank und lie├č Szene f├╝r Szene die letzten Tage an sich vorbeiziehen.

Klar und deutlich stand ihr strahlendes L├Ącheln vor ihm, aber auch die Verletzungen und Tr├Ąnen waren ihm wieder pr├Ąsent. Er hatte doch so viel N├Ąhe gegeben und Dankbarkeit erfahren. Sollte ihre Begegnung ohne jeden Sinn gewesen sein, ein zuf├Ąlliger Eindruck, der sich im Alltag schnell verfl├╝chtigte? In einem Anflug von Trotz nahm er sich vor, so einfach nicht aufzugeben. Sie hatte ihm aus Scham ├╝ber die einfachen Verh├Ąltnisse ihre Adresse verschwiegen, aber er konnte sicher die Schneiderei ausfindig machen, wo sie arbeitete. Morgen schon werde er damit anfangen, das nahm er sich fest vor, selbst wenn er alle Textilbetriebe Bangkoks abklappern musste!

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Tigerauge
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Ein Sozialarbeiter in Bangkok nimmt sich einer verletzten Frau an, die bei der Flucht vor einer Razzia vor den Zug gelaufen ist. Die erotische Sch├Ânheit birgt jedoch ein Geheimnis. Doch dieses Geheimnis soll nicht das einzige bleiben. Als sie im Krankenbett sie Vokale ÔÇ×B├Â-TiÔÇť stammelt, wird ihm klar, dass er diese Frau kennt.

Statt knisternder Erotik gibt es hier starke Emotionen. Ich halte diese Geschichte f├╝r absolut lesenswert.

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Bertl Schreiner
Routinierter Autor
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Ladyboy

Hallo Tigerauge,
herzlichen Dank f├╝r den positiven Kommentar zu meiner zugegebenerma├čen ziemlich lang geratenen Erz├Ąhlung.
Da ich noch nicht lange in diesem Forum ver├Âffentliche, bin ich etwas unsicher, ob mein Text in die Sparte Erotik geh├Ârt. Denn mir sind die psychischen Vorg├Ąnge in den handelnden Personen wichtiger als die Darstellung der zweifellos vorhandenen erotischen Szenen. Ich habe versucht die immer noch von Vorurteilen belastete Situation eines nicht eindeutig im Geschlecht festgelegten Menschen nachzuf├╝hlen, ebenso den Schwebezustand dieser sich hier anbahnenden und sehr verletzlichen Beziehung. ├ťber etwas Hilfe in dieser Frage w├╝rde ich mich sehr freuen.

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Tigerauge
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Lieber Bertl,

ich hab mich hier so spartanisch ausgedr├╝ckt. Nat├╝rlich hat die Geschichte viel Erotik und geh├Ârt auch genau hier hin. Sie hat eben keine knisternde Erotik sondern emotionale Erotik.

Im zweiten Punkt Deiner Antwort kann ich Dir leider nicht weiterhelfen. Wird wohl auch schwer werden, hier jemanden zu finden, der ├╝ber Erfahrungen in diesem Bereich verf├╝gt. Vielleicht gehst Du mal raus in die Stadt; es gibt ja so was wie eine Szene. Dort wirst Du sicherlich jemanden interviewen k├Ânnen.

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