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Leselupe.de > Kindergeschichten
Laetitias Heimkehr
Eingestellt am 03. 12. 2006 16:46


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Duisburger
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Die dick verpackte Gestalt sitzt auf der Bank, die Beine angezogen, das Kinn stĂŒtzt sie auf ihre Knie. Das Gesicht ist fast vollstĂ€ndig vermummt, nur die Augen sind zu sehen. Traurige Augen, die mit TrĂ€nen gefĂŒllt sind.
Schneeflocken tanzen um sie herum und ihre Silhouette verschmilzt langsam mit dem blendenden Weiß des kalten Winterabends. Die meisten Leute beachten sie nicht, einige bleiben kurz stehen, schĂŒtteln verstĂ€ndnislos den Kopf und gehen dann weiter. Keiner spricht sie an, niemanden scheint zu interessieren, warum jemand bei diesem starken Schneefall und der klirrenden KĂ€lte sich ohne Not im Freien aufhĂ€lt.
Hin und wieder hebt sie den Kopf und schaut sich um, so als suchte sie jemanden. Dann stockt ihr Blick fĂŒr einen Moment und bleibt an dem hell erleuchteten Kreuz der alten Kirche haften. Leiser, festlicher Gesang dringt an ihr Ohr. FĂŒr einen Moment kehrt der Glanz in ihre Augen zurĂŒck.
Dann sinkt ihr Kopf wieder auf die Knie, sie umschließt mit den Armen ihre Beine und zieht sie dicht an ihren Körper. Lange sitzt sie so da, in sich versunken und kaum beachtet.

Der alte Mann geht langsam an der Bank vorbei, bleibt aber dann doch stehen und dreht sich um. Er beobachtet die kleine Gestalt auf der Bank und kann den dampfenden Atem sehen, der zwischen ihren Knien hervortritt. Einen Moment lang scheint er unentschlossen, doch dann geht er langsam auf die Bank zu und bleibt davor stehen.
"Guten Abend", sagt er lÀchelnd, doch die Person reagiert nicht. Mit seinen Handschuhen entfernt er den Schnee von der Bank und setzt sich neben die zusammengekauerte Gestalt. Er schlÀgt den Kragen hoch und zieht seinen Hut tiefer ins Gesicht.
"Es ist sehr kalt heute Abend, man sollte sich nicht lĂ€nger als nötig im Freien aufhalten." Er schaut nach rechts und der vermummte Kopf neben ihm hebt sich ein wenig. Die fragenden Augen einer jungen Frau starren ihn verstĂ€ndnislos an. Sie schĂŒttelt den Kopf.
"Alles in Ordnung mit Ihnen? Kann ich Ihnen helfen?"
Die junge Frau löst den Schal, so dass ihr Gesicht nun ganz zu sehen ist. Ein junges, schönes Gesicht, mit glatter Haut und großen Augen. Allerdings spiegelt sich in diesen Augen eine tiefe Traurigkeit und schwindende Hoffnung wider.
"Warum wollen Sie mir helfen? Vielleicht brauche ich gar keine Hilfe?", entgegnet sie trotzig und schaut ihn herausfordernd an.
Der alte Mann lÀchelt und öffnet seine Aktentasche. Er entnimmt ihr eine alte Thermoskanne und schraubt den Deckel ab, der gleichzeitig als Becher dient. Dampf steigt aus der Kanne und es riecht nach aromatischem Tee.
Vorsichtig fĂŒllt er den Becher zur HĂ€lfte und hĂ€lt ihn der jungen Frau hin.
"Trinken Sie, das wĂ€rmt sie auf. Es ist nur Tee, dafĂŒr aber sehr heiß."
Er lÀchelt sie ermutigend an.
"Ich heiße Laetitia", sagt sie sehr leise. Sie umschließt mit beiden HĂ€nden den Becher und trinkt vorsichtig den heißen Tee.
"Die römische Göttin der Freude, doch momentan machen Sie ihr keine Ehre. Es ist Weihnachten, zu dieser Zeit sollte man eigentlich fröhlich sein. Schauen Sie sich die Kinder dort an. Sie spielen im Schnee und freuen sich ĂŒber ihre Geschenke. Sie nehmen den Tag, so wie er ist. Diese kindliche Einstellung kann man nur bewundern, denn ihre Gedanken eilen nicht voraus, sie planen nicht das Morgen. FĂŒr sie zĂ€hlt nur der Moment. Wunderbar unkompliziert."
Erwartungsvoll dreht er sich ein wenig zu ihr hin und wartet auf eine Reaktion. Sie schaut ihn nun wieder an und er kann deutlich sehen, dass sie nach Worten sucht. Der alte Mann drÀngt sie nicht und wartet geduldig.
"Das mag sein, doch ich kann das nicht. Meine Gedanken beschĂ€ftigen sich mit meiner gelogenen Vergangenheit und dem Verlust meiner Hoffnungen. Da bleibt kein Raum fĂŒr Fröhlichkeit. Was war, kann nicht ungeschehen gemacht werden. Es wird mich zeitlebens belasten. Jene, die ich glaubte zu lieben und die vorgaben, mich zu lieben, haben mir gegenĂŒber nur Lippenbekenntnisse abgegeben.
Meinen Eltern ist ihr GeschĂ€ft und ihr gesellschaftliches Ansehen wichtiger als meine Person, darum bin ich nun allein hier, wĂ€hrend sie in New York ihren reprĂ€sentativen Pflichten nachkommen. Da ist fĂŒr mich kein Platz.
Meine Freunde interessieren sich zuallererst einmal fĂŒr sich selbst. In ihren Herzen ist an solchen Tagen wie heute kein Platz fĂŒr die Probleme anderer. Ich wollte dieses Fest mit Menschen feiern, denen ich etwas bedeute. Menschen, die zuhören, wenn ich etwas zu sagen habe. Doch nun gibt es niemanden mehr, der mir zuhört.
Nur zuhört, mehr will ich nicht."
Der alte Mann schĂŒttelt den Kopf.
"Das stimmt nicht, ich höre zu. Doch nicht nur ich allein. Es gibt immer jemanden, der geduldig zuhört, dem man sich anvertrauen kann und keine unnötigen Fragen stellt. Überall. Es ist nicht nötig, nach ihm zu suchen. Auch ich benötige ab und an jemanden, der mir zuhört. Ich weiß dann, wohin ich mich wenden kann."
Er blickt hinĂŒber zur Kirche.
Erstaunt schaut sie ihn an und schĂŒttelt den Kopf.
"Das geht nicht, ich bin nicht sonderlich glĂ€ubig. Ich habe schon lange nicht mehr gebetet. Außerdem glaube ich kaum, dass Gott mir an solch einem Tag zuhört. Er wird Besseres zu tun haben."
Der alte Mann verschraubt seine Thermoskanne und verstaut sie in seiner Aktentasche. Dann steht er auf und reicht ihr die Hand.
"Komm, lass uns rĂŒber gehen, dort ist es sicherlich wĂ€rmer als hier draußen. Mal sehen, ob der alte Herr nicht doch ein wenig Zeit fĂŒr dich hat."
Er ist unbewusst zum vertrauten Du gewechselt, doch Laetitia nimmt keinen Anstoß daran. Sie ergreift zögernd seine Hand und steht auf. Mit der freien Hand streift sie den Schnee von ihrem Mantel.
"Also?" Er schaut sie auffordernd an.
Sie nickt nur und gemeinsam gehen sie in Richtung Kirche. Der Gesang wird lauter und sie erkennt die Stimmen eines Kinderchors.
"Stille Nacht, heilige Nacht, alles ..."
Laetitia zögert, als sie sich der KirchentĂŒr nĂ€hert.
"Aber ich kann doch nicht einfach ..." Sie schaut den alten Mann zweifelnd an, doch er lÀchelt nur.
"Diese TĂŒr steht fĂŒr jeden offen. Jederzeit. Besonders fĂŒr Menschen wie dich."
Er öffnet die TĂŒr soweit, dass beide hindurch schlĂŒpfen können. Eine wohlige WĂ€rme empfĂ€ngt sie, der Innenraum ist nur schwach beleuchtet. Es gibt kein elektrisches Licht. Überall an den WĂ€nden brennen Kerzen und in ihrem flackernden Schein erkennt sie, dass die Kirche fast voll ist. Sie bleibt im Mittelgang stehen, um die Stimmung in sich aufzunehmen. Ganz weit vorne erkennt sie den Chor. MĂ€dchen und Jungen in weißgoldenen, bodenlangen GewĂ€ndern singen mit feierlichen Mienen.
Er riecht nach Weihrauch und Myrrhe.
Erstaunt erkennt sie, dass momentan gar kein Gottesdienst stattfindet und sich doch so viele Leute hier eingefunden haben. Einige sitzen nur da und lauschen dem Gesang der Kinder. Andere haben die HĂ€nde zum Gebet gefaltet und knien vor der Bank.
Der alte Mann fĂŒhrt sie zu zwei freien PlĂ€tzen im vorderen Teil der Kirche. Immer noch erstaunt setzt sie sich. Da ist wieder das Kreuz, genau ihr gegenĂŒber. Langsam wird sie in den Bann dieser besonderen AtmosphĂ€re gezogen und die Traurigkeit fĂ€llt StĂŒck fĂŒr StĂŒck von ihr ab. Sie schaut den alten Mann fragend an.
"Er hört dir zu. Nur Mut." Er lÀchelt wieder.
Zögernd zieht sie ihre Handschuhe aus und steckt sie in die Manteltaschen.
"Aber ich weiß doch gar nicht, wie ich ...", wendet sie ein.
"Mach dir darĂŒber keine Gedanken, es ist nicht schwer. Er wird dir zuhören, so oder so. Es ist nicht wichtig, wie du es tust, sondern dass du es tust. Jeder hat da so seine eigene Methode. Nicht lange darĂŒber nachdenken, tue es einfach."
Laetitia nickt und schaut wieder nach vorn. Sie schließt die Augen und legt die HĂ€nde in ihren Schoss.
Der alte Mann nickt zufrieden und tut es ihr gleich. Lange sitzen sie so nebeneinander und auf beiden Gesichtern ist ein LÀcheln zu sehen. Laetitia erkennt, dass hier wirklich jemand ist, der ihr geduldig zuhört und dem ihre Probleme wichtig sind. Sie hat durch die Hilfe des alten Mannes ein besonderes Weihnachtsgeschenk erhalten.
Etwas, das sie fortan immer in sich trÀgt und ihr keiner wieder nehmen kann.
Sie ist wieder daheim.


__________________
Unter den Kastraten ist der eineiige König (unbekannter Gas- und Wasserinstallateur).

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Als große Kitschfreundin kann ich an diesem Text nicht achtlos vorĂŒber gehen.
Laetitias Heimkehr
Veröffentlicht von Duisburger am 03. 12. 2006 16:46
Die dick verpackte Gestalt sitzt auf der Bank, die Beine angezogen, ihr (das) Kinn stĂŒtzt sie auf ihre Knie. Das Gesicht ist fast vollstĂ€ndig vermummt, nur die Augen sind zu sehen. Traurige Augen, die mit TrĂ€nen gefĂŒllt sind.
Schneeflocken tanzen um sie herum und ihre Silhouette verschmilzt langsam mit dem blendenden Weiß des kalten Winterabends. Die meisten Leute beachten sie nicht, einige bleiben kurz stehen, schĂŒtteln verstĂ€ndnislos den Kopf und gehen dann weiter. Keiner spricht sie an, niemanden scheint zu interessieren, warum jemand bei diesem starken Schneefall und der klirrenden KĂ€lte sich ohne Not im Freien aufhĂ€lt.
Hin und wieder hebt sie den Kopf und schaut sich um, so als suchte sie jemanden. Dann stockt ihr Blick fĂŒr einen Moment und bleibt an dem hell erleuchteten Kreuz der alten Kirche haften. Leiser, festlicher Gesang dringt an ihr Ohr. FĂŒr einen Moment kehrt der Glanz in ihre Augen zurĂŒck.
Dann sinkt ihr Kopf wieder auf ihre (die) Knie, sie umschließt mit ihren (den) Armen ihre Beine und zieht sie dicht an ihren Körper. Lange sitzt sie so da, in sich versunken und kaum beachtet.

Der alte Mann geht langsam an der Bank vorbei, bleibt aber dann doch stehen und dreht sich um. Er beobachtet die zierliche Gestalt auf der Bank und kann den dampfenden Atem sehen, der zwischen ihren Knien hervortritt. Einen Moment lang scheint er unentschlossen, doch dann geht er langsam auf die Bank zu und bleibt davor stehen.
"Guten Abend", sagt er lÀchelnd, doch die Person reagiert nicht. Mit seinen Handschuhen entfernt er den Schnee von der Bank und setzt sich neben die zusammengekauerte Gestalt. Er schlÀgt den Kragen hoch und zieht seinen Hut tiefer ins Gesicht.
"Es ist sehr kalt heute Abend, man sollte sich nicht lĂ€nger als nötig im Freien aufhalten." Er schaute (schaut) nach rechts und der vermummte Kopf neben ihm hebt sich ein wenig. Die fragenden Augen einer jungen Frau starren ihn verstĂ€ndnislos an. Sie schĂŒttelt den Kopf.
"Alles in Ordnung mit Ihnen? Kann ich Ihnen helfen?"
Die junge Frau löst den Schal, so das (dass) ihr Gesicht nun ganz zu sehen ist. Ein junges, schönes Gesicht, mit glatter Haut und großen Augen. Allerdings spiegelt sich in diesen Augen eine tiefe Traurigkeit und schwindende Hoffnung wieder (wider) .
"Warum wollen Sie mir helfen? Vielleicht brauche ich gar keine Hilfe?", entgegnet sie trotzig und schaut ihn herausfordernd an.
Der alte Mann lÀchelt und öffnet seine Aktentasche. Er entnimmt ihr eine alte Thermoskanne und schraubt den Deckel ab, der gleichzeitig als Becher dient. Dampf steigt aus der Kanne und es riecht nach aromatischem Tee.
Vorsichtig fĂŒllt er den Becher zur HĂ€lfte und hĂ€lt ihn der junge (jungen) Frau hin.
"Trinken Sie, das wĂ€rmt sie (Sie) auf. Es ist nur Tee, dafĂŒr aber sehr heiß."
Er lÀchelt sie ermutigend an.
"Ich heiße Laetitia", sagt sie sehr leise. Sie umschließt mit beiden HĂ€nden den Becher und trinkt vorsichtig den heißen Tee.
"Die römische Göttin der Freude, doch momentan machen sie (Sie) ihr keine Ehre. Es ist Weihnachten, zu dieser Zeit sollte man eigentlich fröhlich sein. Schauen Sie sich die Kinder dort an. Sie spielen im Schnee und freuen sich ĂŒber ihre Geschenke. Sie nehmen den Tag, so wie er ist. Diese kindliche Einstellung kann man nur bewundern, denn ihre Gedanken eilen nicht voraus, sie planen nicht das Morgen. FĂŒr sie zĂ€hlt nur der Moment. Wunderbar unkompliziert."
Erwartungsvoll dreht er sich ein wenig zu ihr hin und wartet auf eine Reaktion. Sie schaut ihn nun wieder an und er kann deutlich sehen, dass sie nach Worten sucht. Der alte Mann drÀngt sie nicht und wartet geduldig.
"Das mag sein, doch ich kann das nicht. Meine Gedanken beschĂ€ftigen sich mit meiner gelogenen Vergangenheit und dem Verlust meiner Hoffnungen. Da bleibt kein Raum fĂŒr Fröhlichkeit. Was war, kann nicht ungeschehen gemacht werden. Es wird mich zeitlebens belasten. Jene, die ich glaubte zu lieben und die vorgaben, mich zu lieben, haben mir gegenĂŒber nur Lippenbekenntnisse abgegeben.
Meinen Eltern ist ihr GeschĂ€ft und ihr gesellschaftliches Ansehen wichtiger als meine Person, darum bin ich nun allein hier, wĂ€hrend sie in New York ihren reprĂ€sentativen Pflichten nachkommen. Da ist fĂŒr mich kein Platz.
Meine Freunde interessieren sich zuallererst einmal fĂŒr sich selbst. In ihren Herzen ist an solchen Tagen wie heute kein Platz fĂŒr die Probleme anderer. Ich wollte dieses Fest mit Menschen feiern, denen ich etwas bedeute. Menschen, die zuhören, wenn ich etwas zu sagen habe. Doch nun gibt es niemanden mehr, der mir zuhört.
Nur zuhört, mehr will ich nicht."
Der alte Mann schĂŒttelt den Kopf.
"Das stimmt nicht, ich höre zu. Doch nicht nur ich allein. Es gibt immer jemanden, der geduldig zuhört, dem man sich anvertrauen kann und keine unnötigen Fragen stellt. Überall. Es ist nicht nötig, nach ihm zu suchen. Auch ich benötige ab und an jemanden, der mir zuhört. Ich weiß dann, wohin ich mich wenden kann."
Er blickt hinĂŒber zur Kirche.
Erstaunt schaut sie ihn an und schĂŒttelt sie (ĂŒberflĂŒssig) den Kopf.
"Das geht nicht, ich bin nicht sonderlich glĂ€ubig. Ich habe schon lange nicht mehr gebetet. Außerdem glaube ich kaum, dass Gott mir an solch einem Tag zuhört. Er wird besseres (Besseres) zu tun haben."
Der alte Mann verschraubt seine Thermoskanne und verstaut sie in seine (seiner) Aktentasche. Dann steht er auf und reicht ihr die Hand.
"Komm, laß (lass) uns rĂŒber gehen, dort ist es sicherlich wĂ€rmer als hier draußen. Mal sehen, ob der alte Herr nicht doch ein wenig Zeit fĂŒr dich hat."
Er ist unbewußt (unbewusst) zum vertrauten Du gewechselt, doch Laetitia nimmt keinen Anstoß daran. Sie ergreift zögernd seine Hand und steht auf. Mit der freien Hand streift sie den Schnee von ihrem Mantel.
"Also?" Er schaut sie auffordernd an.
Sie nickt nur und gemeinsam gehen sie in Richtung Kirche. Der Gesang wird lauter und sie erkennt die Stimmen eines Kinderchors.
"Stille Nacht, heilige Nacht, alles ..."
Laetitia zögert, als sie sich der KirchentĂŒr nĂ€hert.
"Aber ich kann doch nicht einfach ..." Sie schaut den alten Mann zweifelnd an, doch er lÀchelt nur.
"Diese TĂŒr steht fĂŒr jeden offen. Jederzeit. Besonders fĂŒr Menschen wie dich."
Er öffnet die TĂŒr soweit, dass beide hindurch schlĂŒpfen können. Eine wohlige WĂ€rme empfĂ€ngt sie, der Innenraum ist nur schwach beleuchtet. Es gibt kein elektrisches Licht. Überall an den WĂ€nden brennen Kerzen und in ihrem flackernden Schein erkennt sie, dass die Kirche fast voll ist. Sie bleibt im Mittelgang stehen, um die Stimmung in sich aufzunehmen. Ganz weit vorne erkennt sie den Chor. MĂ€dchen und Jungen in weißgoldenen, bodenlangen GewĂ€ndern singen mit feierlichen Mienen.
Er riecht nach Weihrauch und Myhrre (Myrrhe).
Erstaunt erkennt sie, daß (dass) momentan gar kein Gottesdienst stattfindet und sich doch so viele Leute hier eingefunden haben. Einige sitzen nur da und lauschen dem Gesang der Kinder. Andere haben die HĂ€nde zum Gebet gefaltet und knien vor der Bank.
Der alte Mann fĂŒhrt sie zu zwei freien PlĂ€tzen im vorderen Teil der Kirche. Immer noch erstaunt setzt sie sich. Da ist wieder das Kreuz, genau ihr gegenĂŒber. Langsam wird sie in den Bann dieser besonderen AtmosphĂ€re gezogen und die Traurigkeit fĂ€llt StĂŒck fĂŒr StĂŒck von ihr ab. Sie schaut den alten Mann fragend an.
"Er hört dir zu. Nur Mut." Er lÀchelt wieder.
Zögernd zieht sie ihre Handschuhe aus und steckt sie in ihre (die) Manteltaschen.
"Aber ich weiß doch gar nicht, wie ich ...", wendet sie ein.
"Mach dir darĂŒber keine Gedanken, es ist nicht schwer. Er wird dir zuhören, so oder so. Es ist nicht wichtig, wie du es tust, sondern das (dass) du es tust. Jeder hat da so seine eigene Methode. Nicht lange darĂŒber nachdenken, tue es einfach."
Laetitia nickt und schaut wieder nach vorn. Sie schließt die Augen und legt die HĂ€nde in ihren Schoss.
Der alte Mann nickt zufrieden und tut es ihr gleich. Lange sitzen sie so nebeneinander und auf beiden Gesichtern ist ein LÀcheln zu sehen. Laetitia erkennt, dass hier wirklich jemand ist, der ihr geduldig zuhört und dem ihre Probleme wichtig sind. Sie hat durch die Hilfe des alten Mannes ein besonderes Weihnachtsgeschenk erhalten.
Etwas, dass (das) sie fortan immer in sich trÀgt und ihr keiner wieder nehmen kann.
Sie ist wieder daheim.


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Zum Heulen schön.

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