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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Lampenfieber
Eingestellt am 30. 10. 2006 13:56


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Llanlli
Hobbydichter
Registriert: Oct 2006

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Krampfhaft klammere ich mich an meine Zeitnachweise und meinen Schminkkoffer. Nervös schlängle ich mich durch die Leute, die am Set herumstehen und gebannt auf etwas schauen, das sich meinem Blick erfolgreich entzieht.
Im Zwielicht der Kulisse verfängt sich mein Fuß in einer unbeaufsichtigt herumliegenden, wirren Masse. Nach einigen vergeblichen Versuchen kann ich meinen Fuß befreien. Schnell bemerke ich, dass ich bei dem verzweifelten Kampf mit der Stolperfalle meinen Schuh eingebüßt habe. Als wäre das nicht schon peinlich genug, stolpere ich auf der Suche nach ihm beinahe über das nächste Hindernis, eine Kabeltrommel. Unter Einsatz einiger bestimmt zirkusreifer Verrenkungen gelingt es mir, nicht zu stürzen. Ich bin jedoch nicht in der Lage, den Zusammenstoß mit einem der Herumstehenden zu verhindern. Schlagartig erhöht sich die Raumhelligkeit. Hach, da ist ja das gute Stück, denke ich erleichtert, als ich meinen Schuh ausmache. Ich humpele auf ihn zu und schlüpfe mit dem unbeschuhten Fuß hinein.
„Cut! Cut!“ schnauzt eine unwirklich klingende Stimme, die von irgendwo schräg über mir zu kommen scheint. „Bin ich eigentlich nur von Kretins umgeben? Wer hat gesagt, dass der Scheinwerfer verschoben werden soll?“
Mit den Augen folge ich der Stimme, bis sie den Sprecher entdecken. Es ist ein Mann und er steht auf einem turmähnlichen Gebilde. Sein Gesicht kann ich nicht erkennen, denn er hält ein überdimensionales Megafon vor seinen Mund.
„MacGuire, du Vollidiot. Das ist dein Scheinwerfer“, kreischt der Mann. „Möchtest du dich morgen in die Schlange der Arbeitslosen einreihen?“
Der Mann, den ich angerempelt habe, scheint dieser MacGuire zu sein, denn er läuft Rot an. „Sorry, Sir“, ruft er dem Mann zu, „ich wurde angerempelt.“
Er wirft mir einen bösen Blick zu, der mich dazu bringt, mich langsam aber sicher aus seiner Reichweite zurückzuziehen. Heute ist scheinbar nicht mein Tag!
„Ich bringe den Scheinwerfer sofort wieder in Position.“
„Das will ich auch hoffen. Der nächste, der die Dreharbeiten zu dieser Szene stört, kann sich als gefeuert betrachten“, giftet der Mann auf dem Turm weiter.
„Süße, wenn du nur noch einen Schritt zurück machst, dann stößt du mit dem nächsten Scheinwerfer zusammen“, flüstert jemand leise in mein Ohr. Ich bleibe wie erstarrt stehen, wage nicht, mich zu bewegen und schließe meine Augen. Ich fühle, wie ich langsam herumdreht und in die neue Richtung gezogen werde.
„So ist es schon besser.“ Ich nehme all meinen Mut zusammen und öffne meine Augen wieder. Ich hätte es nicht tun sollen, denn mein Blick versinkt in der bodenlosen Tiefe eines blauen Augenpaares.
„Miss, Sie müssen hier weg“, flüstert der Mann diesmal drängender. „Sie stören die Filmarbeiten.“
„Hmmmmm, .... ja .... ich gehe ja schon.“ Ich kann meine Augen nicht von seinen lösen, ertrinke in deren klarer Farbe. „Gleich, .... ich muss nur ...“
„Miss, Sie müssen jetzt gehen“, fordert er mich noch einmal eindringlich auf und zeigt mit dem Daumen auf den Mann auf dem Turm. „Wenn Mr. Silver, der Regisseur, sieht, dass Sie hier der Störfaktor sind, dann macht er Sie zur Schnecke.“
„Mr. Silver?“ Schlagartig komme ich in die Wirklichkeit zurück. „Ich soll mich bei Mr. Silver melden. Er hat eine zusätzliche Maskenbildnerin angefordert.“
Erst jetzt bemerke ich, dass der Mann, der mich zu retten versucht, ein Kostüm trägt, das eine Mischung aus Zorro mit Augenmaske und Chubakka aus Starwars darstellt.
Seltsamer Film, denke ich noch, als er mich auch schon vorwärts schiebt.
„Wir machen eine kurze Pause“, ruft der Regisseur. „MacGuire?! Sehen Sie zu, dass Sie den Scheinwerfer wieder ausrichten.“
Als ich um die Ecke der nächsten Requisite komme, bin ich keine zehn Schritte von Mr. Silver entfernt. Er ist inzwischen von seinem Turm gestiegen und trinkt, ohne auch nur einmal abzusetzen, eine Flüssigkeit aus einem großen, nach unten schmal zulaufenden Messbecher. Schreien scheint durstig zu machen.
„Casey, ich habe diese junge Dame Backstage gefunden. Sie will zu dir.“
Mr. Silver ist mir auf den ersten Blick unsympathisch. Sein roter, an den Enden feuchter Schnauzbart zittert noch immer vor unterdrückter Wut, während seine schwarzen Augen wie bösartige Höllenfeuer Funken sprühen.
„Nun stehen Sie doch nicht so dümmlich dort herum, Mädchen. Kommen Sie her“, ruft er unfreundlich und viel zu laut, sodass sich eine ganze Reihe von Leuten zu uns umdreht.
Meine Beine versagen zitternd ihren Dienst und alle meine Sinne sind auf eine mögliche Flucht ausgerichtet. Doch zum Flüchten komme ich nicht. Der Mann hinter mir schiebt mich ungerührt weiter.
Zwei Schritte vor Mr. Silver komme ich zum Stehen. Aus der Nähe sieht er noch gruseliger aus als von Weitem. Seine Nase hat eine ungesunde lila Färbung. Lila? Bin ich hier im richtigen Film? Ich habe noch nie zuvor jemanden mit einer lila Nase gesehen. Außerdem hat er ein viel zu spitz zulaufendes Kinn, aus dem ein zippeliger roter Ziegenbart sprießt. Als er den Kopf dreht, sehe ich, dass aus seinem roten Haar zwei seltsam spitze Hügel hervorragen.
Igitt .... Dieser Mensch ist abgrundtief hässlich und, wie es scheint, auch bösartig.
„Nun“, fährt er mit seiner unangenehmen Stimme fort, „wer sind Sie und was wollen Sie hier?“
Nein, für den kann ich einfach nicht arbeiten, überkommt mich die jähe Erkenntnis. „Ich ... ich ...“
„Haben Sie einen Sprachfehler? Nun hören Sie doch mit dem Herumgestotter auf! Oder sind Sie nicht in der Lage in vernünftigen Sätzen zu sprechen?“
Mama!, schreit alles in mir. Ich will nach Hause!
Aber nein, das geht ja nicht. Ich brauche diesen Job, erinnere ich mich. Ich winde mich unter seinem Blick, der mir eine Gänsehaut verursacht. Also, wenn mir die Dame von der Zeitarbeitsfirma nicht versichert hätte, dass ich sofort nach Beendigung des Jobs bezahlt werde ...
Ich unterdrücke mein Unbehagen, schlucke den Kloß hinunter, der meine Kehle blockiert. „Ich bin die Maskenbildnerin, die Sie angefordert haben, Sir“, bringe ich diesmal ohne Stottern, aber viel zu schnell hervor.
„So? Sie kommen spät. Ich wollte Sie schon vor einer halben Stunde hier haben.“
„Tut mir Leid, Sir. Ich habe mich verlaufen.“
„Egal, egal“, erwidert er unwirsch. „Sehen Sie zu, dass Sie an die Arbeit kommen.“
„Sir“, wage ich ihn noch einmal anzusprechen, „um wen soll ich mich denn kümmern?“
Ich sehe, wie er, um Fassung ringend, den Kopf hebt und die Augen verdreht. „Um den Mann, der hinter Ihnen steht. Gehen Sie mit ihm in die Maske und bereiten Sie ihn für die nächste Szene vor. Aber dalli, wenn ich bitten darf. Wir drehen in vier Minuten weiter.“
„Kommen Sie“, sagt der Mann hinter mir ruhig. Ich bekomme keine Chance, zu protestieren, denn er nimmt meine Hand und zieht mich hinter sich her.
Als wir in der Maske ankommen, bin ich nassgeschwitzt. Der Zorro-Chubakka-Mann lässt sich vor der großen, beleuchteten Spiegelwand in einen freien Stuhl fallen.
Zitternd stelle ich meinen Schminkkoffer auf dem Tisch ab. „Ich habe keine Ahnung, wie ich Sie schminken soll“, sage ich unsicher.
„Sie sollen mich in einen Freibeuter verwandeln. Können Sie das?“
„Ja, ich glaube schon.“
„Dann fangen Sie an, bevor Casey seinen nächsten Anfall bekommt, weil ich nicht pünktlich erscheine“, grinst er mich fröhlich an.
Aha, denke ich, er jedenfalls scheint keine nennenswerte Angst vor Mr. Silver zu haben.
„Sir, bevor ich anfangen kann, muss ich Ihnen ihre Maske abnehmen.“
„Dafür sind Sie da, oder?“ lacht er. Am liebsten würde ich im Erdboden versinken. Ich fühle mich so unsicher wie ein pubertierender Teenager, obwohl ich schon dreiundzwanzig bin.
Langsam lösen meine Hände die schwarze Halbmaske, bevor sie sich um die Entfernung seines Chubakka-Bartes kümmern. Ich wage nicht, meinen ‚Auftrag’ anzuschauen, doch ich spüre, dass er jede meiner Bewegungen amüsiert verfolgt.
Ich gehe hinter den Stuhl, öffne meinen Schminkkoffer und entnehme ihm den Tiegel mit der braunen Farbe, die seinen Teint dunkel färben wird. Ich stelle mich hinter ihn und blicke durch den Spiegel in sein Gesicht, so ausdrucksstark, so ... – Schreck lass nach! Mein Hals zieht sich zusammen und ich bekomme nicht genügend Luft. Das Gesicht gehört meinem Lieblingsschauspieler! Ein riesiger Knoten bildete sich dort, wo sich noch vor wenigen Sekunden mein Magen befunden hat.
Schnell senke ich die Augen und versuche mein rotwerdendes Gesicht hinter dem Vorhang meiner nach vorne fallenden Haare zu verbergen. Ohne hinzusehen, beginne ich seine Wangen – wie weich und angenehm sie sich unter meinen Fingern anfühlen – mit der Gesichtsfarbe einzureiben. Sei nicht albern, Deborah, schelte ich mich selbst. Du kannst ihn nicht schminken, wenn du nicht hinsiehst!
Ich streiche meine Haare zurück, hole tief Luft und mache mich erneut an die Arbeit. Um seinen Augen denselben intensiven Piratenblick zu geben, den schon Johnny Depp in „Fluch der Karibik“ zur Schau getragen und der meine Fantasie auf ungeheuerliche Abwege gebracht hat, muss ich sie mit schwarzer Kajalfarbe hervorheben. Ich nehme den Stift und beuge mich zu ihm hinunter.
Sein warmer Atem streift mein Gesicht. Die feinen Härchen auf meinen Armen richten sich auf. Ich fühle, wie sich auf meinem gesamten Körper eine Gänsehaut bildet. Der Kajalstift entgleitet meinen kraftlosen Fingern. Mist, das Ding ist in seinem Schoß gerutscht. Seine enganliegende Hose – trug er gerade nicht noch ein Chubakka-Kostüm? – verrät, dass er gut gebaut ist.
Was soll ich jetzt nur machen? Meine Augen kommen langsam zu seinem Gesicht hoch. Sein sinnlicher Mund ist nur Millimeter von meinem entfernt. Nervös befeuchte ich meine Lippen mit der Zungenspitze. Er wird mich küssen, schießt es mir durch den Kopf, jetzt gleich. Mein ganzer Körper beginnt in freudiger Erwartung zu vibrieren. Die Erde scheint ebenfalls zu beben, zumindest lassen die dumpfen Geräusche, die ich höre, darauf schließen.
Nun küss mich schon, bevor ich mich in ein zitterndes Häuflein Elend verwandle, schreien meine unkeuschen Gedanken.
„Deborah“, höre ich die weit entfernte Stimme meiner Mutter.
Hau ab, Mom. Du störst mich beim Küssen mit dem Traum meiner schlaflosen Nächte.
„Deborah!“ ruft mich die Stimme meiner Mutter erneut, unbeeindruckt von meinem Protest und streng. „Wach endlich auf! Es wird Zeit, dass du dich für deinen Job fertig machst und dann zu Touchstone Pictures fährst.“
Unwillig öffne ich meine Augen und ... erblicke die Blümchentapete in meinem Zimmer. Oh, nein, alles war nur ein Traum! Es wird keine prickelnde Kussszene geben.
„Ich stehe ja schon auf, Mama. Du kannst damit aufhören, die Tür einzuschlagen.“
Ich bleibe noch einen Moment liegen und denke nach. Nachdem in meinem Traum alles schief gelaufen ist, kann mir im richtigen Leben wohl nicht mehr allzu viel passieren. Hoffe ich zumindest. Wer weiß, vielleicht habe ich heute das Glück, eine berühmte Schauspielerin oder einen berühmten Schauspieler zu treffen. Ja, das wäre schön. Ich seufze ein letztes Mal und schwinge die Beine aus dem Bett.

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flammarion
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ein

sehr guter tagebucheintrag. erzählung? nein.
lg
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Old Icke

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Llanlli
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Tagebucheintrag?

Ich habe lange und hart darüber nachgedacht, wohin ich das Stück setzen soll. Ich dachte, ich wäre hier richtig, da ich euch einen(nicht meinen) Traum 'erzähle' und das Stück für eine Kurzgeschichte zu lang war.

Verschieben?

Gruß Llanlli

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flammarion
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ach,

kurzgeschichte heißt nicht deshalb kurzgeschichte, weil sie kurz ist, sondern weil sie kaum mehr als zwei handelnde personen hat und am selben ort spielt.
und erzählung heißt nicht nur deshalb erzählung, weil da was erzählt wird. von einer erzählung erwartet man mehr, als dass der prot aus einem traum erwacht! das ist ein ganz alter hut.
lg
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Old Icke

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flammarion
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ich

habe dein werk nach tagebuch verschoben. du hättest nur die möglichkeit gehabt, es hier zu löschen und dort neu einzustellen. siehste - schon erledigt. dort wird dein werk auch wirklich nach seinem wert benotet, hier wäre es schlecht weggekommen.
lg
__________________
Old Icke

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