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Leselupe.de > Kurzprosa
Land der Berge
Eingestellt am 15. 06. 2011 23:44


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ledsgo
???
Registriert: Apr 2007

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Verlegen blinzelst du hinunter in die Tiefe der Felsen, eine Kerbe, ein Riss in deiner Welt. Zwischen den Felsspalten sprudelt Wasser hervor, klares Quellwasser, das sich zu einem sanften Strome entwickelt und ebenso gem√§chlich wie urm√§chtig die Senke deines Tales hinausflie√üt, wo es sich schlie√ülich in die unendlichen Adern dieser Erde einf√ľgt und jede Grenze, jede Kontur verliert.

Dein verlegener Blick aber ruht nicht auf diesem Fluss. Etwas nerv√∂s zieht es ihn immer wieder auf die halbfertige Verlegenheitsbr√ľcke, die sie nie fertiggebaut haben. Sie br√∂ckelt schon ein wenig, die Stahlbetonbr√ľcke, die neben den wenigen grauen Flecken der Felsen - die im wesentlichen vom feuchten Moos eingedeckt vor sich hin schlummern - das einzig Farblose in dieser Gegend ist. Sie stammt noch aus einer Zeit des √úberflusses, man hatte sie nie gebraucht, diese Br√ľcke, aber nichtsdestotrotz wollte man sie haben.

Dann kehrst du ihr den R√ľcken zu, dieser Halbherzigkeit, diesem Allerweltsbauwerk, das pl√∂tzlich nicht mehr finanziert hatte werden k√∂nnen. Finanzkrise sagst du dir, kopfsch√ľttelnd und zynisch lachend. Du kehrst ihr also den R√ľcken zu und schaust den Berg hinauf, schaust in die braune Schneise hinein, die sie aus dem Berg gerissen haben, schaust auf den Haufen kahlrasierter Baumst√§mme, die am Fu√ü des Berges liegen wie feucht gewordene Zundh√∂lzer, die niemand mehr braucht. In der Schneise ruht der Schilift, wie in all den anderen unz√§hligen Schneisen, die sie in den Berg geschlagen haben, auch Schilifte ruhen, Lifte, die keiner mehr ben√ľtzt, halbfertig manche, andere hoffnungslos veraltet.

Sie haben dir den Berg in den Lift hineingebaut, den Fluss in die Br√ľcke, und du, Fremder, du fragst die zust√§ndigen M√§nner um dich, ob denn all das not tue, aber ihre Antwort ist dir gleichg√ľltig. Deine Verwunderung ist gro√ü, aber du wei√üt wohl, dass deine Blicke dir nichts zeigen, das je notwendig gewesen w√§re. Gebraucht hat man hier immer erst, nachdem die Gier geweckt war. Notwendigkeit, das war hier seit jeher eine Kategorie des Wollens, was notwendig war, wurde hier, ungleich so vieler Orte, immer noch entschieden.

Du musterst sie also, die biertrinkenden Bauern, die gierigen Mäuler deines Heimatdorfes, die dir so unbekannt sind. Irgendeine Antwort werden sie dir schon entgegen nuscheln, aber du verstehst sie doch nicht mehr, diese Menschen, und sie blicken dich misstrauisch an, wie sie die Anderen immer misstrauisch angeblickt haben, als du noch ein Kind, noch einer von ihnen warst.

Du starrst auf den Boden, das Bier in deiner Hand will dir nicht schmecken. Die √úberheblichkeit deiner Ahnherren ist ihnen aus dem Gesicht geschwemmt wie der letzte Glanz aus dem Fluss geschwemmt ist, ihr Maulheldentum hat ein Ende gefunden, weil ihnen, wie sie sagen, keiner mehr kommt.

Niemand kann oder will mehr zu ihnen fahren, wem gef√§llt schon diese ewige Unfertigkeit, dieses ewige Bauwerk, von dem sie einst glaubten, sie k√∂nnten es f√ľr immer weiterf√ľhren? Expansion dachten sie, mehr mit ihrem Bauch als ihrem Hirn, und verstanden nicht, dass auch die dickste Mauer rissig wird, und auch der d√ľmmste Tourist irgendwann merkt, dass die scheinbare Natur eine Tourismusfabrik ist. Und wie jede Fabrik wird auch diese geschlossen, wenn es kein Geld mehr gibt.

Und jetzt stehen sie da, die Maulhelden deiner Jugend, und trinken ihr Bier wie sie es damals taten, aber es hört ihnen keiner mehr zu. Und du stehst da, verlassen und schockiert, von einer umgekehrten Logik heimgesucht:
Nein, nicht du hast dich verändert in deiner Abwesenheit. Deine Heimat selbst ist dir fremd geworden, man hat sie dir umgebaut und jetzt stehst du vor ihr, der gealterten, der zusammengeflickten und zusammengeschusterten Heimatstadt, der Stadt deiner Eltern und nicht einmal mehr diese, deine Stadt ist noch da. Nicht nur deine Eltern, auch deine Stadt ist vergangen.

Und du alter Mitl√§ufer, du hast geglaubt, du k√∂nntest wie sie wieder nachhause gehen, du hast geglaubt, auch dir w√ľrde diese Unaufrichtigkeit gelingen, wieder nachhause zu gehen als w√§re nichts passiert, als h√§tte man sie dir nicht genommen, deine Heimat. Und so stehst du da, entsetzt, verloren und einsam - so, wie sie dich ausgespuckt hat, deine l√§cherliche L√§ndlichkeit.
__________________
Ich hoffe, du verstehst ein wenig vom Leben, denn vom Sterben hast du keine Ahnung.

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