Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92193
Momentan online:
68 Gäste und 4 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erotische Geschichten
Landgang
Eingestellt am 17. 03. 2011 10:03


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Arno Abendschön
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2010

Werke: 273
Kommentare: 1190
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Arno Abendschön eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Auch Hamburg war bloß Provinz, wenn man aus Berlin kam. Harro hatte Ben am Freitagmittag vom Büro abgeholt, mit seinem nach Zigarettenkippen stinkenden Fiat, dann waren sie über die Stadtautobahn getuckert und schon am Kaiserdamm hatte Harro gesagt: „Gehn wir erst noch mal `n Kaffee trinken?“ Statt dass sie gleich durchgefahren wären. Und Harro musste sich natürlich in der Bäckerei wieder aufspielen … Sie waren nie zusammen im Bett gewesen. Erst war er Harro zu unerfahren gewesen, später hatte es sich ins Gegenteil verkehrt. Für Ben war Harro jetzt nur noch ein alt werdender Junge, der sich von Jüngeren bumsen lassen wollte. Eine smarte Fassade mit wenig dahinter. Harro beschwerte sich laut, als sie zahlen sollten: „Das sind auch keine Friedenspreise mehr!“ Die Verkäuferin markierte Entrüstung, und damit hatten sie endlich genug Rückenwind, um nach Hamburg zu düsen.

Die Pension lag in einer der feineren Gegenden der Stadt. Viel zu massige, weiß verputzte Häuser in der Reihe, die vergeblich so taten, als ob sie in London stünden, und in der Halle der dämmernde Alte, der Inhaber, in einem Sessel mit Cordsamtbezug mümmelnd. Jeder hätte ihn da überfallen, berauben und töten können. Sein Freund war vor kurzem gestorben, das erfuhren sie abends im Village. Er war schon nicht mehr ganz da, aber er sagte noch immer mit Würde: „Wenn die Herren später bummeln möchten …“ und gab ihnen die Schlüssel. Sie gingen hinauf in ihr Doppelzimmer. Harro vertauschte die Slipper mit den schweren Stiefeln, ging mit ihnen ins frisch bezogene Bett und sagte: „Dafür bezahlen wir ja. Nur mal kurz langlegen.“

Sie gingen essen und lagen danach wieder auf den Betten. Harro wartete auf eine Stadtparkbekanntschaft vom letzten Sommer, er hatte ihn telefonisch aufs Zimmer bestellt, und Ben darauf, dass sie endlich ins Village fahren würden. Die Stadtparkbekanntschaft kam, stieg zu Harro ins Bett, und Ben verkroch sich hinter der Zeit. Die Artikel weitschweifig wie immer. Das Beste an diesem Blatt war das Format - es verdeckte vollkommen, was in dem anderen Bett vor sich ging. Die Beischlafgeräusche kamen ihm ziemlich lustlos vor. Armer Harro! Und Harro sagte nachher etwas vom Mondschein damals im Stadtpark – Schönheit eine Sache der Beleuchtung! - und dass es jetzt eine Pleite gewesen sei. Sie fuhren gerade über die Lombardsbrücke nach St. Georg hinüber. Das Village wurde auch eine Pleite. Hanseatische Ledermänner, pärchenweise die lange Treppe in den Keller hinunterstiefelnd, dann vorne Konversation machen und dabei äugen, wer hinten im Dunkelraum verschwindet, wo sie später einzeln fertig zu werden hofften. Und es in der Tat wurden, meistens. (Falls du draußen auf meinen Freund stößt, lass nicht erkennen, dass wir zwei uns schon begegnet sind …) Bon soir, tristesse. Es gab keine Sperrstunde, aber sie lagen schon morgens um drei jeder in seinem Bett …

… und sie fühlten sich um zehn nach anständigem Frühstück ausgeruht und munter. Die richtige Zeit für einen Stadtbummel. Am Jungfernstieg war es kalt und zugig. Über der Alster waberten Nebelschwaden, und das Kaufhaus mit Seeblick kam ihnen wie eine schlechte Kopie des KaDeWe vor. Harro fragte: „Wie lange kennst du den Lübecker von gestern Abend schon?“ – „Hab ihn vor zwei Wochen in Frankfurt kennengelernt. Scheint nett zu sein. Er hat mich nach Lübeck eingeladen. Aber muss man dahin?“ – „Er hat ein hübsches Gesicht. Aber pass auf, diese Backen, die im Gesicht, meine ich, sind schon ein bisschen … na ja, also wenn der sich auszieht, ich wette, dann siehst du einen Bauchansatz.“

Ben reagierte nicht. Er wusste, Harro hatte einen anderen Geschmack. Zu Hause bei ihm – er hatte mal bei ihm Kaffee getrunken – hingen an der Wohnzimmerwand zart kolorierte Zeichnungen von sehr schlanken jungen Knaben, wie er selbst, Ben, früher einer gewesen war. Gertenschlank und hohlwangig – Fleischeslust ohne Fleisch, da kann man gleich Vegetarier werden. Warum hatte ihn Harro damals nicht haben wollen, und jetzt, da er etwas kräftiger war, wäre es ihm recht gewesen? Eine Zeitlang hatte Ben sich noch vorgemacht, sie könnten wenigstens Kumpel sein. Aber er fing schon an, geradeso zynisch wie Harro zu werden. Er verkehrte nur noch mit ihm, um davon zu profitieren. Harro war zehn Jahre älter und wusste über fast alle Bescheid, und mit ihm zu verreisen, kam billiger. Nach Köln waren sie zu dritt gefahren, Gerd war mitgekommen, alter Busenfreund von Harro – nur dass die beiden sich jetzt oft auf die Nerven gingen. Harro und Gerd wechselten sich auf diesen langen Strecken alle paar Stunden am Steuer ab. Wenn einer schlafen wollte, schluckte er ein Mittel, und wenn er fahren musste, wieder ein anderes. Ben hatte keinen Führerschein.





Sie gingen die Mönckebergstraße hinauf, und Ben fand sie schöner als den Tauentzien, sagte es aber nicht. Da wo die Straße in ihrer Mitte eine Ausbuchtung hatte, stand eine Art kleiner griechischer Tempel etwas verloren zwischen den Kommerzburgen. Harro wies auf das Café in seinem Inneren: „Die haben auch mal versucht, mich zu bescheißen. Aber nicht mit mir.“ Sie froren etwas und gingen daher in das Ladenzentrum neben dem Tempelchen. Die meisten Kunden strömten ins Untergeschoss, und sie ließen sich mittreiben. Da war ein Blumenladen mit viel Ware in der Passage, es roch stark nach Frühling. „Schauen wir mal in die Buchhandlung?“ – „Klar.“ Harro war kein großer Leser. Er steuerte gleich die Zeitschriftenecke an, Ben blieb vor den Ständern mit den Taschenbüchern stehen, ließ die Augen die Titel entlangwandern. Nicht dass er etwas Bestimmtes suchte, reine Gewohnheit von ihm. Er zog sich etwas von Brecht heraus, Leben Eduards des Zweiten von England. Das kannte er, im Fernsehen hatten sie mal eine Aufzeichnung gesendet. Er blätterte und las:

DER JĂśNGERE MORTIMER
Er ist um seinen Buben liebeskrank.
Der König unterschreibt.

Ach, war das schön gewesen … Ben sah den schwulen König wieder vor sich: genießerisch, lasziv. Eduard schien einfach alles zu genießen, seine Macht, dass seine Macht bedroht war, dass er ständig verliebt war – ein Vogelfreier auf dem Thron. Etwas Vollkommeneres kann es nicht geben. Eduard räkelte sich wollüstig und zeigte dem Hof, wie gut er im Fleisch stand.

Ben fühlte sich seit einer halben Minute abgelenkt. Da schaute einer immer wieder zu ihm herüber, und er war ganz in Leder. Harro und er hatten heute Morgen Jeans angezogen, war bequemer für die Stadt, aber auf die Lederfräcke hatten sie nicht verzichtet. Das muss der Schlüsselreiz für den da gewesen sein. Er schleicht auf und ab, hat kein Auge mehr für die geistigen Werte. Wie kann man so sinken – Eduard der Zweite!

Der andere war dicht herangekommen und tat noch einmal so, als ob ihn die Bücher interessierten. Zwischendurch Augenaufschläge, reizende Blicke. Plötzlich stand Harro hinter ihnen und machte der Schäferidylle ein Ende: „Na, auch schon unterwegs?“ Und so kamen sie schnell zu dritt ins Gespräch und standen bald in der Passage, gingen da vor dem Blumenladen auf und ab.

Der andere war höchstens zwanzig und blühte mit den Tulpen und Narzissen um die Wette. Brünett war er, hatte dichtes, lockiges Haar. Schlechthin hübsch das Gesicht, schon voll aufgeblüht, um der Wahrheit die Ehre zu geben. Bens Blick glitt an ihm hinunter. Die Schultern breit, aber nicht zu breit. Brustkorb ansehnlich. Unter dem weißen T-Shirt ein kleiner weicher Hügel, vom schwarzen Ledergürtel dezent betont. Wie er die Schenkel bewegte … Ein bisschen lasziv der Knabe. Er war ganz nach Bens Geschmack. (Schreiten wir bald zur Krönung Eduards des Zweiten?) Harro schien auch nicht uninteressiert, trotz der offenkundigen Unähnlichkeit des Jungen mit den Idolen bei ihm an der Wand. Aber vielleicht nahm er bloß wieder mal den Konkurrenzkampf auf.

Er war Marinesoldat, sein Schiff lag in Kiel vor Anker. „Was machst du dann in Hamburg?“ – „Um mal was zu sehen.“ In dreißig Stunden musste er wieder an Bord sein. Sie sagten ihm, dass sie aus Berlin seien und auch mal was anderes sehen wollten. Dazu äußerte er sich nicht. Sie gingen mit ihm hinaus auf den Platz und bummelten zwischen den Kaufhäusern auf und ab. Der Junge sah froh aus, wie eben ein junger Mensch aussieht, der froh ist, Anschluss gefunden zu haben. Unbestimmt erwartungsvoll, so sah er aus.

„Wart ihr letzte Nacht auch auf dem Kiez?“ In Berlin war jedes Viertel ein Kiez, also waren sie hier auch in einem gewesen. „Ja“, Harro antwortete für sie beide, „nur im Village, bis um halb drei, war aber langweilig. Du hast nichts verpasst.“ Ben sah dem Soldaten ins Gesicht, in die Augen. Da glimmte kein Fünkchen auf. Kannte er das Lokal wirklich nicht? So wie er angezogen war? Sie gingen weiter ziellos auf und ab und versuchten gegenseitig herauszubekommen, mit wem sie es denn zu tun hatten. Der Junge redete immer wieder vom Kiez, ohne dass sie Details erfuhren. Kiez hinten, Kiez vorne, und sein Ton war beinahe ehrfürchtig. Sie begriffen, dass er nur Kneipen in St. Pauli besucht hatte und St. Georg gar nicht kannte.

Harro wurde es zu dumm, er fragte geradeheraus: „Warst du auch in der Lore?“ – „Lore?“ - „Na, die Loreley halt, das alte Lokal …“ Hamburgs älteste Lederbar war ein bisschen aus der Mode gekommen, Touristen steuerten sie kaum noch an. Aber sie lag in St. Pauli, vom U-Bahnhof die Reeperbahn entlang und dann die und die Querstraße, bis zu der und der Ecke … Harro erklärte ihm den Weg, den der andere noch nie gegangen war. Jetzt war der Fall klar. Und was sollten sie nun mit dem Kind anfangen?

Das Kind sah nicht mehr froh in den grauen Hamburger Vormittagshimmel, eher betrübt, verlegen, unschlüssig. Sie gingen noch immer auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz auf und ab, pendelten zwischen Karstadt und dem Thalia-Theater hin und her. Der Soldat nahm weitere Anläufe, wollte zu gern doch noch bestätigt finden, dass sie alle drei zu etwas Bestimmtem dazugehörten. Wozu? Er sagte jetzt nicht mehr Kiez, sondern Milieu, und dass er es da geil finde. Was, Bier saufen? Er lachte ein bisschen gequält. Gleich würde er sich davonmachen, Tschüs sagen, ich muss weiter …

Nichts da, er trottete weiter neben ihnen her. Sie redeten jetzt kaum noch mit ihm. Dann ging Harro in die Schlussoffensive und fragte ihn in einem gekonnt naiven, sich einschmeichelnden Ton – Mann, muss der Kreide gefressen haben! -, wie’s denn sexuell so laufe auf dem Schiff. „Ihr seid da doch wochenlang eng beisammen und so ganz ohne Frauen an Bord … So viele kräftige junge Burschen – muss da nicht auch mal einer von euch dran glauben und was hinhalten?“ – Der Soldat sah aus, als ob er in eine Zitrone gebissen hätte, und sagte: „Mann, was ist denn das für `ne komische Frage …“ Mehr nicht. Und blieb trotzdem bei ihnen.

Sie froren jetzt alle drei und gingen daher ins Karstadt-Haus. Der Soldat kramte einmal in den Sonderangeboten auf einem Wühltisch, ein paar Meter von ihnen entfernt. „Lassen wir ihn sausen“, sagte Harro, „das wird nix.“ Sie tauchten sofort im Kundengewühl unter, ließen sich weitertreiben, bogen in die Sanitärabteilung ein, da gab es hohe Stellwände. Dann waren sie draußen. Sie waren ihn los.

„Wäre nur peinlich, wenn wir ihm zufällig wieder begegnen.“ - „Gehen wir Richtung Hauptbahnhof.“ – „Meinst du wirklich, er hat uns am Anfang für Rocker gehalten?“ – „Kann sein. Trotzdem hätten wir ihn mitnehmen können. Richtig schwul ist er zwar nicht, aber man hätte ihn vielleicht doch ins Bett bekommen.“ – „Und warum haben wir ihn dann sausen lassen?“ – „Mensch, um die Zeit werden in der Pension die Zimmer saubergemacht …!“

Für Harro gab es nur technische Probleme, typisch für einen, der von Beruf Ingenieur ist. Er sagte noch: „Jedenfalls wird er jetzt wissen, was mit uns los ist.“ – „Und weiß er, was mit ihm selbst los ist?“ – „Sein Problem.“ Ben dachte: Am besten, er vergisst alles, denn sonst muss er uns doch verachten. Ja, so wird es kommen: Verachten wird er mich - so wie ich dich.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂĽck zu:  Erotische Geschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!