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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Landregen
Eingestellt am 16. 03. 2015 16:05


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RainerK
Hobbydichter
Registriert: Mar 2015

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Landregen

Ein Probewerk soll er abliefern, von ihm selbst soll es sein, nicht irgendwo auf die Schnelle zusammengeklaut. Löblich, aber wie soll er das anstellen? Er, der schon bei einer simplen E-Mail anfĂ€ngt zu sinnieren, ob er die richtige Zeitform gewĂ€hlt hat, er, immer noch derselbe, der seinen Hang zu SchachtelsĂ€tzen dann zu bĂ€ndigen versucht, aber das Stakkato – welches resultiert wenn er seine LindwurmsĂ€tze zerhackt – sechs-, sieben- oder achtwörtriger SĂ€tze nicht mag, das ihm einen unguten Rhythmus aufzwingt, den er mit Kurzatmigkeit, mit Japsen, mit Nichtrichtigluftholenkönnen verbindet, so wie man manchmal im Traum ins Wasser springt und aufzutauchen versucht, aber der Weg nach oben immer lĂ€nger wird und man sich fragt, ob man das jetzt trĂ€umt oder nicht, um dann schweißgebadet wachliegend ĂŒber Schlafapnoe nachzudenken, einen Schluck Wasser trinkend sich fragt, ob das ein Zeichen ist, dass es aufs Ende zugeht, ob es schnell kommen wird oder nacheinander Etappen erreicht werden mĂŒssen. Er weiß es einfach nicht.

Man könnte es ja auch mit Lyrik versuchen, denkt er –

GĂ€nseblĂŒmchen mein,
das du dort standest,
dem RasenmÀhertod geweiht.
GĂ€nseblĂŒmchen klein,
den Tod du fandest,
in der schönen FrĂŒhlingszeit.

– nee, will er nicht, außerdem erst neulich im Radio das Zitat eines Lyrikers welcher sagte, dass die Lyrik die einzige Kunstform sei, bei welcher die Zahl der Produzenten die der Konsumenten ĂŒbersteigt. Was natĂŒrlich Quatsch ist, aber sowas prĂ€gt sich eben ein; nicht nur ihm, sondern wahrscheinlich auch anderen. Außerdem: Jamben, Hebungen, Senkungen und Wieauchimmerdasallesheißt hat er noch nie verstanden.

Also bleibt Prosa. ErzĂ€hlung; boah, zu lang. Horror&Psycho; Geister, Magie und solches Gedöhns könnte gehen, aber es soll ja trotzdem in sich stimmig sein und dann noch den ganzen Kladderadatsch außen rum, nee. Erotische Geschichten; er lĂ€sst doch hier nicht die Hosen seiner Phantasien herunter und das Jadestab-Lotusgrotten-Geschwurbel ist ja wohl eher etwas fĂŒr Arztromane; chinesische Arztromane wahrscheinlich. Essays und Kolumnen; auch nicht, setzen ja Auseinandersetzung und tiefgrĂŒndiges Wissen voraus.

Aber wie heißt es doch immer so schön: Das Leben schreibt die besten Geschichten. Also nach Draußen ins Leben, etwas erleben, das Erlebte aufschreiben und dann winkt endlich die Vollmitgliedschaft; kann doch so schwer nicht sein.

Draußen regnet es. Er fĂ€hrt mit dem Bus in die Innenstadt, es riecht nach feuchtem Mensch, wahrscheinlich eher nach feuchten Klamotten, aber trotzdem sehr körperlich, da, im Bus. In der Innenstadt riecht es nach Bratwurst, oder Döner, oder Currywurst, oder nach Pisse in den DurchgĂ€ngen. Ist auch alles viel zu voll; die Cafes sind zu voll, in denen sich Menschen Nahrung einschaufeln, Tassen an MĂŒnder fĂŒhren, Tropfen an den Tassen nach unten laufen und dabei schlammige Spuren auf weißem Porzellan hinterlassen. Jedenfalls wenn es Kaffee war. Er mag keinen Kaffee. Und keine Cafes.
Also wieder in den Bus, raus aufs Land, die Weite spĂŒren, in sich aufnehmen und daraus etwas destillieren und dann die Vollmitgliedschaft.

Vor ihm sitzt ein Alter. Mit Hut und speckigem Kragen, sitzt da und liest Zeitung, aber vielleicht liest er sie auch gar nicht, sondern beobachtet, wartet, sinniert, phantasiert. Weiß man ja alles nicht, wenn man hinter einem Zeitungsleser im Bus sitzt. Im Bus aufs Land bei Regen.
Dort wo sich die Straße gabelt steht ein WartehĂ€uschen aus Stein, aus einer frĂŒheren Zeit, der Putz bröckelt an manchen Stellen, das Beige des Anstrichs von Schlammspritzern und Graffitis unterbrochen. Der Alte steht auf, er folgt ihm zur TĂŒr, der Alte drĂŒckt den Haltewunschknopf und sieht ihn kurz an. Einen Haltwunschknopf sollte auch das Leben haben, denkt er. Den man einfach drĂŒckt wenn es schön ist. Wann es am schönsten war, weiß man ja erst spĂ€ter, wenn das Leben mit einem bereits weiter gefahren ist, also auch blöd. Aber egal, er muss sich an der Haltestange festhalten, denn der Bus bremst, hĂ€lt an, die TĂŒren gehen auf, von draußen weht feuchte Luft herein, er steigt hinter dem Alten aus. Ist ja schließlich auch Land hier draußen.

Er geht in das WartehĂ€uschen um zu warten, auf die Geschichte aus dem Leben zu warten, sie dann spĂ€ter aufzuschreiben. Der Alte verschwindet in Richtung der Straße, die der Bus nicht genommen hat. Die Geschichte kommt nicht. Um ihn herum MĂŒll, aber zĂ€rtlicher MĂŒll, keine Glasscherben sondern hauptsĂ€chlich Snackverpackungen, etwas zusammengeknĂŒlltes Stanniol, Kaugummis, Zigarettenkippen und etwas vorjĂ€hriges Laub. A.J. liebt K.M, Gordon ist schwul (na bei dem Namen kein Wunder sagt er laut) und FĂŒr immer der erste EffZeh steht an der Wand. Wahrscheinlich in der dritten Liga denkt er. Wann hier der nĂ€chste Bus kommt ist nicht in Erfahrung zu bringen; der Busfahrplan ist teilweise abgefetzt oder mit Edding beschmiert. Also geht er los, dem Alten hinterher, denn der wird ja nicht im Wald bei der Hexe wohnen und falls doch, wird er eine Geschichte daraus machen.

Ziemlich rasch holt er ihn ein, so drei oder vier Minuten braucht er dafĂŒr, vielleicht, der Regen kommt jetzt von vorn und lĂ€uft ihm in den Ausschnitt der Jacke, die er daraufhin kinnhoch schließt. Der Alte bleibt stehen als er ihn ĂŒberholt, er selbst bleibt auch stehen, dreht sich um. Sie schauen sich an, der Alte hebt die Hand zum Gruß, murmelt UnverstĂ€ndliches, seine Augen sind wĂ€ssrig, die Nase großporig und feucht. Feucht wie bei einem Hund, denkt er. Als Kind hĂ€tte er gern einen Hund gehabt, einen richtig großen, der ihn beschĂŒtzt hĂ€tte. Der ihn vielleicht sogar vor seiner Mutter beschĂŒtzt hĂ€tte, wenn die von ihren Kneipentouren nach Hause kam und nörgelte. Seinen Vater hat er nicht gekannt, seinen Hund hat er nicht bekommen, seine Mutter ist dann meist irgendwann eingeschlafen. Egal ob sie allein nach Hause kam oder in Begleitung. Irgendwann hat er verstanden, dass keiner der MĂ€nner die seine Mutter mitbrachte sein Vater war oder sein wollte, keiner. Der hier vor ihm wahrscheinlich auch nicht, wĂ€re nicht interessiert gewesen an ihm. HĂ€tte ihm keinen Hund gegeben, hĂ€tte ihm nicht die Hand gegeben, hĂ€tte die Mutter weiterschlafen lassen als er ging, hĂ€tte ihm keine Geschichte gegeben.

Jetzt könnte der hier ihm eine Geschichte geben, eine ĂŒberraschende, aufrĂŒhrende, tragische, blutrĂŒnstige Geschichte. Er könnte ihm die Fresse einschlagen, die Rippen zertreten, seinen SchĂ€del immer wieder auf den Asphalt knallen bis er keinen Ton mehr von sich gĂ€be und dann noch zwanzig Mal. Er könnte den toten Alten in den Straßengraben rollen zu all dem MĂŒll und dem fleischig satten Gras, er könnte zurĂŒck gehen und auf den Bus warten, wieder in die Stadt fahren und hĂ€tte eine Geschichte, vom Land bei Regen.

Der Alte gibt ihm die Hand; er schĂŒttelt sie.
Der Alte gibt ihm Auskunft wann der Bus in die Stadt zurĂŒck fĂ€hrt; heute Abend.
Der Alte gibt ihm sein Handy, damit er sich ein Taxi rufen kann, denn sein Telefon hat er beim euphorischen Aufbruch zu Hause liegen lassen.
Der Alte gibt ihm eine Geschichte.

__________________
Es ist schon fast alles gesagt worden, nur noch nicht von Jedem.

Version vom 16. 03. 2015 16:05
Version vom 17. 03. 2015 20:02
Version vom 17. 03. 2015 20:05

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DocSchneider
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Dein Text zeigt sehr gut, wie sich eine Geschichte entwickeln kann, ohne dass der Autor eine Idee hat. Dass das Leben die besten Geschichten schreibt ist ein Klischee, aber es stimmt.


Viele GrĂŒĂŸe von DocSchneider

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