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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Larissa
Eingestellt am 09. 08. 2002 01:30


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Carolin.a
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Registriert: Apr 2002

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Heute war die Beerdigung von Larissa. Immer noch stehe ich neben mir, bemĂŒhe mich einen letzten Rest Fassung zu bewahren. Dieses wunderbare Geschöpf ist tot. Sie sprang mit ihren gerade 8 Jahren vom Dach unseres Hochhauses.

Larissa wohnte ihm 6. Stock und so einige Male hatte sie mit meiner Tochter Marie gespielt. Richtige gute Freundinnen waren sie wohl nicht, aber sie haben sich gut verstanden. Wie ich Marie Larissas Tod erklĂ€ren soll, das kann ich heute noch nicht sagen. Viel schlimmer aber wiegt der Gedanke an die GrĂŒnde, die ein so kleines MĂ€dchen zu so einer verzweilften Tat bringen.

Ewig werde ich mir VorwĂŒrfe machen. Und sicher auch alle anderen Bewohner der Lerchengasse 7. Das höchste Hochhaus der Stadt. Zu hoch fĂŒr mich ab heute. Zu klein fĂŒr Larissa. Niemand, auch ich nicht, hat ihr geholfen. Dabei hĂ€tten wir alle sehen können. Es war wohl eine Frage des Wegschauens oder auch der Unfassbarkeit. Ich weiß es nicht. Ich fĂŒhle nur die starke Schuld des Mitwissens in mir ruhen, nur darauf bedacht, diese Schuld möglichst in eine ganz entfernte Schublade zu stecken, damit ich wieder atmen kann. Frei atmen. Larissa konnte das seit Jahren nicht mehr.

Ich erinnere mich genau, als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal das GefĂŒhl hatte, mit Larissa stimmt was nicht. Es war auf dem Spielplatz vor unserem Haus. Marie hatte gerade ihre heiße Phase was Puppen anbelangte. Neu entdeckt, konnte sie nicht eine Minute ohne ihre heißgeliebte Puppe sein. Larissa, damals wohl so um die vier, ich erinnere mich nicht mehr so genau, schaute eine ganze Weile schweigend zu. Sowieso war sie ein recht stilles Kind. LĂ€cheln sah ich sie selten. Sie nahm Marie die Puppe ab, schaute ihr in das Höschen und raunte dann meiner zweijĂ€hrigen Tochter zu: „Pass auf sie auf. Sie ist ein MĂ€dchen.“ Danach ging sie einfach still zur Schaukel, saß dort ohne jegliche Bewegung und summte nur ganz leise ein Kinderlied.

Den bösen Onkel gab es fĂŒr mich nur in schlechten Filmen. FĂŒr Larissa wĂ€re jeder schlechte Film besser gewesen als die RealitĂ€t. Ob ihre Mutter tatsĂ€chlich nichts bemerkt hat, kann und will ich nicht beurteilen. Es liegt mir auch fern, sie zu verurteilen. Zu sehr war auch sie wohl gefangen im Sumpf der sogenannten Liebe. Ihre Ängste haben sie ihre Tochter verraten lassen. Möge sie mit ihren GefĂŒhlen leben können.

Larissa werde ich nie vergessen. Es gibt ein einziges Foto in unserem Album von Larissa und Marie. Und es ist trĂ€nennaß. Nicht nur die Wut ĂŒber mich, die Verzweiflung, vielleicht doch etwas hĂ€tte Ă€ndern zu können, sondern auch das Bewußtsein, wieviele Menschen einem so kleinen MĂ€dchen nicht geholfen haben, lassen meine TrĂ€nen immer weiter laufen. Ich urteile ĂŒber mich selbst. Mitschuldig. Zuviel habe ich gesehen, zuviel vor mir selbst gerechtfertigt, weil ich es nicht glauben wollte. Nicht glauben konnte. Unter dem selbstgefĂ€lligen Deckmantel der Liebe wurde ein Kind mißbraucht.

Doch all das hilft Larissa jetzt nicht mehr. In meinen TrÀumen stelle ich mir vor, Larissa wÀre ein Engelchen. Ein Engel, der als Engel die Chance hat, die Welt aus einer anderen wunderbaren Sicht zu sehen. Die Schönheiten, die ihr in ihrem kurzen Leben nicht gegönnt waren.

Eine letzte Blume lasse ich mit Marie vom Dach des Hochhauses in der Lerchengasse 7 wehen. Ein letzten stummen Gruß fĂŒr ein kleines MĂ€dchen.


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loona
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2000

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Hallo,

ich finde den Text sprachlich-handwerklich gut und reif - aber (es mußte ein Aber geben, oder? ;o) ) ich finde das Thema ist mit dem Betroffenheits-FingerspitzengefĂŒhls-Touch regelrecht verheizt. Die Perspektive der Außenstehenden, der Gedankenfluß - manchmal so nah an der OberflĂ€che, daß es wehtut und oft so weit entfernt wie es die Vogelperspektive nur sein kann. Es tut mir wirklich leid, das sagen zu mĂŒssen, denn der Text offenbart wie gesagt eine Menge Schreibpotential. Aber ihm fehlt der Mut, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Das "Ich" bleibt mausgrau von der ersten bis zur letzten Zeile. So wird der Selbstmord einer 8-JĂ€hrigen)* zu einer distanzierten Überreaktion, die das Selbstmitleid zelebriert und dabei durch theatralische, große Gesten und manchmal sogar platte Phrasen die Feinheiten in Entwicklung und Beobachtung, das Essentielle, das Authentische und das Literarische wegschleift. Die Geschichte ist glatt wie ein StĂŒck Seife.

Es wĂŒrde mich sehr freuen, eine kraftvollere, offenere und eigensinnigere Version lesen zu können.

Es grĂŒĂŸt

loona

)*
8 Jahre: ĂŒbrigens ein sehr frĂŒher Zeitpunkt - entwicklungspsychologisch fragwĂŒrdig. Kinder neigen zu körperlicher Symptomatik, hĂ€ufigem Kranksein, auffĂ€lligem oder zurĂŒckgezogenem Verhalten. In den Statistiken tauchen Selbstmorde im Alter zwischen 10 und 15 auf, Suizide unter 14 sind sehr selten.

quote:
Die GrĂŒnde fĂŒr die niedrige Suizidrate bei Kindern liegen in der entwicklungspsychologisch begrĂŒndeten UnfĂ€higkeit, die Wesensmerkmale von Leben und Tod eindeutig zu erkennen, noch mehr aber darin, gefĂ€hrliche und ungefĂ€hrliche suizidale Methoden zuverlĂ€ssig zu diskriminieren und die zielfĂŒhrenden suizidalen Handlungen durchzufĂŒhren
SuizidalitÀt ist gekoppelt an die FÀhigkeit zur Selbstreflexion, die sich erst mit beginnendem Jugendalter stabilisiert. Das Jugendalter und das junge Erwachsenenalter sind diejenigen Altersbereiche, in denen die meisten Parasuizide auftreten. Die typische Koppelung von SuizidalitÀt mit bestimmten psychiatrischen Erkrankungen des Erwachsenenalters ist bei Kindern und Jugendlichen weit weniger ausgeprÀgt.
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