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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Larissa ist dreizehn
Eingestellt am 08. 02. 2004 18:09


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caspAr
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Larissa ist dreizehn


Am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages habe ich Fernsehen geschaut, eine Reportage ├╝ber zwei Kinder in den Strassen von Berlin. Ich lag in meinem Wohnzimmer auf dem Sofa und glotzte in diese doofe Fernsehkiste, ├╝ber Nacht war Schnee auf die Fenster gefallen, so dicht, dass nur mattes blaues Licht in meine kleine Dachwohnung drang und es gegen Nachmittag stockdunkel um mich herum wurde. Der Himmel hatte still einen wei├čen und kalten Kokon um mich gelegt, und ich ruhte ihn ihm. Jahresendzeitstimmung lag in der Luft, und in letzter Zeit scheute ich immer mehr den Kontakt meiner Mitmenschen. Zwischenmenschlich glitt mir vieles aus den H├Ąnden, finanziell war ich am Ende, und den Grossteil meiner weiblichen Bekanntschaften hatte ich auf Eis gelegt. Sex langweilte mich zu Tode, die Peripherie des Fickens war nur noch nervt├Âtend und verlogen, selbst die Pornos hatte ich ├╝ber; gelegentlich onanierte ich zwar noch, doch auch hier verlie├č mich immer mehr die Lust. So sehr ich mich auch bem├╝hte, es viel mir nichts Ant├Ârnendes mehr ein, in mir fehlte jegliche Regung - ich glaube, ich hatte mich entg├╝ltig am Fleisch ├╝berfressen. Eigentlich nichts spektakul├Ąres, Randerscheinungen des ├ťberflusses wahrscheinlich, doch die Geburt Christi vor zweitausend Jahren und die damit verbundenen allj├Ąhrlichen Feierlichkeiten gaben dies allem einen unangenehmen, ja fast asozialen Beigeschmack. Ich versuchte irgendwie cool zu bleiben, mich abzuschotten von all dem und mir nicht allzu viel Gedanken dar├╝ber zu machen. Gras hatte ich genug auf Vorrat gekauft, Nahrungsmittel und Getr├Ąnke waren auch ausreichend und vielf├Ąltig vorhanden; wenn alles gut lief, musste ich bis Neujahr keinen Fu├č mehr vor die T├╝r setzen. Die letzten Tage waren anstrengend und verwirrend gewesen.
Den Heiligabend hatte ich mit meiner Schwester und ihrem Freund verbracht; einem farblosen Typen mit Bauchansatz und Diplom in der Tasche. Auf dem Weg zur Kirche versuchte ich, mich angestrengt an seinen Namen zu erinnern, doch es gelang mir nicht. Die Luft war feucht und schneidend, und auf der Stra├če spiegelten sich die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos. In der kleinen Kapelle, wo vor dem Altar die Dekoration des Krippenspieles zu sehen war, fanden wir in einer der vorderen Reihen Platz. Die untersetzte Pastorin war erk├Ąltet und ihre Stimme dadurch stark in Mitleidenschaft gezogen. W├Ąhrend des Gottesdienstes starrte ich lange auf einen liebevoll geschm├╝ckten Tannenbaum, der nicht weit von mir entfernt stand. Ich konnte den schweren Geruch seiner dunkelgr├╝nen Nadeln wahrnehmen und versuchte, mich an das Gef├╝hl zu erinnern, welches man als Kind zu Weihnachten empfindet. Ich glaube, ich vermisse es sehr, Dinge zum ersten Mal in meinem Leben kennen zu lernen. Die Stimmen der Leute um mich herum untermalten meine Erinnerungen; leise sang die Gemeinde ?Stille Nacht?, in diesem Moment empfand ich tiefe spirituelle Entg├╝ltigkeit und musste mich zusammenrei├čen, nicht loszuheulen. Nach dem Gottesdienst traten wir gemeinsam hinaus in eine sternenklare und schneidend kalte Nacht, und, w├Ąhrend meine Schwester und ihr Freund auf dem R├╝ckweg die Tannenb├Ąume in den Fenstern z├Ąhlten, hing ich meinen eigenen Gedanken hinterher und summte mir eine bekannte und traurige Melodie.
Zum Abendbrot gab es Wiener W├╝rstchen und kalten Kartoffelsalat. Es herrschte eine unheimliche Stille in der Wohnung, und w├Ąhrend wir a├čen, sprach niemand von uns ein Wort. Gelegentlich r├Ąusperte sich zwar jemand, und meine Schwester f├╝llte die Gl├Ąser nach, doch ansonsten herrschte komplette Funkstille. Irgendwann war dieser Teil auch erledigt, und w├Ąhrend meine Schwester abr├Ąumte und den Abwasch erledigte, verschlug es mich mit einem Bier bewaffnet in das Wohnzimmer, in dem ich die Gelegenheit wahrnahm, mit dem Typen meiner Schwester ein paar Worte zu wechseln. Nach einigem verbalen Schlingern einigten wir uns schlie├člich auf ein gemeinsames Thema. Das Baby im Bauch meiner Schwester, von ihm da rein gemacht, macht uns beide zu Verwandten. Wir unterhielten uns ├╝ber Vaterschafts├Ąngste und weiteres Zeug, und man sp├╝rte die Erleichterung im Raum, nicht mehr ├╝ber all zu Intimes reden zu m├╝ssen. Ich nehme an, dass eine ehrliche und interessierte Ann├Ąherungen f├╝r viele Menschen eine un├╝berwindbare H├╝rde darstellt, f├╝r mich ebenfalls, wenn ich einmal so richtig dar├╝ber nachdenke. Ich beneidete den Freund meiner Schwester irgendwann lautstark um das Gl├╝ck und die Freuden, welche mit einem Kind verbunden sind; im Grunde hatten wir uns nicht viel zu sagen. Man trennt sich fr├╝h an diesem Abend.
Nachdem ich mich verabschiedet hatte, lief ich noch lange ziellos und allein durch die mit Eis bestreuten Parks der Stadt, um, gegen morgen, gedankenverloren die T├╝r des Hauses, in dem ich lebe, aufzusperren. Oben in meiner Wohnung legte ich mich auf das Sofa und knipste den Fernseher an. Eine Reportage flimmerte ├╝ber die Mattscheibe, eine von Tausenden, eigentlich belanglos, und doch unterschied sie sich. F├╝r eine kurze Zeit kam ich aus der H├╝fte und habe mich an den Rechner gesetzt, habe einen Text ├╝ber das Gesehene geschrieben und mich danach etwas aufger├Ąumter gef├╝hlt. Larissa ist dreizehn, so habe ich ihn genannt.

Dass Weinachten vorbei ist, erkennt Luke unter anderem daran, dass die erleuchtenden Tanneb├Ąume in den Wohnungen der H├Ąuser verschwunden sind und dass die Leute nicht mehr total durchgedreht durch die Einkaufspassagen jagen, murmelnd und mit den Augen rollend, fast so, als w├Ąre der Leibhaftige hinter ihnen her. Luke hat ein bleiches und pickliges Gesicht, fettige, blonde Haare und eine wei├če Alpha ├╝ber dem schm├Ąchtigen Oberk├Ârper. Er zerkaut sich gerade die Unterlippe - Luke wartet seit einer halben Stunde an einem Stromkasten auf dem ?Plakatieren verboten? steht. Er wartet, wie jeden Tag; auf Larissa, mehrmals, meist eine halbe Stunde. Larissa ist dreizehn und die Freundin von Luke. Luke ist in etwa genauso alt, obwohl er j├╝nger aussieht. Luke hie├č fr├╝her Andreas und Larissa Mandy. Aber diese Namen haben sie abgelegt, nahezu vergessen m├Âchte man meinen, Andreas und Mandy h├Ątten nicht gepasst, nicht hierher - zu schwach w├Ąren sie f├╝r dies alles gewesen. Der richtige Luke, der aus den Filmen, der sieht spitze aus und ist tapfer und edelm├╝tig. Er ist Yediritter und k├Ąmpft gegen die Macht eines fiesen Imperators und so. Er fickt au├čerdem eine br├╝nette Prinzessin, und hat ein Laserschwert und kann mit Raumschiffen durch die Weiten des Kosmos fliegen. Luke, der von der Stra├če, fr├╝her Andreas genannt, ist vor einem halben Jahr von zu Hause abgehauen und hat alles zur├╝ckgelassen. Es gab keinen anderen Ausweg. Die Schl├Ąge und Tritte seines Alten taten weh und lie├čen die Haut aufplatzen, doch den Schmerz am K├Ârper hatte er ertragen. Wenn seinem Alten dem Sinn danach stand, ihn zu verm├Âbeln, besa├č Andreas streckenweise die Gabe sich auszuklinken, sich abzukapseln vom Geschehen. Dann pr├╝gelte der Vater einen stummen K├Ârper und schlug die H├Ąnde in ein schlafendes Gesicht; Andreas floh sich derweil in Erinnerungen. Er dachte an Schokoladenkuchen und Indianerfilme im Kino, er tr├Ąumte, auf den Baum im Park zu klettern, dem Baum, der so viele Herzen in der Rinde hat. Sehnsucht nach M├Ąrchenwelten, kindliche Nat├╝rlichkeit. Ja, dem Schmerz am K├Ârper hatte er standgehalten, lange und geduldig, er kannte nichts anderes, doch so richtig m├╝rbe gemacht, hatte ihn der Kontrast. Die K├╝sse und Umarmungen, wenn mal Besuch da war, die heuchlerische und gespielte Harmonie; diese gef├Ąhrliche Ruhe vor dem Sturm. Irgendwann war die Zeit f├╝r Andreas entg├╝ltig reif, er musste verloren gehen, so schnell wie m├Âglich und f├╝r immer. Und von da an ist es Luke, und der blickt bisweilen in den N├Ąchten, durch die Fenster in die Wohnungen der Leute dieser Stadt. Er kann dann dem Kern von allem sehen, dem Wesen, wie es wegd├Ąmmert und vom Tag ins Traumlose sinkt. Millionen von Leben auf engem Raum, und jeder ist sich selbst ein Einzelg├Ąnger. Er befindet sich mitten unter ihnen, und es gibt keine Hoffnung, zu entkommen.
Heiligabend ist Luke in ein leer stehendes Haus eingebrochen und hat in einem der verlassen Zimmer Kerzen angez├╝ndet. Er hat Pappkartons auf dem Boden ausgebreitet und mit zwei Schlafs├Ącken eine kleine Kuschelecke eingerichtet, er hat zwei zerknitterte Poster von Eminem mit Reiszwecken an die feuchte Wand befestigt und Teelichter in der Mitte des Raumes aufgestellt. Nachdem er Larissa auf der Stra├če von dem Zimmer in dem Haus erz├Ąhlte, putze sie sich lange mit einem gro├čen und fleckigen Herrentaschentuch die Nase und wischte sich ein paar kleine Tr├Ąnen vom Gesicht, dann fiel sie Luke um den Hals und k├╝sste ihn vorsichtig auf den Mund. Luke hat seinen Arm um sie gelegt, und sie sind zu dem Haus gegangen, Luke hat Larissa die Mauer zum ersten Stock hinaufgezogen, da die T├╝ren und Fenster, bis auf wenige Ausnahmen, vermauert waren. Sp├Ąter, in ihrer Weihnachtsh├Âhle, so hatte Larissa den eigens f├╝r sie ausstaffierten Raum liebevoll genannt, haben sie sich beide, umringt von Teelichtern, fest und vorsichtig aneinandergeschmiegt. Sie blickten zusammen in das zuckende Licht der Kerzen, und als es allm├Ąhlich k├Ąlter wurde und die Kerzen verloschen, hat Larissa zu Luke gesagt, dass sie ihn heute vermisst hat und dass sie ihn liebt, weil er sie niemals, niemals ficken w├╝rde. Und Luke starrte in die Dunkelheit und konnte nichts sagen. Er k├╝sste verlegen ihren Hals, streichelte scheu ihre Wange.
Wenn Larissa minderj├Ąhrig und auf Abklatsch in die Autos steigt, um sich f├╝r zehn Euro Schw├Ąnze von kranken Yuppies in den Mund zu stopfen, dann hat Luke Angst um sie, denn dann wei├č er, dass er nichts mehr f├╝r sie tun kann. Aber jetzt, jetzt, liegt sie neben ihm, und er kann ihren K├Ârper an seinem sp├╝ren. Er kann f├╝hlen, wie ihre Brust sich hebt und senkt, er kann h├Âren, wie ihr Atem die K├Ąlte der Nacht vertreibt. Larissa ist dreizehn und geht auf den Strich und ihre Himmel sind schwarz und leer. In den Zeitungen steht, wie man Reste des Festes geschickt verpackt, auch, dass Tiere keinen Waden haben, und ich f├╝r meinen Teil finde Dagmar von Kram ziemlich hei├č.









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die zeit zerst├Ârt alles

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ming
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Gut, eine der wenigen unschnulzigen Geschichten.Gut.

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
Kommentare: 375
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7 von 10 Punkten

Gut geschrieben, zweifellos, aber dieses Konzept mit der Geschichte in der Geschichte ├╝berzeugt mich nicht richtig. Dieser ├ťbergang " F├╝r eine kurze Zeit kam ich aus der H├╝fte und habe mich an den Rechner gesetzt, habe einen Text ├╝ber das Gesehene geschrieben und mich danach etwas aufger├Ąumter gef├╝hlt." wirkt sehr k├╝nstlich, fast plump, und ist so ziemlich das schw├Ąchste am ganzen Text, kurz vor dem Schlu├čsatz. Auch hier, wenn du zur├╝ckspringst, kommt das reichlich grob - au├čerdem stimmt das Tempus nicht mehr; m├╝├čte im Perfekt bzw. Pr├Ąteritum stehen.
Also wenn dein Herz daran liegt, beide Geschichten miteinander verkn├╝pft zu lassen, solltest du an genau diesen Stellen noch einmal ansetzen.

Ansonsten h├Ątte ich vielleicht noch zwei Punkte anzuf├╝hren: Hast du mal ├╝berlegt, den ersten Teil auch im Pr├Ąsens zu schreiben? Ich wei├č nicht so genau, aber als ich's testweise "im Kopf" im Pr├Ąsens gelesen habe, kam es auch ganz gut.
Und wenn ich eine Stelle im zweiten Teil etwas ungeschickt finde, dann "Larissa ist dreizehn und die Freundin von Luke. Luke ist in etwa genauso alt, obwohl er j├╝nger aussieht." Du hast vorher so sch├Ân die Beschreibung vermittelt, da├č es hier zu plakativ wirkt. Gerade weil du es vorher so gut gel├Âst hast.

Fazit: der Text bereitet mir bei der Bewertung Probleme. Sprachlich sicher 8 oder 9 von 10, inhaltlich der erste Teil etwas schw├Ącher, der zweite um so st├Ąrker. Aber sie passen bei mir irgendwie nicht zusammen. Ich einige mich also mit etwas Bauchgrimmen auf 7 Punkte.
__________________
Andrea Rohmert

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