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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Lasso-Tricks
Eingestellt am 27. 04. 2007 13:58


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HansSchnier
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Widerwillig stellte sich das Kind, es mag vielleicht zehn Jahre alt gewesen sein, an die ihm zugewiesene Stelle. Vielleicht war das Kind auch viel jĂŒnger, erst sechs oder sieben Jahre alt. Vielleicht auch Ă€lter. Er hatte den Überblick verloren. Gerade er, der frĂŒher sein Publikum damit beeindruckte, jedes Alter erraten zu können.
Er wirbelte das Lasso um den Körper des MĂ€dchens herum, das die Prozedur ĂŒber sich ergehen ließ. Der Vater bewegte sich im Halbkreis um ihn herum und filmte den Tanz des Seiles mit seinem Handy. Andere Parkbesucher, die unbeteiligt von einer Achterbahn zur nĂ€chsten hetzten, mussten ihm umstĂ€ndlich ausweichen. Vom Lasso-Mann nahmen sie keine Notiz. „Peggy, nun guck doch mal in die Kamera. Ach Peggy, jetzt lach doch mal.“ Peggy guckte nicht und Peggy lachte auch nicht. Dem Mann im CowboykostĂŒm, der seine Lassotricks mittlerweile beendet hatte, musste beides nicht gesagt werden. Er war Profi. Er lĂŒftete seinen Hut und verabschiedete das MĂ€dchen, das trotzig davonstampfte, ohne ihn eines dankbaren Blickes zu wĂŒrdigen. Er hörte noch das Schimpfen der Mutter, dies sei doch toll gewesen. Das kategorische „Nein“ der Tochter und den rotzigen Zusatz „Das war langweilig und blöd“ versuchte er zu ĂŒberhören.

Seit 25 Jahren stand er an dieser Stelle. Damals war die Westernstadt das Zentrum des Parks und er mit seinen Lassotricks eine der Attraktionen, von denen man nach dem Parkbesuch aufgeregt erzĂ€hlte. Das wusste er. Heute war die Anlage um ein vierfaches gewachsen, hatte mittlerweile sieben Themenareale und die BlockhĂ€user und FahrgeschĂ€fte der Westernstadt waren sanierungsbedĂŒrftig, selbst ein Abriss zugunsten einer Mondlandschaft war Thema.
Von ihm sprach nach einem Parkbesuch niemand mehr.
Zu allem Überfluss hatte man ihm einen jungen Taugenichts an die Seite gestellt, der der deutschen Sprache kaum mĂ€chtig war und die Besucher bei warmen Wetter mit einer Wasserpistole bespritzten sollte. Den grĂ¶ĂŸten Teil der Zeit belĂ€stigte er allerdings junge MĂ€dchen und bespritzte ihre T-Shirts. Mehrfach hatte er eingreifen mĂŒssen, wenn die Begleiter der MĂ€dchen auf seinen Kollegen losgingen und ihm SchlĂ€ge androhten.
Kollege. Sowas war sein Kollege. Er hatte die Schauspielschule besucht. Hatte die Hauptrolle in der Western-Stuntshow gespielt. Er hatte Angebote. Die Karl-May-Festspiele in Elspe wollten ihn verpflichten. Und junge Frauen hatte er nicht belĂ€stigten mĂŒssen, das war eher umgekehrt. Doch dann verletzte er sich. Bei einem Sturz aus dem zweiten Stock, den er zuvor schon hundertmal gemacht hatte, landete er unglĂŒcklich in den Pappkartons, die seinen Aufprall abfedern sollten und an ein weiteres Leben als Stuntman war nicht zu denken. Doch selbst als Lasso-Mann blieb er eine Attraktion.

Eine Gruppe Jungs zog an ihm vorbei. FrĂŒher wĂ€re er sicher gewesen, dass sie vierzehn waren. Heute traute er sich kein Urteil mehr zu. Einzelne Blicke verloren sich in seine Richtung. Sein Signal. Geschmeidig ließ er das weiße Seil durch die HĂ€nde gleiten, schwang es vor sich, erzeugte kleine und große Kreise, die die Luft gerĂ€uschvoll durchschnitten. Die Gruppe blieb stehen. Publikum! Jungs, so wie er einer war. Jungs, die noch Cowboy und Indianer spielten. Jungs, die seine Arbeit zu schĂ€tzen wussten. Es war wie frĂŒher. Er sah sie tuscheln. Sie zeigten auf ihn. Einige lachten dĂŒmmlich.
Man wollte ihn feuern. Er sei zu alt. Keinen interessierten seine Tricks. Der Betriebsrat setzte sich fĂŒr ihn ein. Er durfte bleiben. Jetzt sollten die Chefs vorbeikommen, dachte er triumphierend. Die Gruppe rĂŒckte an ihn heran. Einige grinsten. Er sah die HĂ€me nicht, er sah nur funkelnde Augen. Wie sie ihn packten, spĂŒrte er zwar, doch er verstand nicht. Was wollten sie mit dem Seil, das sie ihm aus den HĂ€nden rissen?
Als die Gruppe vor lachen kaum in der Lage zu laufen in dem chinesischen Teil des Parks verschwand, wurden die ersten anderen Besucher aufmerksam. Einige, vor allem jĂŒngere, kicherten. Andere wollten gar nicht wissen, wieso der lĂ€cherliche alte Mann mit dem abgewetzten CowboykostĂŒm mit einem weißen Seil gefesselt am Boden lag. Sie gingen rasch weiter.

Nach Dienstschluss zog er sich diesmal nicht um, hĂ€ngte das Lasso nicht an den Haken im Mitarbeiterraum, und er schob seine Magnetstreifenkarte nicht in die Stechuhr, sondern stieg direkt in seinen Kleinwagen und fuhr nach Hause. Das Lasso lag neben ihm auf dem Beifahrersitz, und bei jedem Blick auf den festen Strick schnĂŒrte es ihm die Kehle zu.

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Haremsdame
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Puh, HansSchnier,

das geht unter die Haut! Ausrangiert. Zu alt(-modisch). Die Zeit verÀndert den Geschmack der Menschen...

Die Geschichte spricht mich an. Der Aufbau gefÀllt mir. Sieht alles so leicht dahin gesagt aus - hat in meinen Augen aber unwahrscheinlichen Tiefgang!

Allerdings ist Dir beim letzten Durchlesen ein Fehler durchgerutscht:
Der Mann im CowboykostĂŒm, der seine Lassotricks mittlerweile beendet hatte, musste beides nicht gesagt werden. Hier wolltest Du sicher dem Mann schreiben.

Sonst finde ich fĂŒr meinen Geschmack nichts zu meckern.
__________________
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

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Michael Schmidt
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Hallo HansSchnier,

eine schöne Geschichte, in der man die Traurigkeit ruhig ein wenig mehr herausarbeiten könnte. Die Traurigkeit, dass die Zeiten sich Àndern.
Die falsche EinschĂ€tzung des Lassomannes zu den Jungen kommt aus meiner Sicht nicht wirklich rĂŒber. Warum glaubt er gerade bei diesen, dass sie ihm Respekt engegen bringen?

Das Ende wĂŒrde ich anders darstellen. Offener, wenn auch jeder erkennen sollte, dass er das Seil benutzt. Aber weniger konkret. Das wĂŒrde dem Ende eine krĂ€ftigere Note verleihen.

Bis bald,
Michael

__________________
Der ErnstFall Michael Schmidt

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HansSchnier
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Hallo Michael,

zunĂ€chst einmal vielen Dank fĂŒr deine Anmerkungen.
Da ich den text erst heute geschrieben habe, fÀllt es mir im Moment allerdings schwer, die relativ abstrakt gehaltenen Kritikpunkte umzusetzen. Ich bin noch zu nah am Schaffensprozess.

Aus meinem noch sehr frischen GefĂŒhl heraus, will ich trotzdem auf die Punkte eingehen.

Zur Traurigkeit: Ich habe ganz bewusst nicht auf die TrĂ€nendrĂŒse gedrĂŒckt, und - wie Haremsdame es ausgedrĂŒckt hat - alles so leicht dahergesagt. Ich glauebe nĂ€mlich nicht, dass der Lassomann darĂŒber traurig ist, dass die Zeiten sich Ă€ndern, sondern darĂŒber, dass er in diese Welt nicht mehr hineinpasst - so richtig wahr nimmt er dies aber erst zum Schluss. Er und die WĂŒrde seiner TĂ€tigkeit Ă€ndern sich nicht - nur die Außenwahrnehmung. In der personalen ErzĂ€hlform, die ich gewĂ€hlt habe, darf meines Erachtens gar nicht zu viel Traurigkeit hineinfließen.

Direkt daran ist auch die Wahrnehmung der Jungs-Gruppe gekoppelt. Er möchte sie als ehrfĂŒrchtige Betrachter sehen, und verdrĂ€ngt jede andere Möglichkeit.

Der Schluss lĂ€sst sich garantiert verbessern. Nur weiß ich im Moment noch nicht wie.

In ein paar Tagen sehe ich vielleicht mit anderen Augen auf den Text und habe die Ideen, die mir gerade fehlen.

Bis dahin GrĂŒĂŸe

HansSchnier

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maerchenhexe
???
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hallo Hans Schnier,

deine Geschichte gefĂ€llt mir gut, kurz und kompakt geschrieben, lĂ€sst sie dem Leser dennoch viel Freiraum, um sich in sie hinein zu versetzen und mit zu fĂŒhlen. Einzig der Schluss ist fĂŒr mich auch zu klar vorgegeben. Vielleicht könnte er wĂ€hrend der Fahrt nach Hause immer mal wieder auf sein Lasso schauen, das zusammengerollt auf dem Beifahrersitz neben ihm liegt, und dann wird ihm klar, dass dieser Tag sein letzter im Park gewesen ist, dass er dorthin nie mehr gehen wird.

lieber Gruß

maerchenhexe
__________________
Tend the garden, that you seeded,
be a friend, where a friend is needed and you won't have to look round the other way.

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HansSchnier
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Hallo MĂ€rchenhexe, Hallo Michael.

Auf eure Hinweise hin habe mir das Ende noch einmal vorgenommen - ihm die Deutlichkeit ein wenig genommen, dafĂŒr mit Signalen gearbeitet, die mein ursprĂŒngliches Ende erkennbar machen sollen.

Es wĂŒrde mich natĂŒrlich interessieren, wie ihr es nun findet.

GrĂŒĂŸe

HansSchnier

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