Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
275 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Lauter Patriarchen?
Eingestellt am 27. 09. 2011 11:57


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Arno Abendschön
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2010

Werke: 273
Kommentare: 1190
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Arno Abendschön eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Manuel Puigs Roman „Der Kuss der Spinnenfrau“ von 1976 weist einige strukturelle Besonderheiten auf. Der Text, der die Geschichte zweier StrĂ€flinge in einem argentinischen GefĂ€ngnis wiedergibt, besteht fast ausschließlich aus Dialogen. In ihnen nimmt die NacherzĂ€hlung von Ă€lteren Filmen den grĂ¶ĂŸten Raum ein. DarĂŒber hinaus weist der Text zahlreiche Fußnoten auf. Hier referiert Puig die zeitgenössische Diskussion von Thesen Sigmund Freuds zum Komplex BisexualitĂ€t, polymorph-perverse Grundstruktur usw. Es wird deutlich, wie im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts Neo-Marxismus und Psychoanalyse sich in einem zentralen Begriff trafen – dem des Patriarchats. Stellvertretend sei hier nur der Name Herbert Marcuse genannt.

Als Leser von heute, der zur Entstehungszeit des Romans selbst jung war, frage ich mich, ob das von den damaligen Theoretikern beschriebene gesellschaftliche Modell die realen VerhĂ€ltnisse tatsĂ€chlich abgebildet hat – oder ob sie sich aus einer TeilrealitĂ€t einen Kampfbegriff mit Anspruch auf TotalitĂ€t erst konstruiert haben. Wie war das seinerzeit in unserer weit verzweigten Verwandtschaft, die sowohl stĂ€dtisch als auch bĂ€uerlich, sowohl proletarisch als auch bĂŒrgerlich-vermögend war? Gab es bei uns den klassischen Fall der patriarchalisch strukturierten Familie mit dem Mann als alleinigem ErnĂ€hrer, der ĂŒber seine Familie, bestehend aus Nur-Hausfrau und Kindern, mehr oder weniger unumschrĂ€nkt herrschte? Und wenn es ihn gab: Wie hĂ€ufig war er anzutreffen?

Ich nehme mir zunĂ€chst die Familie meiner Großmutter mĂŒtterlicherseits vor, sie bietet das reichste Anschauungsmaterial. Die Großmutter war eines von zehn Kindern eines HĂŒttenarbeiters, der eine Bauerntochter geheiratet hatte. War der Urgroßvater ein Patriarch? Ich habe ihn nicht mehr kennengelernt, doch nach den ErzĂ€hlungen seiner Kinder dĂŒrfte er zu Hause vor allem eins gewesen sein: erschöpft von der Arbeit am Hochofen. Mir scheint, er und die Urgroßmutter waren beide darauf bedacht, die Familie gemeinsam materiell durchzubringen und sie zum Gehorsam gegenĂŒber Kirche und Staat zu erziehen. Zwar versuchte er, die AutoritĂ€t des Familienvaters zur Geltung zu bringen – er kontrollierte regelmĂ€ĂŸig das von seiner Hausfrau zu fĂŒhrende Haushaltsbuch, doch wenn er dann seufzte: Maria, ich meine, du hast diesen Monat wieder viel Geld fĂŒr Seife ausgegeben 
 - dann war das fĂŒr die zuhörenden Kinder wie eine Offenbarung: Der Patriarch konnte ausgetrickst werden.

Meine Großmutter war eine von sieben Schwestern. An sechs von ihnen habe ich deutliche Erinnerungen. Alle waren verheiratet, nur eine blieb kinderlos. Zwei waren wĂ€hrend ihrer Ehe ausschließlich Hausfrauen, eine war BĂŒroangestellte, drei machten sich als Kauffrauen selbstĂ€ndig (zwei Marktfrauen, eine Kneipenwirtin). Allen sechs Frauen, geboren zwischen 1895 und 1914, war eines gemeinsam: Sie dominierten ihre MĂ€nner. So verschieden diese auch sonst waren, ihre Frauen waren aktiver und hatten bei Auseinandersetzungen das entscheidende Wort, gerade in ökonomischen Fragen. Besonders deutlich war das bei meiner Großmutter, einer der beiden Nur-Hausfrauen. Sie verwaltete alle GeldeinkĂŒnfte und legte die Ersparnisse nach ihren Vorstellungen an. Dabei war mein Großvater sonst geistig rege, ein gebildeter Autodidakt, der viel las und stark an Politik interessiert war. Auch meine Großmutter fĂŒhrte penibel ein Haushaltsbuch, doch nur fĂŒr sich, zur Selbstkontrolle.

Über die drei BrĂŒder meiner Großmutter weiß ich wenig - einer war GewerkschaftsfunktionĂ€r, ein anderer FrĂŒhinvalide und Psychopath -, dafĂŒr mehr ĂŒber die beiden des Großvaters. Sein jĂŒngerer Bruder, ein Bergmann, erschien mir ruhig, in sich gekehrt und insgesamt eher passiv zu sein, wohingegen seine Frau von aufbrausendem Temperament war. Sollte einer von beiden in der Ehe die Hosen angehabt haben, kann nur sie es gewesen sein. Anders sah es beim Ă€ltesten der drei BrĂŒder aus, einem Kaufmann, der es bis zum Direktor einer Konsumgenossenschaft brachte. Hier ging es en famille tatsĂ€chlich wie im Lehrbuch zu, alles gediegen bĂŒrgerlich und gesittet. Er verdiente gut, und sie, die zĂŒchtige Hausfrau, erzog ihm daheim zwei höhere Töchter.

Mein Großvater vĂ€terlicherseits starb lange vor meiner Geburt. Er war erst Berufssoldat, (Feldwebel, glaube ich), spĂ€ter Landwirt. Er dĂŒrfte schon von Berufs wegen nicht gerade zur Unterordnung geneigt haben. Allerdings war seine Gattin, fĂŒr mich eine Oma zweiter Klasse, durchaus nicht die Person, die sich gern anlehnte oder zurĂŒcknahm. Ich denke, sie wird ihre Interessen gewahrt haben, innerhalb eines vorgegeben Rahmens. Man darf nie vergessen: Frauen wie sie arbeiteten im Betrieb mit, trugen unmittelbar zum Auskommen bei, und schon deshalb hatten sie mehr Einfluss als eine nur auf KĂŒche und Kinder beschrĂ€nkte Hausfrau.

Auch meine Mutter leistete spĂ€ter auf dem Hof körperlich anstrengende Arbeit, die sie weitgehend ausfĂŒllte. Mein Vater organisierte die gemeinsame Arbeit, bestimmte die Zeiteinteilung. Er allein verwaltete Eingang und Ausgang der Gelder. Meine Mutter scheint nur in hĂ€uslichen, familiĂ€ren Angelegenheiten ein Vetorecht gehabt zu haben. Insgesamt war die Dominanz des Mannes unĂŒbersehbar. War mein Vater also ein Patriarch? Ja, aber zugleich ein von Natur sanfter und nachgiebiger, ein sensibler, eher schĂŒchterner Mann.

Welches Gesamtbild ergibt sich? Dieses: Der autoritĂ€re Musterpatriarch war unter meinen Vorfahren die absolute Ausnahme. Und: Je weniger bĂŒrgerlich die VerhĂ€ltnisse waren und je Ă€rmlicher, desto weniger patriarchalisch. Schließlich noch zwei Tendenzen: Im stĂ€dtisch-industrialisierten Milieu stoße ich kaum auf den Patriarchen, hĂ€ufiger im agrarischen oder kaufmĂ€nnischen Sektor. Und die letzte große BlĂŒtezeit des Patriarchats scheint eher die Zeit unmittelbar nach der Mitte des 20. Jahrhunderts als dessen erste HĂ€lfte gewesen zu sein.

So differenziert war die Debatte damals um 1970 nicht. Man benötigte seinerzeit ein starkes, einfaches Bild, um sich daran abzuarbeiten und um zu erreichen, was man zu Recht fĂŒr fortschrittlich hielt. Auf diese Weise ist viel gewonnen worden – rechtliche Gleichstellung und mehr Autonomie, nicht nur fĂŒr Frauen. Drohen RĂŒckschritte? Ich weiß es nicht. Kein Zustand ist von Dauer. Ob aber das Festhalten an einem alten einseitigen ErklĂ€rungsmuster zur Verteidigung erreichter Fortschritte ausreicht – ich bezweifle es.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


2 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!