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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Lautlos
Eingestellt am 23. 08. 2003 01:39


Autor
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Herbert Stahlvogel
Autorenanwärter
Registriert: May 2003

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Lautlos

Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass sie in dem anderen Bett lag. Hin und wieder √ľbert√∂nte sie mit ihrem aufb√§umenden Schnaufen seinen Atem. Er hatte sich daran gew√∂hnt, an das Ringen nach Luft, an ihr Japsen und nun genoss er ihre Anwesenheit. Manchmal blinzelte er zu dem M√§dchen her√ľber und beobachtete sie, wie sie ein Loch in die Wand starrte. Ihre langen braunen Haare fielen glatt √ľber das Kissen. Ihr Gesicht war bleich, wie das wei√üe Bettlaken unter ihr. Ihre H√§nde zitterten und ihr ganzer K√∂rper bebte. Sie k√§mpfte gegen das Zittern ihres K√∂rpers, gegen ihren sto√üweise gehenden Atem. Das kleine M√§dchen war mit sich selbst so besch√§ftigt, dass sie ihn nicht wahrnahm. Sie kam vor lauter Angst nicht dazu her√ľberzusehen. Dabei hatte sie wundersch√∂ne steingraue Augen. Wie seine Hannelore. An dem Tag, als sie starb, erging es ihm genauso wie dem M√§dchen. Er lag neben ihr, sah, wie sie sich apathisch auf einen Punkt an der Wand fixierte. Damals merkte Hannelore seine Tr√§nen nicht, die ein salziges Loch in die Decke brannten. Sie merkte nicht sein Zittern, seinen aufgew√ľhlten K√∂rper. Sie war bereits auf ihrem Weg, den jeder alleine zur√ľcklegen muss.
Er konnte das M√§dchen verstehen. Sie war genauso machtlos, wie er es bei Hannelore empfand. Aber an diesem Tag, der vielleicht sein letzter sein w√ľrde, lag er ruhig in seinem Bett, wie seine Hannelore. Er wartete auf das Licht, am Ende des Ganges.
Seine H√§nde lagen ruhig auf dem Bettlaken, denn er war bereit, den selben Weg zu gehen. Das M√§dchen konnte seine H√§nde unter der Decke nicht sehen. Vielleicht h√§tte es ihr etwas gebracht. Vielleicht, w√ľrde es ihr helfen, ihre Angst zu verdr√§ngen, ihre Sorgen zu ertr√§nken. Sie sollte ihr Gewissen unter dem Kissen ersticken. Es hatte alles seine Richtigkeit. Er nannte es Schicksal. Menschen kommen, Menschen gehen.

Sie wusste nicht wer er war. Sie h√§tte ihn auch nicht beschreiben k√∂nnen, weil sie bei der Vorstellung her√ľberzusehen, Angst versp√ľrte. Selbst wenn sie es gewollt h√§tte, w√§re sie nicht in der Lage gewesen, ihn anzusehen. In jedem Glied sa√ü eine vernichtende Furcht, die sie wie ein Magnet in ihr Bett dr√ľckte, als ob Blei durch ihren K√∂rper floss. Sie kam sich so beweglich vor, wie eine Fliege im Spinnennetz, so unbeweglich wie Stahl. Dabei dachte sie, hatte es der alte Mann neben ihr, noch viel schwerer.
Er hatte keine Schmerzen, jedenfalls glaubte sie nicht, dass ein Mensch, der so wie sie, gel√§hmt in seinem Bett lag, noch irgendetwas sp√ľrte. Sie hatte Angst, dass er ihr wegst√ľrbe. Nur sein Atem sagte ihr, dass er noch da war. Manchmal st√∂hnte sie auf, fragte sich, wann es ein Ende hatte und verdr√§ngte diesen Gedanken dann wieder sofort.

Es war Mittag, als er jemanden zart an der T√ľre klopfen h√∂rte. Die Krankenschwester mit ihrem wei√üen Kittel und ihrer unschuldigen Haube auf dem Kopf betrat langsam, fast geisterhaft das Zimmer.
Sie blickte zu dem schlafenden Mädchen. Ihr Körper lag wie ein ruhiges Schiff im stillen Wasser, der gelegentlich durch ihren sanften Atem auf und ab ging.
Sie wendete sich von dem Mädchen ab, ging auf den Mann zu und wischte ihm den Schweiß aus der Stirn. Aus ihrer Tasche holte sie eine Tablettenpackung heraus, öffnete sie und lies es wie Brause in ein Glas Wasser fallen.
Der Mann wollte danach greifen, aber seine Hände hingen wie steif gefroren an dem schneeweißen Laken fest. Sie setzte es ihm an den Mund und er lies es dankbar in sich einfliesen.
Dann blickte sie noch einmal zu dem M√§dchen. Sie hatte die Augen immer noch geschlossen. Ebenso leise, wie die Schwester gekommen war, ging sie wieder aus dem Zimmer. Nebenan klopfte sie an die T√ľre. Genauso sanft. Genauso schmerzlos.

Es war sp√§ter Nachmittag, als er aus dem Schlaf erwachte. Er blickte zu ihr her√ľber. Sie hatte die Augen offen, starrte auf einen Punkt an der Wand. Ihre H√§nde zitterten. Steingraue Tr√§nen drohten ihr aus den Augen zu steigen. Er h√§tte sie gerne etwas gefragt, ihr etwas √ľber sich erz√§hlt, ihr die Angst genommen. Es gab so viel, was er loswerden wollte, aber was w√§re, wenn sie den Boden mit steingrauen Tr√§nen √ľbers√§hen w√ľrde? Sie sollte nicht hier sein. Sie sollte an einem Ort sein, wo Kinder spielten. Ihr Platz m√ľsste leer sein.

Er √ľberlegte sich, wie er sie ansprechen sollte, was er sie fragen k√∂nnte, als er neben sich ein lautes St√∂hnen vernahm. Es war nicht derselbe vertraute Laut, den er so sch√∂n empfand, der Klang, der eine Harmonie zwischen ihnen geschaffen hatte. Er sah zu ihr her√ľber, suchte ihren Blick, als in dem Moment ihr Kopf zur Seite fiel. Ein warmer Hauch wehte an sein Bett und k√ľsste ihn auf die Wange. Er schien zu sagen: Danke, dass zu hier warst. Ihre Augen blieben offen. Sie hatte wundersch√∂ne steingraue Augen. Bis zum Abend h√∂rte er die Einsamkeit seines monotonen Atems. Sie fehlte ihm.
Er h√§tte ihr gerne noch etwas gesagt, ihr die Angst genommen vor dem Fall. Es war ein sonniger Sommertag, den man nicht alleine verbringen sollte. F√ľr die L√§nge eines Herzschlags dachte er, war es gut gewesen, dass er bei ihr gewesen war.
An Tagen wie diesen, hei√üt es, st√ľrbe man leichter.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
Kommentare: 791
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ein gewinn f√ľr die ll

hallo herbert stahlvogel,

an deinem text, der mir ansonsten sehr gut gefallen hat, stören mich die manchmal schwammigen bzw. schwierig konstruierten formulierungen.
ein beispiel:
"Er hatte keine Schmerzen, jedenfalls glaubte sie nicht, dass ein Mensch, der so wie sie, gel√§hmt in seinem Bett lag, noch irgendetwas sp√ľrte."

ich glaube den sinn des satzes zu verstehen, aber er ist etwas ungl√ľcklich formuliert.

au√üerdem wird der ort des geschehens f√ľr mich nicht greifbar: ein krankenhaus (gemischtgeschlechtliche zimmer?), ein hospitz (auch hier frage ich mich, ob es da zu einer solchen begegnung kommen kann), ...
ich finde, die geschichte, so gut sie auch erz√§hlt ist, w√ľrde etwas konkreter hinsichtlich ort und zeit ausgearbeitet viel gewinnen, und k√∂nnte mich so noch mehr ber√ľhren. mehr als sie es jetzt schon tut.

gr√ľ√üe

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Herbert Stahlvogel
Autorenanwärter
Registriert: May 2003

Werke: 15
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Hallo Reiner

Vielen Dank f√ľr Deinen Beitrag. Ich fahre heute in Urlaub, daher kann ich auf Deine Kritik noch nicht eingehen. In 2 Wochen bin ich zur√ľck, dann werde ich mir ein paar Stunden Zeit nehmen und auf alle Beitr√§ge, die sich in der Zwischenzeit angesammelt haben antworten.

Viele Gr√ľ√üe

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 1
Kommentare: 1405
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Hallo Herbert,

willst du an dem Text noch etwas tun? Ich schließe mich Rainers Meinung im Wesentlichen an.

Gruß,
Gabi

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