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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Leas Briefe
Eingestellt am 26. 08. 2001 10:45


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eufemiapursche
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Ich heiße Lea, bin acht Jahre alt und warte im Haus. Ich sitze bei Oma in der KĂŒche neben der Katze. Ich schreibe einen Brief. Meine Freunde Teddy (der blankgekĂŒsste SchmusebĂ€r), die etwas zickige Schildkrötpuppe Melissa, die Blumen da draußen und alle meine unsichtbaren Freunde in meinem Denk- und FĂŒhlhaus drĂ€ngen mich immer,ihnen Briefe zu schreiben, selbst wenn ich gar nicht vorhabe einen Brief zu schreiben. Anscheinend gefĂ€llt es ihnen, wenn sie mich beim Schreiben beobachten können. Wenn ich mit meinem gebeugten Körper einem Buchstaben in Kursivschrift gleiche.

Ich höre euch kommen. So richte ich mich ein wenig auf und zupfe an meinem Kleidchen. Die anderen MĂ€dchen ziehen sich an Geburtstagen schön an, ich ziehe mich zum Schreiben um. Ich mag es, mich fĂŒr die Worte schön zu machen, fĂŒr das Rascheln des Papiers, fĂŒr die sanfte GĂ€nsehaut die mich erfasst, wenn ich den ersten Buchstaben schreibe.
Opa sagt, ich mache mich schön, weil ich auf euch warte; aber wenn er das sagt, wirkt er wĂŒtend, und er steckt seine Nase hinter seine Zeitung und murmelt Wortfetzen, die ich nicht verstehe.


Wenn ihr das Tor aufdrĂŒckt, höre ich es ein wenig quietschen. Dann weiß ich, dass ihr da seid. Ich seufze erleichtert auf, doch stumm - nur ich kann es in mir hören. In einem Satz gibt es einen Buchstaben, der ein ganz klein wenig lĂ€nger ist als die anderen - als ob ihr den Buchstaben aufgedrĂŒckt habt um hereinzukommen. Wenn ich ihn spĂ€ter lese,werde ich in dem Buchstaben den Augenblick hören, als ihr gekommen seid. Heute habe ich das GerĂ€usch des Tors in das Beinchen eines "m" geschrieben.

Oma sagt, man mĂŒsse ihm etwas Öl verabreichen. Nicht dem "m", sondern dem Tor. Ich denke, man sollte es lieber in einer anderen Farbe anstreichen damit es einen anderen Laut macht. Etwa in einem lebhaften Rot. Dann hĂ€tten wir ein Mohnblumentor das man schon von weitem sehen könnte. Dann wĂŒrdet ihr öfter kommen, allein wegen der Farbe. Wenn jemand das Tor aufmachte, gĂ€be es ein herrliches Knarren in Leuchtendrot.

Wenn ich farbig schreibe, verĂ€ndern die Buchstaben ihre Schattierung. Eines Tages werde ich sie richtig zusammenstellen können. Ich werde Komponistin fĂŒr Schreiben mit Farben sein. Dann gebe ich Buchstabenkonzerte, und ich schreibe immer besser, damit ihr Lust bekommt, das Tor noch hĂ€ufiger zu öffnen um mich schreiben zu sehen.

So ein Sommer ist lang, wie ihr wisst.

Ich lasse euch Zeit, in Ruhew hereinzukommen und prĂŒfe, ob meine vorwitzigen Locken sich vor lauter Freude nicht zu ĂŒbermĂŒtig kringeln. Ich mag es, wenn der Kies unter euren Schritten knirscht wenn ihr den Weg entlang geht - wie Riesen, die Steine knabbern. Ich hĂ€tte es gerne,wenn auch die BlĂ€tter andere GerĂ€usche machten - nicht nur Knistern - sondern zum Beispiel Laute wie murmelnde Steine im Wasser. Ein Papierfluss in dem die Worte die feuchten Steine wĂ€ren.

Ich lege meine Hand auf das Papier. Aber nur ganz vorsichtig, damit es atmen kann. Ich weiß, ihr seid angekommen, das Tor hat es verraten. Ich will nicht, dass es stumm wird. Ich weiß, dass ihr an mich denkt, aber wenn ich es dazu auch höre, bin ich mir ganz sicher.

Es war nur der BrieftrĂ€ger, nicht ihr. Opa macht ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Er sagt,er habe ja gewusst, dass auf euch kein Verlass sei. Ich laufe zum Tor um mich zu vergewissern, öffne und schließe es mehrmals, vielleicht kommt ihr ja doch, man weiß ja nie...

Opa hat keine Ahnung. Aber ich weiß, warum ihr heute nicht gekommen seid. Ihr seid sehr mĂŒde weil ihr so stark an mich gedacht habt. Ich verstehe das weil es mir genau so geht.

Ich heiße Lea, ich warte im Haus. Ich habe zwei StĂŒhle neben meinen gestellt. Das sind eure, sie warten auf euch.

Ich setze mich leise wieder hin, lege meine HandflĂ€chen auf das Blatt und bevor ich den von heute beende, schreibe ich bereits die ersten Worte meines Briefes fĂŒr morgen, immer dieselben: "Liebe Mama, lieber Papa...."

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flammarion
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ja,

das ist eine sehr anrĂŒhrende geschichte, zu der man nur noch gratulieren kann. kommt in meine sammlung. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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eufemiapursche
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danke

ich freue mich sehr, dass unsere kleine Lea sich dir ins Herz geschreiben hat!!
Beim Schreiben dieser Kindergeschichte - aber keineswegs Geschichte nur fĂŒr Kinder nahm ich mir vor, die kleine Lea im Sprachstil ihrer 8 Jahre zu zeichnen(viele SĂ€tze beginnen mit "ich", vor allem im ersten Abschnitt, mit Wiederholungen, mit GedankenhĂŒpfern zwischen Innen- und Außenwelt, die Kindern so wundervoll gelingt ohne den Faden zu verlieren.
Bewusst habe ich die fast erwachsen anmutende Wortwahl der schreibenden Lea dagegengesetzt, ein Kind das seine Welt reflektiert, mit der Weisheit seiner Kindlichkeit, die nirgends kindisch wirkt.

Auch dir liebe GrĂŒĂŸe liebe flammarion!!

Eufemia

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flammarion
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ja,

das ist dir gut gelungen. lg
__________________
Old Icke

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Willi Corsten
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Liebe eufemia,
habe mit wachsendem VergnĂŒgen Leas Briefe gelesen. Ein sehr gut gelungener Text, in dem einige Diamanten funkeln...wie Riesen, die an Steinen knabbern...Mohnblumentor...murmelnde Steine im Wasser usw.
Ich weiß nicht, ob du an Hinweisen interessiert bist. Ich z.B. bitte geradezu um konstruktive Kritik, weil ich vor der Veröffentlichung den letzten Schliff erarbeiten möchte.
Nun denn, ich nenne einfach mal 4 Wörter, die mich in dem (Kinder)text ein wenig gestört haben: Kursivschrift, Wortfetzen, Komponistin und HandflÀchen. Du verstehst, was ich meine. OK?
Herzliche GrĂŒĂŸe
Willi

(PS. Lese bitte einmal meine ‘VerhĂ€ngnisvolle Freundschaft‘ in Sonstiges. Deine Meinung dazu interessiert mich nĂ€mlich sehr.)

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eufemiapursche
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Lieber Willi,

vielen Dank dein Feedback!!!

Ich freue mich besonders, dass dir gleich die GegensÀtze zwischen der kindlichen Lea und ihrer seltsam erwachsen anmutenden Sprache aufgefallen ist, die ich bewusst eingebaut habe... (siehe auch meine Anmerkung an Flammarion)

Lea ist eine Kindergeschichte - aber nicht als Geschichte nur fĂŒr Kinder entstanden.

Die erwachsene Lea trĂ€gt in ihrem Leben als Frau umgekehrt weiterhin einen Teil der reinen Kinderseele in sich. Auch sie wirkt bisweilen vordergrĂŒndig widersprĂŒchlich, sie selber empfindet es als Tor zur Weisheit....



Als kleiner Wegweiser meine Gedanken hierzu:

Was ist der Mensch?

Diese Frage beschÀftigt seit tausenden Jahren
Dichter und Denker, Philosophen und Lenker
Wissenschaftler und Forscher der ganzen Welt
Theologen, Soziologen, Medizinerr, Psychologen
Biologen, Anthropologen, PĂ€dagogen, Demagogen
Medienforscher, Wirtschaftsbosse, Werbeindustrie

Solch eine Frage kann nur ein Mensch stellen.

Wer hörte je eine vergleichbare Frage
Bei einer Ameise, einer Blume, einem Stein?
Tier, Pflanze, Mineral - brĂŒstet sich wissenstolz der Mensh.

Eine Ameise - sagt die Ameise
Eine Blume - sagt die Blume
Ein Stein - sagt der Stein

Was ist der Mensch?

Krone der Schöpfung, Endglied der Evolution,
Manipulationsobjekt,
SĂŒnder und Begnadigter, Vereinigung von Körper und Geist,
Herrscher der Welt, TrÀger von Sprache und Schrift,
König und Sklave, Beherrscher neuster Technologien,
Gottes Ebenbild, Liebender und Leidender, Wanderer zwischen den Welten,
Handelnder und Schaffender, Spieler und KĂŒnstler, Mitte der Welt,
Mörder und Dieb, Sinnsucher und Fragensteller, Forscher,
Individuum und Gruppenmensch, Opfer seiner Begierden,
Produkt seiner Umwelt, Produkt seiner Zeit, Wisser um den Tod.

Da alle Experten sich nicht einig wurden
Befragte der Rat der Weisen ein Kind

Ich - sagte das Kind

------


eine Sternschnuppe auf dieses Kind ist Leas Geschichte...

NatĂŒrlich lese ich gern deine "verhĂ€ngnisvolle Freundschaft"!! Ich melde mich auf jeden Fall.

Lieber Gruß

Eufemia

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