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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Leben und Sterben
Eingestellt am 14. 04. 2003 15:38


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mountainhope
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2001

Werke: 22
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Leben und Sterben

Die Turmuhr des Klosters schlug acht, als ich meinen Blick aus dem Fenster richtete. Ein Vogel hĂŒpfte fröhlich pfeifend von einem Ast der dicken Eiche zum anderen. Es sah aus, als ob der Baum schon seit Jahrzehnten, wenn nicht seit Jahrhunderten dort stand. Und er lebte noch immer.
Der Tag war so hell und fröhlich außerhalb dieser Mauern. Alles freute sich seines Lebens und die ganze Welt schien voll davon zu sein; voll von neuem, frischem Leben.
Die saftigen grĂŒnen BlĂ€tter der Eiche wiegten sich im Wind, das Gras auf den Wiesen winkte mir zu und der Wetterhahn drehte sich lustig, als wĂ€re er auch lebendig.
Eine TrÀne glitt an meiner Wange hinunter. Sie tropfte auf meine Hand. Ein lautes, plÀtscherndes GerÀusch durchdrang die Stille.
"Du brauchst nicht zu weinen," sagte meine Oma," Großvater ist jetzt im Himmel, er hat es bestimmt gut dort oben bei den Engeln."
Weitere TrÀnen tropften auf meine Hand und auf den Boden. Oma hatte auch geweint, aber sie hat es nicht gezeigte. Es ist wohl mehr innerlich gewesen.
Ich schloß die Augen und sah meinen Opa an. Wie friedlich er dort lag, aber so unnatĂŒrlich, so tot. Sein Mund war zu einem kĂŒnstlichen LĂ€cheln geformt.
"Warum mußtest du sterben. Warum ist Gott so grausam und lĂ€ĂŸt Menschen sterben. - Ich werde dich vermissen, Opa." flĂŒsterte ich. Und ich wußte, er hörte es, irgendwie nahm er es wahr.
Ich wandte mich wieder Pater Sean zu.
"Eigentlich ist es ja viel zu schön draußen, um ĂŒber dieses Thema zu sprechen, aber es gibt Menschen, die auch an schönen Tagen sterben. Sie können sich das leider nicht aussuchen, meine Damen."
Pater Sean setzte sich auf einen Stuhl, dem einzigen im Raum und schaute durch die Reihe. Pater Sean war groß, und er sah wirklich gut aus. Ich schĂ€tzte sein Alter auf ungefĂ€hr 23 oder 24. Seine breiten Schultern und sein gut gebauter Körper zeigten, daß er ein sportlicher Mann war, nicht so wie die Mönche in den Filmen, die immer dicke BĂ€uche und ein fettes Gesicht hatten. Seine wahrscheinlich dunkelbraunen Haare waren zu kurzen Stoppeln gestutzt. Die Augen waren ebenfalls dunkel. Es waren aber keine bösen, durchdringenden Augen. Er schaute so gĂŒtig, lieb und freundlich, wie ein Engel. Warum war er wohl Mönch geworden? Viele Frauen wĂ€ren ihm nachgelaufen und viele MĂ€nner wĂ€ren neidisch auf ihn neidisch gewesen.
Ob er schwul war? Ich weiß es nicht. Ist ja egal.
"Ich wĂŒrde sagen wir stellen uns erst einmal gegenseitig vor, jeder erzĂ€hlt etwas von sich, und dann sehen wir weiter. Also ich bin Pater Sean, bin 26 Jahre alt und seit 7 Jahren Mönch. Ich stamme aus England bin aber seit 24 Jahren hier in Deutschland, da mein Vater hier als Soldat stationiert war. Ich habe Schreiner gelernt und ĂŒbe diesen Beruf auch neben meinem Theologiestudium aus. So jetzt ist jemand von ihnen dran. FrĂ€ulein, möchten Sie zu erst?"
Er schaute mir mit einem freundlichen Blick tief in die Augen. Und ich sah hinunter bis in seine Seele. Durch einen Tunnel voll GĂŒte und Freundlichkeit zu einem Raum so hell wie der erste Tag, so schön wie die Geburt neuen Lebens. Stunden, nein, Tage lang flog mein Blick hinunter und ich sah nur Gutes und Schönes. Dann blieb ich stehen, da war ein unglaublich helles Licht, es blendete nicht, aber es war so hell: man konnte nicht hinein sehen. Dann durchzuckte es meinen Körper und verlegen blickte ich zu Boden. Ich stand auf und fing an von mir zu erzĂ€hlen.
"Ich heiße Melanie Lenz, bin 19 Jahre alt und komme aus Versmold. Ich will Krankenschwester werden, weil ich sehr frĂŒh meine Eltern und meinen Bruder bei einem Autounfall und vor 2 Monaten meinen Opa bei einem UnglĂŒck in einer Kiesgrube verloren habe."
Ich setzte mich wieder hin und beobachtete Pater Sean. Es war ein unglaublicher Mann, was war das fĂŒr ein Licht in seinen Augen. Ichhörte mir die Geschichten der anderen an. Jede war anders, aber alle MitschĂŒlerinnen wollten helfen Menschen vor dem Tod zu bewahren und zu schĂŒtzen.
Die Sonne kam hinter den HĂŒgeln hervor und warf ihre hellen Strahlen in den dunklen, leeren Raum. Wir saßen auf dem Boden in einem Halbkreis um den Stuhl des Paters herum, und hörten zu, was er uns zu erzĂ€hlen hatte. Er redete von Leben, vom Tod und vom Leben nach dem Tod, vom Leid der Angehörigen und von der Bibel.
"Alles quatsch," sagte Opa plötzlich. Ich zuckte zusammen.
"Aber Opa, was ist Quatsch."
"Der junge HĂŒpfer da hat gesagt, man lebe nur um spĂ€ter im Tode beim LIEBEN Gott zu sein. Ich habe von dem LIEBEN Gott noch nichts gesehen."
"Aber so steht es in der Bibel, und was in der Bibel steht mĂŒssen wir doch glauben, die werden uns doch keine LĂŒgen erzĂ€hlen."
Auch Vater fragte mich plötzlich:" Wenn du mir sagst, wer Gott ist und warum er die Menschen sterben lĂ€ĂŸt, schenke ich dir eine neue Puppe."
"Und ich lasse dich mit meinen Autos spielen." fĂŒgte Peter, mein Bruder hinzu "Ich will ihn auch sehen und fragen warum ich sterben mußte."
Opas Stimme war durchdringender "SagÂŽ mir: wo ist Gott, was ist Gott? Verrat es mir, vielleicht bin ich ja blind."
Ich fĂŒhlte wie ein dumpfes GefĂŒhl durch meine Adern in mein Herz kroch, wie es sich meinem Gehirn ermĂ€chtigte und auf die TrĂ€nendrĂŒsen drĂŒckte.
"Er ist ĂŒberall." Pater Sean schaute mich an. "Gott ist das Leben, er ist der Tod und die Auferstehung."
Und ich sah wieder das Licht, das Licht war rein, so unglaublich rein und hell.
"Ich habe Gott gesehen," sagte Opas Stimme,"das muß Gott sein."
Pater Sean lĂ€chelte mich an. GĂŒtigkeit und Friede strahlte aus seinen Augen heraus, und es traf mich in meinem Herz. Sein Blick traf mich genau an der Stelle, wo sich dieses GefĂŒhl festgesetzt hatte. Es löste sich auf, wie ein StĂŒck Karies, das aus einem kranken Zahn gebohrt wird, und es sprengte aus mir hinaus.
Ich fiel zurĂŒck und heulte. Die entsetzten Blicke der anderen, die um mich herum standen, nahm ich nicht wahr. Ich sah nur dieses reine Licht.
Die Trauer und der Frust des Todes floßen in Strömen aus meinen Augen.
Endlich konnte ich den Schmerz loswerden, der sich seit meiner Kindheit, seit dem tragischen Autounfall vor 12 Jahren, in meine Seele gebohrt hatte. Ich weinte um meine Eltern und um meinen Bruder. Ich hatte nie verstanden warum sie sterben mußten. Immer wieder habe ich danach gefragt, aber keiner sagte es mir.
"Weine dich aus. Laß® deinen Schmerzen freien Lauf." Pater Sean kniete neben mir und tröstete mich. Er hatte mir geholfen. Er war es der meinen Frust aus dem innersten meiner Seele gebohrt hatte. Er hatte ihn schon vom Anfang der Stunde an in meinem Blick gesehen. Ich umarmte ihn und heulte bis ich einschlief. Ich konnte wieder ruhig schlafen und auch die Stimmen von Vater, Mutter, Peter und Opa waren weg. Sie hatten ihren Frieden gefunden.
__________________
Stephan Berghoff

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hopeless-1
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Mar 2002

Werke: 22
Kommentare: 67
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hallo mountainhope!

Deine Geschichte ist wirklich gut. Sie hat GefĂŒhl und RealtitĂ€t. Man spĂŒrt die Seele deines ErzĂ€hlers. Den Schmerz, die Trauer und die Verzweiflung.
Aber irgendwie habe ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass nun noch etwas zu dem Pastor erzÀhlt wird. Dein Ich-ErzÀhler macht sich Gedanken zu dem Pastor, wieso er diesen Beruf gewÀhlt hat und so. Ich hatte gehofft, dass diese Fragen vielleicht beantwortet werden.
Aber auch so hat die Geschichte Hand und Fuß. Ich finde sie wirklich gut.

LG, Hopeless-1
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Ein Raum ohne BĂŒcher ist ein Körper ohne Seele (Cicero)

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kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

ich hab die geschichte dreimal begonnen, ich wollte sie wirklich lesen. aber ich bin immer gedanklich abgeschweift. sie hat mich einfach nicht gefesselt.
ich fand es einfach ein bisschen langatmig.

aber sterben ist selten so richtig spannend, nehm ich an. ich bin ja noch nie gestorben.

die k.

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chrissieanne
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Mar 2003

Werke: 65
Kommentare: 244
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Hallo mountainhope!

Eine wirklich schöne Geschichte ĂŒber das schwierige Thema Trauer.
Das einzige, was mich ein wenig irritiert hat, ist das Wort Frust.

anstatt

"Die Trauer und der Frust des Todes floßen in Strömen aus meinen Augen"
"Wein Dich aus, laß Deinen Schmerzen freien Lauf"
"Er war es, der meinen Frust aus dem Innersten meiner Seele gebohrt hatte"

vielleicht

"Die Trauer floß in Strömen aus meinen Augen"
"Wein Dich aus, laß Deinen TrĂ€nen freien Lauf"
"Er war es, der meinen Schmerz aus dem Innersten meiner Seele gelöst hatte"

Das Wort bohren finde ich hier auch ewas unpassend. Der Mönch bohrt ja nicht mit Fragen oder Ă€hnlichem. Allein die Gestalt und die Persönlichkeit des Mönches berĂŒhren den Ich-ErzĂ€hler derart, das die bis dahin erstarrte Trauer sich löst.

Das ist mir aufgefallen. Ansonsten hat mich der Text sehr berĂŒhrt.
Liebe GrĂŒĂŸe
Chrissieanne.









__________________
Das Buch soll die Axt sein fĂŒr das gefrorene Meer in uns. (Franz Kafka)

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kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

ich werde mich in zukunft mit meiner meinung zu deinen geschichten zurĂŒckhalten. vielleicht solltest du aber ins profil schreiben, dass du nur auf zustimmung stehst.
es Ă€rgert mich einfach immer wieder, wenn ich ehrlich bin und dafĂŒr dann meine watschn bekomme.

die k.

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