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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Leben und Sterben
Eingestellt am 09. 10. 2008 14:35


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chinaski
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2002

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JENSEITS

Karl lag flach atmend in seinem mit Blumen dekorierten Sterbezimmer, dort wo er als kleiner Junge gespielt, geschlafen und seinen Hausarrest abgesessen hatte. Was f├╝r eine Idee des Menschen, diese farbenfrohen Blumen um einen Sterbenden zu arrangieren. Sie verk├Ârpern das Lebendige und sollen dem Sterbenden optimistischer stimmen, aber eigentlich ist es eine Geste, die bewusst macht, dass man dabei ist, sich von der Welt zu verabschieden.
Karls Kindheit lag weit hinter ihm, er bereitete sich nun f├╝r den Gang ins Jenseits vor. Nach 72 Jahren erschien ihm das auch mehr als gerecht, wenngleich ihm seine Kindheit niemals n├Ąher war, als just zu diesem Zeitpunkt. Da er im Sterben lag, gedachte er der vielen kleinen Augenblicke, die ihm damals beim Erleben ├╝beraus nichtig vorkamen. Und die Streifz├╝ge, die er in seiner Kindheit durch den angrenzenden Wald direkt hinter dem Hof der Eltern machte, weckten in ihm den Wunsch jetzt hinunterzuschauen auf das Laubgemisch aus Rot, Braun und Gelb. Doch er war au├čerstande, sich zu bewegen. Das einst so saftig gr├╝ne Laub war welk geworden und war im Begriff vom Baum des Lebens abzufallen. Ein Fall auf den modrigen Boden der Zeit. Karl war auf dem Weg wieder ein Teil der Erde zu werden. Schon in ein paar Monaten w├╝rden seine Enkel ├╝ber ihn hergehen und sich in wilden Drehungen auf ihn fallen lassen.
Es war nicht schlimm! Es war nur ein seltsamer Gedanke, bald nur noch ein geistiger Teil dieser Welt zu sein. - Denn ist man erst mal nur noch eine handvoll Erde, verweilt man auch die meiste Zeit nicht mehr unter den Lebenden! - Nur noch die Erinnerungen seiner Kinder, der Verwandten und Freunde an ihn w├Ąren weiterhin existent. Ganz weg w├Ąre er nicht. Fotos und Filme w├╝rden ihn noch sehr lange auf der Erde bleiben lassen. Nur er, der lebende Karl, der sch├╝chterne Junge von Damals, der aufm├╝pfige Dorfjugendliche, der t├╝chtige Bauer, der liebende Ehemann, der Vater, der zu oft keine Zeit hatte und sehr h├Ąufig zu streng war und schlie├člich der alte kranke Karl werden nicht mehr da sein, um die Zuk├╝nftigen willkommen zu hei├čen.
Das Leben kam ihm gleichzeitig lang und kurz vor. Die Zeit schien nur eine Erfindung des Menschen zu sein und bleibt so unvollkommen wie der Mensch selbst. Wie schnell ist sie vergangen, nun da er sich im Zimmer wiederfand, wo sein Leben einst begann. Er sp├╝rte einen Kampf in sich zwischen der Sehnsucht eine zweite Chance zu bekommen und dem schnellen Ende. Er betrachtete ein Bild an der Wand aus Tagen, da er noch volles schwarzes Haar trug. Der Karl des Augenblicks der Aufnahme war kraftvoll und zuversichtlich, ohne Fragen, die er nicht selbst beantworten konnte; dem Leben die Stirn bietend und seinen Weg sehend, der ihm zu jener Zeit noch als einzig M├Âglicher im Sinn war. Wie sein ganzes Leben durchschneidend erschien es ihm zu erkennen, was seine Erinnerung ihm jetzt darbot, da er dem Tode gewiss. Nicht sein rastloses Tun, nicht seine im Leben f├╝r wichtig gehaltenen Entscheidungen kamen ihn in den Sinn; sondern Szenen, die nur Nebenbei erlebt, dr├Ąngen sich in den Vordergrund seiner letzten Gedanken: - Die Woche seiner akuten Lungenentz├╝ndung, in der er dem Tode schon einmal ganz nahe war. In seinem Kopf hat sich all die Jahre jener Moment festgehalten, der das Gesicht seiner Mutter zeigte, ├╝ber ihn gebeugt, l├Ąchelnd ihm die schwei├čbedeckte Stirn abwaschend. Immer wieder sagend, es werde alles gut! Wie sehr war ihm dies verloren gegangen. Nie zuvor hatte er nochmals daran gedacht. Es schien ihm fast so, als w├Ąre das Teil der Abrechnung mit seinem Leben. Er sp├╝rte mit all seinen Gef├╝hlen und Gedanken die wirkliche Bedeutung, die sein Dasein hatte. Es war ihm beinahe so, als wenn das Leben ihm noch kurz vor dem Ende, Klarheit ├╝ber die irrt├╝mliche Gewichtung seines Gelebten geben wollte.
In der Stunde seines Abtretens, wollte Karl dennoch Nichts bedauern. Die ihn umgarnende Erkenntnis, die ihm ins Gesicht springend, seinen Irrtum bewusst machte, dass Arbeit, Gehorsam, Disziplin und Rechnungen nicht sein bedeutendster Lebensinhalt waren. Er lachte in sich hinein, bei dem Gedanken sein halbes Leben lang im Labyrinth des Erwachsenseins erst zum Schluss wieder zur├╝ckzukehren in das kindliche Gem├╝t. Zwar wusste er als Kind nicht zu sch├Ątzen, was er besa├č, aber dennoch war sein Empfinden und Tun in diesem Abschnitt seines Lebens instinktiv auf das Eigentliche ausgerichtet. Erst jetzt, da er sich auf dem Weg ins Jenseits befand, konnte er den Geist dieser Tage wieder vollkommen durch sich str├Âmen h├Âren.
Ein letztes Mal sah er sich als Kind mit selbst gefertigten St├Âcken durch das Dickicht des heimatlichen Waldes streifen. Er lachte und rief hell nach dem Schurken, der jetzt pl├Âtzlich aus dem Dickicht des Waldes auftauchte. Er sp├╝rte eine dunkle Macht von ihm ausgehen und Karl musste sich nun r├╝sten, den letzten Kampf gegen diesen Titanen, der ├äste und gr├╝ne Bl├Ątter trug, zu gewinnen...nicht nur f├╝r sich. Er sp├╝rte: Er musste die Welt retten
Das L├Ącheln auf Karls Gesicht verblasste auch nach seinem Gehen nicht. Die Lebenden waren bes├Ąnftigt in ihrer Trauer, da sie recht sicher waren, er w├Ąre wenigstens friedlich und zufrieden aus seinem Leben entschlafen. Doch Karls letzte Gedanken waren fest verbunden mit dem Gegen├╝ber von Augenblicken seiner Kindheit und solchen der Zeit danach. Alles brach nun im Dunkeln seines Abschieds zusammen, nur die Dinge aus der Zeit seines Kindseins blieben wie einzelne S├Ąulen in einer Ruine stehen. Und das L├Ącheln auf seinem Antlitz, war das eines Kindes, dass frei ├╝ber die Dummheit eines Schulfreundes spottet, der etwas sehr wichtiges vergessen hat.

__________________
Ersparen wir uns doch den transzendentalen Quatsch, wenn das Ganze so eindeutig wie ein Kinnhaken ist. (Ludwig Wittgenstein)

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Retep
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Hallo chinaski, jetzt versuche ich zum dritten Mal, einen Kommentar abzugeben.
Zweimal st├╝rzte mein Rechner ab! Ich werde es etwas k├╝rzer machen als vorher.

Dein Text l├Ąsst Bilder beim Leser entstehen, was ich gut finde.

Ein paar Anmerkungen und Korrekturen.

(Bei blauer Farbe w├╝rde ich anders formulieren)

Karl lag flach atmend in seinem mit Blumen dekorierten Sterbezimmer, dort wo er als kleiner Junge gespielt, geschlafen und seinen Hausarrest abgesessen hatte. Was f├╝r eine Idee des Menschen, diese farbenfrohen Blumen um einen Sterbenden zu arrangieren. Sie verk├Ârpern das Lebendige und sollen dem Sterbenden optimistischer stimmen, aber eigentlich ist es eine Geste, die bewusst macht, dass man dabei ist, sich von der Welt zu verabschieden.
Karls Kindheit lag weit hinter ihm, er bereitete sich nun f├╝r den Gang ins Jenseits vor. Nach 72 Jahren erschien ihm das auch mehr als gerecht, wenngleich ihm seine Kindheit niemals n├Ąher war, als just zu diesem Zeitpunkt. Da er im Sterben lag, gedachte er der vielen kleinen Augenblicke, die ihm damals beim Erleben ├╝beraus nichtig vorkamen. Und die Streifz├╝ge, die er in seiner Kindheit durch den angrenzenden Wald direkt hinter dem Hof der Eltern machte, weckten in ihm den Wunsch ,jetzt hinunterzuschauen auf das Laubgemisch aus Rot, Braun und Gelb. Doch er war au├čerstande, sich zu bewegen. Das einst so saftig gr├╝ne Laub war welk geworden und war im Begriff vom Baum des Lebens abzufallen. Ein Fall auf den modrigen Boden der Zeit. Karl war auf dem Weg , wieder ein Teil der Erde zu werden. Schon in ein paar Monaten w├╝rden seine Enkel ├╝ber ihn hergehen und sich in wilden Drehungen auf ihn fallen lassen.
Es war nicht schlimm! Es war nur ein seltsamer Gedanke, bald nur noch ein geistiger Teil dieser Welt zu sein. - Denn ist man erst mal nur noch eine handvoll Erde, verweilt man auch die meiste Zeit nicht mehr unter den Lebenden! - Nur noch die Erinnerungen seiner Kinder, der Verwandten und Freunde an ihn w├Ąren weiterhin existent. Ganz weg w├Ąre er nicht. Fotos und Filme w├╝rden ihn noch sehr lange auf der Erde bleiben lassen. Nur er, der lebende Karl, der sch├╝chterne Junge von Damals, der aufm├╝pfige Dorfjugendliche, der t├╝chtige Bauer, der liebende Ehemann, der Vater, der zu oft keine Zeit hatte und sehr h├Ąufig zu streng war und schlie├člich der alte kranke Karl werden nicht mehr da sein, um die Zuk├╝nftigen willkommen zu hei├čen.
Das Leben kam ihm gleichzeitig lang und kurz vor. Die Zeit schien nur eine Erfindung des Menschen zu sein und bleibt so unvollkommen wie der Mensch selbst. Wie schnell ist sie vergangen, nun da er sich im Zimmer wiederfand, wo sein Leben einst begann. Er sp├╝rte einen Kampf in sich zwischen der Sehnsucht ,
eine zweite Chance zu bekommen und dem schnellen Ende. Er betrachtete ein Bild an der Wand aus Tagen, da er noch volles schwarzes Haar trug. Der Karl des Augenblicks der Aufnahme war kraftvoll und zuversichtlich, ohne Fragen, die er nicht selbst beantworten konnte; dem Leben die Stirn bietend und seinen Weg sehend, der ihm zu jener Zeit noch als einzig M├Âglicher im Sinn war. Wie sein ganzes Leben durchschneidend erschien es ihm zu erkennen, was seine Erinnerung ihm jetzt darbot, da er dem Tode gewiss. Nicht sein rastloses Tun, nicht seine im Leben f├╝r wichtig gehaltenen Entscheidungen kamen ihn in den Sinn; sondern Szenen, die nur Nebenbei erlebt, dr├Ąngten sich in den Vordergrund seiner letzten Gedanken: - Die Woche seiner akuten Lungenentz├╝ndung, in der er dem Tode schon einmal ganz nahe war. In seinem Kopf hatte sich all die Jahre jener Moment festgehalten, der das Gesicht seiner Mutter zeigte, ├╝ber ihn gebeugt, l├Ąchelnd , ihm die schwei├čbedeckte Stirn abwaschend. Immer wieder sagend, es werde alles gut! Wie sehr war ihm dies verloren gegangen. Nie zuvor hatte er nochmals daran gedacht. Es schien ihm fast so, als w├Ąre das Teil der Abrechnung mit seinem Leben. Er sp├╝rte mit all seinen Gef├╝hlen und Gedanken die wirkliche Bedeutung, die sein Dasein hatte. Es war ihm beinahe so, als wenn das Leben ihm noch kurz vor dem Ende, Klarheit ├╝ber die irrt├╝mliche Gewichtung seines Gelebten geben wollte.
In der Stunde seines Abtretens, wollte Karl dennoch Nichts bedauern. Die ihn umgarnende Erkenntnis, die ihm ins Gesicht springend, seinen Irrtum bewusst machte, dass Arbeit, Gehorsam, Disziplin und Rechnungen nicht sein bedeutendster Lebensinhalt waren. Er lachte in sich hinein, bei dem Gedanken sein halbes Leben lang im Labyrinth des Erwachsenseins erst zum Schluss wieder zur├╝ckzukehren in das kindliche Gem├╝t. Zwar wusste er als Kind nicht zu sch├Ątzen, was er besa├č, aber dennoch war sein Empfinden und Tun in diesem Abschnitt seines Lebens instinktiv auf das Eigentliche ausgerichtet. Erst jetzt, da er sich auf dem Weg ins Jenseits befand, konnte er den Geist dieser Tage wieder vollkommen durch sich str├Âmen h├Âren.
Ein letztes Mal sah er sich als Kind mit selbst gefertigten St├Âcken durch das Dickicht des heimatlichen Waldes streifen. Er lachte und rief hell nach dem Schurken, der jetzt pl├Âtzlich aus dem Dickicht des Waldes auftauchte. Er sp├╝rte eine dunkle Macht von ihm ausgehen und Karl musste sich nun r├╝sten, den letzten Kampf gegen diesen Titanen, der ├äste und gr├╝ne Bl├Ątter trug, zu gewinnen...nicht nur f├╝r sich. Er sp├╝rte: Er musste die Welt retten
Das L├Ącheln auf Karls Gesicht verblasste auch nach seinem Gehen nicht. Die Lebenden waren bes├Ąnftigt in ihrer Trauer, da sie recht sicher waren, er w├Ąre wenigstens friedlich und zufrieden aus seinem Leben entschlafen. Doch Karls letzte Gedanken waren fest verbunden mit dem Gegen├╝ber von Augenblicken seiner Kindheit und solchen der Zeit danach. (Das hattest du schon beschrieben.) Alles brach nun im Dunkeln seines Abschieds zusammen, nur die Dinge aus der Zeit seines Kindseins blieben wie einzelne S├Ąulen in einer Ruine stehen. Und das L├Ącheln auf seinem Antlitz, war das eines Kindes, dass frei ├╝ber die Dummheit eines Schulfreundes spottet, der etwas sehr wichtiges vergessen hat.


Schau mal, was du mit meinen Korrekturvorschl├Ągen anfangen kannst, es ist deine Geschichte, es ist dein Stil!


Gru├č

Retep

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