Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5553
Themen:   95286
Momentan online:
344 Gäste und 8 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Leben und leben lassen
Eingestellt am 08. 07. 2014 21:52


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Nosie
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Jul 2014

Werke: 21
Kommentare: 147
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Nosie eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Sie wusste nicht, wie sie hierher gekommen war, nur, dass sie anders war. Nicht Ă€ußerlich, jetzt noch nicht, das wĂŒrde erst kommen. Aber das GefĂŒhl, etwas Besonderes zu sein, hatte sie von Anfang an. Als sie vor Tagen aus ihrem Schlaf erwacht war, verwirrt und sich kaum ihrer selbst bewusst, streckten sich ihre bis dahin eng eingerollten Glieder unwillkĂŒrlich ein wenig und im selben Moment zerriss ihre SchutzhĂŒlle. Dem Schreck folgte eine WĂ€rme, die neu fĂŒr sie war und sie nicht mehr verließ, ebensowenig wie das Wissen, das sie endlich zu wachsen begonnen hatte.

Auf taunasse NĂ€chte folgten friedliche Tage voll Wohlsein und sie genoss das Geschenk, das regelmĂ€ĂŸig aus der gleichen Richtung kam, ĂŒber sie hinwegzog und dem man sich zuneigen und hingeben konnte. Ermattet von den stundenlangen LichtbĂ€dern war sie dankbar fĂŒr die KĂŒhle, die ebenso regelmĂ€ĂŸig folgte und ihr Schlaf und Erfrischung brachte.

Sie merkte, dass sie grĂ¶ĂŸer wurde, aber auch, dass sie nicht allein war und das machte sie zornig. Das Gewisper und Gesumme um sie her den ganzen Tag und das Rascheln in der Dunkelheit konnte sie nicht hören und selbst wenn sie Augen gehabt hĂ€tte, wĂ€re sie blind gewesen fĂŒr die Schönheit rings um sie und hĂ€tte nicht erkannt, dass sie ein Teil davon war.
Manchmal streifte sie etwas, und das machte ihr Angst. Sie fĂŒhlte, wie die wohltuenden Strahlen nur mehr ihren Kopf erreichten und nicht mehr bis zu ihren FĂŒĂŸen vordrangen und wie der Morgentau, der den Boden durchtrĂ€nkte und den sie begierig aufsog, nicht von ihr allein begehrt wurde und es von Tag zu Tag mehr MĂŒhe kostete, genug davon zu bekommen.

Hilfe, ich muß grĂ¶ĂŸer werden, schneller als die anderen wachsen, sonst bin ich verloren. Dieses GefĂŒhl verschwand nicht mehr und trieb sie zu Ă€ußerster Kraftanstrengung. Sie blĂ€hte sich, dass die Adern in ihrem Inneren anschwollen, sie streckte ihre geflĂŒgelten Arme weit in den Himmel, bewaffnete sich mit Stacheln und drang tief in die Erde und weiter hinab in die Spalten des Felsens, dorthin, wo ihr das Wasser allein gehörte.

Es half, ihre Angst zu bezwingen. Mit jedem Tag nahm ihre Kraft zu, aber auch ihre Schönheit. Sie wuchs so rasch, dass sie bald alles um sich ĂŒberragte. Nichts berĂŒhrte sie mehr, weder innerlich noch Ă€ußerlich, ausser der Wind, dieser zĂ€rtliche Freund, und manchmal kleine Insekten, die ihr willkommen waren und sie sanft kitzelten. Was sie brauchte, machte ihr niemand mehr streitig, sie war unverwundbar.

Doch es gab Tage, da blieb das Geschenk aus oder verschwand plötzlich, bevor es seine Bahn beendet hatte und Wasser stĂŒrzte statt seiner herab. Dann fror sie und ihre Angst kam zurĂŒck, aber nie fĂŒr lange und sie konnte sich auch kaum mehr daran erinnern, das letzte Mal war ewig her. Und einmal war der Wind so zornig geworden, dass er Steine schleuderte. Sie prasselten auf die Erde und sprangen an ihr hoch und ritzten ihre Haut, dass sie blutete. Aber wie durch ein Wunder war sie nicht ernsthaft verletzt, nur ihre FĂŒĂŸe konnte sie lange nicht spĂŒren, aber auch das ging vorĂŒber und das Geschenk schloss Frieden mit dem Wind und leckte versöhnt die Steine auf.

Nur selten kam ein Mensch in diese verlassene Gegend hoch ĂŒber dem Rest der Welt, doch an diesem Tag ging ein einsamer Wanderer mit seinem Esel den steinigen Pfad entlang, beide erschöpft und durstig von der Anstrengung des Aufstiegs. Als sie nĂ€her kamen, bot sich ihnen ein erstaunliches Bild. Inmitten der in der Hitze dieses Sommers dĂŒrr gewordenen Landschaft, ein StĂŒck weit von der HĂŒtte entfernt, die halb verfallen und vergessen am Felsen lehnte und den Herannahenden verkĂŒndete, dass sie angekommen waren, wuchs bizarr in den Himmel ragend und so grĂŒn, saftig und blĂŒtenĂŒbersĂ€ht, wie man es hier oben noch nie gesehen hatte, eine Distel.

Scheint doch ein guter Platz zu sein, dachte der Wanderer bei deren Anblick, schlug dem Esel mit der flachen Hand auf das Hinterteil und ließ sich auf dem Stein vor der HĂŒtte nieder, um sein Abendmahl zu verzehren. Auf den Speck, den ihm seine gute Frau zur Wegzehrung mitgegeben hatte und den er nun zusammen mit einer dicken Scheibe Brot aus den Tiefen seines Rucksacks hervorholte, hatte er sich schon den ganzen Tag gefreut und mit Genuss begann er zu essen. Hin und wider griff er, ohne mit dem Kauen aufzuhören, in die Brusttasche seiner Jacke, nahm einen krĂ€ftigen Schluck aus der Feldflasche und sein genĂŒssliches „Aaah“ verriet, dass es sich bei dem Inhalt nicht um Wasser handeln konnte.

Als er satt war und sich den Mund am Ärmel seiner Jacke abwischte, kam auch der Esel zurĂŒckgetrabt und sein Besitzer schmunzelte zufrieden. Das Tier begann, die vor Fett glĂ€nzenden, salzigen Finger des Mannes zu lecken, der erwiderte die Zuneigung und kraulte ihm den SchĂ€del. „Na, mein Alter, auch satt geworden?““ fragte er, zupfte an dem violetten BlĂŒtenkopf, der in der kurzen, borstigen MĂ€hne zwischen den Ohren hĂ€ngen geblieben war und steckte ihn seinem GefĂ€hrten zum Nachtisch ins Maul.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


2 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung