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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Leben - welche Freude
Eingestellt am 07. 07. 2002 17:48


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eufemiapursche
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Seit Studentenzeiten waren ein Kopfmann und eine Bauchfrau ein Paar, das sich wundervoll ergĂ€nzte. So beschlossen sie, fĂŒr immer zusammen zu bleiben. Und wie in rosaroten Romanen heirateten sie mit allem Drum und Dran und bekamen nach vier Jahren eine Tochter und zwei Jahre spĂ€ter einen Sohn.
Kopfmann und Bauchfrau liebten sich und stritten auch schon mal ein bisschen, doch das soll ja gut fĂŒr den Kreislauf sein. Der Kopfmann unterstĂŒtzte seine Bauchfrau nach bestem Wissen, ihre BauchgefĂŒhle auszuleben, und die Bauchfrau war stolz auf ihren Kopfmann und seinen brillanten, messerscharfen Geist.
Da wollte das große Schicksal ĂŒber allen Menschen den Kopfmenschen prĂŒfen und ihn zwingen, auf seinen Geist zu verzichten. Es pflanzte einen pampelmus großen Tumor mitten in seinen Kopf.

Die Ärzte schĂŒttelten bedenklich den Kopf. "Wenn Sie noch ein Jahr leben möchten, mĂŒssen wir sofort operieren. Sonst haben Sie nur noch ein paar Wochen.." "Was ist der Preis?" fragte der Kopfmann. "Wir schneiden die Sprache, die Bewegung der rechten Körperseite und das Denkzentrum heraus. Keine Sorge, Sie werden nichts davon merken. Ach ja, und unterschreiben Sie hier vielleicht Ihr EinverstĂ€ndnis zu Forschungszwecken? Sehr seltener Fall. Höchst interessant. Wirklich." GroßzĂŒgig gaben die Ärzte zwei Tage Bedenkzeit. Viel, wenn man beginnt, das Leben in Wochen zu zĂ€hlen.

Der Kopfmann und seine Bauchfrau schauten einander in die Augen. Die Bauchfrau wollte im ersten Augenblick spontan einfach das lĂ€ngere Leben. In den Augen ihres Kopfmannes stand ein trotziges Blitzen. Da wusste die Bauchfrau: seine Entscheidung stand, und sie unterdrĂŒckte ihren Wunsch. Dieser Kampfgeist im Blick machte ihr Mut. Sie umarmte ihren Kopfmann und sagte: "Du zeigst ihnen allen, dass du dieses Jahr auch ohne OP schaffst." Der Kopfmann legte seinen Kopf auf den Bauch seiner Bauchfrau, und wĂ€hrend sie ĂŒber seine Haare strich, spĂŒrte sie, wie er die HĂ€nde zu FĂ€usten ballte und sagte: "Ich werde leben. Wenn vielleicht auch nur noch eine Woche. Aber diese Woche zu Hause bei dir."

Und beide hielten sich umarmt und dachten an den Spruch mit den guten und schlechten Zeiten vor so langer Zeit, als sie ihm noch keine Bedeutung schenkten.
Dann straffte sich der Körper des Kopfmannes. Er ging zu den Ärzten und sagte: "Ich werde leben. Was ich unter Leben verstehe. Und wenn es nur eine Woche ist. Ich lasse niemanden an meine CPU. Fangen Sie sich fĂŒr die Forschung einen neuen. Ich habe nur dieses eine Leben."
Die Bauchfrau war noch nie so stolz auf ihren Kopfmann gewesen wie in diesem Augenblick. Und auch noch nie so traurig.

Dann begann fĂŒr Kopfmann, Bauchfrau und ihre Kinder eine Zeit, die der Kopfmann als "mein einziges Leben" bezeichnet hatte. Zu Beginn waren alle damit beschĂ€ftigt, sich auf die neue Situation einzustellen. Der Kopfmann telefonierte mit der Verwandtschaft, mit Freunden und Kollegen und erzĂ€hlte ihnen, dass er gerade sein neues einziges Leben beginnen wolle. Er lud sie ein, daran teilzunehmen, solange es noch ging. Der Kopfmann wĂŒnschte sich Festgelage mit frohen Gesichtern. Die den Mut hatten, zu kommen, haben es nie bereut. Er machte es ihnen leicht, schien wie immer und schien die Abschiede zu genießen. Kopfmann und Bauchfrau hatten nun auf einmal so viel Zeit fĂŒreinander wie am Beginn ihrer Partnerschaft in Studententagen. Sie nutzten die Zeit mit GesprĂ€chen, mit Kuscheln im Bett, mit ausgiebigen FrĂŒhstĂŒcken und langen SpaziergĂ€ngen. Denn der Kopfmann wusste, dass seine Beine vom Druck des wachsenden Tumors bald nicht mehr laufen wĂŒrden.

Er fing an zu malen wie frĂŒher, wie besessen, zum Erstaunen seiner Bauchfrau mit der linken Hand. "Wenn die rechte gelĂ€hmt ist, kann ich das dann lĂ€nger", erklĂ€rte er kurz und sortierte seine Bilder.
Dann drĂ€ngte er, alles zu regeln fĂŒr die Zeit nach seinem Leben. Die Bauchfrau fuhr ihn eine Zeitlang morgens ins BĂŒro, nun ohne seine dichten dunklen Haare, kahlköpfig durch die Strahlen. Er wollte auch dort alles regeln und viele Kollegen, die ihn mit TrĂ€nen in den Augen begrĂŒĂŸten, lud er ein, uns zu besuchen und wies sie an, auf dieses und jenes zu achten bei der neuen Umstrukturierung.
Die Bauchfrau spĂŒrte instinktiv, wie gut ihm das so normal wie möglich Leben tat, und vermied die ĂŒblichen RatschlĂ€ge, sich zu schonen, viel zu ruhen. "Ruhen werde bald noch genug", antwortete er dann sarkastisch, und die Bauchfrau fuhr mit ihm ĂŒberall hin, wo er sich an alten StĂ€tten von BĂ€umen und PlĂ€tzen und HĂ€usern und WĂ€ldern tief einatmend verabschiedete.

Die Bauchfrau hatte zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen wieder zu arbeiten, weil sie seine Unruhe ĂŒber das Weiterkommen sah. So lĂ€chelte sie morgens ihre neuen Kollegen an und nachmittags und abends die Kinder und den Mann.
Dann begann sehr schnell die Zeit, in der der Tumor wie versprochen die rechte Seite lĂ€hmte und ihm auch StĂŒck fĂŒr StĂŒck die Sprache nahm. Aber seinen Geist, den hat er nie verloren, der war unverĂ€ndert klar. Der Kopfmann reagierte sehr unwillig auf die VerĂ€nderungen, und da er ein Kopfmann war, zeigte er seine TrĂ€nen in Form von Wut und AggressivitĂ€t gegen seine Bauchfrau. Die weinte alle seine TrĂ€nen und auch ihre nachts am Fenster stehend aus, drehte sich um und sah die Verzweiflung in seinem Gesicht.

Nun begannen die starken Medikamente ihre Nebenwirkungen. UrsprĂŒnglich berechnet fĂŒr ein paar Wochen schluckte er sie nun schon ĂŒber ein Jahr. Unförmig aufgedunsen, tiefe GeschwĂŒre an Po und Bein. Dann die Erniedrigung, Katheter und Windel zu tragen, weil die LĂ€hmung wuchs und kurze Zeit spĂ€ter den Schlauch in den Magen. Die Sprache aufrecht zu halten, so lange es geht. Das hatte ich ihm versprochen. Als die Muttersprache verschwand, holte ich mit ihm die Wörter ĂŒber Englisch oder Französisch her. Und bei jedem mĂŒhsamen Formen ging ein Leuchten ĂŒber sein Gesicht. Die letzten Worten, die bis fast zum Schluss blieben: "Es ist eine Freude." Und : "Lecker. Gut!" Und immer, immer blieb sein Geist nur er.
Durch den starken Druck im Kopf fingen die epileptischen AnfĂ€lle an. Grausamer Anblick fĂŒr die Kinder und mich. Habe mich noch nie so hilflos gefĂŒhlt. Die ersten Male ging's mit Blaulicht und tatĂŒtata in die Klinik, wo er widerwillig ein paar Tage blieb.

In dieser Zeit hielten viele den Anblick schon nicht mehr aus. Beschworen mich, wie die Ärzte: "Lass ihn im Krankenhaus. Das ist nicht zu schaffen." Die Ärzte versprachen hohe Dosen Morphium, so wĂŒrde er das Krankenhaus gar nicht merken. Ich schaute in seine angstvollen Augen und nahm ihn auf eigene Verantwortung, wie das so schön heißt, wieder mit nach Haus.
Musste versprechen, ihn bei jedem neuen Anfall sofort wieder einliefern zu lassen. Und davor hatte er genau so große Angst wie ich.

Zwischen Weihnachten und Neujahr 1994, nun anderthalb Jahre nach der Diagnose kĂŒndigte sich erstmals nachts der nĂ€chste Anfall an. Und bevor das Beben seinen Körper durchschĂŒttelte, sagte ich ihm: "Du bleibst da." Er hatte seinen Blick fest auf mich gerichtet. Schnell steckte ich die Schmalseite eines Taschenbuchs aus dem ich ihm vorgelesen hatte, zwischen seine ZĂ€hne. Dann nahm ich seinen nun unkontrolliert bebenden Kopf fest zwischen meine HĂ€ndeund beschwor ihn, meine Blick fest auf seinen gerichtet: "Ich kann dir das Sterben nicht abnehmen. Aber ich werde dir die Schmerzen wegnehmen. Mach genau was ich sage." Das war natĂŒrlich ĂŒberhaupt nicht möglich, weil er in diesem Augenblick keine Kontrolle ĂŒber seinen Körper hatte. Aber in seinen Augen stand etwas wie "Ja." Den Blick nicht von seinen Augen genommen, sein Gesicht weiterhin mit beiden HĂ€nden festgehalten forderte ich: "Du schiebst jetzt den Druck aus deinen Augen in meine." Irgendwann begann ich zu spĂŒren, dass sich etwas in ihm löste und er es abgab. Dann flachte der Anfall ab, und er war sogar in der Lage, zu lĂ€cheln, als ich das zerbissene Buch aus seinem Mund nahm und formulierte mĂŒhsam: "Gut. Lecker." Erleichtert umarmten wir einander. Seit dieser Nacht hat er keinen Anfall mehr bekommen. Ich konnte die Schmerzmittel nach und nach reduzieren, so dass er wieder klar, wenn auch schwach an allem Anteil nahm.

Die Sylvesternacht zu 1995 wuchtete ich sein Bett ans Fenster, er schaute das Feuerwerk an und ein letztes Mal sagte er verstÀndlich: "Welche Freude!"

Am 8. Februar 1995 wartete der Kopfmann bis seine Bauchfrau mittags von der Arbeit kam. Sie schauten sich an, und beide wussten, der Augenblick war da. Der Sohn war gerade von der Schule nach Hause gekommen. Ohne nachzudenken rief ich ihn leise nach oben und sagte: "Papa möchte jetzt gehen."

Wieder nahm ich sein Gesicht in meine HĂ€nde,der Junge setzte sich auf die andere Seite des Bettes und nahm seine Hand. Streichelnd flĂŒsterte ich: "Wenn du gehen möchtest, dann geh. Es ist gut." Er konnte nicht mehr antworten. Aber in seinen Augen stand: "Welche Freude." Und als das Licht sich in ihnen brach, durfte ich sie ihm schließen und dachte an seinen Satz: "Ich werde leben."


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BiaBln
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eine sehr...

... traurige und doch sehr schön geschriebene geschichte.
allerdings kam ich mit dem plötzlichen umschwung vom "er & sie" auf das "er & ich" nicht klar. ich hÀtte das kopfmann & bauchfrau durchgehend so gelassen.

lg bianka

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eufemiapursche
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bewusst

Liebe Bianka,

den Bruch habe ich nach dem Schreiben bewusst stehen gelassen. Genau an den Stellen, wo ich die Distanz der dritten Person auch im RĂŒckblick einfach nicht mehr durchhalten konnte. (Mit ein Grund, warum der Thread im Forum Tagebuch gepostet ist).

Leben, welche Freude! Dies atme ich seither mit jeder Faser ein. Hatte das große GlĂŒck, Abschied nehmen zu dĂŒrfen. Eine beendete Partnerschaft, doch keine gescheiterte...

Ohne Narben frei fĂŒr Gegenwart und Zukunft.

Lieber Gruß mit einem kleinen Gedicht

Femi


Fliege zarter kleiner FlĂŒgel
reise weit, verlass die Welt
schwebe zu den fernen HĂŒgeln
werde Atem der dich hÀlt

Fliege weit du sanfte Seele
blauer Raum im tiefen Traum
schau die Blumen, pflĂŒcke, wĂ€hle
tauche in des Mondes Saum

Fliege tief in deine Freiheit
belebe deinen Kosmos dir
öffne Raum und Zeittor weit
ewigem Frieden dort und hier


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BiaBln
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Registriert: Oct 2001

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na klar

... es war mir schon klar, dass du diesen wechsel bewusst gemacht hast, nur ich kam damit nicht klar. ich denke aber, das ganze entweder gleich komplett in der ich & er oder in der sie & er - version zu schreiben, wÀre besser. da es in der rubrik tagebuch steht, wÀre vielleicht sogar ersteres am sinnvollsten.
und dein kleines gedichtlein im nachtrag finde ich klasse ... poste es doch noch extra in der LL !

lg bianka

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soleil
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TrÀnen

Guten Morgen Femi,

deine Geschichte hat mich eben sehr berĂŒhrt, denn unabhĂ€ngig davon, dass du sie sehr schön erzĂ€hlt hast, kann ich diese Situation gut verstehen:
mein bester Freund hat seit 1999 einen (extrem bösartigen) Gehirntumor. Er hatte sich fĂŒr eine Operation entschieden und vor zwei Monaten war die dritte. Seine Sprach- und LesefĂ€higkeit wurde diesmal stark beeintrĂ€chtigt und um diese nicht noch weiter zu schwĂ€chen lehnt er eine dritte Chemotherapie ab, wobei er einer speziellen Bestrahlung zugestimmt hat. Es ist manchmal schwer zu ertragen, zu sehen welche VerĂ€nderungen dieser Tumor ausgelöst hat, aber es ist auch schön mitzuerleben, wie er ihm Paroli bietet.
Als ich diese Stelle mit den AnfĂ€llen und der Angst ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, gelesen habe lief mir ein Schauer ĂŒber den RĂŒcken, denn mir fiel ein Anfall vor der zweiten OP ein: ein Anruf mitten in der Nacht und ich raste durch leere Straßen ins Klinikum, setze mich an sein Bett und obwohl er noch nicht sprechen konnte, erkannte ich in seinen Augen diese Angst da liegen bleiben zu mĂŒssen, denn eigentlich konnten sie nichts tun und er hasste dieses Krankenhaus. Erst vier Stunden spĂ€ter hatte ich es geschafft ihn nach Hause bringen zu dĂŒrfen. Ich werde den Blick nie vergessen, als er in seinem Bett lag, mir die Hand drĂŒckte, ein "Danke" flĂŒsterte und mit entspanntem Gesichtsausdruck einschlief.
Seitdem er diesen Tumor hat, hat sich meine Sichtweise auf das Leben ziemlich verÀndert.
Ich danke dir fĂŒr diese wunderschön erzĂ€hlte Geschichte.

Liebe GrĂŒĂŸe
Soleil

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Lyra
???
Registriert: Nov 2000

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*schluchz

Hi Femi,
habe heute morgen beim FrĂŒhstĂŒck deine Geschichte gelesen und war dann sehr tief berĂŒhrt. Der Kloss in meinem Hals hielt lange an.
Der Anfang war ĂŒbrigens klasse "Bauchfrau und Kopfmann", erst habe ich ganz was anderes erwartet...doch dann wurde die Geschichte zunehmend trauriger.
Deine bewußte Entscheidung die beiden verschieden darzustellen fand ich sehr gut zu lesen.

Schade ist nur das der mensch erst anfĂ€ngt zu leben wenn es fast zu spĂ€t ist, denn woher will man wissen wann der Tod an die TĂŒr klopft.
Man sollte immer so leben als wÀre es der letzte Tag.

"amen" *fg*

l.g.
lyra

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