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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Lebensaft und der Geist
Eingestellt am 17. 09. 2002 20:10


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Dorian
One-Hit-Wonder-Autor
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Mordechai Lebensaft war nie eines jener beneidenswerten Individuen gewesen, die einen wirklich wertvollen Gegenstand erkannten, wenn sie einen sahen. Nat├╝rlich konnte er Gold von Messing unterscheiden, aber manchmal waren es die sogenannten „inneren Werte“, auf die es ankam.
Als Lebensaft die ├ľllampe auf dem Flohmarkt erstand, wusste er zuerst nicht einmal warum er sich den alten Tr├Âdel ├╝berhaupt aufhalste. Vielleicht, so dachte er, lie├č sich die Lampe ja aufpolieren und in die Sammlung einf├╝gen.
Lebensaft war Schriftsteller wenn er seine Steuererkl├Ąrung ausf├╝llte, aber wenn ihn jemand nach seinem Beruf befragte antwortete er meist mit „Urheber unwahrscheinlicher Literatur“, oder „Verfasser fiktiver Texte“, oder aber auch nur „Fantasy-Autor“, wenn er mal schlecht drauf war. Als jemand, der Fantasy nicht nur schrieb, sondern auch las, lebte und atmete, hatte Lebensaft sein Arbeitszimmer stilgerecht eingerichtet, was bedeutete, dass ├╝berall Felle Schwerter, ├äxte, R├╝stungen, Pergamentrollen, Kerzenhalter, dicke B├╝cher mit Ledereinband, Zauberst├Ąbe, Helme und dergleichen verteilt waren. Aber jedes einzelne dieser St├╝cke hatte er sich neu in verschiedenen einschl├Ągigen Gesch├Ąften zugelegt, daher kam alter Plunder wie diese Lampe eigentlich nicht in Frage.
Er hatte Samstag vormittag urspr├╝nglich nur Zigaretten kaufen wollen, wof├╝r er nur seine Wohnung verlassen und den Platz davor ├╝berqueren musste, um zur Trafik zu gelangen. Bedauerlicherweise war Samstag vormittag auch der w├Âchentliche Komm-la├č-uns-irgendwelchen-Schrott-den-keiner-mehr-braucht-an-Touristen-verklopfen-Flohmarkt-Tag und so fand sich Lebensaft pl├Âtzlich und f├╝r ihn nicht nachvollziehbar vor einem Stand mit Messing- und Zinngeschirr wieder, und hielt eine ├ľllampe in der einen Hand und einen Zwanziger in der anderen.
In „Unterholzens Zutaten-f├╝r-Dungeons-Diskont“ hatte er schon weit sch├Ânere und authentischere Lampen um die H├Ąlfte des Preises entdeckt, aber immer von einem Kauf abgesehen, da er aus seinem pers├Ânlichen kleinen Arbeitsverlie├č den arabischen Touch solcher Lichtspender heraushalten wollte. Er hatte einiges ausprobiert und gab sich nun mit einigen Kerzen und auf alt getrimmten elektrischen Lampen zufrieden. Mit Schaudern dachte er an sein Experiment mit den petroleumgef├╝llten Fackeln und dem Kohlebecken zur├╝ck. Es hatte Monate gedauert, bis seine Augenbrauen nachgewachsen waren.
Nichtsdestotrotz stand die ├ľllampe nun matt gl├Ąnzend auf dem Schreibtisch und schien ihn h├Ąmisch anzugrinsen.
„Nun gut, wenn du es so willst“, rief Lebensaft, sprang auf und schnappte die Lampe vom Tisch, „dann wirst du eben geschrubbt.“
Er ging in die K├╝che und kramte den sch├Ąrfsten Schmutzrandentferner den er finden konnte unter dem Sp├╝lbecken hervor.
„Haha“, rief er, indem er einen Klecks davon auf etwas Stahlwolle spritzte. „Hat sich was mit `sanft und sauber`!“
Wenn Lebensaft sich ├Ąrgerte, neigte er dazu die Dinge pers├Ânlich zu nehmen und dann war er, obwohl eigentlich von sanftem Naturell, durchaus dazu in der Lage drastische Ma├čnahmen zu ergreifen.
Lebensaft schrubbte und wienerte hingebungsvoll etwa eine halbe Stunde lang, bevor sein Zorn ein wenig verraucht war und als er die Lampe unter m├Âglichst hei├čem Wasser absp├╝lte, bemerkte er, dass sie tats├Ąchlich gl├Ąnzte und recht h├╝bsch anzusehen war. Er rieb sie trocken und da scho├č Rauch aus der ├ľffnung und f├╝llte im Handumdrehen die gesamte K├╝che.
Lebensaft lie├č die Lampe fallen und floh hustend und keuchend ins Wohnzimmer.
„├ähm“, sagte er. „├äh.“
Er ri├č die Terrassent├╝r auf um den Gartenschlauch zu holen, bremste sich aber ein, als er sich daran erinnerte, dass er nur einen Balkon im zweiten Stock hatte. Beinahe gleichzeitig fiel ihm etwas anderes ein. Das Ganze kam ihm n├Ąmlich ziemlich bekannt vor: alte ├ľllampe, jemand kauft sie nichtsahnend, ohne von ihrem Wert zu wissen, putzt sie und ein Geist springt aus der ├ľffnung der Lampe.
Lebensaft drehte sich langsam um und machte sich auf das Schlimmste gefasst. ├ähnliches war ihm schon einmal passiert, als er eine Stelle aus einem alten Buch rezitiert hatte, das er irgendwann mal in einem Touristenshop in Dublin gekauft hatte. Gl├╝cklicherweise war sein g├Ąlisch zu dem Zeitpunkt so eingerostet, dass der D├Ąmon nur zur H├Ąlfte in der diesseitigen Welt materialisierte und zu einer Wolke gr├╝nen Dunstes und Schmetterlingen verpuffte. Das war ihm eine Lehre gewesen. Seither umgab ein Bannkreis aus Schutzsymbolen sein Arbeitszimmer und den einzigen Dolch in seinem Sammelsurium, der auch scharf geschliffen und zu gebrauchen war, hatte er von einem n├╝chternen zwergw├╝chsigen Thor-Anbeter aus Schweden mit einer Knoblauchzehe in jedem Nasenloch bei Vollmond anfertigen lassen.
Er bestand aus einer Silberlegierung und war im Blut eines einj├Ąhrigen Stieres geh├Ąrtet und mit zauberkr├Ąftigen Runen verziert worden. Sp├Ąter hatte Lebensaft den Dolch vom einzigen praktizierenden Odin-Priester Deutschlands weihen lassen, was erstaunlicherweise leichter gewesen war, als einen katholischen Priester und einen Rabbi zu finden, die dasselbe taten. Geweihte gro├čer Religionsgemeinschaften konnten so spie├čig sein.
Sehns├╝chtig dachte Lebensaft jetzt an eben diesen Dolch, der einsatzbereit in einer Scheide steckte die unter der Schreibtischplatte befestigt war, direkt neben dem silbernen Kreuz, dem Holzpflock und der 357er Magnum. F├╝r einen Schriftsteller hatte er ein aufregendes und abwechslungsreiches Leben gef├╝hrt.
Andererseits bestand ein gute Chance, dass diese Begegnung etwas glimpflicher ablief. Schlie├člich war es eine allgemein bekannte Tatsache, dass Geister aus ├ľllampen ihrem Beschw├Ârer zu dienen pflegten, auch wenn sie dies nicht gerne taten.
Lebensaft beschloss abzuwarten und ruhig zu bleiben, sich zugleich aber langsam Richtung Arbeitszimmer zu bewegen. Er wollte keine unn├Âtigen Risiken eingehen.
Die Rauchwolke hatte sich inzwischen zusammengezogen und war ins Wohnzimmer eingedrungen, wo sie sich langsam zu etwas verfestigte, was wie eine halbwegs menschliche Gestalt aussah.
„Ich bin der Geist der Lampe“, sagte der Geist der Lampe, der aussah wie Lampengeister nun einmal aussahen. Er war muskul├Âs und lila, bis auf eine Skalplocke kahl und er trug einen Bart und goldene Armschienen. In einer Hand hielt er ein Krummschwert und brachte es irgendwie fertig seine Arme verschr├Ąnkt zu halten. Beine hatte er nicht, daf├╝r aber wabernden Rauch, der sich bis in die K├╝che erstreckte.
„Ihr habt drei W├╝nsche frei und so sie nicht meine Macht ├╝bersteigen, werde ich sie erf├╝llen.“
„Tut mir leid“, antwortete Lebensaft mit leicht verwirrtem L├Ącheln und einem Schulterzucken. „Ich verstehe Arabisch nicht. Ich w├╝nschte ich h├Ątte mich mehr mit dem Morgenland besch├Ąftigt.“
Der Geist runzelte die Stirn und blickte ├╝berlegend zur Decke, dann erhellte sich seine Miene.
„Ich bin der Geist der Lampe“, versuchte er es noch einmal. „Ihr habt drei W├╝nsche frei und so sie nicht meine Macht ├╝bersteigen...“
„Es tut mir wirklich sehr leid“, unterbrach ihn Lebensaft. „Ich spreche nur irisches G├Ąlisch und auch das nur noch bruchst├╝ckhaft. Das Kymrische ist mir g├Ąnzlich fremd.“
Sichtlich ver├Ąrgert plusterte der Geist sich auf und versuchte es noch einmal.
„Ich bin der Geist der Lampe, j├Ąmmerlicher Sterblicher“, rief er, nun verst├Ąndlich f├╝r Lebensaft. „Nenne deine W├╝nsche und bel├Ąstige mich nicht weiter.“
„Das habe ich verstanden“, l├Ąchelte Lebensaft.
„Ups.“
„Mach dir nichts daraus.“ Lebensaft l├Ąchelte noch immer. „Das passiert den besten unter uns. Wie war das mit den drei W├╝nschen?“
„├ähm, einen kleinen Augenblick bitte, wie war das noch... ?“ Der Geist schien ein wenig aus der Fassung gebracht, wie Lebensaft mit nicht wenig Genugtuung bemerkte. „Ach ja, ihr habt drei W├╝nsche frei und so sie nicht meine Macht ├╝bersteigen, werde ich sie erf├╝llen.“
„Und wenn ich keine W├╝nsche erf├╝llt haben m├Âchte?“
„├äh, wie bitte?“
„Was, wenn ich wunschlos gl├╝cklich w├Ąre? W├╝rdest du dann einfach wieder verschwinden, oder in deine Flasche zur├╝ckkehren, oder was immer Dschinns in ihrer Freizeit auch treiben m├Âgen?“
„Das... ├Ąhm... keine Ahnung, das hat mich bisher noch niemand gefragt. Alle wollten immer ihre W├╝nsche erf├╝llt haben.“
„Ich verstehe. Bist du einer von den hinterlistigen Geistern? Ich meine, wenn ich mir etwas von dir w├╝nsche und es in Erf├╝llung geht, hat das dann oft negative Konsequenzen?“
Der Geist kniff die Augen zusammen, so als ob er nachd├Ąchte, was er antworten sollte und sich Gedanken dar├╝ber machte als wie durchtrieben man diesen speziellen „j├Ąmmerlichen Sterblichen“ einsch├Ątzen musste.
„Man sollte seine W├╝nsche recht genau formulieren“, sagte der Geist vorsichtig. „Manch unvorsichtiger W├╝nscher hat schon ├ťbles erlebt. Nicht umsonst sagt man: `Sei vorsichtig mit dem was du dir w├╝nschst. Es k├Ânnte in Erf├╝llung gehen.“
„Also, ein klares Ja. Und mu├č ich meine W├╝nsche in einem einzigen Satz nennen, oder darf ich auch erkl├Ąren worum es dabei genau geht?“
„Es gen├╝gt, wenn ihr einen einzigen Satz aussprecht, der mit `Ich w├╝nsche┬┤ beginnt.“
Nun versuchte der Geist offensichtlich hinterlistig zu sein. Er bot Lebensaft die eingeschr├Ąnkte M├Âglichkeit, dass er nur einen einzigen Satz zur Verf├╝gung hatte um seinen Wunsch auszusprechen, sozusagen als Dreingabe an, die sie bei n├Ąherer Betrachtung nat├╝rlich nicht war. Bei dieser Gelegenheit scho├č es Lebensaft durch den Kopf, dass er mit dem Wort ┬┤w├╝nschen┬┤ nicht so leichtfertig umgehen sollte.
„Mir scheint, dass du mich eigentlich Meister nennen solltest“, meinte Lebensaft. „Ich meine, wenn wir hier schon auf den alten Gepflogenheiten bestehen, k├Ânntest du mir doch den Gefallen tun, oder?“
„Wie ihr w├╝nscht, Meister.“ Der Geist verneigte sich. „Wie kann ich euch zu Diensten sein?“
Lebensaft wusste, dass dies eine Falle war. Wenn er jetzt darauf pochte, dass er sich nichts gew├╝nscht hatte, wie der Geist unterstellte, und zum Beispiel sagte: „Nein, ich w├╝nsche nicht, dass du mich Meister nennst“, oder dergleichen, dann w├Ąre der erste Wunsch futsch. Er musste h├Âllisch aufpassen.
„Folgenderma├čen“, sagte Lebensaft. „Ich werde dir zuerst die Bedingungen nennen unter denen ich den Wunsch erf├╝llt haben m├Âchte. Danach werde ich dich fragen, ob du bereit bist und danach werde ich den Wunsch aussprechen und du wirst ihn genau so erf├╝llen, wie ich es dir gesagt habe. Versuch bitte nicht dich dumm zu stellen, oder mich irgendwie anders ├╝bers Ohr zu hauen. Klar?“
„Klar“, sagte der Geist ohne zu z├Âgern, was Lebensaft stutzig machte. Was hatte der Dschinn vor?
„Dann aufgepasst“, sagte er nichtsdestotrotz. „Reichtum. Und zwar unauff├Ąllig und nicht zu steuerlastig. Ich m├Âchte nicht pl├Âtzlich vor irgendein Gericht gezerrt werden, wo man mich bis aufs letzte Hemd auszieht und anschlie├čend in den Schuldturm wirft, weil Vater Staat meint, er h├Ątte Anspruch auf mein Geld. Alles soll ganz legal vonstatten gehen und ich bin auch gern bereit, das Staatss├Ąckel zu bereichern, aber ich will nicht drei Viertel der Kohle hergeben m├╝ssen. Meine laufenden Kosten sollen gedeckt sein; sollte ich jemals Familie haben, sollen auch deren Kosten gedeckt sein. Der Teil der Familie, der jetzt schon existiert soll, wenn n├Âtig, auch finanziell von mir unterst├╝tzt werden k├Ânnen. Und das wichtigste ├╝berhaupt ist: wenn ich mir etwas Teures in den Kopf gesetzt habe, will ich es mir jederzeit leisten k├Ânnen. Hast du das verstanden?“
Der Geist nickte.
„Bereit?“
Der Geist nickte abermals.
„Ich w├╝nsche das du mir erf├╝llst, wozu du dich bereit erkl├Ąrt hast.“
Lebensaft kam sich ob dieser Formulierung ziemlich klug vor. Schlie├člich hatte der Geist sich zu einigen Dingen bereit erkl├Ąrt, aber nur nach einer Aufforderung hatte Lebensaft gefragt, ob der Geist bereit w├Ąre. Sorgen machte ihm allerdings, dass der Dschinn so unger├╝hrt war. Nun, schlie├člich hatte Lebensaft noch zwei weitere W├╝nsche und der Geist dachte wahrscheinlich, dass er ihn schon noch kriegen w├╝rde.
„Gew├Ąhrt“, sagte der Dschinn und schnippte mit den Fingern.
Kurz blitzte in Lebensaft ein Anflug von schlechtem Gewissen darob auf, dass der Wunsch ziemlich egoistisch war. Auch der zweite Wunsch w├╝rde nicht weniger egoistisch sein, eher sogar noch mehr. Aber der dritte Wunsch w├╝rde, wenn alles gut ging, den Rest wettmachen. Schlie├člich hatte niemand von ihm verlangt, dass er ein Heiliger sein sollte.
„Hier ist mein zweiter Wunsch“, sagte Lebensaft. „K├Ârperliche Gesundheit. Lass mich erkl├Ąren, was das beinhaltet. Ich bin recht starker Raucher, daher m├Âchte ich, dass die Teerflecken auf meiner Lunge verschwinden und nicht wieder auftauchen. Die zerst├Ârten Zellen meiner Leber sollen erneuert werden, dasselbe gilt f├╝r mein Gehirn. Alle Knochenbr├╝che und Abnutzungserscheinungen in den Gelenken sollen verschwinden, als ob ich diesen K├Ârper nicht schon seit ├╝ber vierzig Jahren benutzen w├╝rde. Als Kind hatte ich Plattf├╝├če und einen Haltungsschaden; ich will das es so ist, als h├Ątte ich beides nie gehabt. Jede Narbe an meinem K├Ârper und auch alle T├Ątowierungen sollen durch gesundes Gewebe ersetzt werden, au├čer meinem Nabel nat├╝rlich. Was tust du da?“
„Ich mache mir Notizen“, sagte der Geist mit leicht gehetztem Gesichtsausdruck. Er hatte eine Pergamentrolle und einen Federkiel erscheinen lassen und die Feder kratzte eifrig ├╝ber das Leder. „Bitte fahrt fort, Meister.“
„├ähm, gut. Also weiter. Meine Z├Ąhne. Meine Z├Ąhne sollen so sein, als h├Ątte ich sie nie benutzt, sauber, nicht abgenutzt, ohne Zahnstein oder Plomben und nat├╝rlich ohne L├Âcher. Au├čerdem sollen sie gerade sein und niemals eine Zahnspange brauchen oder Karies bekommen. Ich m├Âchte, dass du meine Fehlsichtigkeit heilst und altersbedingter Fehlsichtigkeit vorbeugst. In den n├Ąchsten Monaten soll mein K├Ârperfett unauff├Ąllig zur├╝ckgehen, daf├╝r soll Muskelmasse ebenso unauff├Ąllig aufgebaut werden. Am Schlu├č m├Âchte ich achtzig Kilo haben und in Topform sein. Ich m├Âchte, dass du meine Arterien reinigst und meine Herzmuskeln st├Ąrkst. Genetisch bedingte Krankheiten sollen meine Generation und direkt von mir abstammende Kinder ├╝berspringen. Krebs, Aids und alle sonstigen unheilbaren Krankheiten sollen mich niemals heimsuchen. Keine Form von Sucht soll jemals Gewalt ├╝ber mich erlangen k├Ânnen. Au├čerdem m├Âchte ich, dass Wunden schneller heilen, dazu geh├Ârt auch folgendes: wenn man altert, dann greift der Sauerstoff in der Luft die K├Ârperzellen an, man oxidiert sozusagen. Auch das soll geheilt werden. Hast du das? Lass mal sehen.“
Der Dschinn reichte Lebensaft das Pergament und dieser las es sich durch. Erstaunlicherweise konnte Lebensaft lesen was da geschrieben stand und es stimmte mit den von ihm diktierten Bedingungen ├╝berein.
„Gut“, sagte Lebensaft. Er behielt die Pergamentrolle wohlweislich in der Hand und sagte: „Ich w├╝nsche, dass du mir erf├╝llst, was hier geschrieben steht.“
Der Geist wirkte diesmal viel weniger selbstsicher, als er mit den Fingern schnippte und sagte: „Gew├Ąhrt.“ Lebensaft konnte sp├╝ren, wie gewisse Dinge in seinem K├Ârper vorgingen, teilweise waren sie unangenehm, teilweise schmerzhaft und teilweise wunderbar. Hier konnte er endlich nachvollziehen, ob der Dschinn auch wirklich tat, was man ihm auftrug. Er ging zu einem Spiegel und l├Ąchelte hinein und seine Z├Ąhne waren genauso wie er sie sich vorgestellt hatte: gerade und wei├č. Die Plomben und L├Âcher waren verschwunden und die empfindlichen Stellen schmerzten nicht mehr. Er konnte leichter durchatmen und er f├╝hlte sich, als ob er ohne weiteres einen Marathonlauf durchhalten k├Ânnte. Lebensaft war begeistert – im wahrsten Sinne des Wortes.
Er nahm die Brille, die er nun nicht mehr brauchte, ab und drehte sich l├Ąchelnd zu dem Geist um, der sich in Erwartung des dritten Wunsches zu winden schien.
„Hier ist nun mein dritter Wunsch“, sagte Lebensaft. „Ich w├╝nsche, dass du mir zehn weitere W├╝nsche gew├Ąhrst.“
Der Geist lie├č resigniert die Schultern h├Ąngen und legte kurz eine Hand vor die Augen.
„Na gut“, seufzte er schlie├člich und schnippte mit den Fingern.
„Na gut?“, echote Lebensaft. „Was ist mit ┬┤Gew├Ąhrt┬┤ passiert?“
„Ihr habt zehn weitere W├╝nsche frei, Meister“, antwortete der Geist. „Bitte verspottet mich nicht auch noch.“
„Also gut“, sagte Lebensaft und rieb sich die H├Ąnde. „Weltfrieden. Liegt das in deiner Macht?“

Vier Jahre sp├Ąter lebte Lebensaft in einer Villa, die er nach seinen Vorstellungen hatte bauen lassen. Sie war vollgestopft mit allem was man sich nur w├╝nschen konnte, aber Lebensaft war ein eher bescheidener Mensch und so hatte er einen Gro├čteil der zehn W├╝nsche dazu aufgewandt, den Menschen zu helfen. Weltfrieden, oder die Beendigung des Welthungers lag nicht in der Macht des Geistes, wohl aber konnte er gewissen Leuten gewisse Denkanst├Â├če geben und so waren im letzten Jahr mehrere Kriege f├╝r immer zu Ende gegangen, einige Politiker versuchten nicht mehr sich nur die eigenen Taschen vollzustopfen und Lebensaft finanzierte aus eigener Tasche verschiedene wohlt├Ątige Organisationen, die ├╝beraus effizient arbeiteten. Das lag daran, dass Lebensaft einen geradezu untr├╝glichen Instinkt hatte, was Menschen anging und immer die richtigen Leute in die richtigen Positionen setzte. Menschenkenntnis war sein f├╝nfter Wunsch gewesen. Manchmal hielt er das f├╝r einen Fehler, Menschen konnten erschreckend sein.
Nichtsdestotrotz lief eigentlich alles so, wie er es sich vorgestellt hatte. Die Feindseligkeiten in Irland waren beendet, Gro├čbritannien hatte auf einen Teil seines Hoheitsgebietes verzichtet und die Republik hatte ihre protestantischen Br├╝der in die Arme geschlossen. Israel hatte aufgeh├Ârt Pal├Ąstinenser zu t├Âten und alle arabischen Staaten hatten mit Israel Frieden geschlossen. Alle Terroristen der Welt waren auf einen Schlag ausgeliefert und ihre Organisationen aufgel├Âst worden, w├Ąhrend die USA in allen Bundesstaaten die Todesstrafe aufhoben. Die Weltbev├Âlkerung explodierte jetzt noch schneller als zuvor, aber auf Lebensafts Betreiben hin hatten sich russische, afrikanische, europ├Ąische und amerikanische Wissenschaftler zusammengetan, um sich mit Dingen wie interstellarer Raumfahrt, Terraforming und dergleichen auseinanderzusetzen, um es der Menschheit zu erm├Âglichen, sich zu den Sternen aufzumachen. Zusammen hatten sie schon neue Triebwerke und einen revolution├Ąren neuen Treibstoff erfunden, die bei gr├Â├čerer Effizienz gr├Â├čere Geschwindigkeiten erm├Âglichten – nat├╝rlich hatte auch hier der Geist seine Finger im Spiel. In zwei Monaten w├╝rden gleichzeitig vier Raumstationen im Weltall zusammengebaut werden, deren Aufgabe es war zuerst einen Weltraumlift zu bauen (das Material f├╝r das Kabel hatte ebenfalls der Dschinn entwickelt), um dann als Weltraumbahnh├Âfe zu dienen. In sp├Ątestens einem Jahr w├╝rden die ersten Siedler zum Mars aufbrechen, um dessen Pole zum Schmelzen zu bringen und so Wasservorr├Ąte und eine Atmosph├Ąre zu schaffen. In zwanzig Jahren w├╝rde das Problem der Bev├Âlkerungsexplosion gel├Âst sein.
Trotzdem war Lebensaft nicht zufrieden. In den letzten Jahren hatte er sicher hundert oder mehr W├╝nsche verbraucht und sein letzter war jeweils der nach zehn weiteren W├╝nschen gewesen. Langsam begann der Geist ihm leid zu tun. Auch hatte er, jetzt, nachdem ihm die Menschheit gerettet schien, den Wunsch nach pers├Ânlichem Gl├╝ck. Und er hatte noch einen Wunsch frei.
„Sarah“, rief er nach dem Dschinn. Lebensafts achter Wunsch war es gewesen, dass der Geist menschliche Form annahm, und zwar die einer sch├Ânen Frau um die vierzig. Mit ein wenig Reue und Besch├Ąmtheit dachte er daran zur├╝ck, dass er den einen oder anderen Wunsch dazu aufgewandt hatte, mit Sarah das Bett zu teilen. Seltsamerweise schien ihr das nicht soviel auszumachen, wie er gedacht hatte. Sie hatte ihm sogar einmal gesagt, dass er daf├╝r gar keinen Wunsch br├Ąuchte, trotzdem hatte er es weiter so gehalten, alles andere w├Ąre ihm seltsam vorgekommen.
Sarah kam aus dem Arbeitszimmer und setzt sich zu ihm auf die Couch.
„Ja, Meister?“
Lebensaft verzog das Gesicht.
„Es w├Ąre mir lieber, wenn du mich beim Namen nennen w├╝rdest“, sagte er. „Ich bilde mir gerne ein, dass wir inzwischen so etwas wie Freunde geworden sind. Auch habe ich dir schon mehrmals gesagt, dass es mir so lieber w├Ąre. Die Leute gucken schon, wenn du beim Einkaufen ┬┤Meister┬┤ zu mir sagst. Schlie├člich sind wir hier nicht bei ┬┤Bezaubernde Jeannie┬┤.“
Sarah lachte melodisch und legte eine Hand auf Lebensafts Arm.
„Ich will dich doch nur ├Ąrgern, Mordechai. Du machst es mir oft auch nicht gerade leicht. Du kannst ein schrecklicher Brummb├Ąr sein.“
Lebensaft lachte. Er konnte Sarah wirklich sehr gut leiden, darum schmerzte ihn umso mehr, was er gleich tun w├╝rde.
„Wie du wei├čt“, begann er, „habe ich nur noch einen Wunsch ├╝brig, und ich m├Âchte...“
„Zehn weitere W├╝nsche“, seufzte sie. „Schon gew├Ąhrt.“
„Nein, nein“, sagt er, „das soll mein allerletzter Wunsch sein. Du sollst wissen, dass ich dich mag und dass ich dich nicht einfach so wegschicken m├Âchte, aber ich glaube es wird Zeit, dass ich damit aufh├Âre dich auszunutzen. Ich m├Âchte nur wissen, ob es dir gut gehen wird, wenn du wieder,... du wei├čt schon.“
„Ich... ich denke schon.“ Sarah schien entt├Ąuscht. „Mach dir um mich keine Gedanken, ich komme zurecht. Wie lautet dein letzter Wunsch, Meister?“
Lebensafts Gesicht verzog sich schmerzerf├╝llt, als er die K├╝hle in ihrer Stimme h├Ârte. Sarah stand auf und verschr├Ąnkte die Arme. Sie war jetzt gekleidet wie eine Haremsdame und in ihrer Hand erschien ein Krummschwert.
„Mein letzter Wunsch.“ Lebensaft schluckte. Das h├Ârte sich so endg├╝ltig an und er war drauf und dran das Ganze abzublasen, aber er wollte nicht mehr egoistisch sein. Nur noch einmal.
„Ich w├╝nsche mir eine Frau, mit der ich f├╝r den Rest meines Lebens gl├╝cklich sein kann.“
Sarah und er hatten schon lange aufgeh├Ârt dieses Spielchen mit den Formulierungen zu spielen.
„Gew├Ąhrt“, sagte Sarah und seltsamerweise l├Ąchelte sie dabei. „Leb wohl.“
Sie schnippte mit den Fingern und war verschwunden. Die n├Ąchsten Stunden brachte Lebensaft damit zu nach der Lampe zu suchen, aber sie war nirgends zu finden. Irgendein gl├╝cklicher Mensch in einem entlegenen Teil der Welt mochte sie gerade auf einem Basar kaufen, oder bei einem Garagenverkauf. Lebensaft hoffte nur, dass derjenige die Lampe auch verdiente. Er seufzte, als es an der T├╝r klingelte.
„Guten Tag“, sagte die sch├Âne Frau um die Vierzig, die vor seiner Haust├╝r stand. „Ich bin gerade in das Haus gegen├╝ber eingezogen und m├Âchte mich vorstellen. Mein Name ist... „
„Sarah“, sagte Lebensaft und schloss sie in die Arme.

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Dorian
One-Hit-Wonder-Autor
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Umschichtung

Bei n├Ąherer Betrachtung f├Ąllt mir auf, da├č ich dieses Werk wohl doch eher in das Fantasy-Forum h├Ątte posten sollen. Oder was meint ihr?

LG

Dorian

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birdy
H├Ąufig gelesener Autor
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Hut ab !!

Hallo Dorian !

Was mir an Deiner Geschichte besonders auff├Ąlt, ist, dass sie sehr, sehr gut durchdacht ist. Diese genauen Formulierungen der W├╝nsche kommen wohl nur jemandem in den Sinn, der sich mit Fantasy schon lange und intensiv besch├Ąftigt. Somit "glaubt" man Mordechai sein Dasein als Fantasy-Autor.
Die Story hat Humor (war auch zu erwarten ), viel Phantasie, einen sch├Ânen Aufbau und einen Schuss Romantik (sind wohl die Frauen Schuld ). Wenn die Geschichte nicht zu Deinen besseren Arbeiten z├Ąhlt, dann solltest Du aber die guten mal einem Verleger schicken.
Um einen Text zu analysieren bin ich nicht der Geeignete. Ich kann nur sagen: Die Geschichte liest sich einfach gut!

Liebe Gr├╝sse
birdy
__________________
Entweder konsequent oder inkonsequent, aber mit dem ewigen hin und her ist Schlu├č!
http://www.satirisches.com

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flammarion
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Registriert: Jan 2001

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ich

habe deine geschichte mit gro├čem vergn├╝gen gelesen. ich finde, sie kann hier ebensogut stehen wie bei fantasy. sie kommt in meine sammlung. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Dorian
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Registriert: Apr 2002

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Hallo Leute!

Entschuldigung, da├č ich mich erst jetzt melde.

Danke f├╝r eure Kritiken, waren mal wieder Labsal f├╝r mein Ego. Kann ich im Moment auch brauchen.

Ich bin der Leselupe untreu geworden und habe den Text mal auf eine andere Seite gepostet, dabei kam heraus, da├č einige Leute das Ende zu zahm finden, da├č ein Knalleffekt fehlt.

Was meint ihr dazu?

LG

Dorian

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GabiSils
???
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Kommentare: 1405
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Ochn├Â, keine Knalleffekte. Das Ende ist richtig was f├╝rs Herz, Frauen um die vierzig m├Âgen sowas

Gru├č,
Gabi

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

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hm,

bei dem, der sich hier n knalleffekt w├╝nschte, hat sicher der neid die feder gef├╝hrt. lg
__________________
Old Icke

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