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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Lebensgefühl
Eingestellt am 11. 04. 2011 11:23


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Lutz Sehmisch
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2011

Werke: 9
Kommentare: 1
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Der unsichtbare Vorhang

Es ist Freitag Morgen. Der Tag beginnt zu erwachen. Ich habe heute einen langen Weg vor mir. Aber die acht bis neun Stunden Fahrt auf der Autobahn schrecken mich nicht ab. Erwartungsvoll lasse ich den Tag beginnen. Besonders freue mich schon auf Norman`s Gesicht, wenn ich unangemeldet vor ihm stehe. Er rechnet bestimmt nicht damit, dass ich selbst ihn an seinem 30. Geburtstag in den Arm nehme. Mir ist es aber sehr wichtig. Ich bin stolz auf ihn und möchte ihm dies auch zeigen, ihn wertschätzen. Wie sehr wünschte ich mir selbst eine solche Anerkennung durch meinen Vater. Aber ich warte seit vielen Jahren vergebens darauf.

Die Autobahn zieht sich lang hin. Ich komme erstaunlich gut voran. Am Autohof Schnaittach mache ich den ersten größeren Stopp und tanke nach. Bis hierher ließ ich die Landschaft fast gedankenlos an mir vorbeiziehen.
Ich fahre weiter. Mein Kopf ist auf einmal gar nicht mehr so leer. Der Verkehr hat zugenommen. Ich habe nun auch keinen Blick mehr für die Landschaft, nehme nicht mehr wahr, ob sie schön ist oder nicht. Ich habe das Gefühl wieder im echten Leben angekommen zu sein. Von hinten kommen tief fliegende Luxuskarossen heran und drängeln mich regelrecht weg. Ich fühle mich unsicher und ärgere mich über solche rücksichtslosen Chaoten. Fahrspuren werden urplötzlich ohne vorherige Blinkanzeige wie wild hin und her gewechselt. Gefährliche Bremsmanöver folgen. Es ist einfach nur Wahnsinn. Es strengt mich an. Die Muskeln flattern heftig, wie im Wind. Das Herz schmerzt. Jetzt muss ich öfter kleinere Pausen einlegen. Die Kraft lässt merklich nach. Die Symptome lassen meine Gedanken schweifen. Ich fühle mich im Moment genauso, wie schon in den letzten Wochen. Gehetzt und getrieben. Angstgefühle und Panik machen sich breit. Ich habe das Gefühl dem Druck nicht standhalten zu können. So macht mir das Leben keinen Spaß. Das muss sich unbedingt ändern. Aber wie? Bis jetzt gelang mir das immer nur mit Flucht. Mir gefällt es auch nicht, dass Bekannte und Nachbarn erzählen, ich sei „d u“ – dauernd unterwegs.

20 Km noch bis zum Grenzübergang. Meine innere Unruhe steigt. Ich bin nervös. Dabei habe ich überhaupt keinen Grund dazu. Zollbestimmungen habe ich eingehalten, Papiere und Fahrzeug sind in Ordnung.
Vor mir erscheint das Schild „Zollabfertigung 800 m“. Verkehrsschilder geben vor, die Geschwindigkeit zu drosseln, 80 … 60 … 40 … . Da ist schon das Ende der Autoschlange ran. Ich bin verdutzt. Bisher habe ich hier noch nie stehen müssen. Vorne sehe ich schon die Grenzbeamten die Autoreihe entlang schreiten. In jedes Fahrzeug schauen sie durch die Scheiben hinein, verlangen die Papiere. Sie schauen, prüfen und gehen weiter. Plötzlich hören sie auf. Einer hebt den Arm – wahrscheinlich der Truppführer – und winkt mit dem Arm in Fahrtrichtung. Kein einziges Fahrzeug mehr wird kontrolliert. Die Kolonne setzt sich in Bewegung und rollt ungehindert durch die Grenzstation. SCHICHTWECHSEL!

Nun bin ich auf eidgenössischem Boden. Es ist wie immer eigenartig. Als ob ich durch einen dichten Fadenvorhang hindurch gefahren wäre. Alle Sorgen sind abgestreift, in den Fäden hängen geblieben. Keiner schubst und drängelt mehr. Alles geht in Ruhe und Gemächlichkeit voran. Ich fahre auf der Stadtautobahn durch Basel, viele Brücken und Tunnel passiere ich. Hier rast niemand.
Hinter der Stadt tauchen rechts und links die Berge auf. Ich bin von dem Bild fasziniert. Die Landschaft ist satt grün. Sie sieht erholt und gesund aus, wirkt beruhigend auf meine Seele. Kilometerlange Tunnel durch die Berge folgen. Ich tauche in die gespenstischen Röhren ein und hab das Gefühl durch sternenklare Nacht zu fahren. Ich fühle mich sicher und befreit. Alles läuft ganz ruhig. Ich gleite geräuschlos unter die riesigen Bergketten hindurch auf die andere Seite.
An das Tageslicht wieder zurückgekehrt, scheinen die sattgrünen Berghänge, die strahlende Sonne und die weißen Wolken am Himmel noch fantastischer als zuvor. Alle Anstrengung ist wie weggewischt. Ich fühle mich immer ruhiger und ausgeglichener. Kann das überhaupt sein? Ich frage mich jedes Mal von Neuem, was es wohl Besonderes in der Schweiz ist, solch ein beeindruckendes Gefühl zu erleben. Ich habe es noch nicht herausgefunden.

Es ist ein Lebensgefühl, was dort erwacht. Es ist nicht nur die nahe Familie. Alle Menschen sind dort freundlich zu einander und viel offener als in Deutschland. Ich gehe durch die Straßen der Dörfer und Städte und hab das Gefühl wahrgenommen zu werden. Ich werde so oft gegrüßt, als ob ich schon ewig da wäre und mich jeder kennt. Ich fühle mich immer wieder geborgen, geachtet, einfach zufrieden und glücklich.
Es dauert nur zwei bis drei Tage und alle meine psychosomatischen Beschwerden sind wie weggeblasen.

Bis zum Tag vor meiner Heimreise. Der Weg zurück bis zur Grenze ist jedes Mal ein Stück schmerzvoller Abschied. Dann tauche ich wieder in den Fadenvorhang ein und kaum auf deutschem Boden hat mich die hektische und zermürbende Welt wieder ein.

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