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Leselupe.de > Kurzprosa
Lebenslauf
Eingestellt am 14. 12. 2005 00:48


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axel
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Registriert: Apr 2001

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Mein Knie schmerzt und droht bei jedem Schritt zu explodieren.
Die ganze linke Seite tut weh; normale Seitenstiche sind das längst nicht mehr.
Ich sollte aufhören und meinem Körper endlich die Pause gönnen, nach der er schon so lange schreit, doch aufgeben darf ich nicht. Das habe ich schon viel zu oft getan, und wenn ich es jetzt wieder tue, wird es mein letztes Mal sein.
Das Eis ist nicht dick genug, um mich zu tragen.
Wenn ich stehen bleibe, wird es brechen.
Zumindest haben sie das behauptet, bevor sie mich in diese wei√üe W√ľste jagten.
Einer von ihnen hat auf mich geschossen, als nicht gleich loslaufen wollte.
Treffen wollte er mich nicht, das hätte er ohne Probleme schaffen können, aber ein Schuss in die Luft war das auch nicht.
Vielleicht haben sie gelogen.
Wenn ich stehen bliebe oder mich flach auf den Boden legte, w√ľrde das Eis vielleicht nicht brechen. So lange ich laufe, belaste ich zwar jede Stelle nur einen kurzen Augenblick, allerdings mit gro√üem Gewicht.
Ich hätte in Physik besser aufpassen sollen.
Andererseits wei√ü ich, dass ich innerhalb weniger Minuten einschlafen und nicht mehr aufwachen w√ľrde, wenn ich mich jetzt auf das Eis legte.
Also laufe ich weiter und versuche, die Geschwindigkeit zu halten. Ich kann nicht mehr sagen, wie lange ich schon laufe und wie viele Kilometer ich hinter mich gebracht habe.
Alles ist weiß um mich herum, das Eis schon nach wenigen Metern nicht mehr von dem dichten Nebel zu unterscheiden.
Sie haben gesagt, dass ich frei w√§re, wenn ich es bis zum anderen Ufer schaffen w√ľrde, und mir sp√∂ttisch viel Gl√ľck gew√ľnscht.
Vielleicht gibt es kein anderes Ufer, vielleicht wollen sie mich einfach nur umbringen und sparen sich auf diese Weise noch das Problem, meine Leiche verschwinden zu lassen.
Aber warum? Warum ich? Was habe ich getan?

Dann denke ich auf einmal an jene Nacht, die nun schon so viele Jahre zur√ľckliegt, als ich einfach nicht mehr wollte. Damals war Sommer, es war warm, und ich sa√ü auf meinem Bett, mit meinem neuen Fahrtenmesser in der Hand.
Ich habe es mir viele Male an die Brust gehalten, vorher jeweils mein Herz ertastet und mit den Fingern die Räume zwischen den Rippen gesucht. Ich wusste: Wenn ich es schaffen will, muss ich mit einem einzigen Stich das Herz treffen, darf nicht an einer Rippe hängen bleiben. Ich habe das Messer mit beiden Händen fest umfasst, immer wieder, doch am nächsten Morgen war mein Kissen vollgeheult, und ich hatte nicht mal einen Kratzer in der Haut.
Wenn sie in jener Nacht zu mir gekommen wären, hätte der helle Strahler mich genauso geblendet wie in der vergangenen Nacht, doch die Pistole hätte mir keine Angst einjagen können.
‚ÄěNa los, Jungs, macht doch, ich war sowieso gerade dabei.‚Äú
Sie h√§tten mir trotzdem etwas einfl√∂√üen k√∂nnen, aber ich w√§re nie aufs Eis gegangen, w√§re v√∂llig cool geblieben, denn ich hatte ja keine Angst vor dem Tod. Vielleicht h√§tte ich sie damit aus dem Konzept gebracht und die Nacht √ľberlebt.

Jetzt muss ich weiterlaufen, wenn ich √ľberleben will. Nicht dar√ľber nachdenken, ob es ein Ziel gibt, und was mich dort erwarten k√∂nnte. Der Verstand muss sich darauf konzentrieren, den K√∂rper zu koordinieren. Die Seitenstiche wegdenken, die Schmerzen im Knie, die K√§lte, die N√§sse, einfach alles um mich herum.
Die Beine m√ľssen laufen!
Ich muss durchhalten!
__________________
Bis hierhin vielen Dank!
(Friedrich K√ľppersbusch)

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