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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Lebenslüge
Eingestellt am 08. 09. 2009 09:52


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lillygermany
Hobbydichter
Registriert: Sep 2009

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Die Lebenslüge

Er schaute in den Spiegel, trug sein teuer erworbenes Anti-Aging-Pflegeprodukt gründlich auf sein Gesicht auf und stellte sein Lächeln für den Tag ein. Grinsend sprach er sein Spiegelbild an: „Guten Tag! Voigt ist mein Name. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Er hatte diesen Tipp in einem Magazin gelesen. In einem Frauenmagazin für Männer, wie man so schön sagt. Wenn man den Tag mit einem Lächeln beginnt, dann schüttet das Gehirn auch wenn es nichts zu Lachen gibt, verstärkt Botenstoffe aus, die glücklich machen. So richtig glücklich fühlte er sich nicht.
Seine Eltern hatten ihn Till genannt, was so viel wie der Herrscher bedeutet. Er sollte mal ein besseres Leben als seine Eltern haben. Sein Vater hatte sein Leben lang hart als Maler geschuftet und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass sein Sohn eine wichtige Arbeit verrichtet. Eine saubere Arbeit, bei der man mit Anzug und Krawatte im Büro erscheint.
Oberflächlich betrachtet hatte Till dieses Ziel erreicht. Er war Sales-Manager in einem der größeren Fitness-Center in der Region. Mit dem Manager-Titel konnte er seine Eltern, die keine Ahnung von der modernen Arbeitswelt hatten und andere Ahnungslose beeindrucken. Till musste bei der Arbeit einen strikten Dresscode befolgen und in Anzug und Krawatte erscheinen. Er musste sich auch ein 4qm großes Kabuff als Büro mit einem anderen Sales-Manager teilen. Dieser Zwang ekelte Till an. Die Arbeit stank ihm eigentlich gewaltig.
Als ob er bemüht wäre diesen Gestank los zu werden, besprühte sich Till mit seinem Lieblingsparfum „Pour le Monsieur“ von Chanel ein. Das gönnte er sich als mittlerweile 40-Jähriger. Er lächelte sich nochmals gequält im Spiegel an bevor er das Bad verließ.
Till war kein echter Parvenü. Noch nicht mal das. Dazu hatte er zu wenig Geld. Dazu war er einfach zu wenig aufgestiegen. Im Gegensatz zu seinem Freundeskreis hatte er es nicht besonders weit geschafft. Es war eher eine Qual für Till mit diesen Bekannten über virtuelle soziale Netzwerke Kontakt zu halten. Sich messen konnte er sich mit ihnen nicht. Sie schienen das Leben zu führen und zu genießen, das eigentlich Till gehören sollte. Er empfand Neid.
Wenn man zusammenfassen wollte, was Till war, könnte man schlicht und ergreifend das Adjektiv oberflächlich benutzen. Ein einziges Adjektiv zu verwenden, um seine Persönlichkeit zu beschreiben, reichte durchaus. Sein Interesse galt stets der Oberfläche von Objekten. Das merkte jeder, der hinter die antrainierte sonore Stimme, die von Ernsthaftigkeit und Bedachtheit zeugen sollte, blicken konnte.
Seine Professoren hatten ihn durchschaut. Er konnte sein Jura-Studium nicht beenden, da er den eifrigen Studenten mimte, es aber einfach nicht war. Er hatte es damals einfach nicht geschafft, sich in die Materie zu vertiefen.
Till beeilte sich. Er war spät dran. Er erreichte noch rechtzeitig sie Straßenbahn und nahm am Fenster Platz und stellte sofort seine Tasche auf den Nebensitz. Er wollte allein sein. Sein Blick fiel auf zwei Jungs. Verachtend musterte er sie. Sie trugen gefälschte Dolce & Gabana T-Shirts, was Till auf Anhieb erkannte. Er verabscheute Plagiate und das Mittelmaß an sich. Das machte ihn immer fassungslos. Er konnte nicht verstehen, warum Menschen sich gefälschte Designerstücke anschafften. Sollten sie sich doch Originale kaufen, so wie er, dachte er sich. Till strich sich sorgfältig über sein Versace Business Hemd. Er ersteigerte sämtliche Versace Bekleidungsstücke der 80er Jahre über Ebay für wenig Geld. Niemand sonst hatte Bedarf an diesen Klamotten. Damals in den 80ern als er als 20-jähriger Versace entdeckte, konnte er sich diese Klamotten nicht leisten. Nun holte er es nach. Nun holte er sich die ganzen Designermarken aus seiner Jugend in sein Leben. Er wusste, dass es 20 Jahre zu spät war. Dennoch genoss er diesen kleinen Luxus, den er sich mit seinem mickrigen Gehalt leistete. Bei einer 60 Stunden Arbeitswoche verdiente er gerade 1200€. Aber dafür konnte er sich Manager nennen.
Till stieg aus und eilte in das Fitness-Center. Die erste Kundin, die an einem Vertrag interessiert war, wartete bereits.
„Guten Tag. Voigt ist mein Name. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Er war ein guter Schauspieler.

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