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Lebensmitteltafel Essen – Ein Lehrstück für Agendasurfing und Filterblase
Eingestellt am 24. 02. 2018 13:32


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Schreibensdochauf
???
Registriert: Dec 2011

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Ein Verein in einer deutschen Großstadt trifft aus Gründen eine Entscheidung. Medien, Verbände, Parteien stellen auf scharf, schießen aus ihrer Filterblase und surfen das Thema ab.

Was ist passiert. Die Essener Tafel beschließt, Lebensmittel vorerst nur noch an Personen auszugeben, die im Besitz eines deutschen Passes sind. Zur Begründung heißt es, viele Flüchtlinge, hauptsächlich junge Männer, verhalten sich rücksichtslos und verschrecken vor allem ältere NutzerInnen des Tafelangebots und Alleinerziehende. Deshalb wird für diesen Personenkreis eine Ausgabepause eingelegt. So weit, so diskussionswürdig.

Es ist die hohe Zeit für politische und verbandliche Profis. Die Faktenlage ist schnell irrelevant. Die AFD jubiliert, „Tafel nur für Deutsche“. Das Deutschenbild der AFD ist der Blutdeutsche seit 16 hundert Drölfzig. Wir sehen aufrechte blonde Deutsche an der Feldküche stehen. Dass Essen eine Stadt mit einem multikulturellen Hintergrund ist, in der selbstverständlich auch gebürtige Türken, Russen, Bosnier, Marrokaner, Senegalesen, Polen…die deutsche Staatsbürgerschaft haben, wird in der Diktion der AFD selbstredend außeracht gelassen.

Ein Politiker der Grünen versucht es mit einem anderen Bild. Man dürfe keinen Unterschied machen, ob eine deutsche Großmutter oder eine türkische Großmutter um Nahrungsmittel anstehe. Von klapprigen Großmüttern, denen Hilfe verweigert wird, war nirgends die Rede. Jeder versucht seine Bilder zu erzeugen, jeder seinen eigenen Narrativ anzulegen.

Von Verbänden, die mit den Tafeln interagieren, kann selbstreden nur halbgare Kritik kommen. Da gilt, es das berühmte „Ja, aber“ einzusetzen. Dieses suggeriert irgendwie Verständnis mit dem Vorgehen der Tafel, ABER irgendwie ist es auch nicht so richtig gut.

Für die linke Opposition ist das Thema ein gefundenes Fressen, da sie selbstredend auf den grundsätzlichen Skandal hinweisen kann, dass es in einem reichen Land wie Deutschland überhaupt Tafeln gibt. Im Regen stehen natürlich die Regierungsparteien, die nur schwach darauf hinweisen können, dass keine Unterscheidungen getätigt werden sollen.

Das Thema hat die bekannte Eigendynamik entwickelt, die schätzungsweise drei Tage anhalten wird. Dann wendet man sich wieder dem nächsten Thema zu. Die Medien, vor allem auch im digitalen Bereich, müssen die Klickrate hochhalten. Hier gilt es, möglichst harte O-Töne einzufangen, um das Thema oben zu halten. Am besten O-Töne, die andere wieder anregen, harte Gegen-O-Töne zu geben.

Bis dahin wird es noch einige Interviews im Frühstückfernsehen geben, eine Reportage über Tafeln, sicher eine Live-Schalte zur Essensausgabe in Essen und vielleicht klebt sich Günter Wallraff noch einen Schnurrbart an und versucht ohne Pass drei Brötchen abzugreifen.

Das Beunruhigende an diesen Vorgängen ist, dass es den Beteiligten lediglich um Bestätigung ihrer Weltsicht oder das Abarbeiten ihrer Agenda geht. Ein Ritual. Die Faktenlage vor Ort ist, wenn überhaupt, zweitrangig.

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"Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche". Alt und wahr.

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