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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Lebensnebel
Eingestellt am 08. 11. 2007 16:08


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Valentine
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Feb 2004

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Lebensnebel

Sie atmete tief durch, lockerte ihre Arme und setzte sich noch einmal aufrecht hin. Dann fing sie an zu schreiben. Sie schrieb und schrieb und schrieb, strich durch, z├Ąhlte Versma├če ab, reimte, was das Zeug hielt und schrieb, schrieb, schrieb. Diesmal war sie sich ganz sicher, dass ihr der gro├če Wurf gelingen und ihr Werk abgedruckt w├╝rde. Und dann, endlich, endlich, war ihr Oeuvre fertig. Die Schultern waren verspannt, die Finger der rechten Hand steif, das linke Bein eingeschlafen, aber vor ihr auf dem Schreibtisch lag ihr neuester lyrischer Erguss. Sie strahlte ├╝bers ganze Gesicht wie die Sonne an einem hei├čen Augustnachmittag.

Beate Wohlgemuth war Mitte 40 und Gedichteschreiberin durch und durch, mit Leib und Seele, eine, wie sie sich selbst gern bezeichnete, Vollblutpoetin, der Metaphern, Kreuzreime und auch Haikus sprichw├Ârtlich nur so aus den Fingern flossen. Das Dichten war ihr Leben, ihre Passion, quasi ihr Sein. St├Ąndig war sie versucht, in Reimen zu sprechen oder auf Fragen in Reimform zu antworten. Was manchen Zeitgenossen merkw├╝rdig erschien, war f├╝r Beate ganz normal. Sie sch├╝ttelte den Kopf, sodass ihre asymmetrisch geschnittenen hennafarbenen Haare lustig hin und her wackelten. Der beigebraune Federohrring an ihrem rechten Ohr schaukelte dazu im Takt.
Dann las sie sich ihr Werk, das sie soeben verfasst hatte, noch einmal durch:


Lebensnebel

Lebensnebel, Spiel des Lebens,
Lebensl├Ąufe, alles vergebens.
Lebensraum, Lebenstraum,
Lebenswahn, Lebenstran.
Lebensnebel, Brot des Lebens,
Lebenswandel, alles vergebens.
Lebensfern, Lebensstern,
Lebensmut, Lebenswut.
Lebensnebel, Baum des Lebens,
Lebensziele, alles vergebens.
Lebensrat, Lebensnaht,
Lebensnah, lebenswahr.
Lebensnebel, Sinn des Lebens,
alles vergebens, alles vergebens.
Alles.
Vergebens.
Alles vergeben(s).


Genau dieses Gedicht und kein anderes wollte sie an "Ganz bei dir" schicken. In der Rubrik "Die geschriebenen Gef├╝hle" ver├Âffentlichte die Esoterikzeitschrift einmal im Monat von Lesern, meistens von Leserinnen, eingesandte und selbst verfasste Poems. Seit Beate dieses Magazin ├╝ber den Sinn des Lebens vor f├╝nf Jahren abonniert hatte, schickte sie immer wieder, genau genommen Monat f├╝r Monat f├╝r Monat, eines ihrer Reimnisse ein. Entweder ein eigens f├╝r "Die geschriebenen Gef├╝hle" komponiertes oder eines aus ihrem stattlichen Fundus an, wie sie sie nannte, Lebensgedichten. Bisher leider ohne nennenswerten Erfolg. Zwar hatte Beate im vierten Jahr ihres kreativen Schaffens f├╝r "Ganz bei dir" von Valentin Wagensch├╝tz, dem Herausgeber, ein mit Computer verfasstes Schreiben bekommen, das sie h├╝tete wie der Louvre die Mona Lisa. In diesem Brief dankte er ihr f├╝r ihre (bis dahin) 43 Einsendungen, aber ver├Âffentlicht wurde trotzdem keines, bis heute nicht.

Doch "Lebensnebel" w├╝rde die Wende einleiten, da war sich Beate ganz sicher. Diesmal w├╝rde sie ihr Bauchgef├╝hl nicht tr├╝gen. Diesmal w├╝rde sie von Valentin handgeschriebene Zeilen erhalten, die mit den Worten "Herzlichen Gl├╝ckwunsch, verehrte Frau Wohlgemuth, Ihr lyrisches Werk 'Lebensnebel' wird in 'Die geschriebenen Gef├╝hle' ver├Âffentlicht!" beginnen w├╝rden. Diesmal w├╝rde sie in der n├Ąchsten Ausgabe von "Ganz bei dir" ihre eigenen Worte lila auf wei├č abgedruckt sehen. Diesmal bestimmt!
Beate strich noch einmal ├╝ber ihr Gedicht wie eine Mutter, die ihrem Neugeborenen den kahlen Kopf t├Ątschelt. Dann zog sie zwei wei├če Bl├Ątter und einen blasslila Umschlag aus der Schreibtischschublade, nahm ihren nachtblauen F├╝llfederhalter und schrieb "Lebensnebel" ins Reine. Einen Computer besa├č sie nicht. Diese Monster der Technik waren ihr mehr als suspekt, und au├čerdem war ein von Hand verfasster Text doch viel pers├Ânlicher, fand Beate. Valentin sah das sicher genauso. Ein derart belesener Mann, dem die Esoterik ├╝ber alles ging, fand elektronische Gehirne gewiss gleicherma├čen befremdlich wie sie, das sp├╝rte sie einfach.

Sie faltete die jetzt beschrifteten Seiten Kante auf Kante und noch einmal Kante auf Kante, steckte sie in das Kuvert und verschloss dieses mit einem ihrer Adressaufkleber. Diese, 500 an der Zahl, hatte sie letztes Jahr zum Geburtstag von ihrer Freundin Elisabeth bekommen. Sie schrieb ebenfalls Gedichte, allerdings nicht mit den Ambitionen, die Beate versp├╝rte. Aber da Elisabeth wusste, wie oft Beate eines ihrer Werke einschickte, wollte sie ihr wenigstens das Absenderschreiben ersparen und hatte ihr deshalb die kleinen rechteckigen Aufkleber geschenkt. Darauf waren neben Beates Adresse eine Schreibfeder und ein Tintenfass abgebildet. Alles war in zarten Fliedert├Ânen gehalten, Beates Lieblingsfarbe.
So, jetzt noch vorne auf den Umschlag die Anschrift von "Ganz bei dir" geschrieben (daf├╝r hatte sie leider keine Etiketten) und dann nichts wie ab mit dem Werk an Valentin. Sie ergriff das Kuvert, zog sich Schuhe an und lief schnell zum Postkasten, der sich genau vor dem Haus befand, in dem sie im Hochparterre, Altbau, drei Zimmer, K├╝che, Bad alleine lebte.

Kurz darauf sa├č sie wieder an ihrem Schreibtisch, der direkt am Fenster stand, hatte den Briefkasten gut im Blick und wollte nun ein wenig Ordnung schaffen. Sie verstaute ihren F├╝ller sorgf├Ąltig in dem daf├╝r vorgesehenen Metalletui, stapelte herumliegende B├╝cher aufeinander, nahm die erste Version von "Lebensnebel" und heftete sie in einen eigens f├╝r "Ganz bei dir" angelegten Ordner (genau genommen hatte sie vor zwei Monaten einen neuen angefangen, nachdem der erste beinahe aus allen N├Ąhten geplatzt war) und suchte dann den Tisch nach einem Brief ab, den sie heute Morgen geschrieben hatte. Beate schrieb h├Ąufig Briefe, die sie jedoch nie abschickte, gewisserma├čen eine Art Tagebuchersatz, um dieses oder jenes zu verarbeiten oder loszuwerden. Nicht immer hatten diese Botschaften einen expliziten Adressaten, doch die Zeilen, die an diesem Vormittag aus ihr herausgedrungen waren, gingen an Valentin, "Wally", wie sie ihn insgeheim nannte.

Lange hatte Beate es selber nicht wahrhaben wollen, aber seit seinem Dankesbrief im vorletzten Jahr konnte sie es vor sich selbst nicht mehr verleugnen: Sie f├╝hlte sich sehr zum Herausgeber von "Ganz bei dir" hingezogen. Seitdem schrieb sie ihre Gedichte nur f├╝r ihn, reimte nur f├╝r ihn, dachte beim Fabulieren nur an ihn.
Als sie sich in einem Anflug von Liebeskummer Elisabeth anvertraut hatte, hatte diese sie nur mit gro├čen Augen angesehen und etwas von "aus dem Kopf schlagen" gemurmelt. Beate seufzte. Wieso hatte sie auch erwartet, dass Elisabeth sie verstand? Schlie├člich war sie allen weltlichen Gen├╝ssen noch abgeneigter als der Papst pers├Ânlich. Beate hob den Stapel B├╝cher hoch, schaute unter ihre Schreibtischauflage, guckte unter ihren Schreibtisch, aber der Brief tauchte nicht auf. Weg war er, wie vom Erdboden verschwunden.

Sie h├Ârte ein Rumpeln und sah aus dem Fenster auf den Fu├čweg, wo sich der Postbote gerade am Briefkasten zu schaffen machte. Er ├Âffnete den gelben Beh├Ąlter, entnahm ihm den hellen Stoffsack und kippte die ganze Post in eine schwarze Plastikkiste. Die trug er zu seinem Postauto, stellte sie in den Kofferraum und zog die Klappe herunter. Da entdeckte er Beate, hob die linke Hand zum Gru├č, stieg pfeifend ein und fuhr los. Diese Szene trug sich fast jeden Tag zu, zumindest von Montag bis Freitag. Beate winkte jedes Mal zur├╝ck und wandte sich dann wieder ihrem Schaffen zu.
Doch dieses Mal wurde ihr pl├Âtzlich hei├č und kalt, und sie wurde abwechselnd rot und blass. Sie sah noch die R├╝cklichter des Postautos und merkte, wie ihr schwindelig wurde. Nicht nur, dass man in der kommen-den Ausgabe von ÔÇ×Ganz bei dirÔÇť wieder kein Gedicht von ihr lesen k├Ânnen w├╝rde, nein, keines ihrer Werke w├╝rde je darin ver├Âffentlicht werden ...
Beate ging in ihr Schlafzimmer, legte sich aufs Bett, schloss die Augen und dachte noch, dass sie besser doch auf Elisabeth geh├Ârt h├Ątte.

__________________
"War das nicht typisch? Kaum ging es um Frauen oder etwas Weibliches, schon war das Lexikon so nichts sagend wie ein Mondkrater. Ob irgendein M├Ąnnerverein die Lexika zensierte?" (Jostein Gaarder, Sophies Welt)

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Valentine
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Kommentare erw├╝nscht!

Hallo zusammen,

ich w├╝rde gerne etwas zu dem Text h├Âren bzw. lesen, bin mit dem Schluss zum Beispiel gar nicht gl├╝cklich ...

Lieben Gru├č,
Valentine.
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Orangekagebo
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Hallo Valentine,

sch├Âne Gedanken schreibst Du da, aber m.E.n. einfach viel zu lang.
Mit dem Gedicht und der erwartungsvollen Autorin kann man einen sch├Ânen Plot ert├╝fteln, aber der fehlt mir leider bei Deinem Werk noch.
Das Ende ist, wie Du selbst schon festgestellt hast, einfach offen.
Auch ├╝berzeugt stellenweise der Ausdruck nicht, macht vielmehr umst├Ąndliche Gr├Ątschen, auch mit endlosen Wiederholungen (schrieb)

Eine knackige Pointe am Ende w├Ąre da sch├Âner. Zum Beispiel, dass an der Stelle, wo eigentlich ihr Gedicht stehen sollte, das ihrer Freundin Elisabeth steht.

LG, Karsten

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Haki
Guest
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Hallo Valentine,

Orangekagebo hat recht. Es hapert an der Sprache, die zu viele Doppelungen und umst├Ąndliche Beschreibungen hat, und es passt nicht ganz vom Plot, er scheint noch nicht ausgereift. Aber das Ende sollte nicht mit dem Gedicht der Freundin enden, schlie├člich hat sie doch(oder verstehe ich das falsc) den pers├Ânlichen Brief an "Wally" abgeschickt...
Es muss aber dennoch etwas geschehen, das die Geschichte abrundet. Vielleicht straffst du im Allgemeinen ersteinmal den beginn, auch das Gedicht solltest du ganz weglassen, weil es nicht so toll und auch gar nicht vonn├Âten ist. Einige Umschreibungen noch weg und dann das Ende ausweiten. Da muss noch irgendwas geschehen. Ein Treffen mit Valentin? Ein Gedicht aus seiner Zeitschrift von ihm, das noch mal pointiert? Irgendwas in der Art...
Die Grundidee bietet auf jeden Fall gen├╝gend Platz, um hieraus noch ein gutes Werk zu machen!

Liebe Gr├╝├če,
Haki

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Valentine
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Hallo Orangekagebo, Hallo Haki,

vielen Dank f├╝r eure Anmerkungen! Ich werde mal eine Nacht dr├╝ber schlafen und dann an dem Text feilen ... ;o)

Lieben Gru├č,
Valentine.
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