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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Lebensspuren
Eingestellt am 19. 02. 2017 19:22


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Ord
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2017

Werke: 3
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Es ist Samstag, kurz nach zehn. TrÀge erwacht das Leben im Einkaufszentrum.
Ich stehe vor der ParfĂŒmerie und rĂŒcke meine Krawatte zurecht. Über mir bietet das Werbeplakat eine kostenlose Schmink-Sitzung an und ich bin neugierig, wer sich wohl heute meinen HĂ€nden anvertrauen wird.
Eine junge Frau schlendert anscheinend ziellos den Gang entlang. Sie ist sportlich angezogen, ihre Turnschuhe tragen sie fast lautlos in meine Richtung, die hellbraunen Haare sind streng nach hinten gebunden.
Sie fĂ€llt mir auf, aber ich kann nicht sagen, warum. Also beobachte ich sie weiter. Nur ein halber Meter trennt sie von einem Schaufenster, hinter dem Ketten und Ringe verlockend ausgelegt sind, doch sie geht vorbei, ohne den Schmuck eines Blickes zu wĂŒrdigen.
Und sie hat keine Handtasche dabei. Ungewöhnlich.
Sie schaut mich kurz an, dann betrachtet sie das Werbeplakat.
Ihr Gesicht wirkt nachdenklich und ich glaube, auch ein wenig Misstrauen darin zu entdecken. Sie taxiert mich. Ich gebe ihr Zeit, einen ersten Eindruck zu gewinnen.
Dann spreche ich sie an und frage in einem freundlichen, ruhigen Tonfall, ob ich ihr ein kostenloses Make-up anbieten dĂŒrfe.
Ihr Blick wandert den fast menschenleeren Gang entlang und bleibt am Namensschild auf meiner Brust hÀngen. Nach kurzem Zögern meint sie: "Ich kann's ja mal versuchen."
Ich bitte sie, sich zu setzen und ihre Brille abzunehmen.
Die Frau ist nicht so jung, wie ich sie anfangs eingeschÀtzt habe, erste feine FÀltchen zeigen sich unter ihren Augen.
Ich nehme KosmetiktĂŒcher mit einer milden Reinigungslotion zur Hand und erklĂ€re ihr Schritt fĂŒr Schritt, was ich mache. Zuerst wische ich ihr Gesicht ab, dann ihren Hals. Dabei merke ich, wie sie sich verkrampft. Etwas in ihren Augen warnt mich, besonders vorsichtig im Umgang mit ihr zu sein.
Im Allgemeinen fangen meine Kundinnen von sich aus ein GesprÀch an. Diese nicht.
Schweigsam lĂ€sst sie das Auftragen der Grundierung ĂŒber sich ergehen. Um das Eis zu brechen, frage ich, wie viel Zeit sie denn hĂ€tte. Sie antwortet, dass sie halb elf eine Hose aus der NĂ€herei abholen möchte.
Ich mattiere den Teint mit einer Puderquaste und versuche weiter, eine Unterhaltung in Gang zu bringen.
"Welches Make-up benutzen Sie normalerweise?"
"Keins."
"Und welche Creme?"
"Keine."
FĂŒr mich als Kosmetiker sind diese Antworten unbegreiflich.
"Ich empfehle Ihnen eine spezielle Creme, damit die ersten FÀltchen unter Ihren Augen geglÀttet werden."
"Wissen Sie," antwortet sie, "unsere Erlebnisse hinterlassen ihre Spuren und das macht Gesichter meiner Meinung nach erst richtig interessant."
Ich bin verblĂŒfft.
So etwas hat bisher noch niemand zu mir gesagt. Ich denke an William Somerset Maugham, der so treffend bemerkte, dass die Zeit ein schlechter Kosmetiker sei.
Ich reiße mich zusammen und versuche, mich wieder auf meine Arbeit zu konzentrieren.
Um die richtige Farbe fĂŒr den Lidschatten auszuwĂ€hlen, betrachte ich ihre Iris: graubraun. Auf der linken entdecke ich einen faszinierenden blauen Punkt.
Nun bitte ich sie, ihre Augen zu schließen.
Diesen Anblick lasse ich immer kurz auf mich wirken und fertige im Kopf eine Skizze an.
Ihre GesichtszĂŒge sind angespannt.
Mit einem leichten Schwung lege ich einen dezenten Goldton auf die Lider. Danach öffnet sie die Augen und ich bĂŒrste dunkelblaue, glitzernde Mascara auf ihre Wimpern. Ein angenehmer, unaufdringlicher ParfĂŒm-Geruch umhĂŒllt sie.
Ich trete zurĂŒck, um meine Arbeit zu beurteilen. Die Kundin scheint sich gelöst zu haben und strahlt mich an. Die Wirkung ist dadurch viel intensiver, als ich sie nur mit meinen Farben hĂ€tte erreichen können und mir entweicht ein ĂŒberraschtes "Wow!"
Was ist denn nur in mich gefahren! 'Konzentriere Dich!', ermahne ich mich streng.
Durch Lipgloss verleihe ich ihren Lippen einen frischen Glanz.
Dann schaue ich auf ihre HĂ€nde. Sie sehen breiter aus, als ich erwartet hatte. Die NĂ€gel sind sauber und kurz geschnitten. Kein Ring.
Ich erkundige mich, ob sie auch den passenden Nagellack fĂŒr ihre FingernĂ€gel wĂŒnscht, doch sie lehnt ab und erklĂ€rt: "Der Lack wĂŒrde wĂ€hrend meiner Arbeit zu schnell zerkratzt werden." Sie setzt die Brille wieder auf.
Jetzt bin ich wirklich neugierig geworden: "In welchem Beruf arbeiten Sie, wenn ich fragen darf?"
"Ich bin FluggerÀteelektronikerin."
Ich hebe die Augenbrauen.
Sie fĂŒgt hinzu: "Wir verlegen Kabel in Flugzeugen, montieren elektronische GerĂ€te, schließen sie an und testen sie."
Den Spiegel in meiner Hand habe ich völlig vergessen.
Sie tippt ihn an und erinnert mich daran. Ich reiche ihn ihr. PrĂŒfend betrachtet sie mein Werk.
"Schön," urteilt sie und lÀchelt, "es gefÀllt mir. Es ist ungewohnt. Dankeschön!"
"Gerne. Ich gebe Ihnen eine Probepackung einer Tagescreme mit, extra entwickelt fĂŒr zarte Haut. Möchten Sie einige der Produkte erwerben, die ich bei Ihnen verwendet habe?"
"Nein, danke."
Sie steht auf und mir wird klar, dass ich sie wahrscheinlich nie wieder sehe, wenn sie jetzt geht.
Ich gebe ihr meine Visitenkarte.
Dann nehme ich meinen Mut zusammen und frage sie, ob ich sie heute Nachmittag auf eine Tasse Kaffee einladen dĂŒrfe.
Überraschung macht sich auf ihrem Gesicht breit: "Danke, das ist nett. Aber ich bin verheiratet."
Ich sehe ihr in Gedanken versunken hinterher.
Sie dreht sich noch einmal um, winkt zum Abschied und ist verschwunden.
Zusammen mit der Maske, die ich ihr aufs Gesicht gelegt habe.

Es wird ein langer, arbeitsreicher Tag.
Am spĂ€ten Nachmittag gehe ich mĂŒde ĂŒber den Parkplatz zu meinem Auto.
Ein lautes Brummen ĂŒberlagert die GerĂ€usche der Stadt. Ich hebe den Blick, beobachte ein davonziehendes Flugzeug und muss plötzlich an Dich denken.

Version vom 19. 02. 2017 19:22
Version vom 24. 02. 2017 23:12
Version vom 26. 02. 2017 09:33
Version vom 10. 03. 2017 19:33
Version vom 17. 03. 2017 20:16

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DocSchneider
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Registriert: Jan 2011

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Hallo Ord, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

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Viele GrĂŒĂŸe von DocSchneider

Redakteur in diesem Forum

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Hilga
Hobbydichter
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Das Ungesagte

Hallo Ord,
dein Text hat mir sehr gut gefallen.

Gleich nach dem ersten Absatz hatte ich das GefĂŒhl, dass es sich beim ErzĂ€hler um einen Mann handelt, obwohl das mit keinem Wort gesagt wird. Zwischendurch beschlich mich die Frage, ob ich da richtig liege, da es sich um einen fĂŒr MĂ€nner eher unĂŒblichen Beruf handelt. Irgendwie war ich erleichtert, als sich mein "Verdacht" zum Schluss bestĂ€tigte.

Auch in der Frage, warum die Frau angespannt auf die Behandlung reagiert, beantwortet sich nicht direkt aus dem Text, sonder nur aus dem eigenen GefĂŒhl heraus. Wer sich nie schminkt, noch nicht einmal Creme benutzt, empfindet die BerĂŒhrung im Gesicht durch eine unbekannte Person als Ă€ußerst befremdlich.
Es bleibt das GefĂŒhl, das sich durch diese Behandlung beim ErzĂ€hler mehr verĂ€ndert hat, als bei der Frau. Sein Blick auf Schönheit und Maske muss sich einigen neuen Fragen stellen.
Die Essenz, die diese Kurzgeschichte ausmacht (und nach meiner Meinung die Existenzberechtigung fĂŒr Kurzgeschichten): eine mehr oder weniger flĂŒchtige Begegnung löst eine tiefgehende VerĂ€nderung aus.

Gerade das Fehlen mancher Information und die Spannung, die aus der Frage entsteht, ob die eigenen Vermutungen wohl stimmen, machen fĂŒr mich einen guten Text aus.
Wenig "tell" viel "show" und ein Bisschen "think yourself".
GlĂŒckwunsch!

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aligaga
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2014

Werke: 75
Kommentare: 4568
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Das ist keinen Kurzgeschichte, sondern eine wirklich hĂŒbsch beobachtete und hĂŒbsch geschilderte Impression. Leider wird sie durch den beleerenden Epilogsatz am Ende ihres Zaubers ziemlich beraubt. Weg damit - den braucht keiner, denn alles, was der so platt nur behauptet, hat der Leser doch vorher schon lĂ€ngst selbst sehen resp. kapieren können!

Witzig die Rekation der Leser, die sofort zu debattieren beginnen, ob das Lyrich mÀnnlich oder weiblich sei.

Dabei spielt das hier doch gar keine Rolle, denn was das Lyrich und die Leser hier als attraktiv anssehen, ist ebengerade nicht geschlechtsspezifisch.

EnttĂ€uschend die Antwort der Protagonistin auf die Frage nach einem Wiedertreffen. Die ist so spießbĂŒrgerlich, dass man das Klirren des Glases zu hören vermeint, wĂ€hrend der Flakon mit dem - endlich mal! - ungewöhnlichen Duft auf dem Boden der Tatsachen zerklirrt. Schade. Da wĂ€re gewiss eine bessere, literarische Lösung denkbar gewesen, ne?

Heiter

aligaga





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Ord
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2017

Werke: 3
Kommentare: 36
Die besten Werke
 
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Lebensspuren

Hallo DocSchneider,

ich freue mich sehr auf die Arbeit mit den Leselupen-Mitgliedern.
Herzlichen Dank fĂŒr Dein Lob und die Anmerkungen.
Zu Deiner Frage: Ich habe einen mÀnnlichen Ich-ErzÀhler gewÀhlt und werde diese Information am Anfang der Geschichte mit einbauen.
In meinem Plot hat der ErzÀhler eine einjÀhrige Ausbildung zum Kosmetiker absolviert.

Es grĂŒĂŸt Dich
Ord

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Ord
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2017

Werke: 3
Kommentare: 36
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Lebensspuren

Hallo ThomasQu,

danke fĂŒr Deinen Kommentar.
Die Reaktion der Kundin auf BerĂŒhrungen ist ein spannungsgebender Teil der Geschichte und soll nicht aufgelöst werden, damit dem Leser Raum fĂŒr Mutmaßungen auf der Grundlage individueller Erlebnisse bleibt.

Es grĂŒĂŸt Dich
Ord

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