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Leselupe.de > Kurzprosa
Leere Räume
Eingestellt am 25. 06. 2004 12:16


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Dorian Jenersfeld
Hobbydichter
Registriert: Jun 2004

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Leere Räume

An den weißen Wänden hingen anatomische Zeichnungen. Der Spiegel an der rechten Wand zeigte den Spiegel an der linken Wand, der wiederum den Spiegel an der rechten Wand zeigte, und so fort. Die Puppe hatte noch nie gewagt, in einen der beiden zu sehen; manchmal versuchte sie, den Spiegel im Spiegel von der Seite zu erhaschen, und hatte einen schrägen Tunnel gesehen, der aus den Spiegelrahmen und dem Raum zwischen ihnen bestand. Sie wußte, daß der Tunnel gerade sein mußte, wenn sie direkt hineinsehen würde, aber die Puppe hatte Angst, in dem Spiegeltunnel verloren zu gehen. Sie schloß immer die Augen, wenn sie zwischen der rechten und der linken Wand hindurch ging.
In einer Ecke war ein Stuhl neben einem Tisch aufgebaut, auf dem ein Krug mit Wasser neben einem leeren Glas stand. In der hinteren Wand, neben dem Stuhl, war ein kleines Fenster eingelassen, das gerade so hoch war, daß die Puppe es nicht erreichen konnte. Vorher hatte sie versucht, hindurch zu sehen, aber das Fenster war zu schmal, um etwas anderes als die Wand zu erkennen. (Wann vorhin war, wußte sie nicht. Zeit war für die Puppe etwas, das sie nicht maß, es gab nur vorher und jetzt.) Jetzt stand sie neben der Tür, die in der vorderen Wand war – obwohl die Wand jetzt hinter ihr war, war sie meistens die vordere, weil die Puppe viel des vorher auf dem Stuhl saß und die Tür ansah. ‚Ich werde gleich wieder durch die Spiegel gehen’, dachte sie, und wunderte sich gleich darauf über den Gedanken. Sie fragte sich, ob sie schon vorher an das gedacht hatte, was gleich geschehen würde. ‚Vielleicht nicht’, dachte sie, ‚sonst würde ich mich daran erinnern.’ Manchmal kamen ihr Gedanken, von denen sie nicht wußte, ob sie von ihr oder jemand anderem stammten. Zum Beispiel der Gedanke, daß hinter der Tür etwas anderes sein würde, oder daß sie aus dem Fenster etwas anderes als die Wand sehen könnte. Seit vorhin hatte sie die Erwartung, daß Jemand durch die Tür kommen würde. Deswegen hatte sie sich neben sie gestellt, um zu sehen, wie das sein würde, die offene Tür. Sie hob die Hände und klopfte gegen den Türrahmen, mit dem Ohr fest gegen die wand gelehnt, um das Geräusch besser zu hören. Sie lachte darüber, wie die Bewegung durch ihre Porzellanhände schwang, und lauschte dann ihrem Lachen, bis es aufhörte. Dann versuchte sie nochmal, zu lachen, aber das Geräusch gefiel ihr nicht.

Jetzt saß sie wieder am Tisch. Ihre Füße standen dicht beieinander, sie hob den einen und betrachtete den aufgemalten Schuh, dann stellte sie ihn wieder zu dem anderen. Sie hatte lange an der Tür gestanden, aber niemand war herein gekommen. Sie dachte daran, daß es jetzt, wo sie auf etwas wartete, nicht nur ein ‚vorhin’ und ‚jetzt’ gab, sondern auch ein ‚lange’. Sie mochte das ‚lange’ nicht, und war etwas unzufrieden. Sie fragte sich, wie lange sie noch warten würde, und das machte sie noch unzufriedener. die Puppe versuchte, den Krug zu nehmen und etwas von dem Wasser in das Glas zu gießen, aber ihre Hände konnten den griff nicht fassen, und sie schob den Krug nur auf dem Tisch herum. Ihre Hände waren ihr vorhin noch schön gewesen, glänzend und glatt, und weiß wie die Wände und die Tür, aber jetzt fand sie sie starr. Sie nahm beide zur Hilfe, um den Krug anzuheben, aber er glitt herunter und zerbrach an der Tischkante, das Wasser zerviel in Tropfen und auf den Boden. Erschrocken sah die Puppe dahin, wo Scherben und Wasser beieinander lagen.

Wegen dem Krug hatte sie etwas vergessen, zu warten. Sie hatte die Scherben erst unter den Tisch geschoben, sie aber dann im Raum verteilt, weil ihr das Geräusch gefiel, wenn sie darauf trat. Überhaupt fand sie inzwischen die Stille nicht mehr schön, so wie vorhin mit ihren Händen ging es ihr jetzt damit. Sie war eine Zeitlang auf den Scherben gelaufen, aber dann war ihr das auch langweilig geworden. ‚Langeweile’ war ein neues Wort, das sie sich ausgedacht hatte. Sie fing an, aus Langeweile die Wände abzuklopfen und hatte das Glas auch noch vom Tisch geschoben. Das hatte sie nicht mehr erschreckt, und war auch nicht so aufregend gewesen, wie der Krug mit dem Wasser, an dem das wahrscheinlich lag. Sie schloß die Augen und wartete eine Weile, bis sie sie wieder öffnete. Der Raum war noch wie vorher. Sie wünschte sich, die Langeweile würde vorbei gehen und legte sich hin. Mit geschlossenen Augen versuchte sie, an gar nichts zu denken, vor allem nicht daran, daß sie wartete. Aber je mehr sie es versuchte, desto weniger gelang es, bis sie richtig ungeduldig wurde. Sie sprang auf und lief ein paarmal zwischen der rechten und der linken Wand hin und her, erst langsam, dann schneller. Das gefiel ihr, und sie versuchte noch schneller zu laufen, bis sie auf den Scherben am Boden rannte, die klirrend unter ihren Füßen zersplitterten und durch den Raum flogen, lauter kleine Töne hinterlassend. Als die Puppe aber an der Wand ankam, konnte sie nicht aufhören zu laufen und stürzte mit vorgestreckten Händen dagegen. Mit einem hellen Klirren zerbrachen ihre Hände, porzellanerne Finger verstreuten sich in alle Richtungen, und die Puppe fiel zu Boden, wo sie leblos liegen blieb.

Lange blieb sie so liegen und wagte es nicht, ihre Augen zu öffnen. Sie wünschte sich jetzt, sie hätte ihre Hände nicht starr gefunden, weil das vielleicht der grund war, daß sie zerbrochen waren. Sie wünschte sich überhaupt, daß sie den Krug nicht zerbrochen hätte, dann wäre sie vielleicht nicht gerannt, und läge jetzt nicht hier, ängstlich und unglücklich. Sie mochte das jetzt nun auch nicht mehr, und wollte, daß es aufhörte. Viel lieber wollte sie wieder vorher sein, als sie zufrieden gewesen war.

Die Bilder an den Wänden waren detaillierte Federzeichnungen, viele dünne Striche, die übereinander gelegt wurden und sich in den Schatten verdichteten. Da waren Knochen zu sehen, und Gehirne wie Wolkengekräusel; Augen und Gliedmaßen. Ein Bild, auf dem der Aufbau einer Hand mit Fingern, Schichten von Sehnen bis zum Knochengerüst, zu sehen war, wurde von der Puppe eingehend betrachtet. Dann ging sie zu einem ihrer Finger hin, kniete sich daneben und brachte ihr Gesicht nahe an die stelle, wo der Finger von der Hand gebrochen war. Sie entdeckte nichts, was der Zeichnung ähnlich sah: lediglich eine glatte weiße Fläche, keine Aderstriche wie auf dem Blatt. Enttäuscht legte sie den Kopf auf den Boden: sie hatte gehofft, daß ihr die Bilder helfen könnten, ihre Hände wieder wie vorher zu machen. Als sie den Kopf hob, fielen ihr Glassplitter aus dem Haar.

Die Puppe hatte einen Entschluß gefaßt: sie würde gleich zwischen die Spiegel treten, ohne die Augen zu schließen. Ihre Angst vor dem Tunnel kam ihr jetzt klein vor, wenn sie an ihr unglückliches Jetzt dachte. Vielleicht würde sie verloren gehen, aber das war besser, als in dem Raum zu sein, zusammen mit den Splittern ihrer Hände und den Bildern, die andere Hände zeigten.
Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen und näherte sich den Spiegeln. Als sie schon aus dem Augenwinkel die schrägen Tunnel sehen konnte, schloß sie die Augen noch einmal fest und tat zwei weitere Schritte. Sie konnte die Spiegel hören: ein Vielton, der wie ein Fluß von einem Ohr zum anderen klang und in ihrem Kopf vibrierte. Der Ton wuchs immer mehr, ließ ihre Augenlider mit hellem Klimpern zittern, und die Puppe bekam Angst, daß sie zerspringen könnte, wie ihre Hände. Sie riß die Augen auf, und der Ton war fort, so plötzlich, daß sie erschrak. Sie sah die hintere Wand an und wagte noch nicht, sich zu den Spiegeln zu drehen. Dann erinnerte sie sich an das lange Warten und wollte sich schon umdrehen – wußte aber auf einmal nicht mehr, zu welcher Seite. machte es einen Unterschied? Würde der linke Tunnel sie an einen anderen Ort bringen, als der rechte? Und konnte sie sich in dem Tunnel noch entscheiden, in die andere Richtung zu gehen? Die Puppe hielt inne. Dieses Gefühl kannte sie noch nicht; bisher war sie sich nie bewußt gewesen, wie viele verschiedene Möglichkeiten es gab, wie viele Entscheidungen sie treffen konnte. Es viel ihr jetzt schwer, überhaupt etwas zu machen. Sie blieb eine Weile stehen und wartete darauf, daß etwas passieren würde, was ihr den Weg zeigte, aber nichts geschah. Sie fühlte sich jetzt noch unglücklicher als vorher, weil sie auf sich selbst wartete, und plötzlich kam ihr der Gedanke, einfach irgend etwas zu tun, um ihr warten zu beenden. Sie drehte sich nach links um.
In dem Tunnel stand eine Puppe, deren Gesicht den leeren Ausdruck eines Lachens zeigte. Die Augen waren aus blauem Glas, braune Locken umrahmten die weißen Wangen. Ihr Kleid war rot, und sie trug eine weiße Schürze mit Rüschen darüber. Aus den Ärmeln des Kleides ragten zwei abgebrochene Stümpfe, die ihr ein hilfloses Aussehen gaben. Die Puppe hatte mitleid mit der anderen, dann erinnerte sie sich an ihre eigenen Hände, und hatte noch mehr Mitleid mit sich selbst. Die andere Puppe lachte noch immer, und hob die Armstümpfe, um sie zu verspotten. Dann lief sie auf sie zu und rannte gegen den Spiegel, der laut schrie und zerbrach.

Der Spiegel, der noch ganz war, zeigte das porzellanlachen der Puppe. Der Tunnel war verschwunden, und in dem Gesicht der Puppe war ein Loch, wo vorher ihre Nase gewesen war. Sie war müde, und fühlte sich, als würde sie jeden Augenblick ganz zu Scherben zerfallen. Ihr Haar lag in vielen Locken am Boden, und in ihrem kahlen Kopf war ein feiner Riß. Sie mochte den Ausdruck auf ihrem Gesicht nicht, der nicht zu ihren Gedanken paßte. Aber wenn sie ihr Gesicht zerschlagen würde, könnte sie vielleicht nicht mehr sehen, oder hören, und wäre nur Gedanken, die sie auch nicht mehr mochte.
Sie legte sich vor die Tür und schloß die Augen. Das Warten auf den anderen, der hereinkommen würde, hatte sie aufgegeben. Sie fragte sich kurz, ob die Tür zu ihr aufgehen würde, und sie dann zur Seite geschoben würde, wie die Scherben des zerbrochenen Krugs unter den Tisch. Sie stand auf, was mühsam mit ihren Stümpfen war, und lange dauerte. Dann drückte sie die Türklinke herunter und öffnete die Tür, die nach außen aufging, und trat hindurch.

An den weißen Wänden hingen anatomische Zeichnungen. Der Spiegel an der rechten Wand zeigte den Spiegel an der linken Wand, der wiederum den Spiegel an der rechten Wand zeigte, und so fort. An einem kleinen Tisch in der hinteren Ecke des Raumes saß eine Puppe, die schwarz gemalten Füße standen nebeneinander auf dem Boden, ihre glatten Hände lagen im Schoß, und ihr leeres Lächeln war der Tür zugewandt.

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