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Leselupe.de > Anonymus
Lehrstück zum Thema Zuwanderung
Eingestellt am 29. 07. 2019 13:59


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Anonymous
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Lehrstück zum Thema Zuwanderung

In den letzten Jahren fiel es uns zunehmend schwerer, geeignete Kräfte für die Durchführung der notwendigen hygienischen Maßnahmen an unseren Arbeitern und Arbeiterinnnen im Felde des Herrn zu finden. Entweder hatten die entsprechenden Fachkräfte keine Zeit oder es fehlte an Lust, den weiten Weg zu unserer abgelegenen Wirtschaft auf sich zu nehmen.
Kurzerhand entschlossen wir uns zu einer grundlegenden Änderung. Wir würden umsatteln, zumindest teilweise. Frisches Blut musste her, frisches Blut mit neuen, pflegeleichteren Eigenschaften!
Die Wahl fiel nach langem Suchen, Abwägen und Vergleichen auf die nicht sonderlich beliebten Kameruner. Schwarze also. Man hatte so einiges gehört, das nicht gerade unproblematisch klang. Trotzdem: Wir wollten es wagen, allen Unkenrufen zum Trotz. Die Kameruner sollten einen Teil der einheimischen Weißen ersetzen. Keine Scherereien mehr!
Zumindest hofften wir das.
Ein Bekannter übernahm drei der Einheimischen, also war Platz für die Neuen.

*

An einem sonnigen Samstagmorgen im Juli war es soweit: Wir fuhren los, zu einer Adresse, die uns vom Hörensagen bekannt war. Wir hatten nicht viel Gutes gehört. Leider war es die einzige Adresse selbst im weiteren Umkreis, die Kameruner anbot.
Wir holten mit unserem Transporter zwei Kameruner ab und brachten sie über die Grenze ins Reservat.
Unser Transporter ist an sich nichts weiter als ein popeliger Anhänger aus dem Baumarkt, vor zehn oder zwölf Jahren für diverse Frachtvorgänge erworben, für den speziellen Zweck der Lebendtransporte mit einem aufsetzbaren Kasten aus Latten und lichtdurchlässigen, aber undurchsichtigen Kunststoffplatten ausgestattet.
Ich hatte noch ein bisschen frisches Gras ins Behältnis geworfen, die Kameruner sollten ein wenig dran schnuppern, sich wohlfühlen, entspannen, ein Gefühl von Heimat auch bei der Überführung haben.
Schwer von Begriff, wie Kameruner offensichtlich sind, weigerten sie sich trotz der betörenden Düfte, die Box zu besteigen. Dabei war alle Angst, keine Luft zu kriegen, zu ersticken oder zerquetscht zu werden, völlig unbegründet! Aber rede mal einer mit so einem jungen Schwarzen. Der versteht nix, wirklich rein gar nichts, selbst wenn man die besten und hehrsten Absichten hat!
Die zwei benahmen sich so widerspenstig, dass uns keine andere Wahl blieb, als sie zu ihrem eigenen Vorteil zu jagen, in die Enge zu treiben, zu greifen und in den Kasten zu sperren.
Da ich durch die Hatz nicht nur außer Atem, sondern, des störrischen Benehmens der Schwarzen wegen, auch leicht ergrimmt war, fuhr ich einen Zacken heftiger den Weg nach Hause. Schimpfte dabei vor mich hin, wie undankbar sie sich benähmen. War unaufmerksam. Übersah diverse Löcher und Fahrbahnabsätze. Der Wagen schleuderte und sprang und meine Frau schrie Zeter und Mordio – ich beachtete es nicht. Als ich im Rückspiegel ein Polizeifahrzeug entdeckte, nahm ich den Fuß vom Gaspedal und setzte einen möglichst unbeteiligten Gesichtsausdruck auf.
Das Einsatzfahrzeug überholte uns, wobei der Beifahrer einen abfälligen Seitenblick auf unser Gefährt warf, ordnete sich vor uns ein, wurde langsamer.
Uns stockte der Atem. Wir hatten keine Lust auf eine Kontrolle, wussten wir doch beide: Der Transport war illegal, denn die Zulassung für den Hänger, den wir nur selten noch nutzten, war lange abgelaufen. Sicher würden die Beamten alle Papiere sehen wollen!
Wir sahen uns bereits mit einem Strafverfahren am Hals.
Doch wider Erwarten: Nach einer Schleichfahrt des Fahrzeuges vor uns, die mir nach Stunden dünkte, in Wahrheit wohl aber nur Sekunden gedauert haben mochte, segelte eine Kippe aus dem Fenster des Fahrers, der Wagen zog an, Reifen quietschten, Schottersteinchen flogen gegen unsere Frontscheibe; der Abstand zwischen den Fahrzeugen vergrößerte sich.
Wir atmeten auf.
Nach etwa einer Stunde Fahrt, bei der ich erneut ins Rasen kam, was den Hänger mit den Kamerunern und uns selbst über die Schlaglöcher unserer verlotterten Landstraßen hüpfen, knallen und schlingern ließ und meine Frau zu völlig deplatzierten Wutausbrüchen trieb – ihr fehlt es einfach an Einfühlung in den seelischen Zustand eines Mannes, der um eine Polizeikontrolle herumgekommen ist –, erreichten wir unseren abgelegenen Hof.
Ich gebe an dieser Stelle allerdings zu: Ich weiß selbst nicht so genau, warum ich Gaspedal und Bremse derartig malträtierte und die Kupplung mehrfach springen ließ – vielleicht aus Wut auf die unnützen Beamten, die den ganzen Tag ohne konkrete Aufgaben durch die Landschaft fahren, um fleißige Leute in überflüssige Kontrollen zu ziehen; oder aus Frust über die anstrengende Hatz auf die widerspenstigen Schwarzen. Vielleicht war es auch das ehrliche Bedürfnis, denen da hinten im Verhau die Freiheit zurück zu geben.
Oder alles zusammen, wer weiß.
Wie auch immer. Wir waren beide froh, wieder zu Hause zu sein. Sofort bugsierten wir den Hänger an die Eingangspforte des umzäunten Areals. Öffneten die Heckklappe. Traten zur Seite.
Wer nun denkt, die Kameruner wären behänd sofort aus der Kiste gesprungen, irrt gewaltig.
Nichts tat sich.
Meine Frau zupfte mich am Ärmel und sah mich betreten und vorwurfsvoll zugleich von der Seite her an.
Ich schüttelte den Kopf: Das konnte nicht sein, dass durch die paar Hopser ein Schaden an Leib oder gar Leben bei der Fracht eingetreten war. Nee, das war völlig unmöglich. Uns ging‘s ja auch noch gut, um nicht zu sagen: sehr gut. Wie um alles in der Welt sollte es ihnen dahinten schlecht gehen!?
Ich schob ihre Hand zurück. Trat an den Wagen. Schaute in den Kasten. Die Kameruner standen völlig verängstigt in der hintersten Ecke. Entschlossen kletterte ich in den niedrigen Verschlag, griff mir den ersten und schob ihn in Richtung Öffnung. Er kapierte und sprang vom Hänger. Der zweite drängelte sich an mir vorbei, hüpfte dem ersten hinterher.
Neues Leben, neues Glück!

*

Die Reaktion der alteingesessenen Weißen war unerwartet: Kaum der Neuen angesichtig geworden, versteinerten sie für einen kurzen Moment, standen wie blöde. Glotzten mit ungläubigen Augen. Um dann in wilde Raserei zu verfallen.
Genauer: in eine rasend schnelle Flucht.
Wir wunderten uns beide, hatten wir doch erwartet, die Weißen würden ihr Terrain, ihren Boden, ihren Lebensraum offensiv verteidigen. Denkste! Das ganze Gegenteil war zu beobachten: Angst, nichts als die reine, nackte Angst schien sie zu beherrschen. Angst vor dem Fremden, dem Neuen, dem Unbekannten.
Angst vor den Schwarzen!
Die Kameruner glotzten gleichermaßen. Brauchten einen Moment, um die Situation zu reflecktieren.* Sie schauten sich an, nickten sich scheinbar zu. Setzten sich in Bewegung. Rannten los. Hinterher.
Ich glaube, sie hatten Angst, den Anschluss zu verlieren. Abgelehnt zu werden. Nicht aufgenommen zu werden in die Gemeinschaft der Weißen.
Solcherart Ängste sind ja noch zu versehen.
Gar nicht zu verstehen ist jedoch der von panischer Angst begleitete Fluchtreflex der Weißen. Wie borniert, wie provinziell und dumm ist solches Verhalten! Aber erkläre mal einer einem satt-zufriedenen Alteingesessenen, einem Weißen also, der nie etwas Anderes kennenlernte als Weiße, der immer alles hatte und nie Mangel litt und daher seine Gewohnheiten und Lebensumstände für ein ewiges Recht hält, dass eben nichts von Dauer sein kann und manche kleinen Änderungen keine grundlegende Gefahr für Leib und Leben bedeuten, sondern eher Abwechslung vom gewohnten Trott versprechen!
Da kannst du lange reden und agitieren, sage ich. Sie wollen es einfach nicht verstehen.
Jedenfalls: Die wilde Hatz wollte nicht aufhören.
Ich kam ins Grübeln: Sollte ich einen Zaun zwischen die Weißen und die Schwarzen stellen? Nee, dachte ich: Zäune gibt es schon genügend. Überall stehen Zäune, nicht nur zwischen Ländereien, sie stehen sogar in Städten, und dass in all ihrer erdrückenden Hässlichkeit. Noch einen Zaun wollte ich nicht auf unserem Areal.
Und einsperren geht schon gar nicht.
Also beschloss ich, abzuwarten.

*

Einen Tag später war tatsächlich relative Ruhe eingekehrt. Die Weißen standen auf sicherer Distanz zu den Schwarzen, man beobachtete sich gegenseitig, lief aber nicht mehr voreinander weg bzw. verfolgte einander.
Ich nahm mir vor, allen etwas Gutes zu tun und spendierte ein Extramahl. Ein Friedens- oder Versöhnungsmal, sozusagen.
Mit vollen Händen näherte ich mich den miteinander fremdelnden. Alle glotzten. Keiner reagierte!
Ich konnte es nicht glauben: Da steht ein schmackhaftes Fresserchen in Aussicht und keiner der sonst so Gierigen gibt sich die Blöße! Bei den Weißen, den Einheimischen also, denen es immer glänzend ging und die alles hatten, war ein solches Verhalten ja noch zu verstehen. Die sind einfach saturiert. Wie aber ist es zu erklären, dass die neuen, die Schwarzen also, die Kameruner, die gewiss bisher gedarbt und gelitten hatten – wir hatten so einiges gehört über die Zustände in ihrer alten Heimat –, genauso reagierten?
Ich war ratlos. Bis ich die Tadschikin bemerkte.
Wer sich jetzt fragt, wer das ist, dem kann ich sagen: Die Tadschikin lebt schon lange bei uns. Sie ist die älteste. Klein ist sie, zierlich, mit langem Haar von weißlich-grauer bis schwarzbraun-melierter Farbe und mittellangen Ohren. Sie ist die intelligenteste von allen, ehrlich! Sie hält alle in Schach, sie kämpft mit jedem, sie hat die spitzesten Waffen. Wenn es etwas zu holen gibt – sie entdeckt es als erste.
So war es auch diesmal. Die Tadschikin hatte längst den Braten gerochen, das heißt, sie hatte mein Versöhnungsmahl lange vor den anderen erspäht und sich so positioniert, dass die anderen nicht herankommen konnten, ohne ihren Weg zu kreuzen. Wer aber ihren Weg in der Absicht kreuzte, ihr Vorrecht zu beschneiden und sich vor ihr etwas vom Kuchen zu nehmen, musste mit schmerzhaften Blessuren rechnen.
Kurzerhand nahm ich einen Brocken und warf ihn ihr zu. „Alte Zicke!“, schimpfte ich vor mich hin und machte aus dem Rest nochmal zwei Hälften. Warf eine Hälfte den Weißen, eine den Schwarzen hin. Wer konnte wissen, vielleicht kam ja doch der Tag, wo ein Haufen von allen einträchtig geteilt würde…

*wer mag, kann das Wort auch ohne „c“ schreiben


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