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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Leidensdruck
Eingestellt am 20. 07. 2001 19:43


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muskl
???
Registriert: Jul 2001

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Leidensdruck


Sein Leben war wie viele Leben, das ├╝berwiegend typische Leben eines Mannes. Er war mehr oder weniger gut beh├╝tet aufgewachsen, hatte mehr von seiner Mutter gesehen und gef├╝hlt, als von seinem Vater. Es wurde ihm fr├╝h klar gemacht, das es die Normalit├Ąt war, wenn er seinen Vater selten sah, da er viel und hart arbeitete. Seine Mutter dagegen war immer da, war immer zur Stelle, wenn etwas sch├Ân war oder wehtat. Er sch├Ątzte er sie als die Versorgerin, denn sie hatte schlie├člich immer eingekauft und die Nahrung hergestellt. Oft vielen auch s├╝├če Sachen f├╝r ihn und seine Geschwister ab, er teilte sich die Mutter mit drei Geschwistern. Seinen Vater hatte er fast nur streng kennen gelernt, wenn seine Mutter nicht weiter wusste, kam die n├Ąchst h├Âhere Instanz. Der Vater hatte nun mal wenig Zeit, da blieb nur noch der Augenblick f├╝r eine Bestrafung. Trotzdem hatte er ihn sehr lieb und w├╝nschte sich oft mehr Zeit mit dem ihm, bestimmt aber mehr Zeit f├╝r sch├Ânere Dinge als Bestrafungen. Er aber arbeitete viel und hart f├╝r die Familie, die etwas andere Familienarbeit blieb dabei auf der Strecke. Den Trost f├╝r die Bestrafungen ├╝bernahm dann wieder seine Mutter.

Das hinderte ihn aber nicht daran ganz normal durch sein Leben zu marschieren. Er hatte in seiner Jugendzeit relativ viele Freiheiten, aber die Grenzen daf├╝r waren eng gezogen. Der geringste Ausbruchsversuch in welche Richtung auch immer, wurde sofort von seinen Eltern abgefangen. Wenn er alles so gehen lie├č, wie es die Normalit├Ąt der Eltern vorschrieb, dann hatte er seine Freiheit und Ruhe. So kam es zu keinen gro├čen Ausf├Ąllen von seiner Seite, manchmal h├Ątte er aber gerne mehr gewagt. Er machte die normale Schulbildung durch, nicht gut aber auch nicht schlecht, absolvierte eine normale Berufsausbildung im Handwerk, nicht gut aber auch nicht schlecht, er hatte immer durchschnittlich gelebt und er war der Durchschnitt. Nun hatte durchschnittlich sein ja nichts negatives, man bewegte sich der Mitte, genau an der tiefsten Stelle im Fahrwasser, was einen irgendwie unsinkbar machte, wenn man dann nicht Selbst das Schiff war. Wie es ging hatte er ja bei seinen Eltern gesehen, die machten es so wie es alle machten und schienen gl├╝cklich zu sein, zumindest machten sie einen fr├Âhlichen Eindruck. Manchmal kam es ihm aber so vor, als w├Ąren sie froh, wenn sie ihr Leben endlich geschafft h├Ątten, so als w├Ąre es eine Leistungspr├╝fung.

Mit den Frauen hatte er nicht viel Erfahrung. Er war anf├Ąnglich durch zwei Kurzbeziehungen gestolpert, wobei er bei der zweiten auch gleich praktischerweise die Unschuld verlor. Danach lernte er ein M├Ądchen kennen, das schon fr├╝h auf Verl├Ąsslichkeit stand und gleich in ihm den Mann f├╝rs Leben zu erkennen glaubte. Wenn er mal zeitweise nicht daran glaubte, brachte sie ihn schnell wieder dahin, er war schlie├člich formbar. Sie begleitete ihn ├╝ber die Jahre, sie plante, er machte. Insofern nahm er keinen gro├čen Unterschied wahr zum Leben mit seinen Eltern, es war ein sanfter ├ťbergang. Nur zwischendurch kam immer mal wieder der Gedanke hoch auszubrechen, mal etwas ganz verr├╝cktes zu tun, etwas zu wagen, mit dem sie alle nicht rechneten. Die Gedanken aber ├╝ber die Konsequenzen bremsten ihn jedes Mal wieder ab, er wusste zwar nicht wie sie aussehen w├╝rde, aber das machte ihm gerade Angst. Der vorgezeichnete Weg war der einfachste, obwohl er sich manchmal fragte was passierte, wenn jemand aus seiner N├Ąhe nicht mehr mitspielen w├╝rde, sich nicht mehr an den Plan hielt.

Doch vorerst hielt der vorgezeichnete Weg was er versprochen hatte. Er tat zuverl├Ąssig seinen Job, heiratete sein M├Ądchen und sie bezogen eine kleine Wohnung und taten das gleiche was auch seine Eltern getan hatten, manchmal hatte er das Gef├╝hl, sie beide lebten deren Leben nach. Nachdem sie zwei Kinder bekommen hatten, baute er ein Haus. Finanzielle Probleme gab es nicht, da beide sehr fr├╝h etwas f├╝r diesen Weg zur├╝ckgelegt hatten und auch die n├Âtige Sparanlage fehlte nat├╝rlich nicht. Sein Leben verlief in ruhigen Bahnen, er hatte Freunde die so dachten und machten wie er, hatte eine liebe Frau bei der er dachte und machte wie sie und verlockte schon mit allen anderen ├╝ber die Zeit, wenn er endlich nicht mehr arbeitete und durch die Rente viel Zeit h├Ątte. Im ruhigen Fahrwasser d├╝mpelte sein Leben so dahin, er hatte immer noch zwischendurch seine Phantasie alles mal anders zu machen, alles hinschmei├čen und v├Âllig neu anzufangen, aber bei der Phantasie blieb es auch. Er redete mit ihr auch nicht dar├╝ber, sie schien sicherlich nicht dar├╝ber nach zu denken, sie agierte mit ihrer Sicherheit den Alltag. Das t├Ągliche Einerlei war das einzige Gespr├Ąchsthema, was sie noch hatten.

Bis zu einem Tag im Fr├╝hjahr, da gab es ein neues Thema. Es war ein Sonntag, mit schon angenehmer W├Ąrme als Vorbote des Sommers, irgendwie erinnerte ihn das an die Sonnentage in seiner Kindheit. Die waren aber unschuldiger, spielerisch und ohne Druck, an den Sonnentagen als Erwachsener gab es f├╝r ihn keine Entspannung. Vielleicht konnten sie heute mal aufs Land rausfahren und spazieren gehen, vielleicht w├╝rde er ja die Unschuld wiederfinden.

Nach dem, wie so oft hektischen Fr├╝hst├╝ck, ging er ins Schlafzimmer um sich anzuziehen. Achtlos schmiss er seinen Schlafanzug in die Ecke und ging an den Schrank, um sich ein paar Socken heraus zu holen. Er bekam die falsche Schublade zu fassen, es war die mit ihrer Unterw├Ąsche. Er wollte sie schon schlie├čen, da fielen ihm eine einige kleine Packungen ins Auge, die knapp unter der W├Ąsche sichtbar war. Er nahm sie nacheinander heraus und las immer wieder dasselbe auf den kleinen Verpackungen, es waren verschiedene Sorten von Medikamenten. Die Wirkweise war aber bei allen ├Ąhnlich, es waren starke Psychopharmaka. Viele bunte Wohlf├╝hlpillen jede Art und Gr├Â├če, die f├╝r Gef├╝hle jeglicher Art waren. Pillen gegen Unruhe und gegen Ruhe, gegen Depressionen und Trauer, zum Aufheitern, um wach zu werden und um zu schlafen. Sie hatte eins gemeinsam, den Aufdruck das sie schon nach kurzer Einnahme abh├Ąngig machen konnten, also zu einer Sucht f├╝hrten.

Ohne das er eines dieser Medikamente genommen hatte, stand er wie bet├Ąubt mit den Schachteln in der Hand vor dem Schrank. Sein Gehirn weigerte sich es aufzunehmen, er w├╝nschte das die Welt stehen blieb, oder er es umkehren konnte. Als er aufsah, erblickte er seine Frau im T├╝rrahmen, ├╝berhaupt nicht mehr stark und durch nichts zu ersch├╝ttern. Sie st├╝tzte sich gebeugt an den Rahmen, ihr Gesicht wirkte zusammen gefallen, dunkle Ringe unter den Augen, ihre Pupillen waren gro├č. Es war, als w├Ąre jegliche Sicherheit von ihr abgefallen, es waren nur noch Schw├Ąche und Ersch├╝tterung da. Aber auch etwas anderes wurde sichtbar, sie wirkte wie erleichtert, als w├Ąren schwere Gewichte von ihren Schultern genommen. Er ging zu ihr und nahm sie in den Arm und hielt sie ganz fest, noch in seinen Armen brach sie weinend zusammen.

Nach einer Woche durfte er sie das erste Mal im Krankenhaus besuchen. Mit Blumen stand er vor der T├╝r und wartete bis aufgeschlossen wurde, nach dem eintreten wurde die T├╝r wieder sorgsam verschlossen. Er folgte dem kr├Ąftigen Pfleger zum Zimmer seiner Frau, auf dem Weg gab ihm der Pfleger ein paar Verhaltensma├čregeln und erkl├Ąrte ihm, dass der Arzt noch mit ihm zu sprechen w├╝nschte. Seine Frau lag nicht im Bett, sie sa├č an einem Tisch und schrieb etwas. So verh├Ąrmt und zerbrechlich hatte er sie noch nie gesehen, sie schien einige Kilo abgenommen zu haben, sah etwas ungepflegt aus und war nachl├Ąssig gekleidet. Sie waren beide stark verunsichert und es dauerte einige Zeit bis sie reden konnten.

Sie erkl├Ąrte ihm das sie Medikamentenabh├Ąngig w├Ąre und etwas tun musste um davon los zu kommen, sonst w├╝rde sie sterben. Sie redete wie ein Buch und erz├Ąhlte alles, was sie so lange unterdr├╝ckt hatte. Sie war vom Beginn an in ihrer Beziehung ├╝berfordert gewesen, sie hatte die anerzogene Rolle einer Hausfrau und Mutter angenommen, musste aber gleichzeitig auch f├╝r ihn sorgen. Sie habe ihn nahtlos von seiner Mutter ├╝bernommen und habe seitdem f├╝r ihn mitleben m├╝ssen, er sei sich selbst genug gewesen, genau wie sein Vater. Diese st├Ąndige Forderung ihrer beiden Leben zu gestalten, habe sie bis an die Grenzen ihrer Kraft gebracht und dar├╝ber hinaus.
Seiner Mutter w├╝rde es nicht anders gehen, sie hatte blo├č das Gl├╝ck oder Ungl├╝ck, nie daneben noch berufst├Ątig zu sein. Aber er sollte mal genau hinschauen, hinter die fr├Âhliche Maske seiner Eltern, vor allem hinter die seiner Mutter. Sie hatte den Tipp mit den Medikamenten von seiner Mutter, die hatte gelernt was es bedeutet mit einem unselbstst├Ąndigen Mann zu leben. Nur war seine Mutter in Krisensituationen schon einige Male von seinem Vater abgefangen worden, aber nur in ihren Krisensituationen, damit er das Alte wieder herstellen konnte. Aber seine Mutter sei nicht fr├Âhlich und gl├╝cklich, aber sie hatte nie die Kraft gehabt, diese Sache zu beenden. Sie hatte wie alle vernachl├Ąssigten Frauen die Angst, pl├Âtzlich alleine da zu stehen, sie hatte es von ihrer Mutter auch nicht anders gelernt.

Es w├Ąre nicht genug das Geld zu verdienen, um einen gl├╝cklichen Eindruck zu machen, Familienarbeit sei n├Âtig um gl├╝cklich zu sein. Das bedeutet nat├╝rlich Anstrengung, aber Anstrengung von beiden Seiten, nicht nur von ihr. Er sei nicht viel mehr als ein Untermieter, der zus├Ątzlich irgendwelche Arbeiten ├╝bernahm, die zum Mietverh├Ąltnis geh├Ârten und denen er nicht aus dem Weg gehen konnte. Wie ein Pascha auf seinem Thron verteile er die Arbeit und nahm sich was ihm Spa├č machte, oder wozu er sich alleine f├╝r bef├Ąhigt hielt. Er hielt sich f├╝r einen Gott, erwartete st├Ąndige Anbetung und Lob f├╝r seine Taten, er war die letzte Instanz f├╝r schwierige Entscheidungen, die aber vorher schon ausgearbeitet waren.

Ersch├Âpft hielt sie einen Moment inne und holte tief Luft, er trage die Mitverantwortung f├╝r ihre Situation, er soll endlich aufwachen und die Verantwortung f├╝r sich ├╝bernehmen, ihre k├Ânne sie alleine tragen. Sie wollte die n├Ąchsten Wochen nicht von ihm gest├Ârt werden, sie w├╝rde es ihm sagen, wenn sie wieder zu einem Gespr├Ąch bereit sei. Dann bat sie ihn zu gehen.

Er war bis ins tiefste ersch├╝ttert und ging wie bet├Ąubt zum Ausgang der psychiatrischen Station und lie├č sich die T├╝r ├Âffnen, er w├╝rde es jetzt nicht fertig bringen mit dem Arzt zu reden. In ihm war alles angef├╝llt mit Gef├╝hlen, er wusste das sie Recht hatte, hatte es schon immer gewusst. Auch ├╝ber seine Eltern hatte er es gewusst, oft sogar das Verhalten verurteilt, aber es sich nur im Gedanken sp├╝ren lassen. Er h├Ątte damit seinen Vater verurteilen m├╝ssen, aber der war f├╝r ihn immer unantastbar, wie eine letzte Instanz. Einen Gott konnte man nicht angreifen, entweder wurde er unangreifbar gemacht oder er machte sich selbst dazu. Es schien einfacher so zu sein, aber man war alleine auf dem Thron, es machte einsam. Immer hatte er das Gef├╝hl gehabt einsam zu sein, trotz seiner Familie, als w├╝rde er als Mann alleine da stehen, im Kampf mit dem Leben, dabei hatte er gar nicht am Leben teilgenommen. Er hatte sein Leben gelebt und sich alles dazu genommen was er brauchte, die mit ihm waren, hatten eigentlich nur ihre Aufgabe seine Bed├╝rfnisse zu befriedigen. Er hatte es schon fr├╝h an seinem Verhalten bemerkt, aber bequemer war es, so weiter zu machen wie er es gesehen und gelernt hatte.

Er ging die Stra├če am Krankenhaus entlang und ├╝berlegte, warum so eine Situation n├Âtig war, um sich Selbst zu erkennen. Musste die Not so gro├č werden, um etwas zu ├Ąndern oder gab es M├Âglichkeiten, es schon vorher zu erkennen? Eine M├Âglichkeit w├Ąre sich nicht Selbst zu vereinsamen, sondern Gemeinsamkeit zu zulassen, eine richtige Familie zu sein, in der alle Gleichberechtigt waren. In der Entscheidungen gemeinsam getroffen wurden, nicht nur die Gro├čen, auch die vielen kleinen Entscheidungen, ohne eine letzte Instanz, die es nach Wichtigkeit bewertete ob sie Eingriff. Er wollte nicht mehr alleine oben stehen, er wollte bei seiner Frau und seinen Kindern sein, in ihrer N├Ąhe, nicht ├╝ber ihnen.

Er stieg in sein Auto und war sich sicher, dass er alles tun w├╝rde um seine Familie zu retten, eine Chance zu bekommen, einen neuen Anfang zu wagen. Er w├╝nschte sich f├╝r seine Familie viel Kraft und Offenheit, damit sie auch weiter bestehen konnte. Er wusste aber auch, dass er damit bei sich selbst anfangen musste. Er beschloss sein Leben zu ├Ąndern, nicht nur f├╝r sich, auch f├╝r seine Familie. Es w├╝rde ein langer, harter Weg werde, aber sie w├╝rden es schaffen.

2001 / Michael

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flammarion
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das ist

eine sehr sch├Âne und anr├╝hrende geschichte, aber etwa um ein drittel zu lang. am anfang auch einige tippfehler. leider auch nicht neu, das thema, aber ich finde, man kann nicht oft genug dar├╝ber reden. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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muskl
???
Registriert: Jul 2001

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danke f├╝r die Kritik. Die L├Ąnge ergibt sich wohl daraus, dass es im Prinzip zwei Themen sind, die aber trotzdem miteinander verwoben sind.
Lieben Gru├č zur├╝ck
Michael

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Andre
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flammarion hat Recht, diese Geschichte ist sch├Ân. Die L├Ąnge oder Tippfehler st├Âren mich da nicht. Es gibt viele Leute, die sich das hier durchlesen und dar├╝ber nachdenken sollten. Daran besteht kein Zweifel.

Andr├ę
__________________
Denn so wahr das Wasser immer dem tiefsten Punkt zustrebt, so wahr wird die menschliche Seele von dem tiefsten Punkt angezogen, den sie als Gruppe straflos erreichen kann.

Arnold Zweig, "Erziehung vor Verdun"

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muskl
???
Registriert: Jul 2001

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Leider ist es meistens n├Âtig die Schublade aufzuziehen, damit der Leidensdruck enstehen kann. Danke f├╝r die Kritik.
Lieben Gruss Michael

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