Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92269
Momentan online:
314 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Leistungsmissbrauch
Eingestellt am 16. 11. 2006 23:27


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
maerchenhexe
???
Registriert: Nov 2006

Werke: 42
Kommentare: 519
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um maerchenhexe eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil






Leistungsmissbrauch

„Herr Löchter ins BĂŒro, Post!“ Die Leiterin des Obdachlosenwohnheims hatte eine austrainierte Stimme, die bis in die letzte Ecke des alten abgewrackten Hauses drang. Ohne Eile, vor sich hin trottend, erreichte Hans das BĂŒro, klopfte an und ging hinein, nachdem ihn ein herrisches „Herein“ dazu aufgefordert hatte. Ein kurzes Kopfnicken ihrerseits in Richtung Aktenschrank. „Da oben der Stapel.“
Acht Briefe dieses Mal, wie immer Mahnungen, Aufforderungen von Gerichtsvollziehern – den Überblick ĂŒber seine Schulden hatte er lĂ€ngst verloren- und ein Brief von seiner Sachbearbeiterin beim Sozialamt. „...muss ich Ihnen leider mitteilen, dass wir nach Paragraph
 die Kaution fĂŒr Ihre in Aussicht gestellte Wohnung nicht ĂŒbernehmen können. Aus gegebenem Anlass (er hatte gegen kleines Geld zwei GĂ€rten bei Bekannten sauber gemacht und irgendwer hatte ihn angeschwĂ€rzt) weise ich nochmals darauf hin, dass Sie jede eventuelle NebentĂ€tigkeit sofort zu melden haben, da diese auf Ihre Sozialhilfe angerechnet wird. Bei Zuwiderhandlung wird die Hilfe zum Lebensunterhalt gekĂŒrzt oder sogar ganz gestrichen.“

Die kĂŒhle Blonde aus Zimmer 18! So um die dreißig Jahre vielleicht, sicherlich sechs bis acht Jahre jĂŒnger als er, unnahbar, ĂŒberlegen und stets höflich, seine Sachbearbeiterin! Er fĂŒhlte sich jedes Mal unwohl, wenn er vor ihr saß. Je lĂ€nger sie redete, desto unsicherer wurde er. Er verstand sie einfach nicht. Paragraphen, Gesetze, Vorschriften –er war doch nicht irgendeine Sache! Und jetzt noch die Ablehnung der Kaution fĂŒr die Wohnung.
Er wĂŒrde zu Anna gehen. Anna, die Freundin seiner Schwester, hatte ihm schon bei seinem Antrag auf Privatinsolvenz geholfen.

Und tatsĂ€chlich ging Anna dann mit Ihm zu Herrn Kollschen, der die Wohnung vermieten wollte. Sie erklĂ€rte ihm die Lage, erzĂ€hlte aus dem gescheiterten Leben von Hans - Krankheit, Frau und Kinder weg, Scheidung, immer mehr Schulden, Spielsucht, Therapie, schließlich die Obdachlosenstelle und jetzt endlich der Lichtstreifen am Horizont- seit langem die erste kleine Wohnung, Grundstein fĂŒr einen Neuanfang!

Der Vermieter gab ihm die Wohnung, und die Kaution konnte er mit zehn Euro monatlich abstottern. Arbeit war zwar noch immer nicht in Sicht, aber seine Schwester verwaltete mittlerweile sein Konto und achtete penibel darauf, dass er seinen Verpflichtungen nachkam. Der erste Schritt zurĂŒck in die Gesellschaft war getan.

Tja und gestern kam dann der Anruf der Schwester. Ihre Nachbarin oben aus dem Dachgeschoss brauche dringend Hilfe beim Abreißen der Tapeten, sie könne sonst den Auszugstermin nicht einhalten.
„Ein paar Euros nebenbei tun dir doch auch gut, Hans“, sagte Sabine. „Ich weiß, dass du das eigentlich nicht darfst. Sie weiß es auch, sie sagt nichts. Kannst du vielleicht sofort kommen?“

Hans schwang sich auf seinen alten Drahtesel und klingelte 15 Minuten spĂ€ter bei seiner Schwester an. Sabine zeigte mit ihrer Hand nach oben. Gleichzeitig rief sie laut durchs Treppenhaus: „Marlies, Hans ist hier, um dir zu helfen!“ Die WohnungstĂŒr im Dachgeschoss klapperte, und die Treppe herunter kam eine junge blonde Frau, etwas kĂŒhl und unnahbar wirkend – Marlies Kerkering, seine Sachbearbeiterin vom Sozialamt. „Keine Angst Herr Löchter“, sagte sie und konnte plötzlich lĂ€cheln. „ Seit letzter Woche sind sie ja nicht mehr mein Klient, mir wurde eine andere Buchstabengruppe zugewiesen und außerdem sind wir ja hier privat. Ich bin wirklich sehr auf Ihre Hilfe angewiesen, und ich zahle auch gut, zehn Euro auf die Hand pro Stunde. Wird auch garantiert niemand erfahren.“


Nachsatz: Hans arbeitete ĂŒbrigens 30 Stunden in der Wohnung der Frau Kerkering.


__________________
Tend the garden, that you seeded,
be a friend, where a friend is needed and you won't have to look round the other way.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


DorisS
Hobbydichter
Registriert: Nov 2006

Werke: 1
Kommentare: 10
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um DorisS eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo MĂ€rchenhexe,

da kreist dein Text schon eine Weile in meinem Kopf, jetzt kann ich es, glaube ich, zumindest etwas ordnen.
Wie ich finde wirkt die Geschichte sehr konstruiert. Das liegt meiner Meinung nach nicht an der Idee - natĂŒrlich ist die Pointe vorauszusehen - sondern daran, dass du Passagen in "Echtzeit" abfasst und dann wieder in einem "fast forward", einem Schnelldurchlauf. Die Mischung wirkt auf mich fĂŒr diesen kurzen Text nicht ausgeglichen genug.
Was die Geschichte auch noch konstruiert wirken lÀsst,sind die Personen.
In diesem kurzen Text lĂ€sst du eine Menge Personen auftreten: Hans Löcher, den Protagonisten, die Leiterin des Obdachlosenheims, die Bekannten mit den GĂ€rten, Frau Kerkering, die Sachbearbeiterin, Anna, die Freundin der Schwester, Sabine, die Schwestern, HansÂŽFrau, seine Kinder, schließlich der Vermieter Herr Kollschen.
Und keiner von ihnen lebt fĂŒr mich, weil ich nichts ĂŒber sie erfahre. Ich erfahre leider lediglich im Vorbeirauschen, welches Schicksal deinen Protagonisten ereilt hat. Das lĂ€sst mich so nicht mitfĂŒhlen.
Ich weiß nicht, ob dir das jetzt weiterhilft.

Liebe GrĂŒĂŸe,

Doris

Bearbeiten/Löschen    


maerchenhexe
???
Registriert: Nov 2006

Werke: 42
Kommentare: 519
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um maerchenhexe eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
liebe Doris

Danke fĂŒr deine RĂŒckmeldung. Diese Geschichte hat sich tatsĂ€chlich so zugetragen, ich habe die Namen der Personen natĂŒrlich verĂ€ndert. Ich habe erst ĂŒberlegt, ob ich daraus eine ErzĂ€hng machen sollte, war mir dann aber nicht sicher, ob diese Doppelmoral, die ich hier anprangere vor lauter Rahmenhandlung nicht verlorengeht. Wenn ich dich jetzt richtig verstanden habe, meinst du, ich sollte daraus eine wirkliche Kurzgeschichte machen?

lieber Gruß

maerchenhexe
__________________
Tend the garden, that you seeded,
be a friend, where a friend is needed and you won't have to look round the other way.

Bearbeiten/Löschen    


DorisS
Hobbydichter
Registriert: Nov 2006

Werke: 1
Kommentare: 10
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um DorisS eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo MĂ€rchenhexe,

ja, das wĂŒrde ich vorschlagen.
Du schreibst, die Geschichte hĂ€tte sich tatsĂ€chlich so zugetragen. Ich finde es immer sehr interessant, eine Geschichte zu lesen, die auf einer wahren Begebenheit beruht, denn daran wird mir der Unterschied deutlich: meist sind solche Geschichten linear erzĂ€hlt (erst passiert das, dann das und schließlich auch noch das) und auf die notwendigen Objekte eben dieser Geschichte beschrĂ€nkt.
Von einer guten Geschichte erwarte ich einfach mehr. Ich will Spannung, ich will mitempfinden, will mich hineinleben in den Protagonisten, will nicht nur diese lineare Wiedergabe, sondern viel, viel mehr. Ich will, dass es aussieht wie das Leben, dass es aber nicht ganz genau so ist.
Ich weiß, das ist jetzt ein bisschen blöd ausgedrĂŒckt, aber irgendwie kann ich das gar nicht besser beschreiben. Offen gesagt glaube ich, dass keine erzĂ€hlte Geschichte, und sei sie noch so wahr, ohne gewisse Elemente der Dichtung auskommen kann.

Liebe GrĂŒĂŸe,

Do

Bearbeiten/Löschen    


maerchenhexe
???
Registriert: Nov 2006

Werke: 42
Kommentare: 519
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um maerchenhexe eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Hallo Doris

danke fĂŒr deine RĂŒckmeldung, ich glaube ich verstehe jetzt, was du meinst. Da ich diese Kurzprosa fast im Berichtsstil geschrieben habe und dadurch keine emotionale Bindungen zum Protagonisten zulasse,geht dir die Geschichte verloren. Nach nochmaligem Lesen muss ich dir Recht geben. Ich glaube ich werde den Text zu einer Kurzgeschichte umarbeiten. Wird aber etwas dauern. Danke fĂŒr die vielen Gedanken, die du dir gemacht hast.

ganz liebe GrĂŒĂŸe

maerchenhexe

n.s. bin die Anna in dem Text und habe mittendrin gesteckt.
__________________
Tend the garden, that you seeded,
be a friend, where a friend is needed and you won't have to look round the other way.

Bearbeiten/Löschen    


Haremsdame
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Mar 2005

Werke: 25
Kommentare: 491
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Haremsdame eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo MĂ€rchenhexe,

es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich die Leser an die Texte gehen. Ich habe beim Lesen schon gespĂŒrt, dass das eine Geschichte ist, die das Leben geschrieben hat. Und solange man von dem Geschehenen noch betroffen ist, ist es sehr schwer, eine Geschichte draus zu machen. Wie soll man denn die ganzen Mitspieler weglassen, wenn jeder seinen Teil zur Entwicklung des Ganzen beitrĂ€gt? Bei mir ist ĂŒbrigens die Doppelmoral sehr gut angekommen. Ich war richtig empört, nachdem ich zu Ende gelesen hatte. Vielleicht solltest Du nochmal drĂŒber gehen und hier und da ein wenig feilen...
__________________
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Bearbeiten/Löschen    


4 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!