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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Lena
Eingestellt am 22. 09. 2016 14:53


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anbas
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Lena

Es war im Jahr 2001 als ich erstmals vor Lenas Grab stand. Schnee lag auf den Wegen. In den letzten Tagen hatte es viel geschneit, und die tiefen Temperaturen versprachen ein weißes Silvester.

Ich nahm damals an einem Seminar teil, das über den Jahreswechsel hinweg stattfand. Die Akademie befand sich am Rande einer Kleinstadt. Der angrenzende Wald lud zu ausgiebigen Spaziergängen ein, für die wir in den langen Mittagspausen ausreichend Zeit hatten. Auf einem dieser Spaziergänge gelangte ich zu jenem Waldfriedhof. Ich weiß nicht mehr, was mich dazu bewog, ihn zu betreten und zwischen den Gräbern umherzuschlendern. Doch hin und wieder folge ich bei Wanderungen und Spaziergängen einfach meiner Intuition, lasse mich treiben und dann überraschen, wohin mich mein Weg führt.

Lenas Grab lag in der Nähe des Eingangs. Es handelte sich offensichtlich um ein Kindergrab. Lediglich ihr Vorname stand auf dem Stein, an dessen oberen Teil die kupferne Figur eines winzigen, vielleicht daumengroßen Vogels angebracht war. Über ihrem Namen befand sich ein kleiner geschmiedeter Baum. Außerdem steckte eine violette Blume aus Holz im Erdreich. Da überall Schnee lag, der selbst auf den Grabsteinen kleine Hauben gebildet hatte, fiel sie mir sofort ins Auge – ein leuchtender Farbfleck inmitten der verschneiten Winterwelt.

Von Anfang an übte dieser Ort eine seltsame, nahezu magische Anziehungskraft auf mich aus. In den folgenden Jahren besuchte ich hin und wieder mal Lenas Grab, wenn ich in der Akademie an einer Fortbildung teilnahm. Irgendwann fiel mir dann auf, dass es sich anscheinend um ein Familiengrab handelte, in dem aber bisher nur Lena begraben worden war. Die gesamte linke Seite war noch frei.

Je öfters ich bei dem Grab vorbeischaute, um so mehr begannen mich die Hintergründe zu interessieren. Wer war Lena? Wie alt war sie, als sie starb? Woran ist sie gestorben? Was ist mit ihren Eltern, ihrer Familie? Außerdem hatte ich an dem Tag, an dem ich das Grab entdeckt hatte, ein Foto von ihm gemacht. Es strahlte viel Ruhe aus, wie ich fand. Eine Zeitlang dachte ich daran, es gut verpackt oder sogar laminiert dort zu hinterlegen. Aber das erschien mir dann doch zu aufdringlich, so dass ich davon absah und es bei meinen Besuchen beließ.

Es waren etwa fünfzehn Jahre vergangen, als ich an einem verregneten Wintertag wieder einmal das Grab besuchte. Ich hatte dort lange nicht mehr vorbeigeschaut. Die Grabstätte sah aus, als würde sich niemand mehr darum kümmern. So gab es keine richtige Bepflanzung mehr. Gras und Unkraut bedeckten den Boden, und auf der Umrandung hatte sich Moos ausgebreitet. Nur zwei kleine Büsche wuchsen links neben der Stelle, an der Lena begraben worden war. Sie standen dort, wo man sonst weitere Grabsteine gesetzt hätte. Es wirkte auf mich so, als würden sie dort symbolisch für die Eltern stehen.

Ich fragte mich, ob ich wohl der Einzige wäre, der hier hin und wieder mal vorbeischaute? Bei diesem Gedanken war ich frei von irgendwelchen Vorwürfen oder moralischen Grundsätzen. Nein, ich fällte kein Urteil, sondern dachte an Lenas Familie. War ihr etwas zugestoßen, so dass sie sich nicht mehr um das Grab kümmern konnte? Hatte sie keine mehr Kraft dafür? Oder wollte sie eine Art Schlussstrich unter das ziehen, was einst geschehen war?

Wieder spürte ich diese so schwer zu beschreibende Anziehungskraft, die jener Ort auf mich ausübte. Und ich beschloss, dass ich auf jeden Fall weiterhin Lena besuchen werde, wenn ich dort in der Gegend bin. Vielleicht bringe ich ja beim nächsten Mal ein paar Blumen oder etwas anderes mit.



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Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen.
(anbas)

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aligaga
Guest
Registriert: Not Yet

Normalerweise kommentiert @ali Tagebucheinträge nicht. Hier macht er eine Ausnahme, weil der Text zum einen kein "Tagebucheintrag" im klassischen Sinn ist und ihn zum anderen der Inhalt zu einer Antwort reizt.

Das Aufsuchen von Friedhöfen und das Betrachten fremder Gräber ist ein vielgeübter "Sport", dem vor allem die älteren Semester frönen.

Die Gefühle, die sie dabei beschleichen, sind keineswegs so schwer zu beschreiben, wie uns der Autor hier dartun möchte, sondern liegen recht klar auf der Hand. Es sind z. T. die gleichen, wie sie uns beim Betreten von Kirchen befallen, wo allerlei Zeichen, Namen, Sprüche, Lichter und Gerüche auf ein Jenseits deuten, das auf jeden von uns wartet, und von dem wir nicht genau wissen, wie es beschaffen sein könnte. Alle hoffen, es sei, wenn denn kein Nichts, so doch etwas Angenehmes; über Jahrtausende immer wieder ausgesprochene Verheißungen verfehlen dabei ihre Wirkung nicht. In die Trauer um einen Angehörigen, einen Bekannten oder ein fremdes Kind mischt sich die Hoffnung auf eine Erlösung. Man beginnt, zu reflektieren, und mit einigem Glück kehrt man bei sich selbst ein. Am Ende eines Friedhofsbesuch steht mitunter ein Erkenntnisgewinn.

Das alles kann Friedhöfe anziehend machen.

Die "Häuser am Fluss" sind fertig geschrieben; es kann daher keine "Werbung" sein, wenn @ali dir rät, o @anbas, dort in der Nummer 38 nachzugucken. Du erführest dort, was ein Friedhofsbesuch auch an einem noch jungen Mann schon anrichten kann - und warum das so ist. Auch da kommt ein fremdes Kindergrab vor.

Ein heiteres Wochenende wünscht

aligaga

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